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Kriminalitätsstudie: Mord, Totschlag und die Hauptschulen

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Könnten in Deutschland Zehntausende Verbrechen verhindert und fast anderthalb Milliarden Euro gespart werden, wenn bloß mehr Schüler den Abschluss schaffen? Für die Bertelsmann Stiftung haben Forscher verblüffend präzise Daten ermittelt. Kriminologen wundern sich über altes Wissen im neuen Gewand.

Gewaltbereit: Kriminelle haben oft keinen Schulabschluss - aber was folgt daraus? Zur Großansicht
DPA

Gewaltbereit: Kriminelle haben oft keinen Schulabschluss - aber was folgt daraus?

Die wichtigste Aussage der neuesten Bertelsmann-Studie steht im ersten Satz ihrer Zusammenfassung: "Opfer einer Straftat zu werden" gehöre zu den "größten Ängsten der Bürger unserer Gesellschaft".

Und auch ohne Doktortitel in Psychologie weiß man: Angst ist ein besonders starkes Verkaufsargument. Alarmanlagen und Pfefferspray gehen am besten, wenn dem Kunden Bedrohungen eindrucksvoll vor Augen geführt werden - warum sollte das Prinzip nicht auch für wissenschaftliche Studien funktionieren? So dachte sich das wohl die Bertelsmann Stiftung.

Die Aussage der Studie ist entsprechend zugespitzt: "Bessere Bildung führt zu deutlich weniger Verbrechen in Deutschland", meldete die Stiftung am Donnerstag. Und schlüsselte es sogleich ganz präzise auf: Im vergangenen Jahr hätten 416 Morde verhindert, mehr als 13.000 Raubüberfälle und mehr als 318.000 Diebstähle den Deutschen erspart werden können. Nötig dafür wäre allein, die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss zu halbieren - alles rein statistisch betrachtet.

Die gute Nachricht des Tages, made in Gütersloh

Donnerwetter, imposante Zahlen, grausam und schön zugleich. Denn führt man mehr junge Leute zum Hauptschulabschluss, bleiben mehr Menschen von Verbrechen verschont, "das Zusammenleben würde friedlicher und sicherer", obendrein müsste die Gesellschaft enorme Folgekosten der Kriminalität nicht zahlen. Nämlich rund 1,42 Milliarden Euro pro Jahr - auch das konnten die Autoren der Studie präzise errechnen.

Besser kann eine Nachricht fast nicht sein.

Fragt man allerdings den Juristen Christian Pfeiffer, einen der führenden deutschen Kriminologen, zu den Ergebnissen aus Gütersloh, redet er sich schnell in Rage. Die Zahlen der Morde und Überfälle finde er "abstrus". Pfeiffer bestreitet nicht, dass es einen Zusammenhang von Bildungsstand und Kriminalität gibt - doch das sei altbekannt und nur ein Grund von vielen für kriminelle Handlungen. Die Behauptung der Bertelsmann Stiftung, die Studie beweise erstmals einen direkten Zusammenhang, sei dagegen schwer nachzuvollziehen. "Eine Banalität, die als neue Erkenntnis verkauft werden soll", urteilt Pfeiffer harsch.

Erstellt haben die Studie die Frankfurter Wissenschaftler Horst Entorf und sein Mitarbeiter Philip Sieger. Entorf, Professor für Volkswirtschaft, sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir zeigen erstmals einen kausalen Zusammenhang zwischen schlechter Bildung und Kriminalität." Als Ökonom forschte Entorf vor allem zu den Kosten, die durch Kriminalität entstehen. Er räumt ein, dass eine kriminelle Neigung nicht allein vom Schulversagen abhängt. Der familiäre Hintergrund sei auf jeden Fall der stärkste Einfluss auf die Entwicklung eines Jugendlichen, so Entorf. Eine kriminologische Wahrheit, die auch seine Studie in Zahlen wiedergibt.

Starker Hang zur monokausalen Erklärung

Stärker als der vergeigte Hauptschulabschluss nämlich wirkt sich nach Erkenntnissen von Entorf und des Wirtschaftsmathematikers Sieger etwa eine abgebrochene Ausbildung aus (siehe Grafik). Sind die Eltern vorbestraft, ist das Risiko, kriminell zu werden, sogar mehr als doppelt so hoch wie bei Schul- oder Ausbildungsversagern.

Und, Alleinerziehende aufgepasst: Leben Eltern getrennt oder geschieden, ist die Gefahr, dass der Nachwuchs auf die schiefe Bahn gerät, fast genauso groß wie bei Jugendlichen, die an der Schule scheitern. Nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler wirkt sich sogar Konfessionslosigkeit von Jugendlichen negativ auf die Neigung zum Verbrechen aus.

