Pisa-Untersuchung: Deutsche Schüler punkten mit Umweltwissen

Von Markus Flohr und Khuê Pham

Was ist saurer Regen? Warum atmet man nach dem Joggen schwerer? Deutsche Schüler können solche Phänomene laut Pisa-Test gut erklären. Aber beim Lesen und Rechnen sind sie weiter mittelmäßig, und Migrantenkinder werden abgehängt. SPIEGEL ONLINE analysiert die Ergebnisse.

AP

Auf den ersten Blick sind Deutschlands Schüler besser geworden. Beim aktuellen Pisa-Schwerpunkt Naturwissenschaften kommen sie diesmal auf den 13. Platz, verbessern sich gegenüber 2003 um fünf Plätze und 14 Punkte. Mit 516 Punkten liegen sie deutlich über dem Durchschnitt der 57 Länder und Regionen, die bei der Studie mitgemacht haben. Der liegt bei 500 Punkten.

Auf den zweiten Blick trüben allerdings die mittelprächtigen Ergebnisse in den anderen Disziplinen die Bilanz: Die 440 Seiten starke Hauptstudie und die 60 Seiten starke deutsche Erweiterung der OECD-Studie zeigen, dass die deutschen 15-Jährigen beim Leseverständnis nur vier Punkte mehr als bei der letzten Untersuchung erreichten (Platz 18), in Mathematik holten sie einen Punkt mehr und kamen damit auf Platz 20.

Migrantenkinder um zwei Schuljahre zurück

Das große Problem des deutschen Bildungssystems bleibt die Chancenungleichheit: Die Leistungsunterschiede zwischen den Schulen sind in Deutschland ungefähr doppelt so groß wie in anderen OECD-Ländern - und je früher die Kinder auf unterschiedliche Schultypen verteilt werden, desto größer ist die Rolle des Elternhauses. Deutschland und Österreich sind die einzigen OECD-Länder, die Kinder immer noch mit 10 Jahren sortieren.

Bei den den Spitzenreitern wie Finnland, Kanada oder Japan lassen sich nur weniger als 10 Prozent der Leistungsunterschiede aus dem sozialen Hintergrund der Schüler erklären - "Qualität und Chancengerechtigkeit in der Bildung gehen Hand in Hand", heißt es in der Studie.

Vom deutschen Schulsystem doppelt abgehängt sind weiterhin viele Migrantenkinder: Sie kommen oft aus sozial benachteiligten Familien und zeigen zudem einen Leistungsabstand zu den einheimischen Kindern. Schüler, die im Ausland geboren sind oder ausländische Eltern haben, schneiden im Schnitt viel schlechter ab als ihre deutschen Altersgenossen, nämlich um 77 Punkte. Das entspricht laut OECD zwei Schuljahren und liegt deutlich über dem Teilnehmerschnitt von 58 Punkten. Sogar noch größer ist die Differenz bei Migrantenkindern, die in Deutschland geboren wurde und ihre gesamte Schullaufbahn hier verbracht haben: verblüffende 93 Punkte Abstand zu den einheimischen Jugendlichen, mehr als in jedem anderen OECD-Land.

Heute um 10 Uhr ist die Studie offiziell in Berlin, Brüssel, London, Paris, Tokio und Washinton vorgestellt worden. Schon in den vergangenen Tagen entbrannte ein heftiger Streit über die Deutung der Zahlen: Die Kultusminister der deutschen Bundesländer würden sie nur zu gern als Erfolg ihrer Schulpolitik verbuchen – aber "Mr. Pisa" Andreas Schleicher, Leiter des OECD-Teams, widersprach energisch: Die Ergebnisse seien nicht mit denen von früheren Studien vergleichbar, sagt Schleicher - zumindest nicht beim Schwerpunkt Naturwissenschaften, genau da also, wo die deutschen Schüler einen Achtungserfolg erreichten.

Deutsche Schüler punkten mit Umweltwissen

"Die Studie hat eindeutig Stärken des deutschen Schulsystems aufgedeckt", sagte Heino von Meyer, Leiter des deutschen OECD-Büros, heute bei der Präsentation der Zahlen in Berlin. Tatsächlich sind die Unterschiede deutlich: 2003 gab es 35 Fragen zu allen Disziplinen der Naturwissenschaft, nun 108. Gerade mal 22 zu Physik, Chemie, Biologie und Geografie sind identisch. Bei diesen Fragen haben die deutschen Schüler sich indes nicht verbessert. Hinzugefügt wurde der komplett neue Bereich des "Wissens über die Naturwissenschaften", außerdem einige Fragen zum Thema Umwelt - etwa zum sauren Regen oder zum Treibhauseffekt.

