Jugendliche ohne Ausbildungsplatz: Bewerben, warten, weiter warten

Doppelte Abi-Jahrgänge und weniger Stellen: Mehr Jugendliche als im Vorjahr suchen erfolglos einen Ausbildungsplatz. Viele landen in Fördermaßnahmen und in Praktika - sie sollen jetzt mehr Hilfe bekommen.

Ein Azubi in Rostock: Vielen Jugendlichen glückt der Einstieg in die Ausbildung nicht Zur Großansicht
DPA

Ein Azubi in Rostock: Vielen Jugendlichen glückt der Einstieg in die Ausbildung nicht

Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind in Deutschland zuletzt deutlich mehr Jugendliche unversorgt geblieben als noch im Vorjahr. Zum 30. September waren 15.700 Bewerber ohne Ausbildungsplatz - 38,2 Prozent mehr als vor einem Jahr, wie die Bundesagentur für Arbeit berichtete. Diesen Bewerbern will der Ausbildungspakt, ein Bündnis aus Bundesregierung und deutschen Wirtschaftsverbänden, jetzt verstärkt helfen.

"Wir werden die Zahl der präventiven Maßnahmen erhöhen", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Wichtig sei die Qualifizierung und Begleitung derer, die sich schwertäten und Beratung bräuchten.

Jugendliche sollen gezielt beim Übergang in den Beruf unterstützt werden, wie die Bündnispartner sagten. Rund 270.000 junge Leute sind nach Angaben der Arbeitsagentur derzeit im sogenannten Übergangssystem zwischen Schule und Beruf - sie machen etwa ein Praktikum oder nehmen an Fördermaßnahmen teil.

Das System ist umstritten, teuer und reformbedürftig. Experten kritisieren schon lange, dass Jugendliche darin eine Warteschleife nach der anderen drehen, ohne einen Ausbildungsplatz zu finden. "Erst kurz vor Ende ihrer achtjährigen Amtszeit erkennt Ministerin Schavan die dringend notwendige Umgestaltung des Übergangssystems an", sagte Kai Gehring von den Grünen, der in der Bundestagsfraktion für Bildung zuständig ist. "Es ist überfällig, dass die Partner des Ausbildungspakts eine Straffung des Übergangssystems von der Schule in den Beruf ankündigen."

Die Jugendlichen, die im Übergangsbereich geparkt werden, konkurrieren Jahr für Jahr mit den aktuellen Schulabgängern um die vorhandenen Lehrstellen. Auch wenn sich der Ausbildungsstellenmarkt entspanne, stelle das weiterhin eine Herausforderung dar, hieß es schon im letzten Berufsbildungsbericht.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte die hohe Anzahl von Bewerbern im Übergangssystem. "Fast jeder dritte Jugendliche, der eine betriebliche Ausbildung sucht, dreht eine Warteschleife im Übergangssystem", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. "Während Arbeitgeber und Bundesregierung Jahr für Jahr eine entspannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt verkünden, haben 2,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren keinen Berufsabschluss."

Unbesetzte Stellen trotz vieler Bewerbungen - wie kommt das?

Ein weiteres Ziel des Ausbildungspakts ist es, mehr leistungsstarke Jugendliche für die duale Ausbildung zu gewinnen. "Berufliche Bildung ist gleichwertig mit der akademischen Bildung", sagte Schavan. Sie dürfe nicht der Plan B sein.

Die Zahl der Bewerber für eine Ausbildung ist trotz des demografischen Wandels gestiegen. 559.900 Jugendliche suchten im Jahr 2011/12 eine Stelle, das sind 3,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Grund dafür seien die doppelten Abiturjahrgänge, sagte Raimund Becker von der Arbeitsagentur. Die Zahl der Ausbildungsstellen ist mit 517.000 auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr. Insgesamt sei die Situation auf dem Ausbildungsmarkt positiv.

2,8 Prozent der Bewerber blieben zum 30. September ohne Stelle und 33.300 Ausbildungsplätze unbesetzt. Damit ist die Zahl der offenen Stellen höher als die der Bewerber - der Überhang liegt bei 17.600 Stellen. In vielen Branchen und Regionen haben die Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden.

Die Chance für Jugendliche, eine Stelle zu finden, sei von Region zu Region sehr verschieden, sagte Becker. Insgesamt kämen auf eine Ausbildungsstelle in Deutschland 1,17 Bewerber. Während die Situation in Bayern, Baden-Württemberg oder Mecklenburg-Vorpommern relativ gut sei, gebe es in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin deutlich mehr Bewerber als offene Stellen. "Trotz der an sich guten Situation ist es in vielen Regionen nicht einfach", sagte Becker.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler, sagte, die Einstellungsbereitschaft in den Betrieben sei hoch. "Wichtig ist, dass die Jugendlichen bereit sind, etwas zu leisten." Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Ties Rabe (SPD), kommentiert die Kluft zwischen unbesetzten Plätzen und unversorgten Bewerbern so: Eine Maßnahme sei es, die Berufsorientierung als Regelangebot an der Schule einzubinden. Auch die beruflichen Übergangsmaßnahmen müssten verbessert werden.

