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Berufsbildungsbericht: Deutschland gehen die Lehrlinge aus

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Leerstellen im Lehrlingsmarkt: Tops und Flops der Ausbildungsberufe Fotos
DPA

Das Ausbildungssystem in Deutschland gerät aus den Fugen. Obwohl die Wirtschaft nach Lehrlingen ruft, bleibt eine Viertelmillion ohne Chance auf einen Platz. Die Zahl der Azubis sinkt auf einen historischen Tiefstand.

Alle paar Tage ruft die Wirtschaft nach Fachkräften. Ingenieure, IT-Kräfte und selbst Lehrlinge werden aus dem Ausland angeworben - weil Europas Jobmotor Deutschland brummt. Eine Gruppe profitiert davon allerdings wenig: junge Schulabgänger mit mittlerem oder ohne Schulabschluss.

Nur noch 530.700 Neuverträge wurden 2013 mit Auszubildenden geschlossen, ein Minus von über 20.000 Verträgen im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigt der neue Berufsbildungsbericht, den das Bundeskabinett am Dienstag in Berlin beschließen soll und der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist damit auf dem niedrigsten Stand seit 1976 angekommen, ein historisches Tief.

Die Bundesregierung winkt den Bericht normalerweise durch. Diesmal jedoch ist die Nervosität der Autoren zu spüren. "Anders als in früheren Jahren können die Vertragsrückgänge nicht auf die konjunkturelle Entwicklung zurückgeführt werden, im Gegenteil: Die konjunkturelle Lage in Deutschland ist gut", heißt es. Was also drückt das duale System von betrieblicher Lehre und Berufsschule auf diesen Tiefstand? Das ganze erweiterte Ausbildungssystem scheint aus dem Lot geraten zu sein.

Die betriebliche Lehre hat starke Konkurrenz bekommen. Auf der einen Seite wandern die am besten qualifizierten Schüler nach oben in die Hochschulen ab, die in den vergangenen Jahren enorm expandiert haben. Seit 2011 gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Studienanfängern und neuen Auszubildenden: Damals nahmen, auch wegen der Umstellung auf die verkürzte Gymnasialzeit in vielen Bundesländern, erstmals mehr junge Menschen ein Studium als eine Berufsausbildung auf.

Andererseits wählen bildungsferne Jugendliche oft den direkten Weg in das sogenannte Übergangssystem. Dort gibt es unzählige Maßnahmen, von der Berufsgrundbildung über Einstiegsklassen bis hin zu Bewerbungstrainings. 160.000 Schulabsolventen trainierten allein 2013 in den Ersatzmaßnahmen - denn sie sollen eigentlich auf den ersten Lehrlingsmarkt.

Der Konstanzer Politikwissenschaftler Marius Busemeyer sieht die duale Ausbildung in einer strukturellen Krise. Kleinen Betrieben falle es immer schwerer, Jugendliche zu begeistern - vor allem für Handwerksberufe. Die Berufsbildungspolitik habe zu sehr die Interessen der exportorientierten Großindustrie im Blick.

"Das führt dazu, dass Ausbildungsberufe immer anspruchsvoller werden und auch stärker auf die speziellen Bedürfnisse von Großunternehmen zugeschnitten sind", sagte Busemeyer. "Das überfordert viele Jugendliche, aber auch kleine Ausbildungsbetriebe." Tatsächlich ist die Quote der ausbildenden Betriebe auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren gesunken - es bildet nur noch jedes fünfte Unternehmen aus; Mitte der Nullerjahre war es noch jedes vierte.

Nach wie vor bereitet den Experten ganz besonders das Übergangssystem Kopfzerbrechen. Eigentlich ist es für Schulversager gedacht, tatsächlich finden sich dort aber nur 19 Prozent ohne Schulabschluss. 77 Prozent der jugendlichen Schulungsteilnehmer haben aber einen Haupt- und Realschulabschluss. Insgesamt hängen im Übergangssystem 260.000 Jugendliche.

Die Autoren des Berufsbildungsberichts beobachten nun "eine Abflachung des Rückgangs", auf Deutsch: Das Übergangssystem stabilisiert sich. Es hat sich neben den Hochschulen und der dualen Ausbildung gewissermaßen als eigene Säule der Berufsbildung etabliert, nur dass es dort eben keinerlei Abschluss gibt.

