Online-Unterricht: Bitte klicken Sie die Hefte auf

Von Alina Schadwinkel und MacGregor Campbell

Raus aus der Klasse, rein ins Netz: Amerikanische Eltern schicken ihre Kinder verstärkt zum Online-Unterricht, berichtet der New Scientist. Deutsche Schulen und Bildungsforscher zögern: Verliert die Bundesrepublik den Anschluss? Oder ziehen die USA mit den Web-Stunden sozial inkompetente Nerds heran?

US-Schüler mit Laptop (in Missouri): Schaut, die Mathe-Arbeit ist da! Zur Großansicht
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US-Schüler mit Laptop (in Missouri): Schaut, die Mathe-Arbeit ist da!

Dieser Text stammt aus dem New Scientist, dem neuen wöchentlichen Wissensmagazin aus dem SPIEGEL-Verlag.


Als dieses Jahr die Ferien endeten, war alles anders: Die achtjährige Julia Ratten und ihr jüngerer Bruder Jack kehrten nicht mehr in die öffentliche Schule zurück, die sie bis dahin besucht hatten. Gekürzte Budgets, weniger Lehrer, abermals vergrößerte Klassen - als die Pläne der Schulbehörde in der Stadt Beaverton im Nordwesten der USA bekanntwurden, reichte es den Eltern von Julia und Jack. Sie beschlossen, ihre Kinder vollzeit in einer Online-Schule anzumelden. "Ich dachte zuerst, es ist verrückt, sie dorthin zu schicken", sagt Kristin Ratten. Aber ihre Kinder hatten aufgrund der Zustände in den öffentlichen Schulen nur wenig zu verlieren.

Raus aus dem Klassenzimmer, rein ins Netz - die Rattens gehören zu einer stetig wachsenden Zahl von Familien, die im Internet eine ernsthafte Alternative zum maroden Schulsystem in den USA sehen. Im Schuljahr 2010/11 besuchten rund 250.000 Jungen und Mädchen reine Online-Schulen. Das sind zwar nur etwa 0,5 Prozent der rund 55 Millionen Schüler in den Vereinigten Staaten - aber immerhin ein Viertel mehr als im Jahr zuvor.

"Das Wachstum wird sich so lange fortsetzen, bis Schüler künftig gut die Hälfte ihrer Kurse an einer Online-Highschool belegen werden", erwartet Bildungsforscherin Kerry Rice von der Boise State University in Idaho. Bereits 2019 könne es so weit sein.

Ganz anders in Deutschland: Online-Lernen ist hier noch ein eher seltenes Phänomen. Grund dafür ist vor allem Misstrauen: Aussagekräftige Studien fehlen, der Nutzen von Online-Schulen ist schwer zu greifen. Selbst Bildungsforscher sind sich uneins darüber, ob Internetkurse tatsächlich effektiv sind. Kritiker fürchten um die sozialen Kompetenzen der Kinder; Befürworter argumentieren, Internetunterricht sei besser auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers zugeschnitten. Bei dieser Lernmethode können Jugendliche Lehrvideos so oft betrachten und mit anderen in Foren diskutieren, bis sie den Lernstoff verstanden haben.

Was die Bildungsforschung über Online-Unterricht weiß

Die wenigen Untersuchungen, die es gibt, zeigen: Online-Unterricht kann durchaus eine gute Ergänzung zum Klassenraum sein. "Aber noch wissen wir viel zu wenig über den Nutzen einzelner Online-Angebote", sagt Stefan Aufenanger, Medienpädagoge an der Universität Mainz. Das liegt auch daran, dass es kaum Projekte gibt, die Wissenschaftler untersuchen können.

"Einige Schulen zeigen Eigeninitiative", hat Aufenanger beobachtet. Sie versuchten in kleinem Maßstab, die neuen Medien in den Schulalltag zu integrieren. So würden "derzeit immer mehr iPad-Klassen aus dem Boden sprießen, auch schicken Lehrer Hausaufgaben per E-Mail und bekommen auf demselben Weg die Antworten". An der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule gibt es beispielsweise eine für Schüler und Lehrer zugängliche interne Internetplattform, auf der Termine und Blogs stehen. Bereits ab Klasse 5 setzen die Lehrer iPads im Unterricht ein, in Fächern wie Religion und Musik. Am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh bekommt jeder Schüler ab der siebten Klasse zwar kein iPad, wohl aber einen Laptop für 30 Euro im Monat. Doch sind dies eben nur einzelne Projekte. "Wir brauchen mehr davon mit möglichst vielen Teilnehmern", sagt Aufenanger.

