Von Philipp Alvares de Souza Soares
Bis zum Samstag, dem sechsten Tag im Soldatenleben von Janosch Süberkrüb, 21, ist nicht viel passiert. "Highlight", sagt sein Kamerad Robert, war bis dahin das Einkleiden. Die Tage vergingen mit Grundlagenunterricht und ärztlichen Untersuchungen.
Süberkrüb gehört zu den letzten Rekruten der Herrenwaldkaserne im hessischen Stadtallendorf, die vor der Aussetzung der Wehrpflicht in diesem Jahr Anfang Januar ihren Dienst verpflichtend antreten mussten.
Der Samstag beginnt um 7 Uhr mit dem Weckruf. An Wochenenden können die Rekruten zwei Stunden länger schlafen als sonst, Montag bis Freitag müssen sie um 5 Uhr morgens raus. Nach dem Aufstehen heißt es 15 Minuten Körperhygiene und Bettenmachen.
Nach dem Frühstück steht Theorie auf dem Plan: Wie funktioniert die Rangordnung der Bundeswehr? Wofür dienen wir eigentlich? Und: Muss ich wirklich jeden Befehl befolgen? Um 14 Uhr wird es dann zum ersten Mal ein bisschen ernst. Die brandneuen Stiefel müssen eingelaufen werden, um zu vermeiden, dass sich die Wehrpflichtigen Blasen laufen. Fünf Kilometer in einer Stunde, Fußgängertempo.
In der mittelhessischen Provinz verlassen Süberkrüb und seine Kameraden vom zweiten Zug die Kaserne mit neuen Stiefeln und steuern Richtung Wald.
Bislang hat er es nicht bereut, sogar das Essen schmecke super. "Außerdem ist es überhaupt nicht so hart, wie viele denken." Die in zahlreichen YouTube-Videos dokumentierte Langeweile jedenfalls kam bei ihm in der ersten Woche noch nicht auf. Ärgerlich sei es nur, wenn man als Gruppe für das Fehlverhalten eines Einzelnen haften müsse - "daran muss ich mich erst gewöhnen", sagt Soldat Süberkrüb.
Das Ende der Wehrpflicht sieht er zwiespältig: Einerseits kämen so vielleicht bessere Leute zur Bundeswehr, andererseits gehe die realistische Auseinandersetzung mit der Armee verloren, denn dann würden sie die meisten nur noch aus dem Fernsehen kennen: "Alle denken dann nur an die Toten in Afghanistan und sehen nicht, was sonst alles dazugehört", sagt er.
Zum Bund aus "halbbewusstem" Entschluss
"Tut es schon weh?", fragt der Leutnant die Rekruten während des Fünf-Kilometer-Marschs. Keiner meldet sich. Zwei Mann hinter Janosch läuft sein Kamerad Robert Gerth, 19. Die Einzugspraxis zum Wehrdienst findet er ungerecht, glaubt aber, dass vielen die Zeit guttut.
Für ihn war der Weg zum Bund eine "halbbewusste Entscheidung". Gerth will später zur Polizei und fürchtete, dass eine Ausmusterung bei einer späteren Bewerbung problematisch sein könnte. Auch der Zivildienst war keine Option, fanden seine Eltern. Das habe er "von zu Hause so mitbekommen". Da die erste Bewerbung für den Polizeidienst noch nicht erfolgreich war, blieb nur die "Notlösung" Bundeswehr. Und die dort erlernte Disziplin könne ja nicht schaden. "Das geht schließlich nirgendwo besser, als hier", sagt Gerth.
Was die kommenden sechs Monate angeht, gibt er sich optimistisch und freut sich vor allem "auf viel Sport". Nach der Grundausbildung hätte er es aber doch lieber gemütlich. Ein Bürojob wäre nicht schlecht.
Nach mehreren Malen "links schwenken" ist der zweite Zug dann nach einer Stunde zurück in der Kaserne. "Das war super", ruft der Vorgesetzte, worauf ihm die Rekruten mit "Jawohl, Herr Leutnant" antworten. Ab zum Stiefelputzen und Duschen.
Zurück in der Stube erzählt Jan Wollenberg, 22, warum er hier ist: Von Freunden habe er erfahren, dass "man beim Zivi oft doch nur rumgammelt". Zudem wollte er nicht "einfach zum Arzt gehen", um sich ausmustern zu lassen - man merkt ihm an, dass er das unanständig findet.
So kam er nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in die Herrenwaldkaserne. In seinem Stubenschrank liegen akkurat verstaute auf DIN-A4 gefaltete Hemden. Das haben sie bereits gelernt. Und Jan freut sich besonders auf die zweite Woche, denn dann beginnt die Waffenausbildung. "Ich bin aber nicht schießgeil", betont er.
63 Rekruten wurden am vergangenen Montag in die Herrenwaldkaserne eingezogen, genau wie gut 12.000 weitere Wehrpflichtige in ganz Deutschland. Doch von den letzten Wehrpflicht-Frischlingen in Stadtallendorf wurden sieben schon wieder vom Bundeswehrarzt als "untauglich" aussortiert.
"Die was auf dem Kasten haben, bleiben leider nur selten"
Auch wenn es am vergangenen Montag das letzte Mal war, sei doch alles wie immer gelaufen, sagt Oberfeldwebel Daniel Weicker, 30, einer der Ausbilder. "Pünktlichkeit, Fleiß, Ehrgeiz und Ehrlichkeit" versuche er seinen Schützlingen zu vermitteln. Zunächst gehe es aber vor allem um Selbständigkeit. Das eigene Bett machen, die Stube putzen und die Uniform richtig anziehen - alles Dinge, die viele noch lernen müssten. "Die meisten kommen ja direkt aus dem Hotel Mama", sagt Weicker.
Seit drei Jahren bildet Weicker Rekruten aus. Er weiß, dass nur rund ein Drittel eines Wehrpflichtigen-Jahrgangs für eine Bundeswehrkarriere taugt. "Die, die wirklich etwas auf dem Kasten haben, bleiben aber leider selten", fügt er hinzu. Dabei biete die Bundeswehr viele attraktive Berufe und eine langfristige Perspektive. In Zukunft müsse man aber noch attraktiver werden, um mit der freien Wirtschaft konkurrieren zu können.
Auch im letzten Durchgang gebe es viele, die zunächst unfreiwillig ihren Dienst ableisten. Dennoch fänden einige von ihnen im Laufe der Zeit Gefallen am Soldaten-Dasein und "wollen die Zeit nicht mehr missen", sagt der Oberfeldwebel. Die Kameradschaft, das gemeinsame Angehen von Herausforderungen - all das seien positive Erfahrungen. Mit dem vorläufigen Ende der Wehrpflicht gehe nun "ein wichtiger Rekrutierungskanal verloren".
Dass die Wehrpflicht so schnell kippte, hat Weicker überrascht. Künftig ohne den Pflichtnachschub vom Kreiswehrersatzamt auskommen zu müssen, verunsichert ihn auch ein wenig: "Natürlich ist es prinzipiell erst mal besser, nur den Nachwuchs zu bekommen, der auch wirklich zu uns will", sagt er. Andererseits hätten die Wehrpflichtigen in den Kasernen einfache, aber wichtige Arbeiten erledigt, die dann die Profis selbst machen müssten.
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