Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nachhilfe im Schneeballsystem: Studenten unterrichten Schüler unterrichten Schüler

Von Eva Peigné

Die Idee ist simpel: günstige Nachhilfe von Migranten für Migranten. Erfunden hat's Murat Vural und erhält dafür am Dienstag das Bundesverdienstkreuz. Denn das feine Projekt ist inzwischen ein Riesenerfolg, auch deutsche Schüler machen begeistert mit - nur viele Schulen sperren sich.

Nachhilfe im Schneeballsystem: Studenten unterrichten Schüler unterrichten Schüler Fotos
Eva Kopytto

Alina Zimmermann, 12, weiß nicht weiter. Es geht um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Neben ihr sitzt Oberstufenschülerin Asmae Zauzau, 17, und erklärt, wie die Lösung aussehen könnte. Asmae hat Leistungskurs Mathe und kennt sich aus mit Zahlen. Seit sie selbst Nachhilfe bekommt, noch besser. Doch nicht auf jede Frage hat sie diesmal eine Antwort. Deshalb geht sie ein paar Tische weiter zu Anna Zontek, 23. Die Polin studiert BWL und kann weiterhelfen. Wenige Minuten später steht die Lösung an der Tafel.

Ein typischer Nachmittag in der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Bochum. Die Reinigungskräfte sind zugange, die Flure leer. Nur im ersten Obergeschoss sitzen rund 40 Schüler und Studenten in Kleingruppen zusammen und lernen. Ein Blick in ihre Gesichter verrät: Viele sind Kinder von Einwanderern. Die Lerntruppe ist bunt zusammengewürfelt aus verschiedenen Klassen, Altersstufen und sozialen Schichten. Und doch gibt es keine Spur von Hierarchie, die Atmosphäre ist freundschaftlich.

Alle sind freiwillig hier. "Viele Lehrer haben gesagt, ich schaffe das Abitur sowieso nicht. Denen und mir selbst will ich es beweisen", sagt Asmae Zauzau. Das "Chancenwerk" soll ihr und den anderen dabei helfen. So will es Gründer Murat Vural, 35. "Jeder in Deutschland soll eine Chance bekommen etwas zu werden, aber auch etwas dafür tun", sagt der Doktorand der Elektrotechnik an der Uni Bochum und hat deswegen das interkulturelle Förderprojekt gestartet. Für sein Engagement wird er am Dienstag geehrt: mit dem Bundesverdienstkreuz.

"Durch Nachhilfe werde ich viel sicherer"

Das System basiert auf dem Grundsatz "Hilfe nehmen, Hilfe geben": Studenten helfen Oberstufenschülern in Mathe, Englisch und was sonst noch anfällt. Als Gegenleistung betreuen die Schüler wiederum Jüngere bei den Hausaufgaben und geben ihnen Nachhilfe.

Nachhilfe ist in Deutschland ein Milliardengeschäft. Bei Vurals Projekt geht es nicht ums Geld: Die Unterstufenschüler zahlen für bis zu 16 Stunden Nachhilfe einen Beitrag von nur zehn Euro im Monat. Davon können wiederum die Studenten bezahlt werden. Letztlich ergibt sich daraus ein Schneeballsystem mit Breitenwirkung: Ein Student hilft acht Oberstufenschülern, die helfen 16 Unterstufenschülern. Bisher haben bereits rund 1200 Schüler und Studenten von der simplen und pfiffigen Nachhilfe-Idee profitiert.

"Früher waren meine Noten im Keller, jetzt bin ich besser geworden, habe Zweien, und das Lernen macht Spaß, weil unsere Betreuer nette Schüler sind, die uns besser verstehen als Lehrer", sagt Alina. Auch ihr kleiner Bruder Chris übt einen Raum weiter fleißig Vokabeln mit der Oberstufenschülerin Merve Agagündüz. Sie ist vor drei Jahren aus der Türkei gekommen und konnte kein Wort Deutsch. Lehrerin werden, das ist ihr Traum. Deshalb paukt sie selbst zweimal die Woche mit Studenten fürs Abitur: "Durch die Nachhilfe werde ich viel sicherer. Und es ist eine gute Übung für meinen späteren Job."

Ableger in ganz Deutschland, obendrein das Bundesverdienstkreuz

Selbstsicherheit und Perspektiven, auch das will Murat Vural durch sein Nachhilfe-Projekt vermitteln. Los ging es vor sechs Jahren an einer Schule im Ruhrgebiet. Die Idee war auch Vurals persönliche Antwort auf die schlechten Ergebnisse der Pisa-Studie. Mittlerweile sind 17 Schulen deutschlandweit dabei, Ableger in Österreich und anderen Ländern sind geplant.

Anfangs richtete sich das Angebot nur an türkische Kinder, dann kamen andere Nationalitäten und letztlich auch Deutsche dazu. "Wir sind als Integrationsprojekt gestartet, mittlerweile sind wir ein anerkanntes Bildungsprojekt", sagt Vural stolz.

