Mini-Kompromiss beim Abi: Ein Prüfungspool für die, die mögen

Schärfere Regeln bei sexuellen Kontakten zwischen Lehrern und Schülern, dafür kein offenes Wort zur Bildungsfinanzierung durch den Bund: Bei ihrem Treffen einigten sich die deutschen Kultusminister auf den kleinstmöglichen Konsens. Ähnliche Abituraufgaben rücken in weite Ferne.

Ministerin Schavan, Kanzlerin Merkel, KMK-Präsident Rabe: Wenig erreicht, trotzdem happy Zur Großansicht
DPA

Ministerin Schavan, Kanzlerin Merkel, KMK-Präsident Rabe: Wenig erreicht, trotzdem happy

Vergleichbare Abituraufgaben, die allerdings nicht verpflichtend sind - auf diese Minimallösung einigten sich die Kultusminister der Bundesländer auf ihrer zweitägigen Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin.

Sie wollen einen bundesweiten Pool für Prüfungsaufgaben einrichten, aus dem sich die Länder bedienen können - aber nicht müssen. "Dieser Aufgabenpool soll ab 2013 kontinuierlich wachsen und den Ländern als Angebot für den möglichen Einsatz im Abitur 2016/17 zur Verfügung gestellt werden", hieß es in der Abschlusserklärung am Freitag.

Die sechs Bundesländer Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein hatten bislang geplant, bereits in zwei Jahren ihre Abiturprüfungen anzugleichen. Sie hatten vereinbart, gemeinsame Aufgabenteile in die schriftlichen Abiturprüfungen in Deutsch, Englisch und Mathematik einzubinden. Ein Zentralabi zur gleichen Zeit mit gleichen Aufgaben sehen aber auch die Pläne dieser Allianz von Ländern nicht vor.

Schüler besser vor sexuellem Missbrauch schützen

Nun müssen die sechs Bundesländer entscheiden, ob sie diesen Plan zur schnelleren Vereinheitlichung weiterverfolge wollen. Bayern zeigte sich entschlossen: "Wir halten daran fest", sagte der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, Ludwig Unger. Für Hamburg sei das hingegen noch offen, sagte der Sprecher von Schulsenator Ties Rabe (SPD), der im Jahr 2012 auch der KMK vorsitzt.

Der auf der KMK-Sitzung vereinbarte Kompromiss sieht vor, dass im Herbst zunächst einheitliche Bildungsstandards für die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch verabschiedet werden. Über diese Standards verhandeln die Bundesländer allerdings seit Jahren. Sie sollen beschreiben, was ein Schüler am Ende der gymnasialen Oberstufe können muss, und werden vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erarbeitet, das von den Ländern gemeinsam getragen wird. Auf der KMK-Sitzung Anfang Dezember solle das IQB weitere Details zum Konzept und zum Zeitplan vorlegen.

Die Kultusminister verständigten sich außerdem darauf, dass Schüler besser vor sexuellen Übergriffen ihrer Lehrer geschützt werden müssen. "Sexuelle Grenzüberschreitungen sind - ungeachtet ihrer strafrechtlichen Relevanz - als fundamentales Versagen von Lehrkräften, als Verstoß gegen ihr Berufsethos, ihre pädagogischen Aufgaben und gegen ihre dienstlichen und arbeitsrechtlichen Pflichten zu werten", heißt es aus der Ministerrunde.

Kein Konsens beim Kooperationsverbot

Sie reagierte damit auf eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Koblenz von Ende Dezember. Die Richter hatten einen Lehrer freigesprochen, obwohl er mit einer 14-jährigen Schülerin mehrfach Sex gehabt hatte. Das Mädchen sei dem Lehrer nicht im Sinne des Gesetzes zur Erziehung anvertraut gewesen, es habe kein "Obhutsverhältnis" gemäß Paragraf 174 des Strafgesetzbuches bestanden. Die Kultusminister wollen nun prüfen lassen, ob dieser Paragraf geändert werden soll - und sich mit ihrem Vorschlag an die Justizministerkonferenz wenden. Außerdem sollen die einzelnen Länder ihre schulrechtlichen Bestimmungen verschärfen, um Schüler besser vor sexuellem Missbrauch zu schützen.

