Klage wegen Altersdiskriminierung: Lehrer Teuter will nicht in Rente gehen

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Kampf gegen den Ruhestand: "Lehrer Teuter ist ein Freund" Fotos
Abraham Teuter

Lehrer Abraham Teuter, 65, muss in Rente. Doch seine Schüler und er selbst wollen, dass er weitermacht. Sie schreiben Briefe ans Ministerium, bitten um Aufschub - vergebens. Jetzt klagt Teuter gegen Altersdiskriminierung.

In der Ernst-Reuter-Schule II gab es nur ein Thema im Lehrerkollegium. Kolleginnen fragten den Lehrer Abraham Teuter ständig, ob er nervös sei. Sein Gerichtsverfahren laufe doch gerade. "Nein, bin ich nicht", er sei sehr zuversichtlich, sagte er und ging in den Unterricht. Er wollte seiner Klasse einen Film über Jugendkriminalität zeigen. Es sei ein Tag wie immer, sagte Teuter. Er klang dabei durchaus vergnügt.

Abraham Teuter ist Lehrer für Deutsch, Englisch und Gesellschaftskunde an der Ernst-Reuter-Schule II in Frankfurt am Main. Er unterrichtet 26 Schüler, in der Klasse 7d ist er der Klassenlehrer. Teuter liebt seinen Beruf, er würde im nächsten Jahr gerne weiter lehren. Aber er darf nicht. Denn mit 65 Jahren hat Teuter das Pensionsalter für Beamte erreicht, er muss in den Ruhestand.

"Meine Arbeit macht mir Spaß, sie erfüllt mich", sagt Teuter. Vergangenen Dezember bat er deshalb seinen Schulleiter um einen Aufschub der Pensionierung. Außerdem sammelte er 150 Unterschriften von Schülern, die nicht wollen, dass er geht. "Er soll bleiben, er ist der beste Lehrer", schrieb einer seiner Schüler handschriftlich ans hessische Kultusministerium. Eltern setzten sich für ihn ein, der Personalrat der Schule empfahl, ihn zu behalten.

Kaum ein Lehrer will länger arbeiten

Schulleiter Gerhard Schneider reichte den Antrag zwar ans Kultusministerium weiter, allerdings mit dem Vermerk, eine Weiterbeschäftigung von Herrn Teuter sei aus organisatorischen und innerschulischen Gründen nicht notwendig. "Das stimmt auch. Ersatz wäre da", sagt Teuter. Schneider selbst möchte sich im Fall Teuter wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern. Hätte der Schulleiter sich allerdings für seinen begeisterten Lehrer eingesetzt, stünden dessen Chancen nun viel besser.

Es ist die Ausnahme, dass Lehrer freiwillig länger arbeiten, etwa jeder Fünfte hört wegen Dienstunfähigkeit sogar frühzeitig auf. Was nach vielen Frührentnern klingt, ist tatsächlich ein historischer Tiefststand. Noch 2001 stellten Lehrer im Durchschnitt mit 59 Jahren das Lehren ein, nur jeder Zweite arbeitete bis zum offiziellen Rentenalter. Dann wurden Versorgungsabschläge eingeführt, wer seitdem früher aufhört, bekommt weniger Geld.

Kein "dienstliches Interesse"

Für das hessische Kultusministerium zählten die Briefe der Eltern und der Kinder nicht, die ihren Lehrer Teuter unbedingt behalten wollen. Nach Prüfung der Stellungnahme der Schulleitung und des Landesschulamts bestehe kein "dienstliches Interesse", hieß es aus Wiesbaden. Teuters Antrag wurde abgelehnt. Laut hessischem Beamtengesetz sind Verlängerungen um jeweils ein Jahr aber nur möglich, wenn ein dienstliches Interesse besteht, und dann höchstens bis zum 70. Lebensjahr. "Jede Dienstzeitverlängerung über die Altersgrenze hinaus verhindert die Einstellung einer fertig ausgebildeter Lehrkraft", heißt es in einer Stellungnahme des Kultusministeriums.

Doch Teuter kämpft weiter um seinen Platz an der Ernst-Reuter-Schule II - und zwar vor Gericht. Er reichte beim Verwaltungsgericht Frankfurt einen Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz ein, eine Art Eilverfahren. Teuters Anwältin argumentiert, die Pensionierung sei Altersdiskriminierung. Berufliche Beschränkungen wegen des Alters seien laut Gesetz nur dann zulässig, wenn sie durch ein "legitimes Ziel gerechtfertigt" sind. Bei Teuter gebe es kein Ziel und keine anderen Gründe, sagt Biscas. Er erreiche seine Schüler, er sei fit, er habe in den vergangenen vier Jahren nie wegen Krankheit gefehlt.

