Genervte Lehrer: "Die Eltern setzen immer den Direktor in CC"

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Geschafft am Pult: Manche Eltern beanspruchen Lehrer über Gebühr

Sie schreiben dem Schulleiter, drohen mit der Schulbehörde, sie feilschen, flirten, klagen: Einige Eltern kämpfen so verbissen für ihren Nachwuchs, dass Pädagogen die Zeit für ihre eigentliche Arbeit fehlt. Vier Leidensgeschichten aus dem Lehrerzimmer.

"Die Eltern setzen immer den Direktor in CC"

Die Lehrerin unterrichtet an einem katholischen Gymnasium in Nordrhein-Westfalen.

"Es geht den Eltern nicht darum, dass ich ihren Kindern etwas beibringe. Sie wollen, dass ich gute Noten gebe.

Ich unterrichte unter anderem Englisch, ein Fach, das die Eltern als sehr wichtig ansehen. Ohne Englisch können ihre Kinder es zu nichts bringen, denken viele. Ich habe in den USA gelebt, lese und spreche jetzt noch viel Englisch. Vielleicht ist das Niveau in meinem Unterricht deswegen etwas höher.

Ich würde doch denken: 'Vielleicht bekommt mein Kind nur eine 2+ und keine 1, aber dafür lernt es was.' Bei den Eltern zählt aber nur die Note. Und die versuchen sie massiv zu beeinflussen.

Achtung! Eltern!

Sie wollen nur das Beste, sie kümmern sich - aber sie übertreiben maßlos: Wie Helikopter-Eltern ihre Kinder und deren Lehrer terrorisieren. Der SPIEGEL hat in einer Titelgeschichte beschrieben, wie sich Eltern zu Bodyguards ihrer Kinder entwickeln. SPIEGEL ONLINE begleitet die Debatte im Uni- und im SchulSPIEGEL.

Ein Elternpaar hat sich für ein Gespräch mal einen Tag frei genommen, weil ihre Tochter in einer von sechs Englisch-Arbeiten eine 3 geschrieben hat. Ein anderes Paar hat die Klausur ihres Kindes an den Oberstudienrat einer anderen Schule gegeben - zum Nachkorrigieren. Ich hätte zu schlecht bewertet, urteilte er. Viele versuchen auch über den Schulleiter, Einfluss zu nehmen: Wenn sie E-Mails schreiben, setzen sie ihn immer in CC - er lacht sich darüber übrigens kaputt. Wenn so etwas nicht fruchtet, werden sie persönlich. Das finde ich besonders schlimm. 'Die Eltern reden über Sie', sagen sie dann. 'Sie sind immer Thema.' Was soll ich dazu sagen?

Die Kinder schämen sich nicht für ihre überengagierten Eltern - im Gegenteil. Sie wollen erwachsen sein, aber natürlich ist es angenehmer, wenn die Mami mitkommt. Meist mischen sich die Mütter ein. Junge männliche Lehrer erzählen, die Frauen machten sie oft an, fummelten sich in den Haaren, versuchten zu flirten. Jüngere Lehrerinnen setzen sie unter Druck und mischen sich auch in den Unterricht ein. Sie fordern beispielsweise: 'Wir möchten, dass Sie weniger Gruppenarbeit machen'. Aber Unterricht kann man doch nicht wie im Restaurant bestellen.

Wahrscheinlich machen diese Helikopter-Eltern nur 20 Prozent aus, nehmen aber so viel Zeit und Energie in Anspruch, dass es sich wie 80 Prozent anfühlt. Je nach Tagesform kann ich mit der Kritik unterschiedlich gut umgehen. Ich habe mich zwar daran gewöhnt, lerne auch, damit umzugehen - und trotzdem verletzt es mich manchmal noch."

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Einzelkämpfer? Manche Eltern nerven, viele vernachlässigen die Kinder

"Ich würde mir mehr Helikopter-Eltern wünschen"

Der 59-jährige Lehrer unterrichtet an einem technischen Gymnasium in Rheinland-Pfalz.

"Manchmal würde ich mir mehr Helikopter-Eltern wünschen. Gerade die Eltern leistungsschwacher Schüler kommen oft nicht.

An unserem technischen Gymnasium unterrichten wir auch Schüler, die an anderen Gymnasien gescheitert sind oder die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Manche kämpfen sehr für sich. Bei denen habe ich das Gefühl, ihre Eltern lassen sie zu früh allein. Sie wirken unsicher, sprechen leise, senken den Blick, können sich nicht richtig ausdrücken. Wenn ich ihnen vorschlage, mit ihren Eltern zu sprechen, sagen sie: 'Ach, nein, ich bin ja sowieso schlecht.'

