Schülerdrill in Südkorea: "Wenn du eine Zwei bekommst, denkst du ans Sterben"

Von Andreas Hippin, Seoul

Beim Pisa-Test schneiden Südkoreas Schüler stets blendend ab. Die Schattenseite: Mechanisches Pauken, Prüfungsangst und Anpassungsdruck bis hin zur Haarlänge bestimmen den tristen Schulalltag. Jetzt stellt eine Schülerbewegung das Erziehungssystem radikal in Frage.

Vermummter Protest: Die Schüler wollen nicht erkannt werden
Andreas Hippin

Vermummter Protest: Die Schüler wollen nicht erkannt werden

Der Leistungsdruck in Südkoreas Schulen ist für deutsche Verhältnisse unvorstellbar. "Nur vier Prozent schaffen es in eine der besten Universitäten", sagte Lee Jun Haeng, 20, über dessen Website "Republic of Teenagers" die Schüler ihre Proteste organisieren. Der Unterricht ist allein darauf ausgerichtet, dieses Ziel zu erreichen. Die zweistellige Jugendarbeitslosigkeit erhöht den Druck. "Wenn du eine Zwei bekommst, denkst du schon ans Sterben", sagte Lee.

Manche Schüler denken nicht nur daran: Der amtlichen Statistik zufolge nahmen sich im vergangenen Jahr 265 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren das Leben. Selbstmord ist nach Verkehrsunfällen die wichtigste Todesursache bei Teenagern - häufig stehen schulische Probleme dahinter.

Allein in den letzten beiden Monaten haben sich zehn Schüler umgebracht, weil sie mit ihren Prüfungsergebnissen nicht leben konnten. Aus einer Mahnwache für sie hat sich eine Schülerbewegung entwickelt, die das Erziehungssystem radikal in Frage stellt.

Die Schüler in Korea haben gegen die japanische Kolonialherrschaft und gegen die Militärdiktatur gekämpft. Dass sie Jahrzehnte später für ihre ganz persönlichen Freiheitsrechte auf die Straße gehen, "hat in der Erwachsenenwelt für einigen Tumult gesorgt", sagte die auf Kinderrechte spezialisierte Professorin Lee Yang Hee.

6000 Polizisten gegen 400 Schüler

Rund 6000 Polizisten wurden Anfang Mai aufgeboten, um die friedliche Mahnwache von 400 Oberschülern in Schach zu halten, die ihrer toten Mitschüler gedenken wollten. Hunderte Lehrer versuchten, ihre Schüler noch vor Erreichen des Veranstaltungsorts abzufangen. Die Teilnehmer wurden von Lehrern fotografiert, die Beweise für spätere Strafmaßnahmen sammelten. Wer sich an Demonstrationen beteiligt, kann von der Schule fliegen.

Pisa-Studie der OECD 2003
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

Klicken Sie auf die Grafiken, um zu den Ranglisten zu gelangen.


"Die Regierung reagiert völlig unverhältnismäßig und behandelt die Schüler wie potenzielle Kriminelle", sagt Lee Jun Haeng. "Deshalb versuchen sie sich mit Masken und Mützen zu schützen." Das sei eine äußerst traurige Situation: "In der Schule können die Schüler nicht sagen, was sie denken."

Organisiert werden die Proteste über das Internet. Für Demonstrationen wird per SMS und Instant Messaging mobilisiert. Die Website von Lee verzeichnet täglich 200.000 Besucher.

Liegestütze zur Strafe

Mehr als 70.000 haben bereits eine Petition gegen die Vorschriften zum Haarschnitt unterzeichnet. Lange oder gefärbte Haare sind an nahezu allen Schulen Südkoreas verboten. Die Ausgestaltung der Regeln unterscheidet sich marginal von Lehranstalt zu Lehranstalt - nur wenige erlauben Jungen eine Haarlänge von mehr als drei Zentimetern.

Für Südkorea ungewöhnlich: Schüler gehen an die Öffentlichkeit
Andreas Hippin

Für Südkorea ungewöhnlich: Schüler gehen an die Öffentlichkeit

"Auch wenn der Haarschnitt für die schulische Leistung keine große Rolle spielt, unterdrücken die Lehrer in Korea ihre Schüler seit 30 Jahren mit solchen Vorschriften", sagte der Student Kim Min Woo, 18. "Wenn ich morgens zur Schule gegangen bin, standen die Lehrer am Eingang und kontrollierten unser Erscheinungsbild." Liegestütze und Runden auf dem Sportplatz zählten zu den milderen Strafen für alle, die negativ auffielen.