Das Kooperationsverbot stand nicht auf der offiziellen Tagesordnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die als erste Chefin des Bundeskanzleramtes eine KMK-Sitzung besuchte, rief Bund und Länder in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik zu einer entspannteren Zusammenarbeit auf. Das Kooperationsverbot verbietet dem Bund, die Länder im Bereich Schulen und Hochschulen dauerhaft finanziell zu unterstützen. Am Sonntag hatte der Koalitionsausschuss aus CDU, CSU und FDP allerdings beschlossen, das Verbot zumindest im Bereich Hochschulforschung lockern.

Der Plan geht der SPD, Grünen und Linken im Bund sowie den meisten SPD-regierten Länder und dem schwarz-gelb regierten Schleswig-Holstein jedoch nicht weit genug. Beim KMK-Treffen am Donnerstag soll sich die Mehrheit der Ländervertreter in puncto Aufweichung des Kooperationsverbotes skeptisch gezeigt haben, berichtete die "Süddeutsche Zeitung". Um das Verbot der Bundesförderung in Bildungsfragen aufzuweichen, ist eine Grundgesetzänderung nötig, der zwei Drittel in Bundestag und Bundesrat zustimmen müssen.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte ihre Länderkollegen aufgefordert, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen - aber zugleich deutlich gemacht, dass sie das eigentlich kaum für möglich hält. "Es gibt unter den 16 Ländern keinen Konsens", sagte Schavan am Donnerstag im ZDF. Schavan weiß, wovon sie spricht: Sie war von 1995 bis 2005 selbst Kultusministerin in Baden-Württemberg.