Die Situation ist vertrackt. Während Zigtausende Jugendliche auf eine Lehrstelle warten oder trainieren, gibt es zeitgleich in den Unternehmen noch über 33.000 unbesetzte Ausbildungsplätze. Die sind dann meistens in einer anderen Region oder einer anderen Branche. Besonders unbeliebt ist die Gastronomie, wo zwischen 42 Prozent und 50 Prozent der Lehrlinge den Job hinschmeißen, bei Koch-Azubis etwa 48 Prozent. Die am stärksten überlaufenen Berufe waren 2012 und 2013 Tierpfleger sowie Gestalter für visuelles Marketing und Medien.

Gewerkschaften knüpfen "Allianz für Ausbildung" an Bedingungen

Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft warnte angesichts der Zahlen davor, das duale System unterzubewerten. Die berufliche Bildung in den Betrieben sei unverzichtbar sowohl für die gesellschaftliche Integration der Jugendlichen als auch für die Innovationskraft der Wirtschaft. "Durch die Akademisierung nimmt das Potential guter Schüler für das Lehrlingswesen ab", sagte er. "Die Wirtschaft benötigt sowohl die Akademiker als auch gut qualifizierte Fachkräfte." Daher sei es umso wichtiger, die Pisa-Risikogruppe zu verkleinern und das Potential junger Erwachsener ohne Berufsbildung zu erschließen.

Auch die Gewerkschaften sind beunruhigt. "Die Betriebe haben sich an eine Bestenauslese gewöhnt und geben Jugendlichen mit Hauptschulabschluss von vorneherein keine Chance mehr", sagt Elke Hannack, Vizevorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie pocht auf die Ausbildungsgarantie, die im Koalitionsvertrag versprochen worden war. Hierfür verlangte Hannack Vorleistungen und Investitionen, sonst würden sich die Gewerkschaften nicht an der geplanten neuen "Allianz für Ausbildung" beteiligen.

Die Bundesregierung ist mit der Ausbildungsgarantie noch ganz am Anfang. "Der Diskussionsprozess zum Konzept, zu möglichen Zielen und Inhalten einer neuen 'Allianz für Aus- und Weiterbildung' hat begonnen. Inhaltliche Festlegungen sind bisher noch nicht vereinbart worden", sagte ein Sprecher Sigmar Gabriels. Gleiches gelte für die Umsetzung der "Ausbildungsgarantie".

Als ein praktisches Modell, um kleineren Betrieben bei der komplizierten Lehrlingssuche zu helfen, schlägt der Gewerkschaftsbund eine assistierte Ausbildung vor. Es soll eine Art Azubi-Manager geben, der mehreren kleinen Betrieben hilft, die richtigen Bewerber zu finden. Auch soll es möglich werden, als Azubi erst ein Jahr überbetrieblich fit gemacht zu werden und dann direkt ins zweite und dritte Lehrjahr im Betrieb einzusteigen. "Die jungen Menschen sollen eine Chance auf einen Ausbildungsabschluss bekommen", sagte Hannack.

  • SPIEGEL ONLINE
    Der gesetzliche Mindestlohn soll kommen - allerdings nicht für Praktikanten, Azubis und unter 18-Jährige. Jenny, 18, aus Esslingen und Denise, 17, aus Rommelshausen sind beide Bürokauffrau-Azubis. Sie und zehn anderen Jugendlichen haben dem Schulspiegel verraten, mit welcher Arbeit sie wie viel verdienen - und ob sie den Mindestlohn gerecht finden. mehr...