Für die Berechnungen haben die Statistiker um Entorf die einzelnen Faktoren isoliert; Schulabgänger ohne Abschluss werden Realschulabsolventen und Abiturienten gegenübergestellt. Sie haben eine zehn Prozent höhere Wahrscheinlichkeit einer kriminellen Laufbahn; 9,2 Prozent sind es bei Kindern geschiedener Eltern im Vergleich zu Kindern aus einer heilen Familie. Darüber, wie oft diese Faktoren zusammentreffen oder ob sie sich gegenseitig bedingen, sagt die Studie wiederum nichts - allein der Schulabschluss findet Eingang in die Kernforderungen der Stiftung. Studienautor Entorf räumt ein, es gebe "kumulative Effekte, die zusammenkommen". In seiner Arbeit habe er die Faktoren aber isoliert voneinander betrachtet.

Auftraggeber der Forschungsarbeit, für die Entorf unter anderem knapp 1800 Strafgefangene in 31 Haftanstalten befragte, war die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Die Stiftung des Medienkonzerns sieht sich dem Gemeinwohl, dem bürgerschaftlichen Engagement und Fortschritt verpflichtet. Schulen und Hochschulen gilt ihre besondere Aufmerksamkeit. Schulversager erscheinen ihr als passendes Forschungsfeld - und Lobbyarbeit funktioniert mit konkreten Zahlen am besten, damit sie zur Handreichung im politischen Diskurs wird, weiß die Stiftung.

Wem verhinderte Morde nämlich als Argument nicht genügen, der findet im Papier "Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität" auch noch eine Aufstellung darüber, was mehr erfolgreiche Schulabgänger dem einzelnen Bürger hätten ersparen können - aufgelistet nach Euro- und sogar Cent-Beträgen.

Die Statistiker wissen: Jeder Bremer hätte genau 35,11 Euro sparen können

Exakt 11,99 Euro etwa hätte demnach jeder Saarländer 2009 gespart, wäre das Ziel des Bildungsgipfels schon erreicht worden, die Zahl der Schulversager zu halbieren. Noch mehr hätten Großstädter profitiert, der Bremer Bürger zum Beispiel mit 35,11 Euro im vergangenen Jahr. Abgeleitet werden die Beträge allerdings nicht aus einer deutschen Kostenrechnung. Entorf und Kollegen nutzten Daten des britischen Innenministeriums über die Kosten von Kriminalität, außerdem Kostenabschätzungen aus Australien.

Das liest sich nicht nur auf den ersten Blick etwas seltsam. Besonders der Kunstgriff mit den britischen Daten zu den ökonomischen Folgen von Kriminalität ärgert den Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer. Drei Milliarden Pfund geben die Briten für Gefängnisse aus, sagt Pfeiffer; der Anteil der Inhaftierten an der Bevölkerung sei auf der Insel doppelt so hoch wie etwa in Deutschland.

Zusätzlich, steht in der Studie, rechne das britische Innenministerium "physische und emotionale Schäden der Opfer", weiterhin Kosten im Gesundheitssystem, vorsorgende Versicherungsleistungen und die verringerte Produktivität mit ein, obendrein die Kosten für das Justizsystem, also auch die Gefängnisse. Damit gingen die "Kostenberechnungen deutlich über die vom Bundeskriminalamt vorgelegten Berichte zu den Schäden durch Kriminalität hinaus", so heißt es in der zugehörigen Fußnote. Das zeigt: Das Ergebnis wäre bei der Berücksichtigung dieser Berichte wohl erheblich geringer ausgefallen als mit den großzügigen Zahlen von der Insel.

Die Resultate wirken arg zurechtgebürstet und aufgeporscht. Die Bertelsmann Stiftung erklärte dazu, man habe sich schon seit längerem zum Ziel gesetzt, die Folgekosten schlechter Bildung zu beziffern. Vor rund einem Jahr meldete die Stiftung die gigantische Zahl von 2,8 Billionen Euro entgangenem Wirtschaftswachstum durch unzureichende Bildung. Die jetzt vorgelegte Studie sei ein weiterer Baustein des Bertelsmann-Projekts.