son/dpa/Reuters

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Nivellierung aufs Mittelmaß
strixaluco 09.03.2012
Wozu braucht man ein einheitliches Abitur? Man kann Fähigkeiten auch dann vergleichen, wenn man sie ehrlich beschreibt und vielleicht etwas genauer als in einem 6-Noten Schubladensystem. Die Vereinheitlichung führt nur dazu, dass über alle Leute die gleiche Soße verteilt wird - und man letztlich beim Mittelmaß herauskommt. Es gibt tausende verschiedene Berufsbilder mit unterschiedlichen Anforderungen - da ist es doch gut, dass Menschen verschieden sind. Entscheidend ist, dass jeder an der passenden Stelle ankommt, und das erreicht man nicht, in dem man alle auf eine Form zurechtstutzt. Das führt eher dazu, dass man nicht mehr weiß, wer man ist und wo man hin will!
2. Kein Titel, egal ob mit oder ohne Abitur
bissig 09.03.2012
Zitat von strixalucoWozu braucht man ein einheitliches Abitur? Man kann Fähigkeiten auch dann vergleichen, wenn man sie ehrlich beschreibt und vielleicht etwas genauer als in einem 6-Noten Schubladensystem. Die Vereinheitlichung führt nur dazu, dass über alle Leute die gleiche Soße verteilt wird - und man letztlich beim Mittelmaß herauskommt. Es gibt tausende verschiedene Berufsbilder mit unterschiedlichen Anforderungen - da ist es doch gut, dass Menschen verschieden sind. Entscheidend ist, dass jeder an der passenden Stelle ankommt, und das erreicht man nicht, in dem man alle auf eine Form zurechtstutzt. Das führt eher dazu, dass man nicht mehr weiß, wer man ist und wo man hin will!
Stellen Sie sich mal vor, sie haben zum Beispiel im Bundesland A ihr Abitur gemacht, und kommen jetzt an eine Uni im Bundesland B, die als Basis das Niveu der landeseigenen Abiturienten voraussetzt. Dann sehen Sie aber ganz schön alt aus, wenn der Stoff, der Ihnen vermittelt wurde, nicht ausreicht. Vergleichbare Prüfungsaufgaben setzen zum Beispiel voraus, dass überall auch der gleiche Stoff durchgenommen wird. D.h. man kann auch ohne weiteres und ohne Probleme in ein anderes Bundesland ziehen, das Wissen (vorausgesetzt, dieses wurde während des Schulbesuchs auch fleissig und willig aufgenommen) ist auf einem gleichen Niveau, ... Natürlich wird kein Kultusminister es auf sich sitzen lassen, dass in seinem Bundesland die Abiturienten auf einmal sooo schlecht abschneiden, d.h. es muss was passieren im Bereich Bildung. Und das ist meines Erachtens auch gut so. Und vielleicht führt der Prüfungspool auch dazu, dass inkompetente Lehrer aus dem Unterrichtsbetrieb entfernt werden (das wäre zu meiner Zeit schon erforderlich gewesen). Aber das wird wohl ein Traum bleiben. In der freien Wirtschaft ist man seinen Job schnell los, wenn man nichts taugt.
3. tja
seikor 09.03.2012
Zitat von bissigStellen Sie sich mal vor, sie haben zum Beispiel im Bundesland A ihr Abitur gemacht, und kommen jetzt an eine Uni im Bundesland B, die als Basis das Niveu der landeseigenen Abiturienten voraussetzt. Dann sehen Sie aber ganz schön alt aus, wenn der Stoff, der Ihnen vermittelt wurde, nicht ausreicht. Vergleichbare Prüfungsaufgaben setzen zum Beispiel voraus, dass überall auch der gleiche Stoff durchgenommen wird. D.h. man kann auch ohne weiteres und ohne Probleme in ein anderes Bundesland ziehen, das Wissen (vorausgesetzt, dieses wurde während des Schulbesuchs auch fleissig und willig aufgenommen) ist auf einem gleichen Niveau, ... Natürlich wird kein Kultusminister es auf sich sitzen lassen, dass in seinem Bundesland die Abiturienten auf einmal sooo schlecht abschneiden, d.h. es muss was passieren im Bereich Bildung. Und das ist meines Erachtens auch gut so. Und vielleicht führt der Prüfungspool auch dazu, dass inkompetente Lehrer aus dem Unterrichtsbetrieb entfernt werden (das wäre zu meiner Zeit schon erforderlich gewesen). Aber das wird wohl ein Traum bleiben. In der freien Wirtschaft ist man seinen Job schnell los, wenn man nichts taugt.
Es bleibt tatsächlich ein Traum, inkompetente Lehrer loszuwerden. Ebenso wie inkompetente Ärzte, inkompetente Anwälte, inkompetente Politiker, inkompetente Taxifahrer, inkompetente Journalisten.... ;) Ja, es passiert auch etwas im Bereich Bildung. Allerdings sehe ich eher eine Nivellierung auf Mittelmaß, als dass sich die schlechteren Bundesländer nach oben bewegen. Bayern ist seit der Einführung des G8 auf dem besten Wege zum Mittelmaß. Was vorher einmal ein in der Bildung führendes Bundesland war, ist heute eine Baustelle, an der jährlich gebastelt wird. Bezeichnet dafür ist das neue gemeinsame Teilabitur mit den nördlichen Bundesländern...
4.