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1.
pepe_sargnagel 07.04.2014
Zitat von sysopDPADas Ausbildungssystem in Deutschland gerät aus den Fugen. Obwohl die Wirtschaft nach Lehrlingen ruft, bleibt eine Viertelmillion ohne Chance auf einen Platz. Die Zahl der Azubis sinkt auf einen historischen Tiefstand. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/lehrlinge-fehlen-fachkraeftemangel-azubi-schwund-a-962573.html
Scheinbar fragen immer weniger gut gebildete Personen die Lehre nach. Sie könnte aus diesem Grund unattraktiv für Personen sein, die im Berufsleben so oder so erfolgreich sein könnten, weil sie viele Fähigkeiten mitbringen und somit nicht in die Lehrberufe (mit immer enger werdenden Fokussierung) wollen. Andererseits scheint der Anspruch der Unternehmen an Auszubildende größer zu sein als das was die Bewerber so mibringen. Nun ja - auch das ist Markt. Er wird sich schon wieder anpassen und am Ende wird ein neues Niveau erreicht in dem beide Seiten wieder besser angeglichen sind.
2. Zeit, die Hauptschule abzuschaffen
GoaSkin 07.04.2014
Falls man am dreigliedrigen Schulsystem festhalten möchte, sollte es die Hauptschule in ihrer Form nicht mehr weitergeben. Die Hauptschulen rekrutieren Menschen, die weder von ihrer Qualifikation, noch sozial in der Lage sind, in unserer Gesellschaft alltagsfähig zu sein. Dazu stellen viele Lehrer die Leute voreingenommen darauf ein, dass ihre Zukunft aus Hartz IV mit Gelegenheitsjobs und Maßnahmen vom Arbeitsamt besteht. Wir sollten dafür sorgen, dass die Hauptschulen zu Realschulen mit erhöhtem Förderbedarf werden.
3. es wäre so einfach!
kezia_BT 07.04.2014
Statt Leute in Übergangssysteme zu stecken, werden sie auf einen freien Ausbildungsplatz vermittelt - wobei eine Auswahl nur im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten erlaubt ist. Der Betrieb, der Leute ohne Abschluß einstellt, bekommt für die Dauer der Ausbildung Unterstützung. Wird die Ausbildung hingeworfen, oder wird der Azubi aus bei ihm selbst zu suchenden Gründen gekündigt, bekommt er nicht etwa Hartz IV, sondern muß unentgeltlich gemeinnützige Arbeit leisten, bis er eine neue Stelle gefunden hat. Es haben doch beide schuld, die Azubis, weil sie unrealistische Vorstellungen haben oder schlicht zu faul zum Arbeiten sind, und die Ausbilder, weil sie zu wählerisch sind - um eine Wand anzustreichen, braucht man kein Abitur.
4. Hausgemachte Probleme
bluebill 07.04.2014
Wenn es sich über Jahre hinweg als Sackgasse erweist, einen Ausbildungsberuf zu erlernen, dann werden eben nicht mehr viele dazu bereit sein. Wer möchte schon miese Löhne und unsichere Verhältnisse? Da wird dann auf Biegen und brechen der Nachwuchs durchs Abi getrieben und muss irgendwas studieren, egal ob ihm das liegt oder nicht. Es bringt aber wenigstens bessere Chancen auf einen "normalen" Beruf mit halbwegs fairer Bezahlung und langfristiger Beschäftigung. - Abgesehen davon sind die Ansprüche an Azubis auch ins Astronomische gestiegen. Viele Ausbildungsbetriebe suchen ihren Nachwuchs per strenger Selektion in Assessment-Centern aus, wer kein Abi hat oder wenigstens Realschulabschluss, hat gar keine Chance. Das ist natürlich nicht gerade eine Motivationshilfe für junge Menschen, deren Stärke nicht das Intelektuell-Theoretische ist.
5. Scheinwahrnehmung
nick115 07.04.2014
Solange die Löhne für "Fachkräfte" nicht spürbar steigen, herrscht auch kein Fachkräftemangel. Warum wird die alte, gebrechliche Sau trotzdem immer wieder durchs Dorf getrieben? Der Spiegel selbst hat doch mal vorgerechnet wie schwachsinnig die Zahlen sind. Freie Stellen mal sieben?! warum? mit welcher Begründung?! Hier wird nur für mehr billige Arbeitskräfte getrommelt. Außerdem werden nur dieses Jahr mehr als eine 1/2 Millonen neuer Arbeitskräfte ausgebildet. Wenn wir bei 200 000 oder 100 000 pro Jahr angekommen sind, sollten wir uns Sorgen machen.
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