Natürlich kenne ich die überengagierten Eltern - aber sie sind in meinem heutigen Arbeitsalltag ganz klar die Ausnahme. Im Referendariat an einem anderen Gymnasium hat mir eine Familie nach einem Gespräch mal kommentarlos eine Flasche Schnaps am Sitzplatz stehen lassen. Mein Mentor schlug hinterher die Hände über dem Kopf zusammen.

Eltern setzen sich für ihre Kinder ein - so sollte es zumindest sein. Aber: Ab wann kümmert man sich zu viel? Wann vielleicht zu wenig?

Ich selbst habe mich früher als Elternsprecher engagiert, ich bin zu Elternabenden gegangen, zu Elternsprechtagen. Als meine Tochter Probleme mit Mathe hatte, sagte ihre Lehrerin zu mir: 'Meinen Sie nicht, dass Ihre Tochter mit einem mittleren Abschluss glücklicher wäre?' Ich bin richtig pampig geworden: 'Meine Tochter wird ihr Abitur machen. Mathe ist mir scheißegal', habe ich gesagt. Sie hat im Abi den Deutsch-Leistungskurs dann mit 15 Punkten abgeschlossen. War ich in der Situation auch schon ein Helikopter-Vater?"

Container-Kinder: Eine Mutter wollte die Tochter davor bewahren Zur Großansicht
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Container-Kinder: Eine Mutter wollte die Tochter davor bewahren

"Viele Lehrer schalten auf Durchzug"

Der 48-jährige Lehrer unterrichtet an einem Hamburger Gymnasium.

"Manchmal haben Eltern Angst, dass ihre Kinder zu kurz kommen. Einmal wollte eine Mutter ihre Tochter unbedingt vor Containern bewahren, in die die fünfte Klasse - wie andere auch - für ein Schuljahr ziehen sollte. Es gelang ihr. Als der Umzug in der achten Klasse erneut zur Debatte stand, versuchte sie es wieder und beschwerte sich auf dem Elternabend: Es könne doch nicht sein, dass nur Fünftklässler Welpenschutz genießen. Ich habe sie auf humorvolle Art darauf hingewiesen, dass wir ihrer Tochter diesen Schutz nicht zweimal gewähren können. Ihr war das etwas unangenehm, glaube ich.

Ein anderes Beispiel: An unserer Schule ehren wir regelmäßig Gewinner verschiedener Wettbewerbe. Einmal beschwerte sich eine Mutter direkt bei der Schulleitung: Warum ihr Sohn nicht auftauche? Ihr sei schon häufiger aufgefallen, dass seine Leistung nicht ausreichend gewürdigt werde. Dabei hatte er schlicht vergessen, den Bericht abzugeben.

Leider wenden sich einige Eltern gleich an höhere Dienststellen, an die Schulleitung oder direkt an die Behörde. Wenn das häufiger passiert, steht ein Lehrer - womöglich zu Unrecht - schlecht da. Vieles ließe sich unkomplizierter direkt mit dem Fach- oder Klassenlehrer klären.

Es gibt nicht viele Eltern, die sich gern und oft beschweren - aber die wenigen sind im Kollegium bekannt. Wenn sie viel Einfluss haben, kann es passieren, dass Lehrer auf ihre Wünsche besonders eingehen. Bei unnötigen oder sehr egoistischen Einwänden schalten viele aber auch auf Durchzug."

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"Eltern vergreifen sich oft im Ton"

Die 47-jährige Lehrerin unterrichtet an einem Gymnasium nahe Leipzig.

"Kinder von Helikopter-Eltern sind oft extrem ruhig und höflich. Sie versuchen, ihren Eltern alles recht zu machen. Eine Mutter beispielsweise wollte, dass ihr Sohn jede Pause anruft. Also stand der arme Kerl ständig mit seinem Handy auf dem Flur und telefonierte mit Mutti.

Anders als die Kinder vergreifen sich Eltern oft im Ton: Einmal hatte ein Schüler sein Pausenbrot vergessen. Mutti platzt ohne zu Klopfen in die Klasse, sagt nicht 'Guten Tag', gibt ihrem Kind sein Brot, haut wieder ab.

