Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Lehrer auf LAN-Party: Killen wie im Kinderzimmer

Von Johannes Gernert

Wenn es im Kinderzimmer knallt und kracht, sind Erwachsene oft beunruhigt. Jetzt durften Eltern und Lehrer selbst mit der Pixel-Knarre ballern: Um Vorurteile abzubauen, hat die Bundeszentrale für politische Bildung Pädagogen eingeladen – zum "Counter-Strike" zocken.

Horst Pohlmann wundert sich. Eigentlich dürfte noch niemand tot sein. Er hatte doch gesagt, sie sollen nicht schießen. Aber durch den Raum hallt das Geknatter von Maschinengewehren. Vor der Schulleiterin liegt eine Leiche. Und dann lädt auch sie durch, zielt mit ruhiger Hand, drückt vorsichtig ab. Der Polizist fällt um. Tot.

"Das wollte ich gar nicht", sagt die Schulleiterin. "Da kann ich bestimmt nicht schlafen heute Nacht." Es ist das erste Mal, dass sie jemanden erschossen hat. Petra Köhn ist 46 Jahre alt. Sie hatte zuvor noch nie "Counter-Strike" gespielt und auch keinen anderen dieser Ego-Shooter, über die jedes Mal diskutiert wird, wenn junge Menschen Amok laufen.

Bei der Lan-Party im Berliner Postbahnhof tut sie es jetzt. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat Eltern und Lehrer dazu eingeladen. Horst Pohlmann, schwarzer Pullunder, eckige Brille, voller Bart, ist deswegen aus Köln angereist. Er arbeitet bei einem Institut namens "Spielraum", das sich um die Förderung von Medienkompetenz kümmert. Pohlmann und seine Kollegen wollen mit Workshops und anderen Aktionen verhindern, dass Jugendliche mit dem Computer zu viel Unfug machen. Heute bringt er Erwachsenen bei, dass aber auch nicht alles Unfug sein muss, was junge Menschen mit Rechnern anstellen.

Schießhemmung bei eigenen Leuten

Er zeigt Petra Köhn und einem knappen Dutzend anderer Pädagogen und Eltern, wie man bei "Counter-Strike" feuert - linke Maustaste. Wie man läuft – mit den Tasten A, W, S und D. Und wo sich die Waffen-Spezialfunktionen befinden – rechte Maustaste.

Die "Counter-Strike"-Lehrlinge sitzen vor Laptops an langen Tischen. Draußen dämmert es, drinnen leuchten blau die Notebooks. Pohlmann erklärt, dass es zwei Teams gibt, die Terroristen und die Polizisten. Die Terroristen legen Bomben, die Polizisten versuchen, die Bomben zu entschärfen. Es ist eigentlich ganz einfach, fast wie in der Tagesschau. Die Schulleiterin ist eine Terroristin. Ihre Kollegin nebenan fragt, ob man die eigenen Leute umlegen kann oder ob es da eine Schießhemmung gibt.

Wenn ein Schuss besonders laut knallt, zuckt die Schulleiterin manchmal kurz zusammen. Es ist wie im Wilden Westen: Man muss schnell sein, sonst ist man schnell tot. Die Schulleiterin ist ziemlich oft tot. Ihre Kollegin auch. Dann können sie sich nur noch zurücklehnen und zuschauen, wie Männer in Tarnkleidung sich die Wände schmiegen. Die Schulleiterin findet, dass das ziemlich professionell aussieht, "so hinter Ecken verstecken und so". Sie selbst kommt mit A, W, S und D noch nicht ganz so gut zurecht.

Aber darum geht es auch gar nicht unbedingt. Als sie ganz am Anfang auf einem Fadenkreuz markieren sollten, warum sie gekommen sind, haben Petra Köhn und ihre Kollegin Yvonne Richter die grünen Punkte an die Stellen geklebt, bei denen "Faszination meiner Kinder/Schüler besser verstehen" und "berufliches Interesse" stand. Sie unterrichten an einer Berufsschule, an der junge Leute für IT-Berufe ausgebildet werden und sie glauben, dass 50 Prozent ihrer Schüler spielsüchtig sind, weil sie kaum etwas anderes tun. Köhn und Richter wollen wissen, wieso das so ist.

