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Laptop-Bann an US-Schulen: Web 0.0 im Klassenzimmer

Von , Liverpool

Der Aufwand war gigantisch: Milliarden hat die US-Regierung in den Hightech-Unterricht gepumpt. Doch jetzt verbannen erste Schulen die teuren Laptops in den Schrank - es könnte der Beginn einer radikalen Wende sein. Besuch in einer Highschool, die digital abrüstet.

Die Nachricht sollte das Land aufrütteln, Tony Davis übermittelte sie ganz altmodisch - er schrieb einen Brief an die Schüler und Eltern der Liverpool High School. Darin stand: "Die Schulleitung hat sich aus Effizienzgründen dazu entschlossen, das Laptop-Programm nach sieben Jahren nicht fortzuführen." Es dauerte eine Weile, ehe alle begriffen, um was es sich hier handelte: eine der ungeheuerlichsten Kehrtwenden in der amerikanischen Bildungsgeschichte.

Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, dem Weltzentrum des technischen Fortschritts mehren sich die Zweifel an Hightech im Klassenzimmer. "Bei uns lautete die Devise stets: technology first. Das ändert sich. Nun heißt es: academic first", sagt Schuldirektor Tony Davis, 43.

Dass seine Schule eine der ersten ist, die Laptops aus dem Klassenzimmer verbannt, erstaunt umso mehr. Denn bisher galt die Liverpool High im US-Bundestaat New York als technologisches Vorzeigeprojekt, ausgezeichnet mit vielen Preisen für den Einsatz neuer Medien. Aus dem ganzen Land reisten Bildungsforscher und Schulleiter in die Kleinstadt am Ontario-See, um von diesem Beispiel zu lernen.

Doch nach der Euphorie der letzten Jahre zieht nun Ernüchterung in die kargen Flure der Schule mit 2000 Schülern und 250 Lehrern. "Wir haben unsere Klassenzimmer mit Technik überflutet und denken jetzt erst darüber nach, was überhaupt sinnvoll ist", sagt Davis. Statt zum Lernen, missbrauchten die Teenager die Laptops, um sich Pornos auf ihre Rechner zu laden und die Seiten lokaler Firmen lahmzulegen. Ihre Schulleistungen sackten in den Keller.

Der Laptop als großer MP3-Player

"Die Dinger waren cool", sagt Andy, 16, "in Mathe habe ich mir alle drei Folgen von 'Herr der Ringe' gegönnt." Eine Mitschülerin erzählt, im Unterricht sei es dank der Computer tatsächlich ruhig gewesen, niemand habe mehr geschwatzt - austauschen konnte man sich ja über Chatprogramme. "Vielen diente der Laptop vor allem als riesengroßer MP3-Player", sagt der deutsche Austauschschüler Benedikt, 17. "Wir haben uns Kram von P. Diddy, 50 Cent und den Arctic Monkeys auf die Rechner gezogen." Dass es an seiner Berliner Schule nur einen Computerraum mit alten Pentium-2-Rechnern gibt, findet Benedikt nicht weiter schlimm: "Laptops machen den Unterricht auch nicht besser."

Dabei hat die US-Regierung über Jahre Milliarden in Hightech-Schulen gepumpt. Erhofft hat man sich nicht weniger als die Revolution des Lernens: Die schöne neue Schule sollte keine Versager mehr kennen, nur noch Sieger ausspucken. Doch der Erfolg blieb aus. Eine neue Studie des amerikanischen Bildungsministeriums belegt, dass es für die Leistung der Schüler keinen Unterschied macht, ob im Unterricht neue Medien eingesetzt werden oder nicht. Die Generation Online steckt in der Krise - nicht nur in Liverpool. Schulen im ganzen Land rüsten nun digital ab.

Tony Davis hat die Schullaptops in olivgrünen Spinden verstaut. Bei dringendem Bedarf können sie die Lehrer hervorholen. "Die Technik soll sich nach dem Unterricht richten, nicht der Unterricht nach der Technik", sagt er und legt den Kopf schief. In seinem Büro hängen Urkunden an der Wand. IBM, Apple, der Staat New York – sie alle haben Liverpool High prämiert - als "Schule der Zukunft", als "High-Tech-Leader". Die Frage, warum ausgerechnet der Klassenprimus nun der Technologie abschwört, hört Tony Davis nicht zum ersten Mal.

