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Bildungsministerin Wende: Rücktritt einer Andersartigen

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Raus aus dem Kabinett: Waltraud Wende ist nicht mehr Bildungsministerin in Schleswig-Holstein Zur Großansicht
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Raus aus dem Kabinett: Waltraud Wende ist nicht mehr Bildungsministerin in Schleswig-Holstein

Unangepasst, mutig, manchmal verletzend direkt: Waltraud Wende kam im Kieler Politikbetrieb niemals richtig an. Die schleswig-holsteinische Wissenschaftsministerin ist ein Beispiel dafür, wie schwer es politische Quereinsteiger haben.

Es ist, letztlich, eine Geschichte vom Zusammenstoß zweier Kulturen: Politik und Wissenschaft. Die Professorin Waltraud "Wara" Wende, die erfolgreiche und stilsichere Frau, ist sicher eine selbstbewusste Person. Den Weg in die Politik aber hat sie nicht gesucht.

Der damalige SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig lernt sie bei einem Besuch der Universität Flensburg kennen - und glaubt sofort, ihr Talent für Politik zu sehen. Er fragt sie, ob sie in sein Wahlkampfteam eintreten will. Was sie tut, weil sie gestalten will, weil sie ganz bewusst anders Politik machen will. Es interessiert sie nicht politics, also Machtausübung als solche, sondern policy - das Gestalten eines Politikfelds, das der Bildung.

Wende betont noch bei einem Gespräch inmitten des größten Trubels um ihre Person, wie wichtig sie es finde, dass auch andere Leute Politik machen, nicht nur Politiker. Und dass sie nicht aufgeben wolle, dass ihr Umfeld sie stütze, aber dass sie nicht wisse, ob sie durchhalte. "Es muss doch auch anders gehen", sagt sie. Aber es geht wohl nicht anders.

Denn so schön die Geschichte anmutet, eher spontan in die Politik zu wechseln und dort mit größtem Elan vieles in Bewegung zu setzen, Politik ist eben - auch - gnadenloser Machtkampf. Jeder weiß das, aber sie glaubt allen Ernstes daran, dass es anders gehen könnte. So wie sie sich öffentlich als Schulversagerin bezeichnet - die freilich am Ende ihrer Schulzeit als Klassenbeste abschneidet. Sie ist, irgendwann im Frühsommer 2014, längst blass und ängstlich geworden bei einem Interviewtermin, misstrauisch gegenüber Journalisten. Aber ihr Selbstbewusstsein und ihr Enthusiasmus entfachen sich entlang der Themen, die sie vertritt.

Attackiert wie eine Feindin

Die Promotion für Fachhochschulen, den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicaps oder eine gemeinsame Lehrerbildung für alle Schulformen: Es sind ihr Herzensthemen. Für jedes dieser Reformvorhaben, für die es gute Gründe gibt, wird sie in der Öffentlichkeit verdroschen. Damit kann sie umgehen. Wer Schule umbauen will, gewinnt nicht nur Freunde. Aber es ist ein Unterschied, ob man auf der Straße mit demonstrierenden Schülern und Studierenden diskutiert, oder im Landeshaus attackiert wird wie eine Feindin. Besonders frostig sollen die persönlichen Begegnungen mit dem FDP-Einpeitscher Wolfgang Kubicki gewesen sein, so sagte es Wende einmal in einem persönlichen Gespräch.

Fest steht: Waltraud Wende fremdelte von Anfang an mit dem Kieler Politikbetrieb. Das wurde ihr, der Quereinsteigerin, zunächst als erfrischend und als neuer Stil ausgelegt - und trug dann immer mehr zu den heftigen Angriffen auf ihre Person bei. Tatsächlich pflegte die 56-jährige Literaturwissenschaftlerin den unkonventionellen Eindruck stets auch selbst. Ihre Parteilosigkeit, ihr offensiver Umgang mit ihrem Kosenamen "Wara", der Stil ihrer E-Mails - all das waren für sie immer auch Belege dafür, dass sie anders und unangepasst war und auch so gesehen werden wollte.

Bestechlich? Betrügerisch? Oder nur unkonventionell?

