Radikaler Bildungsplan: Lehrer zum TÜV, Kinder in die Vorschule

Von und Britta Mersch

Kindergartenpflicht, Abschaffung der Hauptschule, nach Leistung bezahlte Lehrer mit befristeten Lizenzen: Ein Aktionsrat namhafter Professoren fordert einen umfassenden Kurswechsel an den Schulen. Deutschlands Bildungspolitik soll radikal umsteuern.

Einen "Masterplan für mehr Bildungsgerechtigkeit" fordern sieben namhafte Professoren, die das deutsche Bildungsystem auf den Prüfstand gestellt haben. Die Kritik fällt hart aus: So bemängelt der "Aktionsrat Bildung" die unzureichende Förderung von Kleinkindern, Schwächen bei den Übergangsempfehlungen auf weiterführende Schulen und in der Lehrerausbildung. Das gesamte Bildungssystem brauche klare Zielvorgaben und Finanzierungskonzepte - "von der Kinderkrippe bis zum Hochschulbereich", sagte Manfred Prenzel, deutscher Pisa-Projektleiter und Mitglied des Aktionsrates.

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In ihrem 180-seitigen Gutachten legen die Bildungsforscher zahlreiche Vorschläge vor. Nicht alle sind neu, originell oder spektakulär; über manche wird schon seit vielen Jahren ergebnislos debattiert. Aber im Aktionsrat, 2005 auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft gegründet, haben sich renommierte Bildungsforscher versammelt, darunter neben Prenzel auch Dieter Lenzen (Präsident der FU Berlin), Wilfried Bos (Leiter der Grundschüler-Studie Iglu) und Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung. Sie sind unzufrieden mit dem Bildungssystem und wollen den stotternden Reformmotor zum Laufen bringen. Und in der Gesamtschau würden die Umsetzung ihrer Ideen einen echten Kurswechsel im deutschen Schulsystem bedeuten.

Das Gymnasium bleibt sakrosankt

Dazu gehören zum Beispiel eine Kindergartenpflicht nach dem vierten Lebensjahr, eine nur noch befristete Anstellung der bisher zumeist beamteten Lehrer und ein zweigliedriges Schulsystem. Das würde eine Abschaffung der Hauptschulen und ihre Zusammenlegung mit Realschulen bedeuten, wie es manche Bundesländer bereits planen. Am Gymnasium dagegen will der Aktionsrat keineswegs rütteln. "Man sollte nicht eine funktionierende Schulform opfern, um Ungerechtigkeit zu bekämpfen", sagte der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen in einem "Zeit"-Interview. Die Experten wollen aber die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen erhöhen; die Absolventen der neuen "Sekundarschule" sollen leichter den Weg zur Hochschulreife schaffen.

Bewusst provokativ empfehlen die sieben Professoren eine "Entstaatlichung" der Schulen: Sie sollen fortan zwar staatlich finanziert, aber von privaten Trägern geleitet werden und eine weitgehende Autonomie erhalten. Lenzen verspricht sich davon mehr Wettbewerb: "Gute Arbeit muss belohnt werden, schlechte bestraft." Das soll auch für Lehrer gelten - sie erhalten nach den Vorstellungen der Bildungsforscher eine leistungsbezogene Bezahlung und befristete "Lehrlizenzen", die von der Teilnahme an Weiterbildungen abhängt.

Auch in die Diskussion um die Kinderbetreuung mischen sich die Forscher ein und stützen die Ausbaupläne von Familienministerin Ursula von der Leyen. Sie sprechen sich aus für einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz vom dritten und eine Kindergartenpflicht vom fünften Lebensjahr an. Nach der Grundschule sollen sich zwar, wie bisher, die Wege der Schüler auf nunmehr zwei Schultypen trennen. Aber dann haben sie - die zwei Jahre vor Schulbeginn eingerechnet - schon sechs Jahre gemeinsam verbracht. Damit es nicht mehr zu einem Schüler-Lotto mit reihenweise falschen Schulempfehlungen kommt, fordern die Experten eine bessere Diagnostik und die Möglichkeit zur Rücknahme von Fehlentscheidungen.

