Neue Bildungsstudie: Sitzenbleiben ist nutzlos und teuer
Wenn Schüler eine Klasse wiederholen müssen, ist das ärgerlich, nicht nur für sie selbst: Ehrenrunden fressen laut einer neuen Studie rund eine Milliarde Euro pro Jahr - und niemand hat etwas davon: Statt sich zu verbessern, verplempern Wiederholer meist lediglich Lebenszeit.
Das Sitzenbleiben in der Schule kostet den Steuerzahler einer neuen Studie zufolge jedes Jahr fast eine Milliarde Euro, ohne pädagogische Erfolge zu zeigen. Das hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet. Wie die Stiftung am Donnerstag mitteilte, geben die Bundesländer für "Ehrenrunden" 931 Millionen Euro im Jahr aus. Eine Leistungsverbesserung bleibe bei den meisten Klassenwiederholern allerdings aus.
Der Studie zufolge mussten von den rund neun Millionen Schülern in Deutschland im Schuljahr 2007/2008 rund 250.000 eine Klasse wiederholen, also knapp jeder 40. Errechnet wurden die dadurch entstandenen Kosten aus zusätzlichen Personalausgaben für die Schulen und die Schulverwaltung, den laufenden Sachaufwand sowie die Investitionsausgaben.
Die Stiftung forderte am Donnerstag, das Sitzenbleiben auf einzelne Ausnahmen zu beschränken und schwächelnde Schüler stattdessen verstärkt individuell zu fördern. Denn Sitzenbleiben hat laut Klemm bei den Schülern offenbar keinen nachhaltigen Effekt: Die empirische Forschung sehe höchstens im Wiederholerjahr eine Verbesserung der schulischen Leistung. Bereits im nächsten Schuljahr, in dem die Anforderungen neu und höher seien, würden die Leistungen wieder sinken, heißt es in der Studie. Auch die im Klassenverbund verbliebenen Schüler haben der Studie zufolge nichts davon, dass schwächere Mitschüler ihre Klasse verlassen mussten - eine verbesserte Lernentwicklung zeigen sie nicht.
"Jeder Schüler lernt anders"
Die Ausgaben von fast einer Milliarde Euro jährlich für das Sitzenbleiben könnten daher erheblich besser investiert werden, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Viel sinnvoller sei es, mit diesem Geld die individuelle Förderung an den Schulen voranzubringen. "Jeder Schüler lernt anders, dieser Tatsache müssen wir stärker in unseren Schulen Rechnung tragen und Konzepte zur individuellen Förderung entwickeln", erklärte er. Klassenwiederholungen sollten eine Ausnahme beispielsweise für den Fall langwieriger Erkrankungen sein.
Bei der Berechnung der Kosten wurde berücksichtigt, dass manche Länder die Lehrerzuweisung nach der Anzahl der Schüler ausrichten, andere aber nach der Anzahl der Klassen. Denn im zweiten Fall könnte ein Sitzenbleiber eine Klasse lediglich vergrößern, ohne dass zusätzliche Personalkosten entstünden.
So ergeben sich je nach Bundesland sehr unterschiedliche Ausgaben für Klassenwiederholungen: In Bayern, wo der Personalbedarf nach der Zahl der Schüler errechnet wird, sind es umgelegt auf alle Schüler rund 196 Euro pro Schüler und Schuljahr; Baden-Württemberg, wo die Zahl der Klassen entscheidend ist, gibt nur rund 40 Euro pro Schüler für die Ehrenrunden aus (siehe Grafik oben links).
Früheren Pisa-Ergebnissen zufolge treffen Wiederholungen sehr viele Schüler: Fast jeder vierte aller 15-Jährigen ist im Laufe der Schulzeit mindestens einmal sitzengeblieben - so viel wie in keinem anderen Land, das an den Pisa-Vergleichen teilnahm. Zwischen den deutschen Bundesländern gibt es bei der Wiederholerquote allerdings große Unterschiede, wie die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Während der Anteil der Sitzenbleiber in Baden-Württemberg im Untersuchungsjahr 2007/2008 nur bei 1,7 Prozent lag, waren es in Bayern rund 3,6 Prozent aller Schüler.
