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Rot-rote Schulreform: Berlin schafft Hauptschulen ab

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In der Hauptstadt naht das Ende der Haupt- und Realschulen: Berlin bekommt ein zweigliedriges Schulsystem mit Gymnasien und Sekundarschulen. Das hat die rot-rote Parlamentsmehrheit beschlossen. Weiter unklar ist, wie genau das umstrittene Losverfahren an Gymnasien funktionieren soll.

Neue Schulstruktur: Das Berliner Parlament hat die Schulreform verabschiedet Zur Großansicht
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Neue Schulstruktur: Das Berliner Parlament hat die Schulreform verabschiedet

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag mit der Mehrheit der rot-roten Landesregierung die Schulreform verabschiedet. Somit wird es ab dem kommenden Schuljahr nach der sechsjährigen Grundschule nur noch zwei Schulformen geben: das Gymnasium sowie die Sekundarschule, zu der Haupt-, Real- und Gesamtschulen verschmelzen.

Die Berliner Grünen enthielten sich bei der Abstimmung am Donnerstag, unter anderem weil auf Gymnasien das Sitzenbleiben erhalten bleibt. FDP und CDU stimmten dagegen. Sie kritisieren, dass das Gymnasium durch die Neuregelung der Schulzuweisung geschwächt werde und die Reform nicht solide vorbereitet sei.

Das Stigma "Du bist Hauptschüler" werde es nicht mehr geben, sagte Steffen Zillich. Der bildungspolitische Sprecher der Fraktion der Linken warb für die Reform: "Die schulischen Ergebnisse sind einfach zu schlecht, sowohl in der Spitze, als auch im Durchschnitt und vor allem bei Schülern, die es besonders schwer haben." Insbesondere sozial benachteiligte Schüler würden zu selten das Abitur machen. "Das bisherige Schulsystem ist schlicht ungerecht", sagte Zillich SPIEGEL ONLINE.

Das neue Zuweisungsverfahren soll soziale Inseln vermeiden

Die Schulreform ist ein Mammutprojekt, das den Plänen der schwarz-grünen Koalition in Hamburg in wesentlichen Punkten ähnelt. Der Kern ist eine neue Schulstruktur: Nach Klasse 6 haben die Schüler nur noch die Wahl zwischen zwei Schulformen - an der Sekundarschule können sie die Abschlüsse der Haupt- und Realschule sowie nach 13 Jahren das Abitur machen, am Gymnasium nach Klasse 12. Die Probezeit an Gymnasien wird von einem halben auf ein Jahr verlängert. Derzeit besuchen insgesamt 79.000 Schüler Gymnasien, 40.000 sind es Gesamt-, 21.000 an Real- und 12.000 an Hauptschulen.

Die Eltern entscheiden weiterhin, ob ihr Kind auf ein Gymnasium oder eine Sekundarschule gehen soll. Sie bekommen zwar am Ende der sechsten Klasse eine Empfehlung aufgrund der Leistungen, Kompetenzen und Neigung - doch die ist nicht bindend.

Weil Eltern aber künftig nicht nur die Schulform, sondern auch die Schule selbst wählen dürfen, wird es an manchen Schulen mehr Bewerber als Plätze geben. In diesem Fall besetzt die Schule 60 Prozent der Plätze nach eigener Wahl, zehn Prozent werden an Härtefalle wie Geschwisterkinder vergeben - und die restlichen 30 Prozent werden verlost. Bildungssenator Zöllner verspricht sich vom neuen Verfahren eine bessere soziale Durchmischung an Gymnasien und will fortan "soziale Inseln" vermeiden. Das neue Zuweisungsverfahren tritt erst ab dem Schuljahr 2011/2012 in Kraft, in diesem Jahr gilt noch das Wohnortprinzip.

"Ein Verbrechen an schwachen Schülern"

Derzeit gibt es laut Bildungsverwaltung an 45 Prozent der Berliner Gymnasien mehr Bewerber als Plätze. Nach der Reform könnte die Zahl steigen, da Eltern ihre Kinder womöglich lieber an der ihnen bereits bekannten Schulform Gymnasium anmelden, statt sie auf die neue Sekundarschule zu schicken.

