Problemfall Gymnasium: Amok läuft, wer etwas zu verlieren hat

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Robert Steinhäuser, Pekka-Eric Auvinen - es sind oft Gymnasiasten, die Mitschüler und Lehrer ins Fadenkreuz nehmen. Nun diskutieren Lehrer, Polizisten und Wissenschaftler, ob Leistungsdruck und Statusangst am Gymnasium zu groß für manche Schüler sind.

Die Chronologie stimmt nachdenklich. Als im April 2002 der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser in Erfurt bei einem Amoklauf 16 Menschen und anschließend sich selbst tötete, fand die Bluttat in einem Gymnasium statt. Auch in Köln stand mit dem Georg-Büchner-Gymnasium wieder genau diese Schulform im Visier potenzieller Amokläufer - auch wenn die beiden Jugendlichen die Tat vor vier Wochen wieder verworfen hatten. Und als im südfinnischen Jokela ein Schüler acht Menschen und sich selbst erschoss, war der Tatort ebenfalls eine höhere Schule.

Georg-Büchner-Gymnasium in Köln: "Bei den Fällen von Schulgewalt in Deutschland stehen meistens Gymnasien in den Schlagzeilen"
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Georg-Büchner-Gymnasium in Köln: "Bei den Fällen von Schulgewalt in Deutschland stehen meistens Gymnasien in den Schlagzeilen"

Ist das Gymnasium also besonders anfällig dafür, potenzielle Attentäter zu produzieren, weil es besonders hohe Anforderungen an die Schüler stellt; Anforderungen, die in manchen Fällen einfach zu hoch werden können? Die Diskussion nach dem Beinahe-Amoklauf von Köln legt solch eine Vermutung durchaus nahe - auch wenn die Bluttat von Emsdetten vor einem Jahr, bei dem ein Amokläufer 37 Menschen verletzt und sich anschließend selbst erschossen hatte, an einer Realschule stattfand.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter sieht zum Beispiel durchaus einen Zusammenhang zwischen Schultyp und Gefährdung: "Bei den Fällen von Schulgewalt in Deutschland stehen meistens Gymnasien in den Schlagzeilen", konstatiert Verbandschef Klaus Jansen. Er bietet zwei Erklärungsmuster an, die auch bei anderen Experten immer wieder eine Rolle spielen: "Es muss untersucht werden, ob hier der Leistungsdruck und die Angst, abgehängt zu werden, besonders stark sind oder es mehr als an anderen Schulformen zu Mobbing kommt." Leistungsdruck und Mobbing sind also die Themen, um die die Diskussion kreist.

"Bildungswesen, das Gewinner und Verlierer produziert"

Die Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW) verweist auf den enormen Druck an den Schulen: "Wir haben ein Bildungswesen, das überhaupt erst Gewinner und Verlierer produziert", sagt GEW-Chef Ulrich Thöne. Jugendliche stünden heute in einem harten Wettbewerb miteinander. Da sei es fatal, wenn auch noch das Ausbildungssystem auslese. Deswegen müsse sich die Schulstruktur in Deutschland grundsätzlich ändern.

Die bayerische Sozialministerin Christa Stewens ist etwas anderer Meinung. Zwar bestätigt auch sie, dass das Problem tatsächlich vor allem eine Schulform betreffe: "Es sind ja immer Gymnasien." Im Gegensatz zur GEW sieht Stewens aber nicht den Lernstress dort als das Hauptproblem an: "Ich denke nicht, dass es am Leistungsdruck an unseren Schulen liegt", denn den habe es schon immer gegeben. Stattdessen empfindet Stewens Probleme durch Mobbing als weit gravierender. Die Auseinandersetzung mit Außenseitern laufe gerade an höheren Schulen "durchaus radikal" ab. "Ich denke, dass hier auch gerade solche Schüler in die Ecke gestellt werden."

Klaus Klemm sieht das ein wenig anders. Er ist Bildungsforscher und leitete bis vor kurzem die Arbeitsgruppe Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen. Obwohl Klemm, der als einer der vehementesten Verfechter der Gesamtschule bekannt wurde, wahrlich kein Fan von Gymnasien sein dürfte, warnt er, vorschnell eine vermeintliche Verbindung zwischen Schulform und Amok-Problemen herzustellen. "Ich sehen den Zusammenhang mit Gymnasien nicht", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - und verweist zum Beispiel auf die Tat in Emsdetten. Ein dreigliedriges Schulsystem, so sagt Klemm, gebe es im Prinzip nur noch in Deutschland und Österreich. "Und der deutschsprachige Raum erscheint mir trotzdem nicht besonders stark amokgefährdet."

Sein Kollege Wilfried Breyvogel, ebenfalls von der Universität Duisburg-Essen, legt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE Wert darauf, die Diskussion nicht auf den Begriff "Gymnasium" zu reduzieren. Für ihn sind alle Schulen gefährdet, "die einen höheren Statuserwerb ermöglichen". An Gesamt- und Realschulen könne die Problematik ebenfalls auftauchen.

Im Übrigen wehrt sich der Bildungsforscher dagegen, dass überhaupt der Begriff "Amoklauf" verwendet wird. Er möchte stattdessen lieber von einem "erweiterten Suizid" sprechen. Denn alle bekannten Attentäter hätten bereits vor ihrer Tat die Absicht gehabt, sich am Ende selbst zu richten.

Wie auch immer man die Taten bezeichnet, entscheidend ist nach Ansicht von Wilfried Breyvogel nicht unbedingt die Schulform, sondern die Aufstiegserwartungen der potenziellen Attentäter. Wer sich auf seinem Weg nach oben gefährdet sehe, der drohe im Extremfall zum Gewalttäter zu werden. Breyvogel verweist etwa auf den Erfurt-Attentäter Robert Steinhäuser. Er war wegen eines gefälschten Arzt-Attestes von der Schule geflogen - und stand deswegen komplett ohne Abschluss und Berufschance da.

Eine Perspektivlosigkeit, der er durch seinen Amoklauf zuvor kam. Eine Perspektivlosigkeit, die sein Leben und das von 16 anderen Menschen kostete. Anders formuliert könnte man Breyvogels These also wie folgt zusammenfassen: Amok läuft nur, wer auch etwas zu verlieren hat. Wer sowieso nichts vom Leben erwartet, hat schlicht keinen Grund dazu.

Mit Material von dpa/ddp/AP

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