"Dagegen will ich heute etwas tun", sagte Kim, der neben 70 anderen Schülern und Studenten an den Protesten in der Innenstadt von Seoul teilnahm. In zwei weiteren Großstädten, Taegu und Kwangju, fanden zeitgleich Demonstrationen statt. Um die Schüler einzuschüchtern, fuhren 30 Busse der Bereitschaftspolizei an der Gwanghwamun-Kreuzung in Seoul auf.

"Ich habe sehr viel über Hochschulpolitik gelesen und denke, dass unsere Situation der in den Vereinigten Staaten in den sechziger Jahren ähnelt", sagte ein Student, der sich nur mit Kim, 19, identifizieren wollte.

Die Alten fürchten sich vor Jugendkriminalität

Für Park Soo Woo, 15, sind die Vorschriften nur dazu da, die Macht der Lehrer zu festigen. "Ich will in einer Schule lernen, in der es Freiheit für die Schüler gibt. Nicht nur Freizügigkeit, sondern Freiheit, so dass die Schüler ihre Identität bewahren können", sagte der Mittelschüler, der einmal Autodesigner werden will. "In Europa wird die Identität von Kindern respektiert. Die südkoreanische Erziehung zerstört diese Identität." Das sehe man schon an kleinen Alltagsdingen. So seien auf Südkoreas Straßen nahezu ausschließlich weiße, silberfarbene und schwarze Autos zu sehen, in Europa herrsche dagegen ein farbenfroher Individualismus.

Misstrauische Blicke: Die Alten sehen zu
Andreas Hippin

Misstrauische Blicke: Die Alten sehen zu

Die Englischlehrerin Shin Eun Ju, 36, stellt sich hinter die Schüler: "Ich sehe diese Proteste als Zeichen für eine bessere Zukunft und bin hier, um die Schüler zu unterstützen und zu beschützen." Aus ihrer Sicht sind es die Eltern, die Veränderungen behindern, weil sie sich um das Fortkommen ihrer Kindern Sorgen machen. "Die ältere Generation hat große Angst vor Jugendkriminalität und kein Vertrauen in die Fähigkeit der Schüler zur Selbstkontrolle", sagte Shin.

Ein älterer Oberlehrer zeigte sich dagegen besorgt, dass Schüler leichter Zugang zu Alkohol und Zigaretten bekommen könnten, wenn die Vorschriften zum Haarschnitt erst einmal gelockert sind. Dann würden die Jugendlichen leicht für Erwachsene gehalten.