In Deutschland ist der Computer selbst in vielen Klassenräumen noch immer etwas Exotisches. Und das, obwohl drei Viertel der Jugendlichen nach einer Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) einen eigenen Computer besitzen und einen Großteil ihrer Freizeit heute sowieso schon im Internet verbringen. Im Unterricht lernen Schüler dagegen oft nur die Grundlagen im Umgang mit dem PC: das Arbeiten mit Textprogrammen und das Recherchieren mit Google oder mit Wikipedia.

"An reinen Online-Unterricht als Ersatz für das Lernen im Klassenraum ist bei weitem nicht zu denken", sagt Kirsten Lauer von der Koordinations- und Beratungsstelle Mediengestütztes Lernen und Lehren der Fachhochschule Frankfurt. Schon aus rechtlichen Gründen wäre es schwierig: Während es in den USA eine Bildungspflicht gibt, besteht in Deutschland eine Schulpflicht. Das heißt: Die Schüler müssen das Schulgebäude tatsächlich aufsuchen.

Viele Lehrer sehen Neue Medien skeptisch

Die Jugendlichen hierzulande sind für die neuen Formen des Lernens aufgeschlossen - die Mehrheit wünscht sich einen intensiveren Umgang mit Computern im Unterricht, wie Umfragen des Bitkom und der Initiative D21 zeigen, eines gemeinnützigen Vereins, der Projekte in der Informationstechnik fördert. Das Problem sind oftmals eher die Pädagogen: "Viele Lehrer stehen dem Einsatz der Neuen Medien noch sehr skeptisch gegenüber", erklärt Lauer.

Gründe dafür sind etwa Alter und Qualifikation. Jeder zweite Lehrer in Deutschland ist älter als fünfzig, das hat der aktuelle Bildungsbericht der Europäischen Kommission ergeben. Vorn im Klassenraum stehen also Menschen, die den Computer erst im Erwachsenenalter kennengelernt, die miterlebt haben, wie SMS und mobile Telefonie die Kommunikation veränderten und soziales Leben online neu definiert wurde. Ihnen gegenüber sitzen Digital Natives, Kinder und Jugendliche also, die mit Computern, dem Internet, Mobiltelefonen, gar Smartphones, aufgewachsen sind und für die diese Technik Alltag ist.

So ist es nicht verwunderlich, dass zwei Drittel der Schüler laut der Bitkom-Studie "Bildung 2.0" der Meinung sind, ihre Pauker sollten besser für den Einsatz Neuer Medien geschult werden. Das allerdings betrifft nicht nur jene über fünfzig, sondern sogar den Nachwuchs hinter dem Pult. So ist Medienpädagogik nur in wenigen Bundesländern Pflicht, im Lehrplan ist der Einsatz von PCs nicht vorgeschrieben.

Ein Fehler, sagt Medienpädagoge Aufenanger. "Lehrer, die schon im Studium erfahren haben, wie ein interaktives Whiteboard funktioniert, wollen nie mehr zurück zur alten Kreidetafel."

In den USA nehmen immer mehr Lehrer von sich aus ihren Unterricht auf Video auf, damit Schüler dem Stoff daheim in ihrem eigenen Tempo folgen können. Die Idee sei, sagt Jon Bergmann, Bildungsberater aus Lake Forest im Mittleren Westen der USA, in der Schule mehr Zeit für Gemeinschaftsprojekte und für langsamer lernende Kinder zu haben. "Das Lernen wird auf jeden Einzelnen zugeschnitten", sagt er.

Wie Online-Stunden schwachen Schülern helfen können

Greg Green, Schulleiter der Clintondale High School in Clinton, Michigan, hat die Methode im Schuljahr 2010/11 auf den Prüfstand gestellt. Die gesamte Schule, rund 600 Jugendliche, nahm teil, darunter viele, denen der Schulabbruch drohte. Laut Green hatten die Lehrer viermal so viel Zeit wie zuvor mit ihren Schülern verbringen können. Das habe zu weniger Unruhe im Klassenraum geführt sowie die Testergebnisse verbessert; mehr Schüler hätten Noten erreicht, mit denen sie zum Collegestudium zugelassen werden. Die Schule sei nicht mehr das Schlusslicht in Vergleichstest mit anderen Highschools gewesen, was viele bis dahin für unmöglich gehalten hätten, sagt er.

