Viele Kinder und Jugendliche arbeiten für die Schule so viel wie Erwachsene in Vollzeitjobs - jedenfalls schätzen sie das selbst so ein. Eine Online-Umfrage, bei der rund 2000 Kinder und Jugendliche mitmachten, hatte folgendes Ergebnis: Rund 38,5 Stunden pro Woche verbringen viele Schüler mit ihren Schulsachen - die Kleinen weniger, in den Klassen 9 bis 13 gibt es aber auch schon mal Wochen mit 45 Stunden.
Die Umfrage von Unicef und dem Deutschem Kinderhilfswerk ist allerdings nicht repräsentativ, sie läuft seit Juni 2012, die Ergebnisse wurden an diesem Mittwoch vorgestellt - pünktlich zum Weltkindertag am Donnerstag. Die teilnehmenden Jungen und Mädchen klickten an, was sie in einer Woche alles machen. In einem Wochenplan beschrieben sie ihren Tagesablauf von 7.00 Uhr bis 22.00 Uhr.
Durchschnittlich 18 Stunden pro Woche verbringen sie demnach mit der Familie. An dritter Stelle steht "Chillen" mit 15 Stunden, gefolgt von Computerspielen und Fernsehen mit 14 Stunden. Dabei zeigte sich erneut: Mädchen tun im Schnitt mehr für die Schule als Jungen (40 bzw. 37 Stunden). Dafür sitzen Jungen gut 17 Stunden vor dem Computer und dem Fernseher, während Mädchen das nur zehn Stunden lang tun. Elf bis zwölf Stunden wöchentlich sind für Freunde reserviert, für Hobbys bleiben rund acht Stunden.
Manch ein Experten warnt da bereits vor Burnout, denn Kinder bräuchten Zeit zum Entspannen. "Es gibt Schulen, in denen der Stundenplan wenig Rücksicht auf die Kinder nimmt. Dann sollten die Eltern sie nicht auch noch unter Leistungsdruck setzen, etwa beim Lernen eines Instruments", sagte der Diplom-Psychologe Hermann Scheuerer-Englisch. "Manche Kinder haben innerlich keine Zeit mehr, sie empfinden das Leben als zu geordnet und überfrachtet."
Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können
Oft orientieren sich die Kinder bei ihrer Zeiteinteilung an ihren Eltern. "Eltern, die lesen, Musik machen oder Sport treiben, haben eine sehr große Vorbildwirkung", sagte Scheuerer-Englisch. Wann die Kinder aber was machen - dabei brauchen sie Hilfe. "Eltern sollten mit ihren Kindern planen, wann und in welcher Reihenfolge sie die Hausaufgaben machen. Die Aufgaben selbst aber können die Kinder alleine", sagte Scheuerer-Englisch. Eine grundsätzliche Ordnung im Alltag der Kinder sei wichtig, dazu gehörten auch gemeinsame Mahlzeiten. "Aber Kinder brauchen auch Freizeit, in der sie einfach mal nichts tun."
Kinder aus armen, bildungsfernen Familien hingegen können von Hobbys bisweilen nur träumen, berichtete Bernd Siggelkow, Initiator des christlichen Kinder- und Jugendhilfswerks Arche, der in Berlin sein neues Buch vorstellte. Armen Kindern fehle es zu Hause oft an jeglicher Unterstützung, um schulische Probleme zu bewältigen. Das Bildungssystem benachteilige sie.
Die Forderungen von Pastor Siggelkow und seinem Co-Autor Wolfgang Büscher an ein sozialeres Bildungssystem lauten deshalb: Kleinere Klassen, mehr Lehrer, doppelt so viele Sozialarbeiter, dafür weg mit Haupt- und Förderschulen. "Wir brauchen eine Kita-Pflicht schon für Zweijährige und Ganztagsschulen, an denen sich die Kinder wohlfühlen", so Siggelkow. Die Gemeinschaftsschule nach finnischem Vorbild - mit viel individueller Frühförderung - ist für ihn die Schule der Wahl.
1995 gründete Siggelkow die erste Arche 1995 in Berlin. Mittlerweile gibt es bundesweit 15 Arche-Standorte, an denen rund 2500 Kinder warmes Essen, Freizeitangebote und Betreuung bekommen.
otr/dpa
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