Gerade dort, wo der Test erweitert, geändert und vertieft wurde, konnten die deutschen Schüler punkten. Die Studie zeigt: Deutsche Schüler kennen sich besonders gut aus mit "lebendigen Systemen" wie dem menschlichen Körper, der einzelnen Zelle oder einem Ökosystem. Gut schneiden deutsche Schüler dabei ab, Phänome wissenschaftlich zu erklären: den Treibhauseffekt zum Beispiel – oder die Frage, warum Menschen schwerer atmen, wenn sie sich körperlich anstrengen.

Die Überflieger kommen erneut aus dem Norden: Die Leistungen der finnischen Schüler ragen heraus. In den Naturwissenschaften schraubten sie ihre ohnehin schon hohe Punktzahl von 548 Punkten noch weiter nach oben: auf 563. Danach kommt erst mal lange nichts. Mit Abstand folgt eine Gruppe von Ländern mit Punktzahlen über dem OECD-Schnitt von 500: Hongkong, Kanada, Taiwan, Estland, Japan und Neuseeland sammelten zwischen 542 und 530 Punkten. Erst in der Verfolgergruppe rangiert Deutschland, knapp hinter Slowenien und vor Großbritannien.

Deutsche nur mäßig beim Lesen und Rechnen

Eine echte Bauchlandung attestiert der Pisa-Test Naturwissenschaften Frankreich: Dort verloren die Schüler 16 Punkte und fielen auf Platz 25. Zu den Aufsteigern zählt Österreich mit einem Plus von 20 Punkten.

Vor allem in der Türkei und in Griechenland scheinen Physik, Biologie und Chemie eine Jungssache zu sein: 11 und 12 Punkte liegen die Mädchen dort zurück. In fast allen anderen Teilnehmerländern sind die Unterschiede in den schulischen Leistungen der Mädchen und Jungen gering. Bei der Studienentscheidung schlägt sich das laut OECD aber nicht nieder: Noch immer studieren in nahezu allen Ländern doppelt so viele junge Männer wie Frauen Naturwissenschaften.

Ob man in den Naturwissenschaften seriös Verbesserungen und Verschlechterungen erkennen kann, löste einen handfesten Forscherstreit aus. Die Ergebnisse in Lesen und Mathematik sind allemal mit den Vorgängerstudien vergleichbar - zum Leidwesen der deutschen Kultusminister.

Denn wie schon bei Pisa 2000 und 2006 führen die Rangliste hier nordeuropäische und asiatische Länder an: Beim Lesen belegen die Koreaner den ersten Platz vor den Jugendlichen aus Finnland und Hongkong. Die Reihenfolge in Mathe: Taiwan, Finnland, Hongkong. Durchgehend stark präsentieren sich auch die Kanadier.

Die deutschen Schüler bleiben in beiden Disziplinen im Mittelfeld und landen in der Gruppe, die die OECD als "Durchschnitt" bezeichnet. Anders gerechnet: Bei jeweils etwa 38 Punkten Abstand sieht die OECD den Lernfortschritt eines ganzen Schuljahres. Demnach trennen ein bis zwei Schuljahre die deutschen 15-Jährigen von den Spitzenländern.

Mädchen sind beim Lesen stärker

Beim Lesen stieg die Punktzahl der deutschen Schüler geringfügig von 491 Punkten auf jetzt 495. Deutsche Durchschnittsschüler können der Studie zufolge "Texte von mittlerer Komplexität" lesen, interpretieren und bewerten. Die deutschen Mädchen sind den Jungen beim Lesen deutlich überlegen, der Abstand beträgt 42 Punkte - etwas mehr als in den anderen Teilnehmerländern.

Die Bildungsforscher der OECD erklären die besseren Lesekompetenzen der Mädchen mit ihrem "größerem Engagement mit den meisten Formen des Lesens". Schülerinnen würden unterschiedlichere Texte lesen und sich mehr Bücher aus der Bibliothek ausleihen, heißt es im Bericht.

Jungs sind dafür in Mathe besser. International schaffen sie im Schnitt 11 Punkte mehr als ihre Mitschülerinnen, in Deutschland sind es sogar 20 Punkte. Nur im arabischen Emirat Katar können die Schülerinnen besser rechnen.

Im Lesen und Rechnen bleiben die deutschen Ergebnisse also mau - und die Steigerungen in den Naturwissenschaften könnten auch auf die neuen Fragen zurückzuführen sein. Als der deutsche Pisa-Leiter Manfred Prenzel die Bundesländer am Montagabend über die Ergebnisse informierte, freuten die Kultusminister sich dennoch über den "positiven Trend".

