Schülerstreik in Bayern: Mit Tomate gegen die Tücken des Turbo-Abiturs

Sie fordern mehr Zeit zum Lernen, kleinere Klassen und mehr Lehrer: In Bayern haben Tausende Schüler gegen die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre demonstriert. Viele Eltern und Lehrer schlossen sich an. Kultusminister Ludwig Spaenle traf ein Tomatenwurf an der Schulter.

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Schülerstreik: Im Hasenkostüm gegen G8
Rund 5000 Schüler, Lehrer und Eltern haben am Freitag in Bayern für die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit demonstriert. Sie forderten weniger Schulstunden pro Woche, leichtere Aufgaben im Abitur, mehr Lehrer und kleinere Kurse. Auf Plakaten stand "G8 - nimmt uns die Nacht", "Wir sind überarbeitet, nicht die Lehrpläne" oder "G8 - Hirntotverdacht". Ein zorniger Schüler warf eine Tomate nach dem bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle und traf ihn an der linken Schulter.

Vor der Demonstration hatte Spaenle die Aktion als "Provokation" bezeichnet und gesagt, sie verletze die Schulpflicht. Er wurde sofort ausgepfiffen, als er die Bühne in München betrat, und kam erst zu Wort, nachdem einer der Organisatoren die Demonstranten um Ruhe gebeten hatte. Seine Teilnahme an einer Diskussionsrunde auf der Bühne sagte er nach dem Tomatentreffer ab.

"Ich sag ja nicht, dass es perfekt ist", so Spaenle zu den Demonstranten. Jede einzelne Schule müsse den Stundenplan individuell prüfen. Zudem kündigte er einen Vergleich der Halbjahresnoten zwischen G8 und G9 an. Der Prozess der Umstellung sei schwierig; damit könne man "politisch keinen Blumentopf gewinnen".

"Der Stress geht schon in der Früh los"

Allein in München versammelten sich bei Schnee und Minusgraden rund 2500 Demonstranten, noch mal so viele gingen in Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Kempten und Würzburg auf die Straße.

"Ich habe 39 Wochenstunden und keine Zeit für Freizeit", sagte die 17 Jahre alte Julia Biermeier, eine der Mitorganisatorinnen des Streiks. An drei Tagen pro Woche habe sie keine Mittagspause und bekomme erst um vier Uhr nachmittags etwas zu essen. "Wir wollen, dass für die Schüler, die nach uns kommen, was getan wird", forderte die Elftklässlerin.

Auch ihre Mutter marschierte bei der Demo mit. "Der Stress geht schon in der Früh los", sagte sie. Die Nerven der Schüler lägen blank, weil ihnen der Ausgleich fehle. Ähnlich sei es im Studium: "Bis sie ins Berufsleben eintreten, brauchen sie die erste Kur."

Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, erklärte sich in einer Rede solidarisch mit den Schülern. "Bildung ist zu wichtig, als dass man sie nur den Politikern überlassen sollte", sagte er. Die Demonstrationen seien "gelebte Demokratiepädagogik" und "Politikunterricht vom Feinsten".