Weiterhin plädieren die sieben Professoren für ein flächendeckendes Angebot von Ganztagsschulen - sie seien am besten geeignet, "unterschiedliche Ausgangsbedingungen aufzufangen". In der Benachteiligung von Kindern aus Migrantenfamilien und ärmeren Bevölkerungsschichten, vor allem durch die Pisa-Studien bestätigt, sieht der Aktionsrat ein großes Problem. "Man muss befürchten, dass im derzeitigen System mehr als 20 Prozent der Kinder den Anschluss verlieren", so Manfred Prenzel. Die Experten sprechen sich auch für eine akademische Ausbildung von Erzieherinnen und Reformen in der Lehrerausbildung aus, die in einem bedenklichen Zustand sei und mehr auf die Wissenschaft statt auf den Lehrerberuf vorbereite. Die Hochschulen sollen sich stärker für Nicht-Abiturienten öffnen.

Die Lehrer-Reflexe funktionieren

Die meisten Befunde des Expertenteams sind nicht überraschend, die allenfalls mittelprächtigen Leistungen deutscher Schulen wurden durch Studien wie Pisa, Iglu oder Timss bereits vielfach bestätigt. Das soziale Gefälle monierte zuletzt auch der Uno-Sonderkommissar Vernor Muñoz. Die Umsetzung des Reformpakets würde rund 29 Milliarden Euro kosten - woher das Geld kommen soll, lassen die Bildungsforscher offen.

In einer ersten Reaktion bezeichnete die Bildungsgewerkschaft GEW das Gutachten als "widersprüchlich und unausgegoren". Vorstandsmitglied Marianne Demmer kritisierte unter anderem die Forderungen nach einem Schulranking und Privatisierung sowie den Vorschlag eines zweigliedrigen Systems, mit dem der Aktionsrat "das Gymnasium zementieren will" . Sie hält die "frühe Auslese der Kinder für das Kardinalproblem des deutschen Schulsystems". Das zweigliedrige System könne allenfalls ein "Tippelschrittchen zu mehr Chancengleichheit" sein.

Auch der Deutsche Lehrerverband erklärte, der Aktionsrat liege mit der Forderung nach der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen voll daneben, denn das würde ein Drittel der Schüler über- und ein weiteres Drittel unterfordern. Der Verband Bildung und Erziehung sprach von "fragwürdigen Wirtschaftsfantasien". Es bleibe das Geheimnis des Aktionsrates, wie über Lohndumping und Sozialabbau bei Lehrern mehr Gerechtigkeit erreicht werden solle.

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insgesamt 5849 Beiträge
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1. Ja und nein
Hardliner 1 08.03.2007
Befristete Anstellung für Lehrer, ja. Abschaffung der Hauptschule, nein. Kindergartenpflicht nur bei auffälligen bzw. nicht deutsch sprechenden Kindern. Was Deutschland nicht braucht, sind sozialistische Bildungsideale der DDR.
2.
leo-minor 08.03.2007
Die Erwachsenen sollten erstmal zeigen, wie lernfähig sie sind, um dann Kindern etwas beizubringen.
3. Auch für Professoren
NilsBoedeker 08.03.2007
Hi "Aktionsrat namhafter Professoren" ich kann nur sagen... "Nach Leistung bezahlte Professoren mit befristeten Lizenzen" da würde sich an den deutschen Unis einiges tun.
4. wie lange dauert es diesen vorschlag zu zerreden???
smokeonit 08.03.2007
bestimmt wird es 10 jahre dauern diesen guten vorschlag zu zerreden, vernichten und abzutun... die lehrergewerkschaft wird dasuebrige tun um reformversuche im keim zu ersticken.... fuer mich hoert sich diese studie supergut an und besser heute als morgen sollte man damit anfangen diese umzusetzen... ins deutsche uebersetzt mit dem hang es ALLEN RECHT MACHEN ZU WOLLEN wird es in 50 jahren keine aenderung geben, genauso wie beim steuerproblem, der gesundheitsthematik und allen anderen heissen eisen.... es ist ein wunder das man den ladenschluss fast ausgeschaltet hat... ein wahres wunder, danke FDP;-)
5.
Broko 08.03.2007
Toll - dann werden wohl noch weniger Leute Lehrer werden. Imponierend, mit welcher Hartnäckigkeit in Deutschland - selbst von solch hochdotierten Leuten - die Ergebnisse der Lernstandserhebungen ignoriert werden: Die Leistungen der Gesamtschul-E-Kurse lag unter denen der Realschule und die der G-Kurse unter denen der Hauptschule - wer's noch nicht weiß ...
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