Kontroversen zeichnen sich wegen Geldanreizen in einigen Staaten ab: Nach Informationen des SPIEGEL erhielten junge Amerikaner bis zu 50 Dollar für die Teilnahme, Holländer Zehn-Euro-Gutscheine, auch junge Briten bekamen Geld - und slowenische Jugendliche einen Tag schulfrei.

In Deutschland durften die Schüler dagegen nur den Stift mit "Pisa"-Aufdruck als Souvenir behalten, mit dem sie den Test ausgefüllt hatten. Prenzel sieht aber durch die Prämien keine Probleme bei der internationalen Vergleichbarkeit der Ergebnisse: "Das verzerrt nicht die Ergebnisse."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Von Pisa zu Iglu - deutsche Schulen verbessert?
insgesamt 1799 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
_gimli_ 28.11.2007
Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Die "Sortierung" der Kinder nach der 4. Klasse finde ich skandalös. Meiner Meinung nach ist dies einer der Gründe, warum wir uns in Deutschland über die im internationalen Vergleich niedrigen Abiturientenzahlen wundern. Der nächste, mindestens genau so schlimme Punkt: das Fehlern von Ganztagsangeboten. Meine Frau würde gern wieder arbeiten gehen, was in Bayern aber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man die Bildung der Kinder nicht vernachlässigen will. Denn die Nachhilfe zu Hause ist fest seitens der Schulen einkalkuliert. Ich bin berufliche viel im skandinavischen Raum, besonders in Schweden unterwegs. Vom dortigen Sozial- und Bildungssystem kann Deutschland viel lernen ... Grüße _gimli_
2.
Niobe 28.11.2007
Zitat von _gimli_Ich lebe in Bayern (genau genommen in Erlangen) und meine Tochter besucht der Zeit die 2. Klasse. Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe.
Tja, dann freuen sie sich mal auf die 3. und 4. Klasse. Mein Sohn, 4. Klasse Grundschule, auch Bayern, hat seit der 3. Klasse Englisch. Hört sich gut an, was? Netterweise durften die Kinder das Heft vom letzten Jahr weiter nehmen. Was eigentlich auch egal ist. Da steht ausser ein paar netten Liedchen und diversen Farben nichts weiter wichtiges drinne. Mich ärgert das. Das sind zwei verhunzte Jahre. Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
3. DDR, alles besser?
discipulus 28.11.2007
Zitat von _gimli_... Obwohl sie sich recht gut schlägt, packt mich regelmäßig die Wut, wenn ich die deutschen Unterrichtsmethoden erlebe. Ich bin von 1972-1982 in eine Polytechnische Oberschule der DDR gegangen und muss sagen, dass die dortige Art, Wissen zu vermitteln, der heutigen Didaktik in Bayern um Längen voraus war. Grüße _gimli_
Werter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
4. Englisch in der Grundschule!
discipulus 28.11.2007
Zitat von Niobe... Warum wird den Kindern nicht "Englisch" beigebracht? 2 Stunden Englisch die Woche - für nette Lieder und Farben... Also, bringe ich ihm halt Englisch bei.
Verehrte/r Poster/in, was verstehen Sie unter "Englisch beibringen"? Hoffentlich doch nicht banalen englischen Wortschatz, womöglich noch in der Form des Frontalunterrichts? Geht es Ihnen hier um Fach- oder Methodenkompetenz? Bitte liefern Sie nähere Informationen.
5.
ReneMarik 28.11.2007
Zitat von discipulusWerter Poster, bitte werden Sie konkreter: Meinen Sie Fahnenapell vs. Stuhlkreis, ggf. doppelter Stuhlkreis nach Klippert?
Die Sortierung in der 4. Klasse kommt wirklich viel zu früh, gerade für uns Jungs. Meine Wenigkeit hatte z.b bis zur 7 Klasse sehr "durchschnittliche" Leistungen in der Schule. Eine 1 im Sport :) und der Rest alles Note 3 und Schlechter. "Klick" hatts bei mir erst ab Klasse 8 gemacht. Keine Ahnung warum aber meine Noten besserten sich merklich, ich hatte langsam eine Vorstellung von dem, was ich mal später als Beruf machen wollte usw. Im jetztigen System hätte ich maximal mittl.Reife oder den HS-Abschluß weil ich mit 10 Jahren schon auf die Verliererstrasse geschickt worden wäre. Mfg Rene´
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Pisa-Studien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...