Lernen im Alleingang: Wie zehn Nicht-Schüler ihr Abi machen

Von Frank van Bebber

Sie sind zu zehnt, sie haben Courage, sie organisieren ihr Abitur auf eigene Faust: Eine Gruppe Freiburger Schüler hat sich von der Schule verabschiedet und selbst Lehrer angeheuert. Anders, besser wollen sie lernen - die Uhr für die Abiprüfungen tickt schon.

Um 8 Uhr hatten sie ihren privaten Mathe-Lehrer zur Sonderschicht bestellt, an der Tafel stehen noch die Formeln. Um 9 Uhr ist er dann in seine Schule gegangen. Zurück in eine Welt, die schon hinter den Schülern liegt. Für die zehn Abiturienten beginnt im Hinterhof-Saal einer Pfarrei in Freiburg ihr eigener, selbstorganisierter Schulvormittag: ohne Lehrer, ohne festen Stundenplan, ohne Gong - und überhaupt ohne alles, was den Alltag jedes anderen Abiturienten prägt.

Lenya, Simeon, Alwin und die anderen versuchen etwas, das in Deutschland höchst selten vorkommt: Sie organisieren die Lernphase bis zum Abitur selbst. Vielleicht ist es sogar das erste Experiment dieser Art, das Kultusministerium in Baden-Württemberg jedenfalls kennt kein anderes.

Selbst lernen bis zum Abi, geht das überhaupt? Es geht: In Baden-Württemberg gibt es wie anderswo die Möglichkeit eines externen Abiturs. Eigentlich war diese Einrichtung mal für Berufstätige oder Schulabbrecher gedacht, die ihr Abitur nachholen wollen. Die zehn Freiburger Abiturienten haben sich zur Lerngruppe zusammengeschlossen. Wie alle anderen müssen die Selbstlerner im nächsten Frühjahr in einem Freiburger Gymnasium zum Abi antreten. Dann entscheidet sich, ob sie es ohne Schule schaffen oder scheitern.

"Wir lernen zehnmal besser"

Auf den Tischen liegen Tabak-Päckchen und Äpfel neben Büchern wie "Sicher ins Abitur 2008". Es gibt löslichen Karamell-Kaffee. Die Schuluhr ist ein gelber Küchenwecker, der an der Garderobe baumelt. Der Zeiger wird neun Stunden vorgerückt sein, wenn die Schüler nach Hause gehen. Ein Do-it-yourself-Abitur ist zeitraubend.

"Was steht im Lehrplan für Biologie?", fragt Alwin Franke, 18. Allgemeines Blättern. Die Schüler nehmen sich vor, etwas über Genetik zu lernen. Je zwei, drei von ihnen sitzen um einen Tisch und lesen. Jeder hat sich sein Lieblings-Schulbuch ausgesucht.

Die Buchhandlung um die Ecke muss sich daran gewöhnen, dass immer wieder Schüler im Laden stehen und ihre Bücher umtauschen, weil sie finden, dass sie nichts taugen. "Lenya, hast Du das mit der DNA verstanden?", fragt Simeon Wittenberg, 19, quer über den Tisch. Sie erklärt ihm die Sache noch einmal, mit dem Doppelstrang, und den Chromosomen.

Simeon stellt sich Unterricht genau so vor: "Man lernt zehnmal besser, als wenn der Lehrer das in Portionen serviert." Lenya Bock, 19, sagt: "Wir wollen das später im Leben können, wenn auch kein Lehrer da ist." Mathe und Sprachen stehen jeweils einmal die Woche auf dem Stundenplan. Die übrige Zeit widmen die Schüler in tagelangen Blöcken Biologie, Kunst oder Ethik.

50.000 Euro kostet der Abi-Alleingang

Auf die Idee kamen Simeon, Lenya und die anderen, weil sie vom starren Unterricht gefrustet waren, vom 45-Minuten-Takt, der den Tag bestimmt. Selbst an der Oberstufe der Waldorfschule, von dort kommen sie alle zehn. "In der Oberstufe haben die auch einen knallharten Lehrplan", sagt Simeon.

Zuerst organisierten sie eine Tagung, auf der sie darüber reden wollten, wie man das Lernen anders organisieren kann. Das interessierte die Lehrer nur mäßig, sagt Simeon. Es änderte sich nichts. Da beschlossen die Schüler, ihr Abi auf eigene Faust zu machen.

Also haben sie einen Verein gegründet, sich einen Raum gemietet, Bücher und Lehrpläne besorgt und eigene Lehrer engagiert. Der Philologenverband unkte, sie würden gar keine guten Pauker finden. Ganz im Gegenteil: Sie konnten auswählen. Die Lehrer kommen am Nachmittag, sie beantworten alle Fragen der Schüler und machen mit ihnen Probeprüfungen.

50.000 Euro kostet die Schüler der Abi-Alleingang, 30.000 Euro sind über Spenden schon beisammen. Die Eltern zahlen ihnen 150 Euro im Monat, eine Bank bot einen günstigen Kredit. Um den ganzen Wust zu stemmen, mussten die Schüler Lohnbuchhaltung und Steuerrecht so nebenbei lernen.

"Riskant und zur Nachahmung nicht empfohlen"

Die Bildungs-Bürokratie reagiert vergrätzt auf so viel Initiative. Riskant sei der Weg, heißt es im Ministerium, zur Nachahmung nicht empfohlen. Simeon Wittenberg sagt: "Es ist nicht unser Hintergrund, dass wir dem Staat sagen müssen, wie schlecht sein Schulsystem ist - das weiß ohnehin jeder."

