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Neue Pisa-Studie: Deutschlands Schüler immer noch Mittelmaß

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Die neue Pisa-Studie liegt vor, Lesen ist der Schwerpunkt - und die Ergebnisse sind für Deutschlands Schüler durchwachsen. Sie haben ihre Position leicht verbessert, sind aber von den Spitzenländern noch weit entfernt. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf Leistungen ist weiterhin groß.

Hauptschüler: Wie gut oder schlecht sind die Deutschen wirklich? Zur Großansicht
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Hauptschüler: Wie gut oder schlecht sind die Deutschen wirklich?

Berlin - Deutschlands Schüler haben in den vergangenen Jahren gegenüber Gleichaltrigen in anderen Ländern ein wenig aufgeholt. Die neue Pisa-Studie 2009 ergibt: Die Lesefähigkeiten der 15-Jährigen haben sich gegenüber dem Jahr 2000 um 13 auf 497 Punkte verbessert. Sie erreichen allerdings im Vergleich zu anderen Industriestaaten nur ein durchschnittliches Niveau.

Insgesamt ist der Abstand zu den Spitzenländern weiter enorm. Schüler in Korea (539 Punkte) und Finnland (536) haben gegenüber deutschen Neuntklässlern einen Vorsprung von rund einem Schuljahr - siehe Grafiken:

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Pisa in Grafiken: Deutsche holen beim Lesen auf - ein wenig
Für die vierte Pisa-Studie hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Frühjahr 2009 in 65 Ländern fast eine halbe Million Schüler getestet. Im Mittelpunkt stand die Lesekompetenz der 15-Jährigen - wie im Jahr 2000. Danach folgten 2003 als Schwerpunkt Mathematik und 2006 die Naturwissenschaften, die beiden anderen großen Bereiche der Pisa-Studien. Mit der nun vorgelegten Studie beginnt ein neuer Zyklus, womit beim Lesen erstmals belastbare Vergleiche möglich werden.

In Deutschland nahmen rund 5000 zufällig ausgewählte Jugendliche aus 226 Schulen teil. Einen Bundesländer-Vergleich gibt es nicht. Neben dem eigentlichen Test füllten die Schüler Fragebogen aus, Eltern und Lehrer ebenso.

Auch zu Mathematik und Naturwissenschaften enthält die neue Studie Ergebnisse. Bei Pisa 2000 waren die Deutschen hier schlechter als der Durchschnitt, 2003 und 2006 gab es Fortschritte, in der aktuellen Studie erzielen die Schüler nun in beiden Bereichen überdurchschnittliche Werte - siehe Tabellen-Ranking im Kasten:

Alle Ergebnisse: Die Pisa-Studie 2009
Klicken Sie auf die Überschriften, um die Tabellen zu sehen...
Lesen
Pisa-Studie 2009 - Lese-Kompetenz
Land Punkte
Korea 539
Finnland 536
Kanada 524
Neuseeland 521
Japan 520
Australien 515
Niederlande 508
Belgien 506
Norwegen 503
Estland 501
Schweiz 501
Polen 500
Island 500
USA 500
Schweden 497
Deutschland 497
Irland 496
Frankreich 496
Dänemark 495
Großbritannien 494
Ungarn 494
Portugal 489
Italien 486
Slowenien 483
Griechenland 483
Spanien 481
Tschechien 478
Slowakei 477
Israel 474
Luxemburg 472
Österreich 470
Türkei 464
Chile 449
Mexiko 425
Quelle: OECD
Mathematik
Pisa-Studie 2009 - Mathematik-Kompetenz
Land Punkte
Korea 546
Finnland 541
Schweiz 534
Japan 529
Kanada 527
Niederlande 526
Neuseeland 519
Belgien 515
Australien 514
Deutschland 513
Estland 512
Island 507
Dänemark 503
Slowenien 501
Norwegen 498
Frankreich 497
Slowakei 497
Österreich 496
Polen 495
Schweden 494
Tschechien 493
Großbritannien 492
Ungarn 490
Luxemburg 489
USA 487
Irland 487
Portugal 487
Spanien 483
Italien 483
Griechenland 466
Israel 447
Türkei 445
Chile 421
Mexiko 419
Quelle: OECD
Naturwissenschaften
Pisa-Studie 2009 - Kompetenz Naturwissenschaften
Land Punkte
Finnland 554
Japan 539
Korea 538
Neuseeland 532
Kanada 529
Estland 528
Australien 527
Niederlande 522
Deutschland 520
Schweiz 517
Großbritannien 514
Slowenien 512
Polen 508
Irland 508
Belgien 507
Ungarn 503
USA 502
Tschechien 500
Norwegen 500
Dänemark 499
Frankreich 498
Island 496
Schweden 495
Österreich 494
Portugal 493
Slowakei 490
Italien 489
Spanien 488
Luxemburg 484
Griechenland 470
Israel 455
Türkei 454
Chile 447
Mexiko 416
Quelle: OECD
Im internationalen Vergleich erreichen vor allem asiatische Staaten Spitzenwerte. Die besten Ergebnisse erreichten Schüler im chinesischen Shanghai, gefolgt von Südkorea. Unter den Top fünf befinden sich zudem Hong Kong und Singapur. Finnland landet in dem Gesamtranking, in dem nicht nur die OECD-Staaten sondern auch Partnerländer und -regionen aufgeführt werden, auf Platz drei. Einer der größten Verlierer ist Österreich: Es verlor deutlich an Punkten und ist bei der Lesekompetenz im Vergleich der OECD-Staaten auf dem viertletzten Rang.