Pseudopräzise Hochrechnungen von verhinderten Mordfällen und von vermeidbaren "Kriminalitätskosten" - da mussten sich die von Bertelsmann finanzierten Forscher, so scheint es, den Wünschen aus Gütersloh beugen. Entorf und Sieger wurden gebeten, das Ergebnis präzise in Euro zu beziffern: 1,419 Milliarden eingesparte Euro pro Jahr. "Politiker kann man damit besser überzeugen", sagt dazu der Wissenschaftler Entorf. Und auch: "Ich könnte auf diese Eurobeträge gut verzichten." Was er dann nicht tat.

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1. hahahaha
CAJ, 11.11.2010
Zitat von sysopKönnten in Deutschland zehntausende Verbrechen verhindert und fast anderthalb Milliarden Euro gespart werden, wenn bloß mehr Schüler den Abschluss schaffen? Für die Bertelsmann-Stiftung haben Forscher verblüffend präzise Daten ermittelt. Kriminologen wundern sich über altes Wissen im neuen Gewand. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,728638,00.html
Alles klar, noch viel mehr Geld könnte ja gespart werden wenn man gleich jedem mit am 18. Geburtstag das 1er Abitur schenkt.....Irgendwelche Probleme gäbe es ja dann wohl gar nicht mehr, wenn dann alle soooo gebildet sind.
2. Zu spät!
kaksonen 11.11.2010
Zitat von sysopKönnten in Deutschland zehntausende Verbrechen verhindert und fast anderthalb Milliarden Euro gespart werden, wenn bloß mehr Schüler den Abschluss schaffen? Für die Bertelsmann-Stiftung haben Forscher verblüffend präzise Daten ermittelt. Kriminologen wundern sich über altes Wissen im neuen Gewand. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,728638,00.html
Damit hätte die Bertelsmann-Stiftung vor der Hamburger Volksabstimmung über das Schulsystem argumentieren sollen! Vielleicht hätten die lieben Hambürger aus Angst vor Verbrechen doch für ein Schulsystem gestimmt, das einer höheren Zahl von Schülern zum Abschluss geholfen hätte!
3. Nur
Hovac 11.11.2010
weil ein Zusammenhang zwischen Bildungsquote und Kriminalität besteht heißt das noch lange nicht das es umgekehrt stimmt. Die meisten Kleinkriminellen sind wohl eher dumm, daher der Zusammenhang. Die wirklich "erfolgreich" Kriminellen sind erstens nicht so gut erfasst, weil seltener erwischt, und zweitens wesentlich weniger. Der Bildungsstand dieser Gruppe ist wohl eher überdurchschnittlich. Die Abgrenzung ist da auch eher fließend, stumpfe körperliche Gewalt gehört da auch eher selten zu, wenn wird Sie wieder von ersterer Gruppe erledigt.
4. Das Tollste sind die berchnungen der Kosten?
nitram1 11.11.2010
Da ist man schon fast so kreativ wie im Umweltbundesamt! Bei denen fangen die Fantasiereichen bei Trillionen an! Aber Schwamm drüber, glaubt sowieso keiner, ist auch unwichtig! Aber was ist die Aussage des Artikels? Wollen sie jetzt das Niveau der Prüfungen auf das Fernsehpreisfragenniveau absenken oder sollte das ein Aufruf sein, dass Erziehung und Leistungsanreize sowie ein Mindestmaß an Selbstdisziplin die Voraussetzung zum Erreichen eines Abschluß sind? Sarrazin hat eben recht! Je mehr bildungsferne Schichten in unsere Sozialsysteme einwandern um so höher sind auch die Folgekosten. Auch wenn diese Schichten zunächst einfach ein leichtes Leben auf unsere Kosten haben, verlieren wir beide! Die Migranten frustieren wegen mangelnden Erfolgserlebnissen und uns fehlt das Geld um unsere eigenen Leute zu fördern! Wir brauchen solche Artikel nicht, die eigentlich die verfehlte Politik nur beschönigen! Das Volk ist schlauer als die vereinten Schreiberlinge glauben! Handelt endlich!
5. Fazit: Mehr Geld für Bildung und Erziehung lohnt sich
Plumplori 11.11.2010
Das Fazit der Studie ließe sich auch so ausdrücken: Es lohnt sich mehr Geld für Bildung, Erziehung und Freizeitangebote auszugeben. Was ist daran schlecht? Abgesehen davon, dass anscheinend weniger Menschen kriminell werden, können sie mit einem Abschluss und Perspektiven etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich ihren Wohlstand selbst verdienen. Kurz gesagt, wenn die Bertelsmannstiftung Zahlen braucht um Politiker von diesem Sachverhalt zu überzeugen, dann sollte man das unterstützen und nicht daran herummäkeln. peace
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