blubs 10.03.2012
@strixaluco Da haben Sie aber nicht weit genug gedacht. DIe Vergabe der Studienplätze erfolgt nach der Abiturnote! Und dazu mal ein paar Fakten. In sehr vielen Bundesländern werden die Abituraufgaben und der durchgenommene Stoff von der jeweiligen Schule bzw. des jeweiligen Lehrers bestimmt/gestellt. Dies führt dazu, dass die Lehrer selber bestimmen können welchen Stoff sie vermehrt durchnehmen und es obliegt auch dem Lehrer wie einfach oder schwer die Aufgaben gestellt werden. In einigen Bundesländern wie z.B Bayern und BaWü werden die Abituraufgaben zentral vom Land gestellt. D.h. die Lehrer müssen einfach jeden Teil des Stoffes gleich behandeln und es liegt nicht in deren Macht wie schwer oder einfach so eine Abschlussprüfung wird. Das alleine ist schon so ein eklatanter Unterschied in der Abiturnote, was sich auch dann halt extrem auf die Vergabe der Studienplätze auswirkt und Schüler aus einigen Bundesländern klare Vorteile haben. Wenn man dann noch bedenkt, dass z.B. Bayern und BaWü bei jeglichen Vergleichen am Besten bei der Bildung abschneiden, im Schnitt aber die schlechteren Abiturnoten kassieren, so fragt man sich doch warum diese Schüler dann einen Nachteil bei der Vergabe der Studienplätze haben sollten?! Ein zentrales Abitur würden sicherstellen, dass überall in Deutschland das gleiche gelehrt wird und dass die Schüler schon alleine wegen den Vorgaben der Abiturprüfung den selben Wissenstand haben müssen. Mittelmaß wird daraus nicht, sondern eher eine Angleichung. Und ein allgemeine Hochschulreife soll ja eben noch keine Diversifizierung beinhalten. Es ist ja nicht so, dass zum jetzigen Zeitpunkt in Berlin anderer Stoff durchgenommen wird als in Bayern, soviel geben die genannten Fächer wie Mathe,Englisch Deutsch ja gar nicht her. Nur ist es halt dass diese sich aussuchen können was sie durchnehmen. Die Abiturnote und der gelernte Stoff sind sowieso nicht unbedingt maßgebend für die Eignung für ein bestimmtes Studienfach, aber nunmal Bewertungsgrundlage. Wie schon angedeutet, das wäre alles egal, wenn nicht zu 85% die Abiturnote über die Studienplatzvergabe entscheiden würde. Deswegen muss irgendwann ein zentrales Abitur her. Alles andere wäre und ist unfair.
5. Die Aufgaben sind nicht das Problem
strixaluco 10.03.2012
Zitat von bissigStellen Sie sich mal vor, sie haben zum Beispiel im Bundesland A ihr Abitur gemacht, und kommen jetzt an eine Uni im Bundesland B, die als Basis das Niveu der landeseigenen Abiturienten voraussetzt. Dann sehen Sie aber ganz schön alt aus, wenn der Stoff, der Ihnen vermittelt wurde, nicht ausreicht. Vergleichbare Prüfungsaufgaben setzen zum Beispiel voraus, dass überall auch der gleiche Stoff durchgenommen wird. D.h. man kann auch ohne weiteres und ohne Probleme in ein anderes Bundesland ziehen, das Wissen (vorausgesetzt, dieses wurde während des Schulbesuchs auch fleissig und willig aufgenommen) ist auf einem gleichen Niveau, ... Natürlich wird kein Kultusminister es auf sich sitzen lassen, dass in seinem Bundesland die Abiturienten auf einmal sooo schlecht abschneiden, d.h. es muss was passieren im Bereich Bildung. Und das ist meines Erachtens auch gut so. Und vielleicht führt der Prüfungspool auch dazu, dass inkompetente Lehrer aus dem Unterrichtsbetrieb entfernt werden (das wäre zu meiner Zeit schon erforderlich gewesen). Aber das wird wohl ein Traum bleiben. In der freien Wirtschaft ist man seinen Job schnell los, wenn man nichts taugt.
Die Leute, die ich kenne, haben in allen möglichen Bundesländern vorwiegend nicht-zentrale Abiprüfungen gemacht und sind an der Uni alle gut zurechtgekommen. Wenn nicht, hatte das bestimmt nichts mit dem Abi zu tun. Die Lehrer, die ich aus Bundesländern kenne, in denen es seit kurzem Zentralabitur gibt, sagen, dass die Durchschnittsnoten dort besser geworden sind - das spricht nicht unbedingt für eine Steigerung der Ansprüche... Das Spektrum der Aufgaben wird letztlich vorhersehbarer. Das Problem ist, dass die jetzige Notengebung die Fähigkeiten eines Menschen völlig unzureichend beschreibt. Und weil sie vor allem sehr wertend ist und Lehrer ihren Schülern normalerweise erst einmal nichts verbauen wollen, sind sie oft einfach überhaupt nicht ehrlich. Von Leuten, die Schülern bewusst etwas auswischen wollen, reden wir mal gar nicht. - Besser wäre es, Fähigkeiten weniger persönlich angreifend und wesentlich genauer darzustellen. Dann könnte man vergleichen, auch wenn jemand im einzelnen unterschiedliche Aufgaben bearbeitet hat.
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