Die "New York Times" hatte letzte Woche über die Abkehr der Schulen von digitalen Medien berichtet und die Liverpool High als wichtigstes Beispiel genannt. Seither steht im Schulsekretariat das Telefon nicht mehr still. Empörte Bildungspolitiker klagen, die Entscheidung werfe das Land um Jahrzehnte zurück. Auch Nicholas Negroponte, Gründer und langjähriger Leiter des Media Labs am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat sich mittlerweile in die Debatte eingeschaltet. Er hoffe sehr, das schlechte Beispiel schrecke andere Schulen nicht davon ab, in Technologie zu investieren, schrieb Negroponte in einem Brief an die "New York Times". "Es wäre eine Tragöde, wenn Amerikas Schülern die Möglichkeit vorenthalten würde, sich aktiv an der neuen Welt zu beteiligen."

Nichts als Ärger mit den teuren Rechnern

Tony Davis wirft die Stirn in Falten. Er ist ein kräftiger Mann mit der Statur eines Gewichthebers, und wenn er sich ärgert, schwitzt er. "Wir schwören der Technologie nicht komplett ab, wir wollen sie nur effektiver einsetzen", sagt er. "Ich habe das Gefühl, wir haben all die Jahre nicht genau genug hingesehen. Wir sollten endlich damit anfangen."

Vielleicht ist das der Unterschied zu früherer Kritik: Es sind nicht die notorischen Fortschrittsskeptiker, die Bedenken äußern. Es sind Technikfans wie Tony Davis oder auch Kathy Cunningham, 52. Sie ist seit zwanzig Jahren Lehrerin an der Liverpool High, coacht inzwischen Kollegen im Umgang mit neuen Medien, hält Vorträge im ganzen Land. Jeden Tag hat sie mit Kameras, Computern, moderner Software zu tun. Und weiß von Problemen mit Laptops in Klassenzimmern eine ganze Menge zu berichten.

Schon die Kosten machen sie wütend. 300.000 Dollar zahlte der Staat bisher jährlich für das Laptop-Programm. Für die Eltern fällt eine monatliche Gebühr von 25 Dollar an, bei Jugendlichen der Klassen zehn bis zwölf sind es sogar 900 Dollar pro Schuljahr. "Das ist es nicht wert", sagt Cunningham. Die Pädagogin redet schnell und viel; manchmal spricht sie sogar die Interpunktion mit. Schul-Laptops seien ein nettes Spielzeug für die Jugendlichen, aber sie lenkten vom Unterricht ab. "Natürlich zocken die Kids lieber 'Counter Strike', als Mathe-Aufgaben zu machen." Noch dazu seien die Geräte ständig kaputt. 80 bis 100 Laptops mussten die EDV-Spezialisten jeden Monat reparieren.

Der Kaffee, den sich Cunningham aus dem Automaten geholt hat, ist schon kalt. "Das Sicherheitsproblem haben wir nie richtig in den Griff bekommen", klagt sie. Zehntklässler knackten das schulinterne Sicherheitssystem, also ließ es die Schulleitung überarbeiten; kurz darauf knackten es die Teenies wieder. Am Ende waren die Laptops so vollgepackt mit Sicherheitssperren, dass es zehn Minuten dauerte sie hochzufahren. Und ebenso lang, um sie wieder auszuschalten. "Für den Unterricht wurden die Laptops dadurch untauglich", sagt Cunningham.

Kein Schlüssel für die Schüler

An der Liverpool High School überlegt man nun, wie sich Technologie im Klassenzimmer künftig klüger einsetzen lässt. Die Schulleitung hat dafür ein Komitee eingerichtet, die Lehrer und Schüler des Gremiums treffen sich zweimal die Woche. Die neue Strategie ist es, die Schule zweizuteilen.

Schon jetzt gibt es in dem Gebäude einen "Technologie-Flügel". In dem flachen Betonbau werden Fächer unterrichtet, die direkt mit moderner Technik in Verbindung stehen. So entwickeln die Schüler im "Webdesign"-Kurs Internetseiten für lokale Unternehmen. Im Wahlfach "3D-Archtitektur" erschaffen sie virtuelle Modelle von Einfamilienhäusern und Museen, und in "Structural Engineering" lernen sie, wie man einen Roboter programmiert. Das alles soll noch ausgebaut werden. "Wir wollen aufrüsten, denn in diesen Fächern ist moderne Technik tatsächlich eine Wunderwaffe", sagt Davis.

Gleichzeitig sollen in klassischen Kernfächern wie Englisch, Mathe und Geschichte neue Medien sparsamer eingesetzt werden. Ein komplettes Laptop-Verbot gilt aber auch hier nicht. Der Schlüssel für die Schließfächer, in denen die Geräte verstaut sind, hat Tony Davis in einer Schublade seines Büros deponiert. Lehrer können, wenn sie wollen, Laptops weiter im Unterricht verwenden.

An Schüler aber will Davis den Schlüssel nicht mehr herausgeben.

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Liverpool High School: Lernen statt Laptops

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