Unbeliebte Lehrberufe: "Nicht jeder wird sofort Jamie Oliver"

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Shake that thing: Barkeeper arbeiten, wenn andere feiern

Arbeiten, wenn andere Freizeit haben? Das klingt für angehende Azubis wenig attraktiv. Wegen sinkender Schülerzahlen geht Hotels und Gaststätten und manchem Handwerk der Nachwuchs aus. Die Firmen müssen sich etwas einfallen lassen.

Miese Arbeitszeiten, Stress, maue Bezahlung: Für einige Berufe lassen sich junge Leute in Deutschland nur noch schwer begeistern. Wo schon länger Nachwuchsmangel herrscht, machen die sinkenden Schülerzahlen und der Drang zum Studium die Not nur noch größer. Mittelfristig könnten dadurch ganze Wirtschaftszweige in Schwierigkeiten geraten, befürchten Experten, denn die Azubi-Lücke von heute ist der Fachkräftemangel von morgen.

Vor allem in Gastronomie und Hotellerie ist die Lage angespannt: Laut Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) leiden gleich sechs Ausbildungsberufe der Branche unter gravierenden Besetzungsproblemen. So blieb zu Beginn des Ausbildungsjahres 2012 fast jede dritte Lehrstelle für Restaurantfachleute in Deutschland leer, damit verschärfte sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr noch einmal.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) räumt zum einen Imageprobleme der Branche ein: Arbeiten müssen, wenn andere Menschen Freizeit haben etwa gelte als wenig attraktiv, sagt DEHOGA-Sprecher Benedikt Wolbeck. Der Boom der Kochsendungen habe zudem wohl für falsche Vorstellungen übers Gastgewerbe gesorgt: "Nicht jeder wird sofort Jamie Oliver." Die Branche arbeite aber engagiert an Verbesserungen bei Ausbildungsqualität und Karrierechancen, beispielsweise über duale Studiengänge.

Aber auch im Fleischer- und Bäckerhandwerk sowie im Lebensmittelhandel werden die Nachwuchssorgen drängender. Einen echten Notstand fürchten auch die Spediteure: Etwa die Hälfte der Brummi-Fahrer ist bereits älter als 45 Jahre, und rund 30 000 von ihnen verlassen Jahr für Jahr den Markt, sagt der Sprecher des Branchenverbandes DSLV, Ingo Hodea. "Das wird man über die Ausbildung allein nicht abdecken."

DGB: Betrieben fehlt die "Ausbildungsreife"

Viele Stunden täglich auf dem "Bock" sitzen, immer mit dem Liefertermin im Nacken, Zwangspausen auf überfüllten Autobahn-Raststätten statt bei der Familie zu Hause, das klingt eben nicht gerade nach einem Traumjob. Sollten die Wachstumsprognosen für den Güterverkehr in Deutschland und Europa zutreffen, kämen auf die Branche massive Engpässe zu.

Auch die Anwerbung von Azubis und Fachkräften aus krisengeplagten EU-Ländern gilt bisher nur als Tropfen auf dem heißen Stein. Die jungen Leute aus Spanien oder Griechenland müssten nicht nur mit sprachlichen Hürden, sondern auch mit Heimweh klarkommen und bräuchten bei ihrem Start in Deutschland viel Unterstützung, sagt Hodea. Ähnlich zurückhaltend reagieren Fachleute bei den Industrie- und Handelskammern. Deshalb gilt es vor allem, im Inland an geeignete Bewerber zu kommen. Dafür müssen Betriebe in sozialen Netzwerken aktiv werden, Tage der offenen Tür veranstalten, in Schulen und auf Messen werben und Praktika bieten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mahnt aber auch mehr "Ausbildungsreife" bei den Betrieben an und kontert damit den Vorwurf von Wirtschaftsverbänden, die bei vielen Schulabgängern mangelnde Fähigkeiten, etwa in Rechtschreibung und Mathematik, beklagen. In einer Studie stellte der DGB im Mai dieses Jahres "erhebliche Defizite bei Qualität und Attraktivität" von Ausbildungsberufen mit Besetzungsproblemen fest. Fazit: Die Azubis müssen besser bezahlt, die Qualität erhöht und mehr Lehrlinge übernommen werden. Denn klar sei: "Wenn junge Menschen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden, bewerben sie sich in diesen Unternehmen nicht mehr."


AUSBILDUNG ZUR LKW-FAHRERIN - ANNA AUF ACHSE

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Anna rangiert 40-Tonner, bewegt mit ihrem Lkw Güter über die Autobahnen der Republik. Die 20-Jährige macht eine Ausbildung zur Berufskraftfahrerin - und ist damit eine Exotin im Business der harten Kerle. mehr...


Christine Schultze/dpa/cht

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insgesamt 103 Beiträge
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1. die angesprochenen Berufe
and_over 23.06.2013
vereinen: beschissene Arbeitszeiten, miese Bezahlung und jede Menge unbezahlter Überstunden. Und jetzt überlegen wir mal, warum wohl die Azubi-Zahlen in diesen Berufen sinken...
2. Einfach nur frech
Altvater 23.06.2013
Selbst schuld kann man da nur sagen. Beschissene Bezahlung, beschissene Arbeitszeiten, beschissene Ausbildung, beschissene Zukunftsaussichten. Ziemlich dreist, dass ausgerechnet das "Gewerbe" jammert, das mit weitem Abstand den Niedriglohnsektor anführt und Löhne und Gehälter durch den Statt subventionieren lässt. Und auch die Transportunternehem haben kein Recht sich sich zu beschweren. Jahrzehnte lang habe diese Parasiten vom Wehrdienst profitiert, indem sie vollausgebildete Kraftfahrer geschenkt bekamen. Und jetzt, wo die anfangen müssen endlich in Ausbildung und vernüftige Arbeitsbedingen zu investieren, fangen die prompt an zu jammern. Einfach nur widerlich.
3. Fehlen jedoch....
ramuz 23.06.2013
Zitat von AltvaterBeschissene Bezahlung, beschissene Arbeitszeiten, beschissene Ausbildung, beschissene Zukunftsaussichten.
.. die häufig ebenso ...hm... Vorgesetzten und Ausbilder sowie der wirklich besch.... Umgangston unter Stress - und den haben die tagtäglich.
4. Abi
lobbie 23.06.2013
mit 3,1. Keine Chancen. Studieren? Numerus Clausus hier in NRW verbreitet eingeführt - aber keine Info uber die geforderten Noten zu erhalten. Kaufmann: Praktikum von 4 Wochen gefordert - und eigenes Auto! Anderes Praktikum 5 Tage - Du bist dieses Jahr der 13. und unser Chef hat noch nie einen Azubi eingestellt... Automobilkaufmann - aber nur mit Muckis, da fürs Lager zuständig... Zum K.tzen!
5. optional
guteronkel 23.06.2013
Da haben doch sowohl die Industrie als auch die Politik lange Zeit vollkommen versagt. Es gab mal eine Zeit, da musste der Bäckerlehrling fast den Doktortitel haben um einen Ausbildungsplatz zu bekommen; im Anschluss wurde Hinz und Kunz genommen und auch Mädchen in Männerberufe gedrängt (mit welchem Erfolg?); jetzt ist es wieder mal soweit: Die Wirtschaft sucht und braucht. Na, dann soll die Politik der Wirtschaft doch bitte junge, fleißige, hochgebildete Lehrlinge mit 20 Jahren Berufserfahrung besorgen. Die gibt es nämlich in Polen und Spanien nur zur Genüge.
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Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).

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