vet/apn/dpa

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insgesamt 82 Beiträge
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1. G8 nicht wirklich schlimm
Schnurz321 12.02.2010
So schlimm ist G8 auch nicht. Es ist schlicht überflüssig.
2. kein Verständnis
ivanogor 12.02.2010
Kann den Aufstand absolut nicht nachvollziehen. Ich habe mein Abitur in Sachsen gemacht, an den acht Jahren und dem schon vor Jahren praktizierten Zentralabitur fand ich absolut nicht schlimmes. Nicht umsonst zählt Sachsens Abitur zu den höher angesehenen. Und Freizeit gabs auch genug... Wer mit dem Pensum überfordert ist, sollte überlegen ob ein guter Realschulabschluss nicht die bessere Wahl ist, das Gymnasium ist nicht dazu da, jeden auf Abitur durchzuboxen.
3. G8 kann klappen, muss aber entrümpelt werden...
knaxknarke 12.02.2010
Wenn man alle Laber-Fächer auf ein erträgliches Maß reduzieren würde, und stattdessen echte Grundlagenfächer wie Mathmatik, Physik, Chemie und Informatik so sehr stärken würde, dass nicht mehr 20-30% der Studis in ernstzunehmenden Studiengängen abbrechen müssen, dann kann man die Studierfähigkeit auch in einem Jahr weniger erreichen. Dies würde bedeuten: - Weg mit Religionsunterricht! Indoktrinierung durch Geisterbeschwörer hat nichts an der Schule zu suchen. - Weg mit der zweiten Fremdsprache! Englisch ist die Weltsprache, alles andere ist Freizeitvergnügen und Vorbereitung für den Urlaub und kann als freiwillige AG angeboten werden. - Deutsch, Geschicht, Sozialkunde und Erdkunde auf das Wesentliche kürzen (die meisten SchülerInnen pennen da eh ein, lesen nicht die Lektüre sondern die Kurzfassung, etc.) - Kunst und Musik halbieren und keine Benotung mehr, statt dessen mehr zusätzlich AGs für Interessierte (Chor, Orchester, Basteln, Bildhauern...) - Sport kann bleiben, aber unbenotet - ein Informatik-Unterricht, der den Namen verdient hat, kein "MS Office für Dummies" mehr - Handwerken ist ja auch kein "Physik-Unterricht" - ein Mathematik-Unterricht, der auf das akademische Niveau vorbereitet, keine "Rechenschemata für Dummies" Mathematik kann gar nicht genug gefördert werden - es ist die Grundlagen(hilfs)wissenschaft schlechthin. Selbst in vielen Sozialwissenschaften kommt man ohne "Stochastik/Statistik-Scheine" nicht ins Hauptstudium. Ingenieurs- und Naturwissenschaften sind ohne sattelfeste Mathematikkenntnisse nicht studierbar. Ein Großteil der Abbrecherquote in diesen Studiengängen ist auf die große Lücke im Mathe-Niveau zwischen Gymnasium und Uni zurückzuführen. Die Informatik ist in einer von IT-Technik völlig durchdrungenen Lebens- und Arbeitswelt eine ähnlich wichtige Hilfswissenschaft geworden. Was hier an den Schulen vermittelt wird, ist völlig lachhaft und hat den Namen "Informatik-Unterricht" in keinster Weise verdient. Die Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie werden bisher als Nebenfächer unterbewertet. Diese Fächer erklären, wie unsere Welt wirklich funktionieren könnte. Esotherik wie Religionsunterricht hat an einer Schule nichts verloren. Wer ein rational denkendes Wesen werden will, und nicht dem primitivem Aberglauben der Vorfahren verhaftet bleiben will, der muss diese Fächer ernsthaft und gründlich vermittelt bekommen. G8 könnte klappen, wenn man endlich den philologisch geprägten Bildungskanon von 1800ff durch einen zeitgemäßen ersetzen würde. Ach ja: wer Kindern irgendwelche toten Sprachen, wie Latein und Altgriechisch als erste Fremdsprache aufdrängen will, sollte "Verbildungspolitiker" genannt werden. Da kann man genausogut Klingonisch, Elbisch oder Hieroglyphen lehren...
4. lächerlich
fabian9 12.02.2010
Eine Runde Mitleid für die armen Deutschen Schüler. *Mitleid* In jedem Land der Welt macht man nach 12 Jahren Schule Abitur, einen vergleichbaren Abschluss, oder einen wesentlich anspruchsvolleren Abschluss, aber in Deutschland beschweren man sich. Und dann "müssen" die armen Deutschen Schüler sich auch noch beim Studium beeilen, weil es ja jetzt Geld kostet! Nein, so was aber auch! Eine Ausbildung die Geld kostet? Wieso soll man auch in seine eigene Zukunft investieren, wenn es früher Andere für einen bezahlt haben. Deutsche Schüler und Studenten müssen aufpassen, dass sie sich international nicht noch lächerlicher machen, als sie es jetzt schon sind. Fabian
5. .
flip 12.02.2010
Zitat von knaxknarkeKann den Aufstand absolut nicht nachvollziehen. Ich habe mein Abitur in Sachsen gemacht, an den acht Jahren und dem schon vor Jahren praktizierten Zentralabitur fand ich absolut nicht schlimmes. Nicht umsonst zählt Sachsens Abitur zu den höher angesehenen. Und Freizeit gabs auch genug... Wer mit dem Pensum überfordert ist, sollte überlegen ob ein guter Realschulabschluss nicht die bessere Wahl ist, das Gymnasium ist nicht dazu da, jeden auf Abitur durchzuboxen.
Ich hab mein Abi auch in G8 gemacht - als es noch nicht so genannt wurde - in MV, wo man ja sehr schnell erkannt hat, daß 13 Jahre nicht sein müssen (da geht man derzeit nach nur ein paar Jahren G9 wieder zurück). Ich hatte auch genug Freizeit, aber... ...ich denke (ohne es konkret zu wissen), daß die Unterrichtseinheiten heute viel vollgepackter sind und zudem schon an sich mehr Stoff vermittelt wird. Kurz gesagt: (viel) mehr Stoff in gleicher Zeit. Das scheint das Problem zu sein. Allerdings gab es seinerzeit auch nicht 20.000 AG's und keine (freiwilligen=eigentlich unnötigen) Nachhilfesitzungen, wie sie heute für 2en-Schreiber schon fast zum guten Ton gehören. Da sind dann also einige auch selbst Schuld am großen Pensum... Da stimme ich in den meisten Punkten zu. Aber versuchen Sie mal, Religion in Bayern abzuschaffen. Eher friert die Hölle zu... ;-) Ich denke auch, daß heute einfach zu viel Blödsinn zu viel Platz einnimmt. Man hörte ja schon von "Glück" als Schulfach (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,505005,00.html)... Na und wenn erst die Volksmusikkunde (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668285,00.html) kommt...
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