Das "Schüler-Lotto" ist in Berlin stark umstritten. "Ganz allgemein formuliert garantiert das Los eine völlige Gleichbehandlung", verteidigte Zöllner es vor einem halben Jahr im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Allerdings ist weiter offen, was mit Schülern passiert, die an ihrer Wunschschule keinen Platz zugelost bekommen haben. "Die Modalitäten müssen noch geklärt werden", sagte Jens Stiller, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, SPIEGEL ONLINE. Die Schulbezirke sollen diesen Schülern Plätze anbieten. Würde auch dann an einzelnen Schulen die Zahl der Anmeldungen die der Plätze übersteigen, sei eine weitere Losrunde denkbar.

"Ein Verbrechen an schwachen Schülern" nannte Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der Berliner CDU, das Losverfahren. "Die werden an ein Gymnasium geschickt und müssen dann nach dem Probejahr wieder runter und erfahren, was Scheitern bedeutet", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Extra-Stellen sollen Sekundarschulen attraktiv machen

Die Sekundarschulen sollen jedoch keinesfalls bloße Restschulen werden, sondern möglichst viele Schüler locken, vor allem durch kleine Klassen und das duale Lernen: Während an Gymnasien maximal 29 Schüler in eine Klasse gehen sollen, werden es an Sekundarschulen höchstens 25 sein. Zudem sollen Schüler an Sekundarschulen vermehrt Betriebspraktika absolvieren und von der neunten Klasse an bis zu drei Tage in der Woche sogenannte Praxislernorte besuchen. Das sind vor allem Betriebe. Die Industrie- und Handelskammer und die Handwerksammer werden sich beteiligen.

Rund 25 Millionen Euro werden an zusätzlichen Mitteln in die Reform gepumpt, sagte Linke-Sprecher Zillich. Investiert werde in Schulen mit hohem Anteil von Kindern aus Einwandererfamilien und aus sozial schwachen Familien. Senator Zöllner kündigte an, dass für die neuen Schulen bis zu 400 Extra-Stellen für Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher geschaffen würden.

Trotz hitziger Debatten vor allem um das Losverfahren an Gymnasien, verlief die Entwicklung der Reform im Vergleich zu Hamburg recht glatt. Dort hatte das Landesparlament die Schulreform im Oktober beschlossen. Die Initiative der Reformgegner sammelte dann aber in einem Volksbegehren über 180.000 Stimmen und könnte im Sommer einen Volksentscheid durchführen lassen, der die Reform kippen könnte. Derzeit versucht die schwarz-grüne Regierungskoalition, mit den Reformgegnern einen Kompromiss zu finden. Am Freitag setzt man sich erstmals zu Verhandlungen an einen Tisch.

"Die Reform ist ein Schritt hin zur Schule für alle"

Doch auch in Berlin haben sich die Reformgegner nun formiert - zum "Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen", das in der vergangenen Woche unter anderem der Berliner Philologenverband, der Landesverband der Realschullehrer und die Katholische Erziehergemeinschaft gründeten. Anders als die Hamburger Initiative, die sich vor allem um die Zukunft des Gymnasiums sorgt, hat das Bündnis sich den Erhalt der Realschulen zum Ziel gesetzt.

Vor allem aber fürchtet das konservative Bündnis, dass die Schulreform nur ein Zwischenschritt zu einer Einheitsschule für alle sein könnte, denn das sei das Ziel der Schulpolitik der Linken. Zillich widerspricht nicht: "Die Reform ist ein Schritt hin zu der unserer Meinung nach notwendigen Schule für alle." Das Bündnis sei "halbherzig", sagte er SPIEGEL ONLINE. Sonderbar sei, dass es sich erst jetzt aufstelle - "nach über zwei Jahren, in denen in Berlin über die Zukunft der Schulen diskutiert wurde".

Die Lehrergewerkschaft GEW unterstützt die Reform. Die Berliner Landesvorsitzende Rose-Marie Seggelke mahnte allerdings, es gebe noch zahlreiche Bedenken gegen die Reform. Zöllner müsse daher die restliche Zeit bis zum Beginn des Schuljahres 2010/11 nutzen, um verunsicherte Eltern von den Vorteilen der Sekundarschule zu überzeugen. Auch müsse er die Lehrer "mitnehmen", die die Reform umsetzen sollten.