Auch wenn sich sein Nachhilfesystem bewährt hat und mehrere Stiftungen das Projekt unterstützen, läuft Vural bei den Schulen keineswegs offenen Türen ein. "Das Geld ist da, das Konzept ist da, der Bedarf ist da, aber wir müssen teilweise monatelange Überzeugungsarbeit leisten, bis die Schulen mitmachen." Von 150 verschickten Anfragen an die Schulen komme nur eine zurück.

Von der frustrierenden Bilanz, vom Desinteresse der Schulen lässt Murat Vural sich nicht abschrecken. Er will weiter Brücken bauen, zwischen Schulministerien, Schulen und Eltern, um für sein erfolgreiches Schneeballsystem zu werben.

Seine Erfolgsgeschichte soll andere motivieren

Ein Blick vom Balkon hatte den Schneeball ins Rollen gebracht. Vor sechs Jahren schaute Vural in eine Traube spielender Einwandererkinder, mitten in einer Hochhaussiedlung in Castrop-Rauxel. Als er später zur Uni fuhrt, traf er dort so gut wie keinen Studenten mit Migrationshintergrund. Da hatte er diese eine Frage im Kopf: Wo sind die geblieben - was ist schiefgelaufen? Seitdem setzt Vural sich dafür ein, dass mehr Schüler Bildungschancen bekommen und sie auch nutzen. Schließlich hat er es auch an die Uni geschafft. Und das, obwohl seine Startbedingungen alles andere als optimal waren.

Als Sohn von Gastarbeitern wurde er ohne Deutschkenntnisse eingeschult. Kaum hatte er einigermaßen Deutsch gelernt, gingen er und seine Eltern zurück in die Türkei, er kam aufs Internat. Ein Kulturschock: "Wieder gab es Sprachprobleme, diesmal auf Türkisch. Aber schon mit 14 Jahren hatte ich ein Ziel: Ich wollte Ingenieur werden. Ich war gut in Mathe, das hat mir Selbstbewusstsein gegeben."

Zwei Jahre später kehrten er und seine Familie zurück nach Deutschland. Murat kam auf die Hauptschule und boxte sich durch bis an die Gesamtschule. Dort machte er sein Abitur und konnte endlich studieren.

Seine Erfolgsgeschichte erzählt er an diesem Nachmittag in Bochum auch den Schülern der Heinrich-Böll-Gesamtschule. Er ist gekommen, um sich persönlich davon zu überzeugen, wie sein Projekt hier läuft. Für viele ist er mittlerweile ein Vorbild, jemand, der ihre Probleme kennt und versteht, weil er Ähnliches erlebt hat.

Nach zwei Stunden geht Vural mit einem Lächeln zum nächsten Termin. Er konnte wieder einige Schüler motivieren - und damit seinem Ziel ein Stück näher kommen. "Jedes Kind soll wissen, was es in Deutschland erreichen kann." Und vielleicht, hofft er, trifft er genau diese Schüler in einigen Jahren wieder. An der Uni.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Verdienstkreuz Auszeichnung falsch verstanden
Dunedin, 14.12.2010
Warum Bundesverdienstkreuz ? Hab´ ich das falsch verstanden , er hat ein Schneballsystem erfunden, das Migranten Hilfe von Migranten anbietet ? Wo hat er sich denn um die Bundesrepublik verdient gemacht, sollte es nicht erst dann ein Bundeverdienstkreuz geben ? Naja, Gerhatd Schröder hat ja sogar den Scorpions, seine Lieblingsband mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet, besser kann man so eine Auszeichnung gar nicht disqualifizieren. Scheint heute Mode zu sein, wenn ich nur an die Vergabe des Friedensnobelpreises an Barak Obama, der dafür NULL geleistet hat,denke.
2. Verdienstkreuz Auszeichnung falsch verstanden
Dunedin, 14.12.2010
Warum Bundesverdienstkreuz ? Hab´ ich das falsch verstanden , er hat ein Schneballsystem erfunden, das Migranten Hilfe von Migranten anbietet ? Wo hat er sich denn um die Bundesrepublik verdient gemacht, sollte es nicht erst dann ein Bundeverdienstkreuz geben ? Naja, Gerhatd Schröder hat ja sogar den Scorpions, seine Lieblingsband mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet, besser kann man so eine Auszeichnung gar nicht disqualifizieren. Scheint heute Mode zu sein, wenn ich nur an die Vergabe des Friedensnobelpreises an Barak Obama, der dafür NULL geleistet hat,denke.
3. So einfach
ohmscher 14.12.2010
Zitat von sysopDie Idee ist simpel: günstige Nachhilfe von Migranten für Migranten. Erfunden hat's Murat*Vural und erhält dafür Dienstag das Bundesverdienstkreuz. Denn das feine Projekt ist inzwischen ein Riesenerfolg, auch deutsche Schüler machen begeistert mit - nur viele Schulen sperren sich. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,734293,00.html
Ja ja, ein Schneeballsystem, funktioniert von ganz alleine und verbreitet sich exponentiell. Deswegen müssen wir's auch alle gut finden und die Schulen, die nicht sofort mitmachen, sind wieder die üblichen deutschen Miesepeter. Und die Studenten, die nicht die Zeit - oder das Geschick - haben, *acht* Oberstufenschülern zu helfen, sind Faulpelze.
4. .
Pnin, 14.12.2010
Zitat von DunedinWarum Bundesverdienstkreuz ? Hab´ ich das falsch verstanden , er hat ein Schneballsystem erfunden, das Migranten Hilfe von Migranten anbietet ? Wo hat er sich denn um die Bundesrepublik verdient gemacht, sollte es nicht erst dann ein Bundeverdienstkreuz geben ? Naja, Gerhatd Schröder hat ja sogar den Scorpions, seine Lieblingsband mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet, besser kann man so eine Auszeichnung gar nicht disqualifizieren. Scheint heute Mode zu sein, wenn ich nur an die Vergabe des Friedensnobelpreises an Barak Obama, der dafür NULL geleistet hat,denke.
Huh? Zunächst mal gehören auch Migranten zur "Bundesrepublik", weshalb es natürlich grundsätzlich legitim ist, eine derartige Auszeichnung für eine Leistung mit Bezug auf Migranten zu vergeben. Im Artikel steht jedoch außerdem fett drin: auch deutsche Schüler machen begeistert mit... Was den tatsächlichen Erfolg betrifft, bin ich als ehemaliger studentischer "Nachhelfer" allerdings skeptisch.
5. ja, wo sind sie denn?
alaxa 14.12.2010
"Als er später zur Uni fuhrt, traf er dort so gut wie keinen Studenten mit Migrationshintergrund." Ich kann aber an Unis sehr wohl viele Studenten mit Migrationshintergrund sehen. Dies ist wieder mal ein typischer Fall von evtl. gewollter sprachlicher Unschärfe bzw. Verschleierung von Tatsachen: Migranten sind "Wanderer" aus allen möglichen Staaten. Der Anteil von z.B. Vietnamesen an Gymnasien und dann auch Universitäten ist in Bezug auf die eine oder andere Migrantengruppe relativ hoch. Der zitierte Gründer dieser Nachhilfe-Vereinigung sollte doch deutlicher ausdrücken, wen genau er in diesem Satz mit "Migranten" meint. Wenn SPON bzw. die gesamte Presse die diversen Migrantengruppen differenzierter betrachten würde, wäre der von Sarrazin angeschobenen Diskussion mehr geholfen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Schülerlotsen: Die deutschen Pisa-Experten

