Von Markus Verbeet
Wie wichtig die Pisa-Studien in Deutschland genommen werden, zeigt sich an der Bezeichnung ihrer Autoren. "Pisa-Papst" wurde Jürgen Baumert genannt, als er vor einem Jahrzehnt die erste Studie in Deutschland koordinierte. Drei Jahre später wurde sein Kollege Manfred Prenzel zum höchsten Bildungswürdenträger in Deutschland ausgerufen. Und diesmal ist Eckhard Klieme der "Pisa-Papst", der die jüngsten Ergebnisse in Berlin vorstellen durfte.
Drei Päpste, zehn Jahre: Mit ihren Studien haben sie Deutschland erst geschockt und dann verändert. Wie aber fällt die Bilanz dieses Jahrzehnts aus? Viel Lärm um Nichts - oder doch ein rasanter Aufstieg? Es gibt niemanden in Deutschland, der diese Fragen kompetenter beurteilen könnte als die drei renommierten Forscher. SPIEGEL ONLINE dokumentiert ihre gemeinsame "Bilanz der Veränderungen im Schulsystem". Veröffentlicht wird der Beitrag in dem Band, der die deutschen Pisa-Ergebnisse zusammenfasst; geschrieben haben ihn die drei Forscher gemeinsam mit Nina Jude, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung.
Die Forscher zeichnen kurz den Schock des Jahres 2001 nach, als "die Befunde umso mehr Anlass zu Besorgnis gaben". Immerhin habe Deutschland schnell gelernt. "Alles in allem war dies ein lehrreicher Schock, der bis heute große Auswirkungen auf die Bildungspolitik, die Bildungspraxis und die Bildungsforschung hat."
Alles bestens? Das nun auch wieder nicht
Wohl wahr. Eine wissenschaftliche Studie, die eine ähnliche Wucht entfaltet hätte, hat es im vergangenen Jahrzehnt nicht gegeben. Pisa vertrieb das Selbstbewusstsein und die Selbstgerechtigkeit, mit der die Deutschen viel zu lange auf ihr Schulsystem geschaut hatten. Die Schüler verbesserten sich in Lesen und Mathematik im Durchschnitt um etwa 1,5 Punkte pro Jahr auf der Pisa-Skala. Dies "mag in absoluten Maßstäben gering erscheinen", schreiben die Wissenschaftler, bei einem einzelnen Schüler "würde man einen solchen Zuwachs in etwa einem halben Monat erwarten".
Hier aber gehe es nicht um den einzelnen Schüler, sondern um ein ganzes Schulsystem, das viel schwieriger zu verbessern sei. Deshalb zeigen sich die Forscher von Deutschland beeindruckt: "Berücksichtigt man, wie schwierig es ist, überhaupt positive Veränderungen auf der Ebene eines ganzen Systems zu erzielen, kann die Entwicklung in Deutschland eindeutig als Erfolg bewertet werden." Einen ähnlich positiven Trend habe nur Portugal aufzuweisen, "das allerdings von einem deutlich niedrigeren Niveau aus startete".
Also alles bestens? Das nun auch wieder nicht, finden die Bildungsforscher und benennen am Ende ihres Beitrags die "Aufgaben auf der bildungspolitischen Agenda", die es anzupacken gelte. Die Leseförderung etwa müsse verbessert werden, "trotz vieler Initiativen scheint es hier an systematischen, fokussierten Initiativen zu mangeln". Und einzelne Gruppen benötigten gezielte Unterstützung: Jungen beim Lesen, Mädchen in Mathematik, Migranten auch in höheren Jahrgangsstufen und Begabte durch modernere Methoden auch im Gymnasium.
"Pisa sagt uns erst einmal nur, wo die Probleme liegen"
Eingehend setzen sich die Wissenschaftler mit der spannenden Frage auseinander, warum Deutschland denn nun besser geworden ist. Auch Päpste können in diesem Fall nicht mit einer endgültigen, erschöpfenden Antwort aufwarten. Die internationale Pisa-Studie stoße einfach an ihre Grenzen, "wenn es um die Identifizierung von Wirkungszusammenhängen im Bildungssystem oder gar um kausale Ursachenanalyse geht", heißt es in ihrem Beitrag. Eckhard Klieme, Papst Nr. 3, hatte es gegenüber dem SPIEGEL vor wenigen Tagen so ausgedrückt: "Pisa sagt uns nicht, was wir tun müssen, sondern erst einmal nur, wo die Probleme liegen."
Nichtsdestoweniger begeben sich die Wissenschaftler auf die Suche nach einer Erklärung. Die Schüler seien lern- und leistungsbereiter geworden, und es habe ein Mehr an Bildung gegeben - frühere Einschulung, mehr Ganztagsschulen, weniger Störverhalten im Deutschunterricht, etwas mehr durchschnittliche Unterrichtszeit.
Zahlreiche weitere Veränderungen nennen die Forscher, bei vielen gehen sie von positiven Effekten aus. Im Ergebnis müsse zwar "offen bleiben, welche bildungspolitischen Maßnahmen und Programme zu Entwicklungen im vergangenen Jahrzehnt beigetragen haben und wie". Vieles spreche aber dafür, "dass letztlich die Kombination vieler unterschiedlicher Ansätze erforderlich war". Nicht zuletzt habe der Pisa-Schock selbst zum bisherigen Erfolg beigetragen, weil er ein "starkes Problembewusstsein" geschaffen habe, "das verschiedene Akteursgruppen verband".
Mit der Dokumentation des Buchauszugs bei SPIEGEL ONLINE kann jeder Leser selbst die Einschätzungen der Wissenschaftler nachvollziehen. Die nächste große Pisa-Runde steht in drei Jahren an, dann gehe Pisa mit seiner vierten Erhebung "gewissermaßen zur Routine über", schreiben Baumert, Prenzel und Klieme. Die deutsche Pisa-Forschung bleibt dabei in bewährten Händen, einen vierten deutschen Pisa-Papst wird es vorerst nicht geben: Beim nächsten Mal ist wieder Manfred Prenzel verantwortlich.
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