otr/dpa/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein Wort
robin-masters 05.11.2012
Fachkräftemangel!
2. ...
Annika Hansen 05.11.2012
Was da so von den Schulen kommt ist schon heftig. Eine Bekannte von mir betreut Jugendliche in der Warteschleife. Teilweise können die nicht richtig lesen und schreiben, von den Rechenkünsten fange ich gar nicht erst an. Kein Wunder, dass diese Jugendlichen keine Lehrstelle finden. Sozialverhalten, Ordnung, Pünktlichkeit, nicht vorhanden. Das wird dann versucht, in den Fördermaßnahmen mühsam einzuüben. Den ganzen Kram könnte man sich sparen, wenn man mehr Lehrer und Sozialarbeiter an den Schulen einstellt und schon vor der Pupertät eingreift und die Kinder ordentlich betreut.
3.
Plasmabruzzler 05.11.2012
Zitat von sysopDPADoppelte Abi-Jahrgänge und weniger Stellen: Mehr Jugendliche als im Vorjahr suchen erfolglos einen Ausbildungsplatz. Viele landen in Fördermaßnahmen und in Praktika - sie sollen jetzt mehr Hilfe bekommen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/mehr-jugendlichen-finden-keinen-ausbildungsplatz-a-865430.html
Im Artikel selber steht doch, dass Stellen offen sind: . Also: Bewerben! . Ebenso hier: 144·000 offene Lehrstellen: Tausende deutsche Betriebe suchen noch Azubis - Berufsausbildung - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/finanzen/karriere/perspektiven/berufsausbildung/144000-offene-lehrstellen-tausende-deutsche-betriebe-suchen-noch-azubis_aid_797696.html) . Beim drohenden Fachkräftemangel (s. Bundesregierung will in Fernost um Fachkräfte werben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundesregierung-will-in-fernost-um-fachkraefte-werben-a-863492.html)) dürfte doch jeder versorgt werden, oder nicht?
4. Geld
robin-masters 05.11.2012
Zitat von Annika HansenWas da so von den Schulen kommt ist schon heftig. Eine Bekannte von mir betreut Jugendliche in der Warteschleife. Teilweise können die nicht richtig lesen und schreiben, von den Rechenkünsten fange ich gar nicht erst an. Kein Wunder, dass diese Jugendlichen keine Lehrstelle finden. Sozialverhalten, Ordnung, Pünktlichkeit, nicht vorhanden. Das wird dann versucht, in den Fördermaßnahmen mühsam einzuüben. Den ganzen Kram könnte man sich sparen, wenn man mehr Lehrer und Sozialarbeiter an den Schulen einstellt und schon vor der Pupertät eingreift und die Kinder ordentlich betreut.
dazu müsste der Staat und/oder die Unternehmen ja Geld in die Hand nehmen und an die Zukunft denken, aber es interessiert ja nur das nächste Quartal. Unser Schulsystem ist eh Vorsintflutlich und eigentlich sollten wir eine Bildungsnation sein - seit dem ist aber nichts passiert. (Wir haben ja bekanntlich keien Öl oder Gold reserven daher sind die Menschen und ihre Ideen unser wichtigstes Gut)
5.
Plasmabruzzler 05.11.2012
Zitat von Annika HansenWas da so von den Schulen kommt ist schon heftig. Eine Bekannte von mir betreut Jugendliche in der Warteschleife. Teilweise können die nicht richtig lesen und schreiben, von den Rechenkünsten fange ich gar nicht erst an. Kein Wunder, dass diese Jugendlichen keine Lehrstelle finden. Sozialverhalten, Ordnung, Pünktlichkeit, nicht vorhanden. Das wird dann versucht, in den Fördermaßnahmen mühsam einzuüben. Den ganzen Kram könnte man sich sparen, wenn man mehr Lehrer und Sozialarbeiter an den Schulen einstellt und schon vor der Pupertät eingreift und die Kinder ordentlich betreut.
Ich erkenne den Kern des von Ihnen geschilderten Problems. Ich empfinde als Ursache aber dafür die Eltern, die nur peripher an der Erziehung und Bildung ihrer Kinder / ihres Kindes interessiert sind. Zu viel Verantwortung wird an den Staat bzw. an die Schule abgewälzt. Schule hat primär die Aufgabe der Bildung, nicht der Erziehung. Ob das Problem nun mit antiautoritärer Erziehung zu tun hat, sei dahingestellt. Wenn ich durch die Stadt laufe und sehe, was Eltern ihren Kindern alles durchgehen lassen, fasse ich mir manchmal an den Kopf... nein, ich bin nicht für Züchtigung, sondern für das Aufzeigen von Grenzen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Berufsausbildung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 39 Kommentare
Fotostrecke
Junge Lkw-Fahrerin: Allein unter Männern

Fotostrecke
Junge Polen als Azubis: Deutsch für Anfänger
...und was Azubis Realität ist
Unbezahlte Überstunden
Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).

Fotostrecke
Berufe - in echt: Bestatter, Chirurgin, Braumeister

Dein SPIEGEL digital
Social Networks