Wende hatte sich, bevor sie im Juni 2012 ins Kieler Kabinett wechselte, Gedanken darum gemacht, wie es mit ihr nach der Zeit als Ministerin weitergehen würde. Als Uni-Präsidentin gab sie einen attraktiven Posten auf, und deshalb soll sie sich - so der Verdacht der Ermittler und die Deutung der politischen Opposition - illegal eine Option zur Rückkehr gesichert haben. Gekümmert hat sie sich um diese Frage tatsächlich - nur wie? Hat sie den Kanzler der Universität Flensburg, Frank K., bedrängt, ihr einen Lehrstuhl in Aussicht zu stellen? Und hat sie ihn im Gegenzug dem Flensburger Senat zur Wiederwahl vorgeschlagen? Oder wird ihr unkonventioneller Umgangsstil mit Kollegen und Mitarbeitern einfach böswillig und falsch interpretiert?

Nach öffentlichen Protesten verzichtet sie im April 2014 auf ihre Absicherung - was die Opposition aber nicht davon abhielt, weiterhin genüsslich aus Wende-E-Mails zu zitieren. Den Zugang erstritten sich ihre Gegner, denn der E-Mail-Verkehr einer Präsidentin hat offiziellen Charakter, die E-Mails sind Amtsgeschäfte und nun sind sie auch Teil der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

So hatte im Mai 2012 zunächst der Flensburger Kanzler an seine damals noch amtierende Präsidentin gemailt, eine solche Rückkehroption liege "leider nicht in unserer Regelungskompetenz". Wende mailte ein paar Tage später zurück: "Liebe Männer des Präsidiums, manchmal ist die Welt so einfach, wie sie sich Nichtjuristen vorstellen (auch wenn Kanzler das anders sehen!)", und das Präsidium könne sehr wohl einen entsprechenden Beschluss ohne ihr Mitwirken fassen. Und dann die Ermahnung: "Und bitte Herr K., machen Sie Letzteres nicht wieder kompliziert!" Die E-Mail endet mit den Worten: "Jetzt ist es an Euch / Ihnen zu entscheiden, wo ich demnächst Bildungspolitik machen werde, WW".

Verlacht für eine menschliche Regung

Sie hatte sich den neuen Ort für ihre Bildungspolitik, das politische Parkett in Kiel, wohl anders vorgestellt. Mit am meisten verletzt hat sie das höhnische Gelächter und die Schmähungen, die ihr entgegengeschleudert werden, als sie im Parlament erklären will, was es mit der Lehrerbildung auf sich hat. Eine Lehrerbildung, die ihresgleichen in Deutschland sucht. Das will sie im Landeshaus selbst vertreten. Aber es geht ja längst um sie, um ihren Kopf. Sie wird von Ministern und Beratern gefragt, ob sie das schafft, ob sie stabil ist. Sie sagt ja, weil sie von der Sache ganz überzeugt ist. Aber als sie vorne am Rednerpult steht, schlägt ihr etwas entgegen, das sie als Hass empfindet. Sie hält es nicht aus und beginnt zu schluchzen. Aber das spornt den politischen Gegner geradezu an. Sie wird verlacht und beschimpft für eine menschliche Regung.

Dieser Augenblick hat Wara Wende schockiert. In diesem Moment ist ihr klargeworden, dass es nicht geht.

Wendes Nachfolgerin steht wohl schon fest. Es soll sich nach dpa-Informationen um die SPD-Bildungspolitikerin Britta Ernst handeln, Ehefrau des Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz. Die 53-Jährige arbeitet bisher für die SPD-Bundestagsfraktion in Berlin. Ministerpräsident Albig will die neue Ressortchefin am Dienstagvormittag vorstellen.

