
Frage: Die deutschen Schüler haben sich im internationalen Vergleich etwas hochgearbeitet. Sind damit schon erste Reformerfolge sichtbar?
Ludger Wößmann: Nüchtern betrachtet müssen wir sagen, da hat sich nicht so richtig viel getan. Wir haben uns nicht verschlechtert - was auch schon mal was ist. Aber der große Wurf ist das noch lange nicht.
Frage: Ergeben Vergleiche wie Pisa überhaupt Sinn?
Wößmann: Unbedingt. Sie zeigen uns auf, wo wir stehen und haben in Deutschland ja auch für einen gewissen Ruck und ein gewisses Problembewusstsein gesorgt. Es gibt Studien, die zeigen, dass Länder, die bereits bei früheren solcher Tests besser abgeschnitten haben, in der Folge auch ein signifikant höheres volkswirtschaftliches Wachstum hatten.
Frage: Was sollten wir uns vom Spitzenreiter Finnland abschauen?
Wößmann: Finnland lässt die Kinder zum Beispiel viel länger gemeinsam lernen. Sie sind bis zum Alter von 16 Jahren in einer Schulart. Studien zeigen, dass in Ländern, die nicht so früh aufteilen wie wir, eine wesentlich größere Bildungsgerechtigkeit herrscht. Deutschland dagegen gehört immer noch zu den Spitzenreitern bei der Ungleichheit, also wie stark Bildung vom familiären Hintergrund abhängt.
Frage: Wie lässt sich mehr Chancengleichheit erreichen?
Wößmann: Es gibt zwei Hauptfaktoren: Das eine ist das längere gemeinsame Lernen. Das andere ist ein ausführlicheres frühkindliches Bildungssystem. Das heißt, vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten müssen verstärkt in Kindergärten spielend das Lernen erfahren.
Frage:Sie haben das Buch "Letzte Chance für gute Schulen" geschrieben. Welche Chance sehen Sie da?
Wößmann: Neben Maßnahmen zur Bildungsgerechtigkeit müssen wir über ein bundeseinheitliches Zentralabitur und Mittlere Reife diskutieren. Es hat sich gezeigt, dass Länder mit klaren externen Abschlussprüfungen an Schulen besser abschneiden. Aber dann sollten Schulen etwa ihre Lehrer selbst auswählen können. Wenn das Ziel klar vorgegeben ist und überprüft wird, wissen die Schulen selbst am besten, wie man da hinkommt. Dann kann man gerade auch die Initiative privater Schulträger nutzen.
Frage: Sie zeigen in ihrem Buch auch Irrtümer auf. Welche zum Beispiel?
Wößmann: Ein Irrtum ist, dass die frühe Aufteilung, wie wir sie in Deutschland haben, für alle Kinder gut ist. Es hat sich etwa in anderen Ländern sogar gezeigt, dass die leistungsbesten Schüler bei einem Zusammenbleiben genauso gut abschneiden - oder sogar besser. Auch allein mehr Geld, kleinere Klassen und mehr Computer bringen nichts. Analysen zeigen, dass Schüler nicht mehr lernen, solange man am Schulsystem selbst nichts ändert.
Frage: Sie sind selbst Ökonom. Mit welchen Anreizen könnte man Lehrer und Schüler ködern?
Wößmann: Externe Überprüfungen können Anreize geben, sich zu verbessern, denn Leistung wird dann gesehen. Heute ist es so, dass ein guter Lehrer am Ende des Tages genauso dasteht wie ein Lehrer, der sich kaum anstrengt oder kaum pädagogische Fähigkeiten hat. Man sieht auch, dass Schulen, die Schülern Lernziele setzen und Belohnungen einbringen, durchaus besser abschneiden.
Frage: Können wir bei Pisa auf einen klaren Sprung nach vorn hoffen?
Wößmann: Kurzfristig nicht. Denn von den Dingen, die ich angesprochen habe, wurde kaum etwas umgesetzt in Deutschland. Schüler müssten auch einige Zeit im neuen System lernen, um Effekte zu sehen. Da müssen wir einen längeren Atem haben. Aber der Zeitdruck ist eben umso höher.
Frage: Erwarten Sie denn baldige tiefgreifende Reformen?
Wößmann: Ehrlich gesagt, eher nein. Die Politiker ziehen ihre eigenen Schlüsse. Viele sehen ihre Meinung bestätigt, dass ihre Reformen greifen. Unsere Forschungen zeigen aber anderes. Die Gefahr ist, dass wir noch sehr lange rumdümpeln werden.
Das Interview führte Maria Marquart, AP
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