"Wir gehen mit der Lebenszeit der Kinder nicht verantwortungsvoll um"
Auch bei den Schulformen gibt es Unterschiede: Insgesamt machen Realschulen am häufigsten Gebrauch von der Ehrenrunde. Hier lag die Quote bei fünf Prozent. Bei Hauptschulen waren es 3,9 Prozent, bei Gymnasien 2 (Sekundarstufe I) bzw. 2,8 Prozent (Sekundarstufe II). In integrierten Gesamtschulen blieben 2,4 Prozent (Sekundarstufe I) bzw. 2,9 Prozent (Sekundarstufe II) sitzen. In den Grundschulen dagegen lag die Quote nur bei 1,3 Prozent.
"Sitzenbleiben bringt dem Schüler nichts und ist außerdem ineffizient. Dieser Unsinn ist nämlich ziemlich teuer", hatte auch Pisa-Chef Andreas Schleicher im Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt. Viele andere Länder verzichten komplett darauf und setzen, besonders in Skandinavien, deutlich stärker auf individuelle Förderung von schwächelnden Schülern. "Kein Kind darf zurückbleiben" - diese Forderung spielt dort eine größere Rolle.
Inzwischen beginnen einige Bundesländer damit, mit versetzungsgefährdeten Schülern anders umzugehen. So soll es Sitzenbleiben in Berlin künftig nur noch in Ausnahmefällen geben, in Hamburg wird es abgeschafft, und in Rheinland-Pfalz soll die Quote durch individuelle Förderung gedrückt werden. Auch in Nordrhein-Westfalen läuft ein Modellprojekt, bei dem gefährdete Schüler besonders gefördert werden. Dort zählt Schulministerin Barbara Sommer selbst zu den früheren Sitzenbleibern, wie sie einmal freimütig einräumte.
Wie für viele Lehrer, so ist Sitzenbleiben oft auch in den Köpfen von Eltern nach wie vor ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems. Bei einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2006 schätzten zwei Drittel der Deutschen das Sitzenbleiben als sinnvoll ein und wollen es als pädagogische Maßnahme beibehalten.
Die Bertelsmann-Stiftung dagegen kann darin wenig pädagogischen Sinn entdecken. Dieses Denken müsse sich ändern, da "wir weder mit der Lebenszeit und dem Entwicklungspotential der Kinder noch mit den öffentlichen Mitteln verantwortungsvoll umgehen", kritisierte Jörg Dräger.
bim/dpa/AP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Wissen
- RSS
- alles zum Thema Grundschule
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Donnerstag, 03.09.2009 – 18:58 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Bildungs-Ungerechtigkeit: Jedes dritte Kind geht auf die falsche Schule (26.08.2009)
- Erstklässler: Warum früh eingeschulte Kinder seltener aufs Gymnasium wechseln (28.08.2009)
- Schulumbau in Berlin: Senator Zöllner präsentiert sein Konzept (10.02.2009)
- Schwarz-grüne Schulreform: Keine Noten, kein Sitzenbleiben, zwei Einschulungstermine (03.02.2009)
- Pisa-Test: "Erster in der zweiten Liga zu sein, reicht nicht" (18.11.2008)
- Teuer, sinnlos, frustrierend: Weg mit der Ehrenrunde (06.05.2008)
- Mein erstes Mal: Sonja, 16, bleibt als Einzige sitzen (28.10.2005)
- Sitzenbleiben: Nichts als verplemperte Zeit? (08.07.2005)
MEHR AUS DEM RESSORT SCHULSPIEGEL
-
Mein erstes Mal
Das habe ich noch nie erlebt: Premieren, die den Puls hochjagen -
Karrieren
Wie werde ich...? Prominente erzählen die Geschichte ihres Lebens -
Austauschlog
Ab ins Ausland: Notizen aus dem spannendsten Jahr der Schulzeit -
Tools
Ferien, Referathilfe, Austausch und mehr: Der SchulSPIEGEL-Service -
Jugendsprache
Quiz: Sprechen Sie jugendlich? Check das mal pornös aus!
