Zahlen zur Berufsausbildung: Erst Abi, dann Azubi

Lehrlinge in Berlin: Immer mehr starten mit Abitur in die Ausbildung Zur Großansicht
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Lehrlinge in Berlin: Immer mehr starten mit Abitur in die Ausbildung

Ein Rekord an deutschen Hochschulen: Rund 2,5 Millionen Studenten sind derzeit immatrikuliert. Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen, dass immer mehr Abiturienten sich gegen die Uni entscheiden - und lieber eine Ausbildung machen.

Exportschlager aus Deutschland? Autos und Maschinen natürlich. Doch auch die duale Berufsausbildung klettert auf der Hitliste stetig nach oben. In Spanien , die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Und nun lobte auch US-Präsident Barack Obama das hiesige System. "Diese deutschen Kids sind bereit für den Job, wenn sie die Schule abschließen", sagte er am Dienstagabend in Washington. "Sie wurden für die Jobs ausgebildet, die es gibt."

Der Präsident versuchte, den versammelten Kongressabgeordneten und Millionen Fernsehzuschauern in wenigen Sätzen die Vorzüge der deutschen Berufsausbildung näherzubringen. Deutsche Jugendliche könnten die Oberschule bereits mit einem handwerklichen Abschluss verlassen, den man in den USA erst nach der Highschool an sogenannten Community Colleges machen könne.

In Wahrheit ist die Sache freilich etwas komplexer. Auch hierzulande braucht man in der Regel einen Schulabschluss, um in die duale Ausbildung starten zu können. Formell ist das zwar nicht vorgeschrieben. Aber kaum ein Unternehmen wählt Bewerber aus, die die Schule abgebrochen haben.

Jeder Fünfte könnte auch an einer Hochschule studieren

Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen sogar: Immer mehr Azubis in Deutschland haben Abitur. Gut jeder fünfte Anfänger einer Berufsausbildung hätte 2011 auch an einer Uni oder einer Fachhochschule studieren können, teilten die Statistiker am Mittwoch mit. Seit 2005 habe die Zahl der Auszubildenden mit Studienberechtigung konstant zugenommen, und zwar von 17,7 Prozent auf 22,1 Prozent.

Das liege vor allem daran, dass die sei, hieß es. Im Jahr 2011 war der Anstieg besonders drastisch: In Bayern und Niedersachsen machten zwei Jahrgänge gleichzeitig das Abitur und die Wehrpflicht wurde abgeschafft. So viele Erstsemester wie nie zuvor strömten an die deutschen Hochschulen. Ein Teil der Abiturienten entschied sich lieber für eine Berufsausbildung. Dort war der Ansturm allerdings weit weniger stark als an den Universitäten.

2011 fingen insgesamt 741.000 Menschen eine Berufsausbildung an. 524.000 entschieden sich nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamts für eine duale Ausbildung, die man direkt in einem Betrieb und an der Berufsschule absolviert. Die anderen ließen sich zum Beispiel an Berufsfachschulen zum Holzbildhauer, Fremdsprachenassistenten, Koch oder Physiotherapeuten ausbilden. Dort dauern die Bildungsgänge meist ein bis drei Jahre, sind stärker verschult und nicht vergütet.

Fast jeder zweite Auszubildende hatte die Realschule abgeschlossen und etwa jeder vierte die Hauptschule. 2,6 Prozent konnten keinen Schulabschluss vorweisen.

Zehntausende im Übergangsbereich geparkt

Das deutsche Ausbildungssystem hat allerdings auch Schattenseiten: Rund 284.000 junge Menschen landeten 2011 im Übergangsbereich. Weil sie keine Lehrstelle fanden, besuchen sie Kurse an Berufsschulen und andere Fördermaßnahmen, die ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz steigern sollen. Experten kritisieren schon lange, dass Jugendliche darin eine Warteschleife nach der anderen drehen, letztendlich ohne einen Abschluss bleiben und auch nichts verdienen.

Gut die Hälfte der Neuzugänge im Übergangsbereich hatte die Hauptschule abgeschlossen. Fast jeder Vierte hatte einen Realschulabschluss, rund eineinhalb Prozent konnten sogar eine allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife vorweisen. Nur knapp jeder Fünfte hatte die Schule abgebrochen.