Die wichtigste Erklärung für das verbesserte deutsche Ergebnis bei der Lesekompetenz: Die Zahl der 15-Jährigen, die nur auf Grundschulniveau oder schlechter lesen können, ist zurückgegangen. Im Jahr 2000 fielen 22,6 Prozent in diese schwächste Kategorie - jetzt sind es noch 18,5 Prozent, fast genau der Durchschnitt der OECD-Staaten. Der Rückgang um rund vier Prozentpunkte ist allerdings vergleichsweise gering. In Lettland zum Beispiel waren es 13 Prozentpunkte.

Der deutsche Trend gilt außerdem für Jungen und Mädchen nicht gleichermaßen stark. Die Schülerinnen konnten sich deutlich verbessern, der Anteil auf Grundschulniveau oder niedriger sank um knapp sechs Prozentpunkte auf etwa 13 Prozent. Bei den Jungen ging die Zahl der Risikoschüler dagegen nur leicht zurück, auf 24 Prozent, drei Prozentpunkte weniger als im Jahr 2000.

DPA
Gut zwei Stunden dauerte der Pisa-Test, in dem 15-Jährige Schüler Fragen beantworteten: zur Lesekompetenz, zu Mathematik und Naturwissenschaften.
Einige Beispielaufgaben
zeigen die Anforderungen an die Schüler. mehr...

Zugleich sank bei den Jungen der Anteil derjenigen, die auf dem höchsten Leistungsniveau lesen können - von rund sieben auf etwa vier Prozent. Die Spitzengruppe der Mädchen stagnierte bei elf Prozent.

Einfluss der sozialen Herkunft und des Umfelds immer noch groß

Wie gut Schüler lesen und aus welcher gesellschaftlichen Gruppe sie kommen, dazwischen gab es in Deutschland immer einen Zusammenhang. Der hat sich zwar verringert, bleibt aber zu bedeutend, zeigt die neue Pisa-Studie:

  • In Deutschland gelingt es sechs Prozent der sozial benachteiligten Schüler, trotz ihrer ungünstigen Aussichten ein hohes Leistungssniveau zu erreichen. Im OECD-Mittel sind es acht Prozent.
  • 18 Prozent der Leistungsunterschiede unter den Schülern führen die Experten auf deren sozialen Hintergrund zurück. Der Durchschnitt beträgt 14 Prozent.

