Lehrerausbildung nach Pisa: "Fünf vergeudete Jahre"

Alle reden über Schulreformen, aber die Lehrerausbildung kommt nicht vom Fleck. "Das reinste Chaos", schimpft der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne. Auch andere Experten fordern mehr Praxis im Studium, einen neuer Lehrertypus und früheres Auswildern der Studenten.

Exakt fünf Jahre sind seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie vergangen, die ein Fiasko für das deutsche Schulsystem bedeutete – die am 4. Dezember 2001 veröffentlichten Ergebnisse waren mau bis verheerend. Zwar fiel die zweite Pisa-Studie nicht mehr ganz so brutal aus, doch Deutschland lag immer noch unter dem Durchschnitt der teilnehmenden OECD-Staaten. Um eine erneute Blamage zu verhindern, brüten Kultusminister, Forscher und Lehrer über Möglichkeiten, dem Wissensstand der deutschen 15-Jährigen auf die Sprünge zu helfen.

Pisa und die Folgen: Nicht nur Schüler raufen sich die Haare
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Pisa und die Folgen: Nicht nur Schüler raufen sich die Haare

Seit dem Pisa-Debakel wird viel über Reformen geredet. An einem besonders wunden Punkt allerdings passiere zu wenig - nämlich bei der Ausbildung der Pädagogen, sagt Ulrich Thöne, Vorsitzender der Gewerkschaft Bildung und Wissenschaft (GEW). "Bei der Lehrerbildung herrscht das reinste Chaos", sagte Thöne der Tageszeitung "taz".

So gebe es im Lehramtsstudium überall andere Regeln für den Übergang vom Bachelor zum Master, oft auch gar keine. "Die Lehramtsstudenten sind völlig verunsichert. Und wenn sie durchkommen, ist nicht gewährleistet, dass sie in ganz Deutschland als Lehrer arbeiten können. Das ist nicht zu verantworten", so Thöne.

Etwa die Hälfte der knapp 800.000 Lehrer geht bis zum Jahr 2015 in Ruhestand – ein Generationswechsel, der auch einen pädagogischen Richtungswechsel ermöglichen könnte. "Wenn wir wollen, dass die neuen Lehrer eine andere Kultur des Lernens in die Schule tragen, dann müssen wir die Lehrerbildung verändern, und zwar sofort", fordert Thöne.

"Spezies Lehrer hat 100 Unterarten"

Diese Aufgabe werde allerdings verschlafen. Schuld an der Misere tragen laut Thöne die Kultus- und Wissenschaftsminister. Sie verlangten von den Hochschulen eine disziplinierte Umrüstung auf Bachelor und Master, könnten sich aber nicht auf gemeinsame Inhalte für das Lehramtsstudium einigen: "Fünf vergeudete Jahre!", zürnt Thöne: "Eine Zersplitterung des Lehrerberufs wie in Deutschland finden sie in ganz Europa nicht. 16 Bundesländer definieren für ungefähr zehn Schulformen und etliche Fächer unterschiedliche Anforderungen. Es gibt nicht den Lehrer in Deutschland. Es gibt eine Spezies mit über 100 Unterarten."

Dass sich unter den Kultusministern Stillstand breit macht, stellt auch der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel fest. "Die Politik nimmt es inzwischen als Belastung wahr, wenn in halbjährlichen Abständen neue Pisa-Studien neue Erkenntnisse liefern", sagte Prenzel der Tageszeitung "Die Welt". Die Lehrerausbildung führe an den Universitäten ein Schattendasein. Prenzel befürchtet, dass bei der Umstellung auf Bachelor und Master die Chance verpasst werde, Lehrer stärker berufsbezogen auszubilden.

Lehramtstudenten frühzeitig auswildern

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Baumert teilt die Kritik. "Alle Fachleute sind sich einig, dass es oftmals am Handwerkszeug und an durchdachter Erfahrung fehlt, um einen anspruchsvollen, lernförderlichen Unterricht zu gestalten. "Aber die Politik geht die Reform der Lehrerausbildung nur zögerlich an", sagte der Berliner Schulforscher, der den deutschen Teil der ersten Pisa-Studie leitete, der "Zeit".

GEW-Chef Thöne fordert einen neuen Lehrertypus, der Spaß am Lernen vermittelt und Kreativität in die Klassen bringt. Der ideale Pädagoge müsse es schaffen, dass die Schüler zu "Subjekten des Lernens" würden. "Die Schüler sollen nichts Vorgekautes reproduzieren. Sie müssen selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten. Lehrer müssen diesen Prozess fördern", so Thöne in der "taz". Dazu bräuchten Lehrer mehr Selbstvertrauen und die Unterstützung der Gesellschaft.

Bisher allerdings würden junge Pädagogen schon in der Ausbildung um einen wichtigen Teil ihrer Professionalität gebracht, sagte Thöne. Sie hätten zwar großes Fachwissen vorzuweisen, wüssten aber viel zu wenig darüber, wie Kinder lernen. Studenten sollten früher Gelegenheit bekommen, zu überprüfen, ob ihnen der Umgang mit Kindern gefällt – und ob sie "auch mit verrotzten Nasen etwas anfangen können", so Thöne.

cpa

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