Mit Material von ddp

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Abgeschaffte Hauptschulen...
Knütterer, 14.01.2010
Zitat von sysopIn der Hauptstadt naht das Ende der Haupt- und Realschulen: Berlin bekommt ein zweigliedriges Schulsystem mit Gymnasien und Sekundarschulen. Das hat die rot-rote Parlamentsmehrheit beschlossen. Weiter unklar ist, wie genau das umstrittene Losverfahren an Gymnasien funktionieren soll. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,671880,00.html
.. klar, der Senat wird vermutlich demnächst als Ersatz Koranschulen eröffnen ;-(
2. Raffiniert
Rainer Daeschler, 14.01.2010
Damit sind sie ähnlich raffiniert, wie die schwarz-gelben Baden-Württemberger. Die benennen Hauptschulen einfach in Werksrealschulen um, und schon ist das Bildungsproblem gelöst.
3.
Christian W., 14.01.2010
Billige Polemik AN: Na super! Dann werden künftig also diejenigen, die normalerweise auf die Hauptschule gegangen wären, nun die Realschüler nerven und auf ihr Niveau herunterziehen, sodass den bisherigen Realschüler weniger beigebracht wird, weil man ja die ganzen Härtefalle erstmal auf ein halbwegs gesundes Grundniveau hochziehen muss. Ich troll mich mal...
4. Kein Entkommen mehr
Ingeboorg 14.01.2010
Früher konnten sich Kinder in Sicherheit bringen, indem sie auf höhere Schulen wechselten. Das soll wohl nicht sein. Danke für NICHTS!
5. Super
Liberalitärer, 14.01.2010
Nun wird alles besser, die Schulen haben mehr Geld, die Migrantenqoute sinkt und der IQ der Schüler und Lehrer steigt. Ich denke Deutschland sollte dem folgen. Warum benennen wir nicht unsere Kindergärten in Eliteunis um. Viel hilft viel.
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Die Berliner Schulreform
Neue Schulformen
Ab dem kommenden Schuljahr werden sich Schüler nach der Grundschule nur noch zwischen zwei Schulformen entscheiden müssen: Das Gymnasium wird das Abitur nach Klasse 12 anbieten, die Sekundarschule im Regelfall nach Klasse 13. An der Sekundarschule können zudem die vorherigen Abschlüsse der Haupt- und Realschule erworben werden.
Gymnasium
An den Gymnasium ändert sich kaum etwas: Das Abitur wird nach Klasse zwölf abgelegt, über die Versetzung wird die Leistung der Schüler entscheiden. Mindestens ein Gymnasium pro Schulbezirk soll eine Ganztagsschule mit einer garantierten Betreuung bis 16 Uhr werden.
Sekundarschulen
Die Sekundarschulen bieten die Abschlüsse der Haupt- und Realschule sowie das Abitur nach Klasse 13. Sie sollen Schülern mehr Praxiserfahrung ermöglichen: Beim sogenannten dualen Lernen werden Schüler bis zu drei Tage in der Woche Praxislernorte besuchen, das sind vor allem Unternehmen. Die IHK und die Handwerkskammer werden dies unterstützen. Sekundarschulen werden im Ganztagesbetrieb laufen, ihre Klassengröße soll 25 Schüler nicht überschreiten.
Schulzuweisung
Völlig neu organisiert wird die Zuweisung der Schulform nach der Grundschule: Eltern können ihre Kinder auch ohne Empfehlung auf ein Gymnasium schicken und sich dabei für eine bestimmte Schule entscheiden, unabhängig von ihrem Wohnort. Nach einem Probejahr kann allerdings entschieden werden, dass das Kind auf eine Sekundarschule gehen muss. Schulen, bei denen die Nachfrage die Zahl der Plätze übersteigt, werden in einem neuen Verfahren Schüler auswählen: 60 Prozent der Plätze vergeben sie, zehn Prozent entfallen auf Härtefälle wie Geschwisterkinder und 30 Prozent werden verlost.
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