Viel kommt dabei auf die individuelle Familiensituation des einzelnen Schülers an. Doch die neue Studie rückt einen weiteren, oft unbeachteten Faktor in den Blickpunkt - die Lage und das Umfeld der Schulen. Um dieses Umfeld zu bewerten, zogen die Forscher Faktoren wie Bildungsabschlüsse und Berufstätigkeit von Eltern sowie die Anzahl der Bücher in Haushalten heran. Sie fanden heraus:

  • Wer auf eine Schule in einem schwachen Umfeld geht, hat mehr als 100 Pisa-Punkte Rückstand auf Jugendliche, die - bei gleichen sozialen Voraussetzungen - in einem günstigen Umfeld zur Schule gehen.
  • Wenn ein Schüler auch noch aus einer sozial schwachen Familie kommt, ist der Einfluss des Schulumfelds auf seine Leistungen groß - und in Deutschland ist er so groß wie nirgendwo sonst in den untersuchten Ländern.

Die Forscher stellen international einen grotesken Zusammenhang zwischen der Lage und der Ausstattung der Schulen fest: Schulen in sozial schwachen Gegenden haben eher eine schlechte Ausstattung als jene in besseren Gegenden.

Einwandererkinder benachteiligt, frühe Selektion problematisch

"Die Ergebnisse weisen daraufhin, dass viele Schüler gleich doppelt benachteiligt sind", heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Besonders betroffen von den Mängeln des deutschen Bildungssystems:

  • Einwandererkinder, deren Eltern beide nicht in Deutschland geboren wurden. Sie schneiden weiter deutlich schlechter ab als ihre Mitschüler - der Abstand beträgt 56 Punkte. Bei Pisa 2000 betrug er allerdings 84 Punkte und hat sich somit deutlich verkleinert.
  • Die gleiche Entwicklung gibt es bei Schülern, die zu Hause nicht Deutsch sprechen. Ihr Rückstand auf andere ist um die Hälfte zurückgegangen - liegt allerdings immer noch bei 60 Punkten und ist damit hoch.

Die Forscher haben nicht nur die Leistungen der Schüler untersucht, sondern auch die Effektivität der verschiedenen Bildungssysteme. Ein zentraler Befund: Wenn allen Schülern möglichst lange gleiche Bildungschancen geboten werden, schneiden sie im Mittel überdurchschnittlich gut ab - und ihre Leistung hängt vergleichsweise wenig von sozialer Herkunft ab. Je früher dagegen "die erste Aufteilung auf die jeweiligen Zweige (eines Bildungssystems) erfolgt, desto größer sind bei den 15-Jährigen die Leistungsunterschiede nach sozioökonomischem Hintergrund", schreibt die OECD. Und zwar "ohne dass deswegen die Gesamtleistung steigen würde".

Flexible Strukturen und Vorschulbildung wichtig

Das bezieht sich in Deutschland zum Beispiel auf die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg, die die bisher am Aussieben nach der Grundschule auf Haupt-, Realschulen und Gymnasien festhalten. Schon beim jüngsten Bundesländervergleich hatte sich gezeigt, dass die Abhängigkeit von der sozialen Herkunft in diesen beiden Ländern hoch ist.

Die neue Pisa-Studie zeigt außerdem, dass Schüler bessere Leistungen schaffen, wenn ihre Schulen mehr Autonomie von den Bildungsbehörden haben. Als sinnvoll gilt es demnach,

  • wenn sich Schulen nicht an starre Lehrpläne halten müssen,
  • wenn sie großen Spielraum bei der Gestaltung des Unterrichts bekommen und
  • wenn sie ihre Leistungsdaten zum Vergleich veröffentlichen müssen.

Bestätigt wurde in der Untersuchung, was schon frühere Studien zeigten: Kleinere Klassen führen nicht automatisch zu besseren Leistungen. Zwischen beiden Faktoren gibt es keinen bedeutsamen Zusammenhang.

Bewiesen ist dagegen erneut der Effekt von vorschulischer Bildung. Länder, die hier überdurchschnittlich investieren, schafften in der neuen Pisa-Studie bessere Ergebnisse als die anderen.

