Georg R. hatte auf einer Art Kalenderblatt unter dem 17. September das Wort
"Apokalypse" geschrieben. Es war der Tag seines Amoklaufs in Ansbach, bei dem er mit einem Beil, Messern und Molotowcocktails ein Gymnasium stürmte. Tim K. bekam laut Staatsanwaltschaft von seinen Eltern gewaltverherrlichende Videospiele und Filme geschenkt und berichtete in einer Sitzung
mit seiner Psychotherapeutin gar von Tötungsfantasien, die er später blutig umsetzte: In Winnenden erschoss der 17-Jährige 15 Menschen und anschließend sich selbst.
Was nach den Amokläufen bekannt wurde, macht eines deutlich: Die Täter handelten nicht spontan, sie sendeten Signale aus. Ihr Umfeld hätte auf die Gefahr aufmerksam werden können. Die Freie Universität Berlin startet nun ein bundesweit einzigartiges Projekt, um die Früherkennung in Schulen zu verbessern. "Wir wissen, dass die Täter im Vorfeld immer Spuren hinterlassen haben", sagt Rebecca Bondü vom Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie der FU Berlin.
Von Amokläufen sprechen die Experten nicht, sondern von "School Shootings", Schießereien an Schulen - weil die Täter nicht unüberlegt oder im Affekt handeln. Das Projekt soll vor allem Lehrer und Schulleiter für das sensibilisieren, was Bondü und ihre Kollegen "Leaking" nennen: das "Durchsickern" von Signalen. Dazu kann beispielsweise gehören, dass die Jugendlichen Informationen über frühere Täter sammeln, Gewalt verherrlichende Zeichnungen anfertigen, sich viel mit Waffen beschäftigen oder bei Mitschülern ankündigen, einen bestimmten Lehrer töten zu wollen.
Bundesweite Telefonnummer für Schüler, Lehrer, Eltern
Network Against School Shootings (NETWASS) heißt das Projekt. "Die Idee ist, Lehrer zu sensibilisieren, bei den Schülern auf bestimmte Signale zu achten", sagt Herbert Scheithauer, Projektleiter und Psychologieprofessor. "Dadurch sollen sie die Möglichkeit haben, frühzeitig einzugreifen - und nicht erst, wenn die Tat kurz bevor steht." So soll die Zahl der Taten zumindest minimiert werden.
Das Bundesbildungsministerium fördert das Forschungsprojekt mit rund 1,1 Millionen Euro. Damit können in den kommenden drei Jahren mehr als sieben Hochschulmitarbeiter Schulungen und Befragungen durchführen sowie die Forschungsergebnisse auswerten. Zuerst wollen sie rund 120 Schulen in Berlin, Brandenburg und Baden- Württemberg einbeziehen. Später könnte das Projekt auf andere Länder übertragen werden. Außerdem ist eine bundesweite Telefonnummer geplant, unter der Lehrer, Schüler, Eltern und Bekannte ihre Beobachtungen mitteilen können.
Wichtig ist bei dem Projekt aber von Anfang an auch, dass die Lehrer nicht allein gelassen werden. An jeder teilnehmenden Schule soll es daher einen Beauftragten geben, bei dem Infos zu den Schülern zusammenlaufen, so Bondü: "Es passiert immer wieder, dass verschiedene Lehrkräfte Auffälligkeiten bei einem Schüler bemerken, das aber für sich behalten." Werden die Informationen jedoch an einer Stelle gebündelt, könnten Risiken früher erkannt werden.
"Wir wollen keine Hysterie oder Panik"
Die Schulbeauftragten und Direktoren sollen außerdem lernen, zusammen mit anderen Experten wie Schulpsychologen und Polizisten bestimmte Äußerungen und Verhaltensweisen richtig einzuschätzen. Denn nicht jeder auffällige Schüler sei wirklich eine Gefahr: "Wir müssen aufpassen, einzelne Schüler nicht durch vorschnelle Verdächtigungen zu stigmatisieren und auszugrenzen", sagt Bondü, die derzeit zum Thema School Shootings promoviert.
Denn das ist nicht das Ziel des Forschungsprojekts. "Wir wollen keine Hysterie oder Panik und auch kein Klima der Kontrolle", betont die Psychologin. "Stattdessen wollen wir die Chance nutzen, bestimmte Probleme rechtzeitig zu erkennen und den Jugendlichen zu helfen - lange bevor sie in einem School Shooting den letzten Ausweg sehen."