Der Beweis, dass der virtuelle Klassenraum der Klassenraum der Zukunft ist? Wohl kaum.

"Die Datenlage ist dünn", sagt David Figlio, Bildungsforscher an der Northwestern University bei Chicago. Und das ist fast noch untertrieben.

2009 hat das US Department of Education eine Meta-Analyse von mehr als tausend Studien über Online-Learning durchgeführt. Das Ergebnis: Teilnehmer von Online-Kursen (Voll- oder Teilzeit) schnitten im Durchschnitt besser ab als 59 Prozent ihrer traditionell unterrichteten Mitschüler. Diejenigen, die Online-Kurse als Ergänzung nutzten, bekamen bessere Noten als jene, die Vollzeit unterrichtet wurden. Das Problem: Die Mehrheit der Studien hat sich mit Hochschulbildung beschäftigt. Die wenigen Untersuchungen, welche die Zeit vom Kindergarten bis zur 12. Klasse betreffen, reichen nicht aus, um zu einem verbindlichen Ergebnis zu kommen.

Vermittelt das Lernen am Bildschirm auch Werte?

In den USA betreiben zudem viele private Firmen Online-Schulen. Ob deren Lehrstoff immer die Bildungsstandards erfüllt, ist umstritten. Im Juli gab das National Education Policy Center an der University of Colorado in Boulder bekannt, dass nur 28 Prozent der virtuellen Schulen des amerikanischen Marktführers K12 die staatlich festgelegten Ziele erfüllten. Die Manager widersprachen, die Kriterien würden nicht die über das Schuljahr gesammelten Punkte berücksichtigen, Erfolge nicht erfasst.

Der Fall K12 bedeute nicht, dass virtuelle und gemischte Schulen nicht funktionieren würden, sagt Bildungsforscherin Kerry Rice. Virtuelles Lernen lasse sich nur schlecht mit Unterricht von Angesicht zu Angesicht vergleichen, da es so viele unterschiedliche Ansätze gebe. "Es gibt sowohl wirklich gute traditionelle Schulen als auch schlechte. Und es gibt sowohl wirklich gute Online-Schulen als auch ineffektive", sagt sie.

Akademischer Erfolg ist nur ein Faktor, um die Entwicklung eines Kindes zu beurteilen. Eine weitere wichtige Frage: Führt individuelles Lernen auch zur Wertebildung?

iPad und Co. sollen das Interesse am Unterricht steigern

Kritiker des Online-Lernens und virtueller Schulen bemängeln, dass Schüler es versäumten, soziale Fähigkeiten zu erlernen, weil sie nicht mehr persönlich mit Gleichaltrigen zu tun hätten. Es sind Bedenken, die die Eltern von Julia und Jack Ratten teilen. Doch für sie haben auch traditionelle Klassenräume Schwächen. Denn sie seien kein guter Ort, um moderne soziale Fähigkeiten zu erlernen, zu denen für sie auch E-Mails, Chats und Videokonferenzen zählen.

Der Erziehungswissenschaftler Edwin Keiner von der Universität Erlangen-Nürnberg pflichtet ihnen bei, gibt aber zu bedenken, dass die Familie Ratten typische Vertreter der Mittelschicht sind: "Eltern müssen es sich leisten können, ihr Kind zu Hause zu unterstützen oder Programme zu bezahlen." Ressourcen sind aber nicht überall gleich verteilt. "Es besteht die Gefahr, dass sozial schwache Familien benachteiligt werden und die Gesellschaft noch weiter auseinanderdriftet."

So besitzt zwar ein Großteil der Schüler einen eigenen Rechner, aber es sind eben nicht alle. Schulen zu großen Teilen ins Netz zu verlagern wäre daher der falsche Weg, wenn nicht alle daran teilhaben können.