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Forum - PISA - keine Besserung an Deutschlands Schulen?
insgesamt 1222 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kindergeld nach Noten?
pi-news.net, 07.12.2010
Deutschland hat ein kostenloses Schulsystem und jeder kann mit Anstrengung einen guten Schulabschluß erreichen. Dafür muß man sich auf den Hosenboden setzen und lernen, auch wenns "uncool" ist. Und vorher müssen Eltern aufhören ihre Kinder zu misshandeln und ihnen den Sinn von Schule erläutern. D. ist nicht wegen der bürgerlichen Schichten schlecht bei PISA, es sind Leute die alle möglichen Ausreden haben, was sie vom schulischen Erfolg abhält. Vielleicht sollte man das Kindergeld nach Noten in der Schule vergeben. Das würde einen Hype auslösen!
2. Deutschlands Schüler immer noch Mittelmaß
micheldeutsch 07.12.2010
Zitat von sysopDie neue Pisa-Studie liegt vor, Lesen ist der Schwerpunkt - und die Ergebnisse sind für Deutschlands Schüler durchwachsen. Sie haben ihre Position leicht verbessert, sind aber von den Spitzenländern noch weit entfernt. Was muss für die Ausbildung getan werden?
Warum sollten die Schüler besser sein als der Rest Deutschlands? Helmut Schmidt hat recht. http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/europa-fehlen-die-europaeer/3591352.html
3.
forumgehts? 07.12.2010
Zitat von sysopDie neue Pisa-Studie liegt vor, Lesen ist der Schwerpunkt - und die Ergebnisse sind für Deutschlands Schüler durchwachsen. Sie haben ihre Position leicht verbessert, sind aber von den Spitzenländern noch weit entfernt. Was muss für die Ausbildung getan werden?
Da man hier 10 Jahre so gut wie nichts getan hat, kann man nur schliessen, dass die anderen eben schlechter geworden sind. International will es auch vermutlich kein Staat mit der Bildung übertreiben, denn wer legt denn schon Wert auf kluge und informierte Staatsbürger?
4. Adressaten
baloo55 07.12.2010
Bestätigt wurde in der Untersuchung, was schon frühere Studien zeigten: Kleinere Klassen führen nicht automatisch zu besseren Leistungen. Zwischen beiden Faktoren gibt es keinen bedeutsamen Zusammenhang. Soviel zum Geschrei der Lehrerschaft nach immer kleineren Klassen. Bewiesen ist dagegen erneut der Effekt von vorschulischer Bildung. Länder, die hier überdurchschnittlich investieren, schafften in der neuen Pisa-Studie bessere Ergebnisse als die anderen. Wenn heute bereits diskutiert wird, eine KiTa-Pflicht einzuführen, sollte man das den Eltern hinter den Spiegel stecken. Und den Politikern, die das zu Hause bleiben der Kinder auch noch finanziell fördern.
5. Deutschland hatte einst das beste Bildungssystem der Welt,
A.D.H. 07.12.2010
aber unter Einfluss der OECD und EU wird es systematisch gegen die Wand gefahren, um die Leistungsunterschiede Unterschiede innerhalb der EU zu nivellieren (ähnlich, wie in der Wirtschaft). Zudem ist die Studie und deren Methoden höchst kritikwürdig, und es sind nicht die Deutschen selbst, die schlechte Leistungen liefern: Der Chef des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, sagte dazu: „Der relativ hohe Migranten-Anteil an unseren Schulen ist mitverantwortlich für das schlechte Ergebnis der Deutschen bei der Pisa-Studie“. Für den Bildungs-Experten sind vor allem „ihre Sprachdefizite das Problem“. http://www.bild.de/BILD/politik/2010/12/06/pisa-studie-philologen-chef-meidinger-migranten-ziehen/pisa-ergebnisse-bei-der-lesekompetenz-nach-unten.html http://www.pisa-kritik.de/ Viele Länder lassen auch nur ihre besten Schüler an der Studie teilnehmen, während Deutschland mal wieder den Musterschüler spielt, und sich damit selbst ins Knie schießt. Die Grünen haben jedenfalls keine Konzepte, außer die Anforderungen und das Niveau der Schulen immer weiter zu senken. Anti-Grüne wollen zur Wahl antreten Sie rechnen mit zehn Prozent und wollen mit der SPD koalieren. Die Hamburger Bürgerinitiative "Wir wollen lernen" protestierte gegen die Schulreform. Nun will sie Partei werden. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-12/hamburg-wahl-wir-wollen-lernen Auch die SPD täte gut daran, mit der Schulpolitik der Grünen zu brechen.
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