Fotostrecke
Pisa in Grafiken: Deutsche holen beim Lesen auf - ein wenig
Alle Ergebnisse: Die Pisa-Studie 2009
Klicken Sie auf die Überschriften, um die Tabellen zu sehen...
Lesen
Pisa-Studie 2009 - Lese-Kompetenz
Land Punkte
Korea 539
Finnland 536
Kanada 524
Neuseeland 521
Japan 520
Australien 515
Niederlande 508
Belgien 506
Norwegen 503
Estland 501
Schweiz 501
Polen 500
Island 500
USA 500
Schweden 497
Deutschland 497
Irland 496
Frankreich 496
Dänemark 495
Großbritannien 494
Ungarn 494
Portugal 489
Italien 486
Slowenien 483
Griechenland 483
Spanien 481
Tschechien 478
Slowakei 477
Israel 474
Luxemburg 472
Österreich 470
Türkei 464
Chile 449
Mexiko 425
Quelle: OECD
Mathematik
Pisa-Studie 2009 - Mathematik-Kompetenz
Land Punkte
Korea 546
Finnland 541
Schweiz 534
Japan 529
Kanada 527
Niederlande 526
Neuseeland 519
Belgien 515
Australien 514
Deutschland 513
Estland 512
Island 507
Dänemark 503
Slowenien 501
Norwegen 498
Frankreich 497
Slowakei 497
Österreich 496
Polen 495
Schweden 494
Tschechien 493
Großbritannien 492
Ungarn 490
Luxemburg 489
USA 487
Irland 487
Portugal 487
Spanien 483
Italien 483
Griechenland 466
Israel 447
Türkei 445
Chile 421
Mexiko 419
Quelle: OECD
Naturwissenschaften
Pisa-Studie 2009 - Kompetenz Naturwissenschaften
Land Punkte
Finnland 554
Japan 539
Korea 538
Neuseeland 532
Kanada 529
Estland 528
Australien 527
Niederlande 522
Deutschland 520
Schweiz 517
Großbritannien 514
Slowenien 512
Polen 508
Irland 508
Belgien 507
Ungarn 503
USA 502
Tschechien 500
Norwegen 500
Dänemark 499
Frankreich 498
Island 496
Schweden 495
Österreich 494
Portugal 493
Slowakei 490
Italien 489
Spanien 488
Luxemburg 484
Griechenland 470
Israel 455
Türkei 454
Chile 447
Mexiko 416
Quelle: OECD

Fotostrecke
Nachhilfe: Was Deutsche in gute Noten investieren

DPA
Gut zwei Stunden dauerte der Pisa-Test, in dem 15-Jährige Schüler Fragen beantworteten: zur Lesekompetenz, zu Mathematik und Naturwissenschaften.
Einige Beispielaufgaben
zeigen die Anforderungen an die Schüler. mehr...

Social Networks