Längst sind Simeon und seine Mitschüler zu einem Beispiel für ein anderes, vielleicht besseres Lernen geworden. An manchen Tagen kommen mehr Reporter als Lehrer zu ihnen. Erst die Lokalpresse, dann die großen Blättern. In den Schlagzeilen sind sie die "Bosse" ihrer Lehrer, haben "eine eigene kleine Revolution" organisiert, oder proben als "Schul-Revoluzzer" den Aufstand. Jetzt sind noch alle auf ihrer Seite. Doch am Ende werden es ihre Abi-Noten sein, die entscheiden, ob ihr kühner Versuch gelingt.

Am Nachmittag steht Tanz auf ihrem Stundenplan, ein selbst gewählter Ausgleich. Die Schüler formen mit ihren Körpern die Befruchtung einer Eizelle aus dem Bio-Unterricht des Vormittags nach. Sie lachen Tränen.

Später kommt der Lehrer Jan Lefin, 36, zum Check des Biostoffs vom Vormittag. Immer wieder wollen die Aussteiger-Abiturienten von ihm wissen, was auch die Top-Frage in der Regelschule ist: Könnte das im Abi drankommen, muss ich diese Formel können? Lefin hat die Schuhe abgestreift, sitzt lässig in der Runde, man ist per Du.

Lefin, der sonst an einem Gymnasium unterrichtet, hält das selbst organisierte Lernen für "schneller und genauer" als in der ganz normalen Oberstufe. Trotzdem: Ohne Sympathie zu den Schülern hier und ihrem Projekt ginge das alles nicht.

Wenn es schief geht, sind sie selber schuld

Seit zehn Minuten sitzt er jetzt vor der Gruppe - so lange brauchen sie, um sich zu einigen, was er unterrichten soll. "Dann muss Jan ganze zwei Stunden Kolloquium machen?", fragt jemand. Alwin Franke lächelt genüsslich: "Ja, dafür bezahlen wir ihn doch."

Noch eine weitere Stunde braucht es, bis klar ist, wer was gelernt hat. Manche Schüler ringen mit dem großen Zusammenhang, andere fachsimpeln über Details, eine Schülerin zieht sich ihren Lidstrich nach. Eine andere schaut ins Leere.

Am Ende des Tages reden die Schüler offen über das, was sie fühlen und denken: "Wir sollten wieder mehr in der großen Gruppe gemeinsam machen", sagen einige. Trotz solcher Probleme sind sie sicher: "Wir schaffen das."

Und die Eltern? Simeons Mutter Bettina Wittenberg ist Mitglied im eigens gegründeten Verein "Methodos", bei dem die Schüler stets die Mehrheit der Stimmen haben müssen. "Wir trauen denen das zu", sagt sie. "Sie haben über Wochen Standfestigkeit gezeigt." Anfangs war sie weniger begeistert: "Sie sind ohne Netz und doppelten Boden." Rasselt ihr Sohn durch das Selfmade-Abi, hätte er als Waldorfschüler nicht einmal den Hauptschulabschluss in der Tasche.

Lenya bringt es auf den Punkt: Nicht einmal die älteste Schülerausrede der Welt könnte sie dann bringen. Denn "wenn wir es nicht schaffen, sind wir wirklich selber schuld. Wir können es auf keinen Lehrer schieben."

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Forum - Eigenverantwortlich zum Abitur - kann das funktionieren?
insgesamt 122 Beiträge
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1.
delta058 10.10.2007
Mit den richtigen Menschen kann alles ein Erfolg sein. Das Problem istdie Richtigen zu finden und die Falschen außen vor zu lassen.
2.
PaulNeu, 10.10.2007
Organisieren das die Schüler oder die Eltern mit ihrem Geld? Wenn Schüler so etwas organisieren, dann wird es sicherlich ein Erfolg, nicht wegen des Modells, sondern wegen der Teilnehmer.
3.
Taraxacum 10.10.2007
Ich dachte immer, alle Schüler würden sich eigenverantwortlich auf ihr Abitur vorbereiten. Der Unterschied ist nur, dass sie sich sonst die Lehrer nicht aussuchen dürfen.
4. bewunderswert
kamau 10.10.2007
Zitat von sysopEine Gruppe Freiburger Schüler organisiert ihr Abitur mit selbst finanzierten Lehrern auf eigene Faust. Ist dies ein Erfolg versprechendes Modell und zum Nachahmen geeignet? Oder viel zu riskant?
ich bewundere diese jungen menschen sehr! hut ab vor ihrem mut! es wäre spannend zu erfahren was sie in 10 jahren so machen! ich befürchte, dass dieses freiburger beispiel vermutlich nicht vielen nachahmer haben wird, schade, wäre eine bereicherung!
5.
SunSailor 10.10.2007
Sehe da jetzt keinen Unterschied zu dem, was die zehn im Studium erwartet. Da muss man sich den Stoff auch selbst erarbeiten, lernt in der Regel in Kleingruppen in organisierten Räumen und weiß erst hinterher, wie gut alles funktioniert hat. Insofern für das Studium vorbereitende allgemeine Abitur eher zu empfehlen, als abzulehnen. Und wenn ich mich recht erinnere, war meine Anwesenheit vor den Abi-Prüfungen auch eher überschaubar, man hat auch so lieber daheim oder anderswo gelernt. Lernen ist nun einmal indiviualsache, der Lehrer kann nur für die Präsentation und Rückfragen zuständig sein.
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