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1. Netz und doppelter Boden,
ludna 15.09.2014
ich kann sie verstehen Politik ist oft ein Amt auf Zeit, da will man sich beruflich und finanziell absichern. Aber viele Menschen, auch befristet angesteller Mitarbeiter an der Uni, aber auch Menschen inder freien Wirtschaft, kleine Unternehmer und auch einige Politiker haben diese Absicherung nicht. Für die gibt es keinen Plan B, kein zurück, keinen verbeamteten Posten wenn es schief geht. Und daher hält sich mein Mitleid in Grenzen. Was den Umgang der Politik mit Quereinsteigern angeht, nunja, ohne Hausmacht geht es wohl nicht.
2. Der ehrliche Politikbetrieb
morazan_1060 15.09.2014
Wenn sich jemand freistellen lässt weil er Abgeordneter ist, dann ist dies normal. Auch wird es "normal" empfunden wenn Ministerpräsidenten, Bundeskanzler nach ihrer Zeit vorgesorgt haben indem man Verordnungen und Gesetze verabschiedet die einem ermöglichen danach wohlfeil in die freie Wirtschaft zu wechseln. Und hier möchte jemand in seinem alten Job weiterarbeiten wie es einige Abgeordnete in Ihren Kanzeleien danach machen und komischerweise bestimmte Klientel vertreten. Wie korrupt und moralisch abgewirtschaftet muss man sein wenn etwas legitimes (Arbeit im alten Job) kriminalisiert wird, während Koch, Schröder und viele andere wechseln dürfen in Jobs die Ihnen das restliche Leben verweigert werden müssten! Und ein Herr Kubicki wagt sich darüber zu empören? Es ist eigentlich nur noch traurig in so einem Land zu wohnen das sich in der Politiksprache und der Behandlung im Politikbetrieb kaum noch unterscheidet wie in der DDR mit kritischen Genossen und Geistern umgegangen wurde.
3. andersartig sein und gleichartig scheitern...nicht nur im hohen norden!
alienata 15.09.2014
es ist schade, dass gerade quereinsteigende frauen scheitern, weil sie ihre menschlichkeit und ihre überzeugung nicht aufgeben wollen. noch mehr schade ist, dass anscheinend keine der etablierten parteien und erst recht nicht die spd solchen frauen eine plattform bieten kann... einfach nur schade, menschlich und politisch!
4. Erschreckend...
mainzer2 15.09.2014
Viel mehr noch als das persönliche Schicksal einer unangepassten Politikerin ist die Tatsache erschreckend, dass wieder einmal die Bildungspolitik eines Bundeslandes kaputt politisiert wird! Es geht um unsere Zukunft, um die Zukunft einer Generation...aber die geht ja nicht zur Wahl! Wir haben anscheinend immer noch nicht erkannt, dass nur in der besten schulischen Ausbildung, die möglich ist, unsere Fähigkeit liegt, die Zukunft unseres Wohlstands zu gestalten und zu erhalten!
5.
Herbert1968 15.09.2014
Zitat von morazan_1060Wenn sich jemand freistellen lässt weil er Abgeordneter ist, dann ist dies normal. Auch wird es "normal" empfunden wenn Ministerpräsidenten, Bundeskanzler nach ihrer Zeit vorgesorgt haben indem man Verordnungen und Gesetze verabschiedet die einem ermöglichen danach wohlfeil in die freie Wirtschaft zu wechseln. Und hier möchte jemand in seinem alten Job weiterarbeiten wie es einige Abgeordnete in Ihren Kanzeleien danach machen und komischerweise bestimmte Klientel vertreten. Wie korrupt und moralisch abgewirtschaftet muss man sein wenn etwas legitimes (Arbeit im alten Job) kriminalisiert wird, während Koch, Schröder und viele andere wechseln dürfen in Jobs die Ihnen das restliche Leben verweigert werden müssten! Und ein Herr Kubicki wagt sich darüber zu empören? Es ist eigentlich nur noch traurig in so einem Land zu wohnen das sich in der Politiksprache und der Behandlung im Politikbetrieb kaum noch unterscheidet wie in der DDR mit kritischen Genossen und Geistern umgegangen wurde.
So wie Sie es schildern, war es gerade NICHT. Frau Wende war Präsidentin der Universität Flensburg, sie war AUF ZEIT GEWÄHLT. Eine Rückkehroption in ein Wahlamt gibt es nicht, kann es nicht geben. Statt dessen hat sie sich die Option zur Rückkehr auf eine erst noch zu schaffende Professur geben lassen. Das war weder legal, noch legitim, sondern schlicht illegal.
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