Die Netten kontaktieren einen per E-Mail oder rufen an. Die weniger Netten melden ein Problem sofort beim Fachbereichsleiter oder beim Schulleiter, inklusive Terminvorgabe: 'Ich erwarte Ihre Antwort bis zum…'. Einmal wies mich daraufhin die Schulleiterin tatsächlich an, eine Note zu ändern. Auch von mir erwarten Eltern, dass ich springe, wenn sie rufen. Sie sehen mich als Dienstleister am Kind.

Manche Eltern können nicht akzeptieren, dass ihr eigenes Kind nicht so schlau ist. Häufig bekomme ich perfektionierte Hausaufgaben, an denen Mutter und Vater herumgedoktert haben. Ein umfangreiches Vokabular, korrekter Satzbau - und im Unterricht kann das Kind nichts davon anwenden. Manchmal bekomme ich auch Beschwerden wie: 'Wieso ist das bloß eine zwei? Da hat doch Professor XY drüber geschaut?' Oder: 'Wir haben da drei Stunden dran gesessen.'

Kinder können sich so nicht entwickeln. Sie lernen nicht, mit Misserfolgen umzugehen, Kompromisse zu schließen oder selbstständig zu sein. Heli-Eltern schaden dem Kind eher, als ihm zu helfen."

Aufgezeichnet von Frauke Lüpke-Narberhaus und Maria Timtschenko

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insgesamt 365 Beiträge
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1. haha
s3r4 16.08.2013
Ich glaube nicht nur den Eltern sind die Noten wichtig. Es ist dem chef egal, ob du alles kannst, du must es auch auf dem Papier haben, die bittere Erfahung habe ich schon oft gemacht.
2. Arme Lehrer
Carabus 16.08.2013
die Helikopter-Eltern als auch die Eltern der "bildungsfernen" Schichten, beide erwarten, dass es die Lehrer schon richten werden, dass alle gute Noten haben und die Defizite der Erziehung ausgleichen. Ich beneide die Lehrer nicht trotz massig Ferien, Beamtenstatus, Gehalt....
3. Schwache Schulleiter/Innen
virgil starkwell 16.08.2013
Die Situation ist entstanden durch die weitgehende Rechtlosigkeit der Lehrer, auch was ihre persönlich Rechte angeht (mangelnder Respekt, der natürlich umgekehrt eingefordert wird, persönliche Beleidigungen, Cybermobbing), die ihnen keine Handhabe gegenüber auffälligen Schülern mehr gibt. Hinzu kommen Anforderungen wie ständiges Schreiben von (folgenlosen) Berichten, die die Zeit für die Unterrichtsvorbereitung rauben. Das größte Problem ist die Kombination aus extrem subjektiven und beratungsresistenten Eltern und einem schwachen Schulleiter, der ohne Anhörung des Lehrers sofort versucht, es den Eltern recht zu machen und den Lehrer im Regen stehen läßt. Hier ist viel zu selten Rückgrat zu beobachten.
4.
schüler.aus.bremen 16.08.2013
Kenne ich. Bei mir sind 2 in der klasse, da machen die Eltern die Hausaufgaben. Aber mündlich sind die Schüler eine KATASTROPHE! Naja, aber die werden solange die klasse überstehen, bis mal jemand sagt, 40% Prozent schriftlich, 60% mündlich. Aber das wird nie passieren. Oh und eine Lehrerin von mir ist mal in Rente gegangen, und hat den Helikopter Eltern richtig die Meinung gegeigt.
5. sechs - setzen!
Indigo76 16.08.2013
Zitat von sysopCorbisSie schreiben dem Schulleiter, drohen mit der Schulbehörde, sie feilschen, flirten, klagen: Einige Eltern kämpfen so verbissen für ihren Nachwuchs, dass Pädagogen die Zeit für ihre eigentliche Arbeit fehlt. Vier Leidensgeschichten aus dem Lehrerzimmer. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/lehrer-erzaehlen-wie-helikopter-eltern-den-schulalltag-beeinflussen-a-916166.html
Am besten fand ich den letzten Beitrag. Wenn ich Lehrer wäre und eine Beschwerde von den Eltern über eine Note mit der Begründung: "Wir haben da drei Stunden dran gesessen." bekäme, dann würde ich die Note in der Tat ändern - in eine sechs! Denn damit ist bewiesen, dass, egal wie gut diese Arbeit war, die Aufgabenstellung nicht erfüllt war. Hausarbeiten sollen von den Schülern und nicht von deren Eltern erledigt werden.
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