"Counterstrike" bis zum Erbrechen diskutiert

Yvonne Richter ist 42, trägt kurze blondierte Haare, eine Brille mit blasslila Rand und hohe Lederstiefel. Sie sagt, dass sie sich im Unterricht nicht auf den Tisch stellt und rappt, nur damit ihr aus der Klasse jemand zuhört. Sie sei Lehrerin, keine Entertainerin. Ihre Sätze marschieren zügig geradeaus, wie die Gegner auf dem Bildschirm. Dass ein "Counter-Strike"-Spieler nicht automatisch zum Attentäter wird – völlig klar. "Die Ebene haben wir längst verlassen", sagt Richter. "Das haben wir bis zum Erbrechen diskutiert." Sie hat im Deutschunterricht Referate über "Counter-Strike" halten lassen. So strukturiert und fundiert waren die Vorträge selten.

Ihre Schüler sind zwischen 16 und 30, meist männlich. Klassisches Gamer-Klientel. Die Rechner nutzen sie wesentlich häufiger für Online-Abenteuer als für die nächste Facharbeit. Das scheint für Richter das Problem zu sein. Nicht, dass einer von denen sie irgendwann im echten Leben über den Haufen schießt, weil sie ihn hat durchfallen lassen.

Deshalb findet sie es wichtig, zu wissen, wie so ein Spiel funktioniert. Dass Blöde ist nur, dass ihr von dieser 3D-Animation irgendwie schlecht wird. "Wir sind wahrscheinlich zu alt", sagt sie. Zu lange Reaktionszeiten, zu wenig Orientierung. Nebenan macht die Schulleiterin eine Bombe scharf. Es knattert. Irgendwo ruft jemand "Holt mich hier raus". Dann ist es schon wieder vorbei. Köhn schält eine Banane. "Wahrscheinlich sind wir als Terroristen ungeeignet", sagt sie.

Wie Räuber und Gendarm

Der PR-Mann einer Firma, die Turtle heißt, eine Liga für elektronische Spiele betreibt und das ganze mit veranstaltet, läuft durch die Reihen und sagt, dass "Counter-Strike" wie Räuber und Gendarm sei. Sportlicher Charakter. Nichts Blutrünstiges. Später am Abend, bei der pädagogischen Nachbesprechung, wird er erzählen, dass das Spielen Fähigkeiten fördere, von denen manche hier im Raum vermutlich gar nicht wüssten, dass es sie gibt. Ein professioneller Gamer habe pro Minute 400 Kontakte mit dem Spiel. Der PR-Mann macht hektische Bewegungen mit Kopf und Händen.

Yvonne Richter schaut, als würde sie darüber nachdenken, ob man einen epileptischen Anfall tatsächlich als Fähigkeit bezeichnen kann.

Horst Pohlmann, der Medienpädagoge, probiert ein anderes Beispiel. Es gebe ein Computerspiel, bei dem Jugendliche einen Vergnügungspark managen müssten. Als eine Gruppe, die das ständig gespielt hatte, einen Freizeitpark besuchte, hätten alle die Anlage wie Manager betrachtet: Müll auf dem Weg. Da muss noch ein Mülleimer hin! Yvonne Richter fragt, ob das eine beruhigende Vorstellung ist, wenn man das Beispiel auf ein Spiel überträgt, bei dem es darum geht, andere zu erschießen. Sie war da eigentlich schon eine Ebene weiter.

Richter sagt, dass sie diesen Jagdinstinkt vorhin selbst gespürt hat. Dass sie Ehrgeiz entwickelt hat dabei. "Als ich beim letzten Spiel zwei erledigt hab', muss ich zugeben, dass es schon auch geprickelt hat."

Mit ihren Schülern will sie demnächst darüber reden und vielleicht einmal mit ihnen zusammen spielen. Auch wenn sie Bedenken hat, dass das für die Auszubildenden so ähnlich sein könnte wie legales Sprühen – nicht ganz so attraktiv. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal eine Lan-Party an der Schule zu organisieren, überlegt die Rektorin. Oder den Studientag mit dem Thema zu bestreiten. Bisher hatten sie dafür "gesunde Ernährung" vorgesehen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
LAN für Lehrer: Pädagogen an der Pixelknarre


Social Networks