Schon im September hatte ein Expertengremium, das nach dem Amoklauf von Winnenden eingesetzt worden war, auf die Warnsignale hingewiesen, die den Taten vorausgingen. "Es ist wichtig, diese Signale zu erkennen und darüber aufzuklären. Es gilt, eine Kultur des Hinschauens zu entwickeln", sagte der Vorsitzende des Gremiums, Udo Andriof. Insgesamt hatten die Experten
83 Empfehlungen gegeben, um Amokläufe künftig so weit wie möglich zu verhindern.
Auch der US-Psychologe Peter Langman, Autor des Buches "Amok im Kopf. Warum Schüler töten", forderte im
Interview mit SPIEGEL ONLINE eine hohe Aufmerksamkeit und empfahl, "bei Verdacht einen Psychologen einzuschalten". Forscherin Bondi sieht allerdings gewisse Unterschiede zu den USA: In Deutschland hätten sich die Täter meist selbst umgebracht, bei vielen unbekannteren Vorfällen in den USA nicht. Zudem seien in Deutschland lange Zeit fast durchweg Lehrer die Opfer gewesen; erst seit einigen Jahren zielten die Täter bewusst auch auf Gleichaltrige. Als charakateristisch für deutsche Schul-Gewalttäter sieht Bondü auch, dass sie fast immer Sorgen wegen Leistungsproblemen gehabt hätten und auch einige ehemalige Schüler bewaffnet in ihre früheren Schulen gekommen seien.
Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend".
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In einem Kino in
Aurora
im US-Bundesstaat Colorado eröffnet ein Mann während der Premiere des neues "Batman"-Films das Feuer. Zwölf Menschen sterben, 58 weitere werden verletzt. Der Amokläufer wird festgenommen.
Ein 43-Jähriger tötet am christlichen
College von Oikos
in Oakland, Kalifornien, sieben Menschen und verletzt drei weitere. Anschließend stellt er sich der Polizei. Die Opfer mussten sich in einer Reihe vor einer Mauer aufstellen, bevor sie hingerichtet wurden.
Im kalifornischen Badeort
Seal Beach
schießt ein Mann wegen eines Sorgerechtsstreits mit seiner Ex-Frau in einem Friseurladen um sich. Er tötet acht Menschen, darunter die Mutter seines Kindes.
Ein Militärpsychiater eröffnet in der
US-Militärbasis Ford Hood
in Texas das Feuer und löst die bislang größte Schießerei auf amerikanischem Armeegelände aus. Der Mann tötet 13 Menschen und verletzt 42 weitere, bevor er überwältigt werden kann.
Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen
Gymnasium Carolinum
in
Ansbach
acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.
Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt.
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Jiverly Wong
, ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
Der 17-jährige
Tim K.
ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst.
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Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama
tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen
Dendermonde
zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
Der 22-jährige Berufsschüler
Matti-Juhani Saari
tötet in der westfinnischen Kleinstadt
Kauhajoki
zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
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Der 18-jährige Schüler
Pekka-Eric Auvinen
tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in
Jokela
.
An der Technischen Universität von
Virginia
erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere.
Das Massaker an der Virginia Tech
gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA.
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Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in
Salt Lake City
und
Philadelphia (USA)
. Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
Der
18-jährige Sebastian B.
schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen
Emsdetten
um sich. Elf Menschen werden verletzt.
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In
Lancaster County
im US-Bundesstaat
Pennsylvania
tötet ein Amokläufer an einer
Amish
-Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.
In
Red Lake
im US-Bundesstaat
Minnesota
erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger
nationalsozialistischer Rassenlehren
.
Bei einem
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
in
Erfurt
tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden.
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Im Pariser Vorort
Nanterre
erschießt ein
Amokläufer
acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
Ein Amokläufer
dringt in das
Kantonsparlament
im schweizerischen
Zug
ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.
Ein 37-jähriger Japaner
ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt
Osaka
acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
Beim Schulmassaker von Littleton
stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die
Columbine Highschool
in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen.
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Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in
Jonesboro
im US-Staat
Arkansas
falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
Im Nordosten
Brasiliens
bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche
Homosexualität
.
35 Menschen fallen dem
Amokläufer Martin Bryant
auf der australischen Insel
Tasmanien
zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen
Dunblane
16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen
Toulon
insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
Im
texanischen Killeen
tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
An der Polytechnischen Hochschule von
Montréal
kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige
Marc Lépine
erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
In einem Schnellrestaurant in
San Diego
erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
An der Universität von
Texas
schießt
der Amokläufer Charles Whitman
mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
Beim
Attentat von Volkhoven bei Köln
stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.
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