Berlin - Und wieder können sich die üblichen Verdächtigen auf die Schultern klopfen: Bayerns Grundschüler bekommen in einer aktuellen Bildungsstudie Bestnoten beim Lesen und Rechnen. Auch beim Verständnis von Texten liegen sie ganz vorne. Der Grundschulleistungsvergleich nach Bundesländern wurde am Freitag offiziell von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgestellt. Erste Ergebnisse drangen aber schon zuvor an die Öffentlichkeit.
Allerdings wird schon jetzt Kritik an dem Ranking laut: Sowohl Gewerkschafter als auch Bildungsexperten melden Zweifel am Sinn und Zweck der Studie an. Warum überhaupt vergleicht man so unterschiedliche Bundesländer wie Bremen und Bayern? Was nützt eine solche Rangliste? Was sagt sie über die Ursachen aus?
In allen drei getesteten Disziplinen - Lesen, Zuhören, Mathematik - dominieren in der Spitzengruppe überwiegend Länder aus dem Süden Deutschlands. Danach folgt im Leistungsranking ein sehr breites Mittelfeld mit marginalen Punktunterschieden. Erhebliche Probleme in allen drei Disziplinen haben dagegen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellte die Rangliste offen in Frage: "Es sind immer die gleichen Länder an der Spitze und die gleichen am Ende", sagte die Vizevorsitzende Marianne Demmer. "Warum das so ist, ist auch zehn Jahre nach der ersten Pisa-Studie ein Buch mit sieben Siegeln. Und wie es zu ändern wäre, ist gänzlich unerforscht."
Wie sinnvoll sind Bundesländervergleiche?
Demmer forderte "neue Akzente in der Bildungsforschung". Sinnvoller sei es, nicht komplette Bundesländer, sondern wirtschaftlich und soziokulturell ähnliche Regionen miteinander zu vergleichen.
Bildungsexperten raten seit Jahren, nicht ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, sondern besser Regionen mit ähnlichen Wirtschaftsstrukturen und Problemlagen. Also etwa Berlin mit dem Ruhrgebiet wegen der hohen Ausländerquoten unter den Schülern oder ländliche Gebiete im Osten mit denen im Westen wegen Abwanderung und Bevölkerungsrückgang.
Für den ersten rein innerdeutschen Grundschulleistungsvergleich wurden im vergangenen Jahr mehr als 30.000 Viertklässler an über 1300 Grund- und Förderschulen getestet. Anders als bei den internationalen Schulleistungsstudien Pisa, Iglu und Timss wurden die Testaufgaben für den nationalen Vergleich allein aus den von den Kultusministern verabredeten bundesweiten Bildungsstandards entwickelt. Sie beschreiben, was ein Schüler am Ende der jeweiligen Jahrgangsstufe können soll.
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Die Untersuchung bestätigt auch frühere Erkenntnisse, wonach Jungen besser rechnen, die Mädchen dagegen besser lesen und schreiben können. Dies wird besonders bei der Orthografie deutlich. Dort sind die Mädchen den Jungen im Schnitt um 32 Punkte voraus - was dem Lernfortschritt von einem halben Schuljahr entspricht.
Dass vieles nicht rund läuft an deutschen Schulen, das hatte auch - und erneut - der letzte Bundesbildungsbericht gezeigt. Er dokumentierte zwar, dass es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt und das Bildungssystem durchlässiger geworden ist - dass die Bildungschancen also steigen. Aber es zeigte sich auch, dass eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt. Sie können nicht richtig lesen oder Texte verstehen, brechen die Schule oder die Lehre ab und nehmen auch nicht an Weiterbildungskursen teil.
Die Kultusminister räumen angesichts des neuen Grundschulrankings Handlungsbedarf ein. "Die Ergebnisse sind insgesamt erfreulich, dennoch bleibt viel zu tun", sagte der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). "Insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien müssen besser gefördert werden", mahnte er.
otr/dpa
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