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Forum - Lernen - Mehr Disziplin in der Schule?
insgesamt 1026 Beiträge
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1.
DJ Doena 01.06.2005
Sagen wir es so: Wenn Schüler Lehrer maximal als gleichberechtigt, im Regelfall aber als unterlegen betrachten, wird sich an unserer Schulsituation nichts ändern. Ich habe es selbst von 91-94 erlebt, wie sich die Lehrer gegen einen Haufen von 15jährigen nicht durchsetzen konnten, während die alles gemacht haben, nur nicht dem Unterricht zu folgen. Lehrer sind heutzutage keine anerkannte Autorität mehr und im Zweifelsfal stehen die Eltern auf Seiten der Schüler und die Lehrer mit dem Rücken an der Wand (wartend auf den Erschießungsbefehl). Vllt. wäre ein erster winziger Schritt, dass die Schüler Lehrer nicht mehr mit dem Vornamen anreden. Ansonsten empfehle ich das finnische (vulgo: DDR-) Modell. Denn ich will aus der Schule zwar gebildete Schüler entlassen, aber keine gedrillten Soldaten in Zivil.
2.
sandmann, 01.06.2005
Abi 98: Bei und wurde kein Lehrer geduzt...Und ich komme aus Hessen, also einem Land, was damals eine SPD-Regierung hatte..Es mag zwar sein, dass die beschriebenen Zustaende an Deutschlands Schulen gibt, aber das trifft dann wohl eher auf die Haupt-und Realschulen zu. Gleichwohl stimme ich zu, dass die Lehrer mehr vor den Eltern geschuetzt werden muessen. Aber das Thema Bildung und PISA ist aus meiner Sicht zu komplex um es als Disziplinfrage anzusehen.
3.
DJ Doena 01.06.2005
---Zitat von sandmann--- Abi 98: Bei und wurde kein Lehrer geduzt...Und ich komme aus Hessen, also einem Land, was damals eine SPD-Regierung hatte..Es mag zwar sein, dass die beschriebenen Zustaende an Deutschlands Schulen gibt, aber das trifft dann wohl eher auf die Haupt-und Realschulen zu. Gleichwohl stimme ich zu, dass die Lehrer mehr vor den Eltern geschuetzt werden muessen. Aber das Thema Bildung und PISA ist aus meiner Sicht zu komplex um es als Disziplinfrage anzusehen. ---Zitatende--- Abi 97, große Koalition in Berlin. Auf dem Gym hat es sich tatsächlich relativiert, aber auch dort waren Lehrer nicht so respektiert (auch nicht von mir) wie sie es auch meiner (heutigen) Sicht sein müssten.
4.
shrimp, 01.06.2005
Es fängt doch bei den Lehrern an. In 13 Jahren schule habe ich nur 3 kompetente Lehrer kennen gelernt. Der Großteil der Lehrer ist ein Sauhaufen. Es mangelt überwiegend an professioneller unterrichtsvorbereitung aufgrund Faulheit und Unkompetenz. Der ganze nebenschulische projektquark sollte aufgegeben werden, zumindest bis der Primärzweck der schule ordentlich erfüllt wird. Diese ganzen Projekte und außerschulischen veranstaltungen werden von den lehrern als vorrangige vergrnügungsbeschäftigung genutzt, kein wunder dass keine zeit für die unterrichtsvorbereitung bleibt, denn wer arbeitet schon gerne, wenn es doch so viel anderes zu tun gibt? Durch den Beamtenstatus ist die Faulheit grenzenlos geschützt, nicht zu vergessen: das Übermaß an Urlaub. Auch das generelle Arbeitsverständis der Lehrer ist ein Witz. Das ist doch wie im Kindergarten, wenn man sich weigert Unterricht zu halten wegen Lautstärke und sonstigem zeug. Wäre doch mal interessant, wenn ein Arzt nicht behandelt, da es ihm zu laut ist..dann wäre das geschrei groß. Außerdem, wieso soll man überhaupt noch in die schule gehen,wenn nur das vorgeplappert wird, was wörtlich im lehrbuch steht, dazu braucht man keine Lehrer. Das kann man in gemütlicher Ruhe daheim lesen. Schädigend wirkt zusätzlich das oberlehrerhafte besserwissende Auftreten der Lehrer, ohne jegliches verständis für konstuktive, objektiv-gerechte Kritik. Dabei muss besonders das Selbstverständis des Direktors hervorgehoben werden, der sie sich wohl als Reiseleiter versteht und all mögliche banale, ja schon schwachsinnige, durchsagen macht - natürlich während der Unterrichtszeit - das ganze trägt so zur kollektiven volksbelustigung bei, dass eventuelle aufmerksamkeit und konzentration gänzlich verschwinden Übrigens, man darf sich nicht wundern, dass die lehrer so inkompetent - ja dumm - sind, das ist ganz üblich. Die lehrerschaft rekrutiert sich überwiegnd aus Versagern, die den Lehrerberuf als letzte Chance sehen, weil sie anderes nicht geschafft haben:"na, dann werd ich halt lehrer". der Studiengang fürs lehramt ist mit sicherheit der billigste. Wenn man auch so geringe anforderungen an die lehrer stellt, kann natürlich auch nicht viel von ihnen erwarten und braucht sich nicht zu wundern. Das ganze Geld was für PCs an den scnulen ausgegeben wird sollte man sich sparen, denn erstens wird das sowieso nicht genutzt und zweitens sollte man a) erstmal gescheite tafeln kaufen und b) besserbezahlte u. kompetente lehrer einstellen. Die Anschaffungen dienen doch nur dem Werbeeffekt der schule am tag der offenen tür, danach sieht es sowieso wieder ganz anders aus.
5. Freiwillig lernen lassen
Der Wiener, 01.06.2005
Ich denke, dass es ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist, sein Wissen so viel wie möglich mit Neuem zu erweitern. Dazu gibt es ja ein Gefühl der "Neu-gierde". Schliesslich lernt ein Kleinkind auch Laufen und Sprechen, ohne dass ich ihm mit Sitzenbleiben drohen muss. Also sollte das Ziel sein, dieses natürliche Bedürfnis zu erhalten bzw. noch weiter zu fördern. Das Bild vom faulen Schüler, der sich ausschließlich um den Unterricht drücken will, ist da völlig fehl am Platze und mit ihr die Hau-Drauf-Disziplin-Rhetorik Mancher, die in Schülern nicht mehr, als ihre zukünftigen Rentenzahler sehen. Die Lehrer sind mit Sicherheit die Buhmänner des heutigen Systems. Sie kriegen Kollegen gestrichen, also größere Klassen verordnet, und werden anschließend von den Schülern für diese Fehlentwicklung mit Desinteresse und Verachtung gestraft.
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