Die Zahl der Jugendlichen, die neu im Übergangsbereich landen, ist in den vergangenen Jahren zwar gesunken. Dennoch konkurrieren Jahr für Jahr mehr Menschen in der Warteschleife mit den aktuellen Schulabgängern um die vorhandenen Lehrstellen.

son/afp/dpa

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insgesamt 20 Beiträge
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1. .
jule27 13.02.2013
Hopla... eben verklickt... Interessant wäre zu erwähnen dass der Prozentuale Anteil an Anfängern im Übergangsbereich abnimmt. Bei den Deutschen waren es 2009 bis 2011 16%, 15% und 13%. Bei den Ausländern waren es im selben Zeitraum 26%, 24% und 22%. Die Kurven nähern sich zwar an aber die Anteil von Ausländern (darf man das Wort bei Spon eigentlich benutzen?) nimmt im Übergangsbereich immer noch zu. Ich bin mir sogar sicher, dass mehr Deutsche als Ausländer pro Jahr den Bereich verlassen - nur habe ich keine Daten gefunden. Ausländer aus dem nahen Osten oder dem arabischen Raum haben es bei uns besonders schwer. Die steigende Konzentration führt dort zu Frustration und was haben wir im Gesellschaftslehre gelernt? Frustration führt zu Aggression. Daher ist es meiner Meinung nach sinnvoll bei Ausländern andere Maßstäbe bei den Prüfungskriterien anzuwenden. Immerhin haben sie es ja schwerer und trotzdem geschafft. Na? Sollte das den 95% Linken hier nicht entgegen kommen?
2.
doej 13.02.2013
Das ist völlig vernünftig, auch mit Abi eine Ausbildung in Betracht zu ziehen. Warum sich in überlaufenen Studiengängen mit Menschen messen, die möglicherweise schlauer sind als man selbst? Dann hinterher monatelang unbezahlte Praktika machen, bis man endlich ein Job gefunden hat, den realistisch betrachtet auch ein Realschulabgänger mit etwas Einarbeitung erledigen könnte, weil er nämlich null mit dem Studium zu tun hat. So läuft es doch in vielen Fächern. Die richtige Ausbildung dagegen ermöglicht oft einen schnelleren und problemloseren Einstieg ins Arbeitsleben. Falls man sich doch zu Höherem berufen fühlt, kann man schließlich später immer noch studieren.
3. erst Abi dann azubi danach Student
abcstudent 13.02.2013
weil die Gehälter sehr gesunken sind kann man von einer Ausbildung nicht mehr toll leben, bzw Familie gründen mit großem Auto kaufen.......außer man kommt in die Schichtjobs
4. optional
Phil2302 13.02.2013
Wen wundert das? Es wird immer leichter, die Hochschulreife zu erlangen - das Studium selbst hingegen nicht. Das bedeutet, dass ein immer größer werdender Part der Abiturienten eben doch nicht dazu geeignet sind, zu studieren. Dann ist eine Ausbildung trotz Abitur doch die logische Folge. Davon abgesehen kann man mit den entsprechenden Ambitionen auch mit einer guten Ausbildung sein Brot verdienen, und das mitunter besser im Vergleich zu schlechten Hochschulabschlüssen.
5.
c++ 13.02.2013
Zum sog. Übergangsbereich ist zu sagen, dass wir leider damit leben müssen, einen bestimmten Anteil kaum ausbildungsfähiger Jugendlicher zu haben. Parallel dazu sinkt das Arbeitsplatzangebot für Ungelernte. Eine Ausbildung ist für alle Abiturienten interessant, die im Bereich Wirtschaft- und Verwaltung tätig sein wollen. Hier gibt es ein breites Angebot an Möglichkeiten, während oder nach der Ausbildung eine qualifizierte Weiterbildung zu machen. Bachelors ohne Berufsausbildung - was kann man mit denen anfangen? Und nach einer Ausbildung studieren die Leute sehr viel zielgerichteter und effizienter, wenn sie denn noch eine Uni besuchen wollen. Problem ist allerdings auch für Abiturienten, einen qualifizierten Ausbildungsplatz zu finden. Da gibt es sicherlich nicht wenige, die studieren, weil sie keinen Ausbildungsplatz finden.
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Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
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Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).

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