"Ich will meine Schüler zu Ende unterrichten, und ich will, dass sie glänzend abschneiden", sagt Teuter. Seine Klasse besteht aus je einem Drittel Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten. Die ERS II ist eine integrierte Gesamtschule. "Ich mache das gut. Ich bin nicht ohne Ehrgeiz", sagt Teuter.

Für Teuter könnte sprechen: Vor kurzem verhandelte das Verwaltungsgericht Frankfurt den Fall eines Oberstaatsanwalts. Der war 65 Jahre alt, sollte pensioniert werden und wollte nicht. Er klagte wegen Altersdiskriminierung bis zum Europäischen Gerichtshof, der schließlich entschied, dass er weiterarbeiten darf. Ob Teuter nächstes Schuljahr unterrichten darf, entscheidet das Gericht voraussichtlich in dieser Woche.


Daniel Schmitt

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insgesamt 85 Beiträge
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1.
isaban 04.07.2013
Zwei unserer Lehrer mussten auch in die Rente, obwohl sie wahre Lehrmeister waren. Jeder liebte und respektierte sie. Sie waren jung wie 50 und hätten locker 15 Jahre drauf packen können. Sie liebten es zu lehren und auch außerhalb der Schulzeiten engagierten sie sich für schwächere Schüler. Solche Lehrer braucht das Land. Am liebsten wäre es mir, dass stattdessen die Lehrer verschwinden, die ihren Beamtenstatus ausbeuten und nie Leistung bringen.
2. Viele Lehrer sind in dem Alter schon
bitboy0 04.07.2013
Viele Lehrer sind in dem Alter schon "fertig" und servieren lustlos, zynisch und langweilig Inhalte die sie schon seit Jahren vorbereitet in der Schublade haben. Soziale Kompetenz wird nicht vermittelt und es wird versucht möglichst reibungsarm durch den Tag zu kommen. Gute Lehrer erkennt man weder an den Noten im Studium noch am Alter! Wenn ein Lehrer mit der Berufserfahrung wirklich noch gesund ist und GERNE unterrichtet, seine Schüler sogar für ihn unterschreiben, dann ist das ein wichtiger Grund ihn weiter zu beschäftigen. Dann wäre es besser ein paar andere - lustlose und/oder ausgebrannte - in Rente zu schicken!
3. Dieses Land...
glitscher 04.07.2013
Zitat von sysopLehrer Abraham Teuter, 65, muss in Rente. Doch seine Schüler und er selbst wollen, dass er weitermacht. Sie schreiben Briefe ans Ministerium, bitten um Aufschub - vergebens. Jetzt klagt Teuter gegen Altersdiskriminierung. Lehrer vor der Rente: Herr Teuter denkt nicht ans Aufhören - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/lehrer-vor-der-rente-herr-teuter-denkt-nicht-ans-aufhoeren-a-909159.html)
...entwickelt sich mehr und mehr zur Bananenrepublik. Solche selbstlosen Leute werden gebraucht und man stößt ihnen vor den Kopf. Die die nichts, aber auch gar nicht erreicht haben, gehen dagegen schmunzelnd und hochbezahlt in Frühpension oder wohin auch immer (siehe Wulff u.ä.). Ich wünsche dem Herrn viel Erfolg und weiterhin Spaß an seiner Arbeit.
4. Egoist
AlexBauer1981 04.07.2013
Anstatt einem jüngeren und ggf. arbeitslosen/arbeitssuchenden anderen Lehrer endlich Platz zu machen, klammert dieser Mensch sich - wohl aus Mangel an anderen Hobbys - an seinen Stuhl. Schlimm, dass solche Egoisten auch noch als Lehrer tätig waren/sind.
5. Wieso
wirklick 04.07.2013
müssen Beamte mit 65Jahren in Rente bzw. Pension? Das ist doch võllig überholt, wo alle anderen Arbeitnehmer bis 67 arbeiten müssen. Und zudem inzwischen Arbeitskräftemangel besteht, also nimmt er niemanden den Platz weg. Das ist das alte Bürokraten - Denken.
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