Computer an Schulen weiter so sträflich zu vernachlässigen wie bisher ist aber ebenfalls ein Fehler. "Digitale Medien können den Unterricht aufpäppeln und dabei helfen, sich von längst überholten Traditionen zu lösen", sagt Medienpädagoge Aufenanger. Schüler würden viel mehr Interesse am Unterricht zeigen, wenn iPad und Co. im Einsatz sind.

Videos, Chats und soziale Netzwerke sind heute ein fester Bestandteil des Lebens. Virtuelle Teamarbeit in Unternehmen ist längst etwas Normales. Es ist daher wichtig, Deutschlands Nachwuchs bereits in der Schule ein Verständnis für Technik und die Vernetzung der Welt zu vermitteln, sind diese doch Grundlage für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

Dazu gehört aber auch, die Risiken zu verdeutlichen. Lehrer sollten es als ihre Aufgabe verstehen, Struktur in das virtuelle Leben der Schüler zu bringen. Die Neuen Medien zu kennen und zu beherrschen - das ist nicht nur wichtig für den beruflichen Erfolg, sondern auch für die Bildung der Persönlichkeit.

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insgesamt 41 Beiträge
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    Seite 1    
1. Weder noch
Leser161 05.11.2012
Zitat von sysop... Oder ziehen die USA mit den Web-Stunden sozial inkompetente Nerds heran?...
Weder noch. Online ist nur ein Werkzeug. Genausowenig wie der Umstieg von Schiefertafel auf Füller&Heft irgendetwas an den grundlegenden Prinzipien des Unterichts geändert hat, werden dies Maus&Online tun.
2. Es ist soweit...
scumbrecht 05.11.2012
Der Tag, vor dem Einstein solche Angst hatte, ist eingetroffen.
3. Bedauerlicher Unfug
spon-facebook-1810924732 05.11.2012
In dem Artikel findet sich die übliche Technik-Begeisterung ungeachtet des Wirkungsbezugs, wie sie in den Medien leider allzu oft ungefiltert von den entsprechenden Verfechtern des digitalen Klassenzimmers übernommen wird. Ich hatte lange und intensiv als Lehrer mit den sogenannten interaktiven Smartboards zu tun, weiß sie auch umfänglich zu bedienen und kann daher mit einer gewissen Berechtigung sagen: Auch wenn man die Geräte durchaus in bestimmten Momenten effektvoll nutzen kann, zeigt sich im Allgemeinen ihr größter Vorteil darin, hin und wieder fast so gut zu funktionieren wie eine echte Tafel. Dass Lehrer mit entsprechender Ausbildung "nie wieder zur Kreidetafel" zurückwollten, ist grober Unsinn. Die Geräte sind nette Spielzeuge und wecken den entsprechenden Trieb bei Kindern und Jugendlichen. Einen Lerneffekt in Bezug auf den Stoff haben sie höchstens im negativen Sinne, dass sie deutlich seltener funktionieren und nie den buchstäblich 'greifbaren' Lerngewinn einer echten Tafel erreichen. Letztlich dient der Elektroschrott in spe dem Bedürfnis der Schüler nach Ablenkung, nicht aber ihrer Ausbildung.
4.
tubaner 05.11.2012
Zitat von Leser161Weder noch. Online ist nur ein Werkzeug. Genausowenig wie der Umstieg von Schiefertafel auf Füller&Heft irgendetwas an den grundlegenden Prinzipien des Unterichts geändert hat, werden dies Maus&Online tun.
Sie haben den Punkt völlig missverstanden. Es geht darum, dass die Kinder zuhause vor dem Rechner sitzen und dadurch während dem Unterricht keine sozialen Kontakte zu anderen Kindern mehr haben. Den Umgang mit anderen Menschen lernt man in Onlineforen sicher nicht, bzw. nur einen kleinen Teil davon. Wer nie gelernt hat sich im Klassenzimmer mit Mitschülern und Lehrern zu arrangieren, der muss es beim ersten Job im Großraumbüro mit Kollegen und Vorgesetzten auf die harte Tour lernen. Das ist der Punkt, der bei reinem Onlineunterricht kritisiert wurde.
5.
loncaros 05.11.2012
Zitat von scumbrechtDer Tag, vor dem Einstein solche Angst hatte, ist eingetroffen.
Da liest wohl wer 9gag.
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