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Schulbaustellen: Wie Deutschland von Hamburg lernt

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Hamburgs Bürger stimmen über die umfassendste Schulreform Deutschlands ab - ein Testfall auch für andere Bundesländer. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Baustellen: Was ändert sich, was bleibt? Und womit haben die Reformer zu kämpfen?

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dpa

Lehrer, Eltern, Schüler und Bildungspolitiker aus ganz Deutschland blicken an diesem Wochenende nach Hamburg: Wie wird sie ausgehen, die Abstimmung über die schwarz-grüne Schulreform? Setzt sich die Idee vom längeren gemeinsamen Lernen durch - oder werden weiterhin Kinder schon nach der vierten Klasse auf verschiedene Schultypen sortiert?

Die Hamburger Reform ist längst mehr als nur die Entscheidung eines Bundeslandes, wie es seine Schulen organisiert. Dort zeigt sich, wie viel Veränderung in der Bildung sich politisch durchsetzen lässt.

Hamburg ist der Testfall.

Denn landauf, landab müssen sich Bildungspolitiker spätestens seit den Pisa-Studien und anderen Schulvergleichen Fragen gefallen lassen: Warum sind die Schulsysteme der 16 Bundesländer so ungerecht? Warum führen sie nicht zu Spitzenleistungen? Und vor allem: Was lässt sich dagegen tun?

Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Bildungslandschaft chaotisch ist. So erklärt Bayern seine Spitzenplätze beim nationalen Schulvergleich auch mit dem Festhalten an der traditionellen Trias aus Haupt-, Realschule und Gymnasium. Sachsen dagegen verzichtet auf Hauptschulen - und schneidet ebenfalls gut ab. Mal dauert die Grundschule sechs Jahre wie in Berlin und vielleicht bald in Hamburg, meist vier Jahre wie etwa in Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz. Mal entscheiden die Eltern, ob ein Kind aufs Gymnasium darf, mal der Notenschnitt. Und wenn die Landesregierung wechselt, kann sich alles ändern.

Deutschland - ein riesiges schulpolitisches Labor, und jeder Kultusminister ist auf der Suche nach dem richtigen Rezept.

In drei Ländern schauen Bildungspolitiker besonders gespannt gen Norden: im Saarland, in Berlin und in Nordrhein-Westfalen. Zwar sind die Koalitionen ganz verschieden (Rot-Rot, Jamaika, Rot-Grün), doch die Reformpakete ähneln in vielen Punkten der hanseatischen Schulreform. Es sind, neben Hamburg, die größten schulpolitischen Baustellen. SPIEGEL ONLINE zeigt, wo die Probleme liegen, mit welchem Widerstand die Reformer rechnen müssen - und welche Chancen sie haben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. In Berlin ist die Reform schon längst gescheitert
haltetdendieb 18.07.2010
"Kritik kommt auch aus Schulen in sozialen Brennpunkten. "Wir bemühen uns redlich", sagt ein Schulleiter aus dem sozial schwachen Bezirk Neukölln, "aber mich und meine Kollegen überzeugt das jahrgangsübergreifende Modell nicht". Wenn die Schüler keine Bücher kennen und schlecht sprechen können, müssen sie erst mal auf einen gemeinsamen Stand gebracht werden. Der Aufwand sei doppelt so groß, und häufig zögen die Lernanfänger eine gesamte Gruppe nach unten. Auch der Bericht zum Berliner Schulversuch stellt fest: "Zu viele schwierige Schüler können auch jahrgangsgemischte Gruppen überfordern." http://www.sueddeutsche.de/karriere/jahrgangsuebergreifendes-lernen-modellversuch-mit-tuecken-1.464920-2 Die Zahl der Verweiler hat sich bei dieser Form der Schule, Jahrgangsübergreifendes Lernen, verfünffacht. Verweiler, weil Sitzenbleiber gibt es nicht mehr! Das macht aber den verblödeten Politikern nichts. Augen zu und durch! Obs den Lehrern behagt, ob es sinnvoll ist, spielt überhaupt keine Rolle1 Hauptsache es ist ideologisch stimmig. Ole hat Hamburg und der CDU einen Bärendienst erwiesen mit dieser "Reform"!
2. Bildung hat in Deutschland nichts mit Verstand zu tun
nickname123 18.07.2010
Das ist doch alles Käse. Wie wäre es mit Bundeseinheitlicher Bildung?! Dann muss man nicht immer auf andere Bundesländer gucken und nicht alle 4 Jahre eine Reform starten. Momentan wechselt man doch das System untereinander hin und her, bis keiner mehr weiß wielange er wohin muss. Am Ende kann man nichtmal die Noten/Bildung vergleichen und wo es bei einem zu einer 1,7 reicht, gibt es für gleiche Leistung woanders nur ne 3,1. Kindergarten, 1 Jahr Vorschule, 5 Jahre Grundschule und dann eine Aufteilung nach Leistung und Interesse!
3. Schüler sollen für gescheiterte Migrationspolitik büßen
Hermann Löns 18.07.2010
Der Rücktritt von mindesten 3 der fahnenflüchtigen Politiker der letzten Zeit scheint nach dem Motto zu verlaufen: Nach mir die Sintflut... Sie haben allesamt das Chaos und den absehbaren Zusammenbruch der Sozialsysteme, des Bildungs- und Gesundheitswesens zu verantworten und machen sich vom Acker, ehe Volkes Zorneswoge über sie hereinbricht. Besonders perfide ist die Verlagerung der Mißstände einer fehlgelaufenen Multikultiideologie durch eine Grüne auf die leistungsbereiten Schüler in Hamburg. Sie sollen ausbaden, daß man über Jahrzehnte hinweg in Gutmenschenmanier über alle möglichen Rechtstitel und Schlupflöcher bildungsfernes Prekariat nach Deutschland eingeschleust hat. Maßnahme Nr. 1 muß der Stop dieser "Zuwanderung" sein. Wenn zwei Jahre mehr Unterricht überhaupt einen Sinn machen, dann als zwangsweiser Vorschulunterricht im Kindergarten für alle, die schwach in Deutsch sind. Aber nicht mitten in der Schulbiografie, nachdem die Weichen schon gestellt sind... Deutschland, insbesondere Süddeutschland tut gut daran, diesem grün infizierten Hamburger Modell eine Abfuhr zu erteilen und bei seinem bewährten System zu bleiben.
4. .
c++ 18.07.2010
Zitat von nickname123Das ist doch alles Käse. Wie wäre es mit Bundeseinheitlicher Bildung?! Dann muss man nicht immer auf andere Bundesländer gucken und nicht alle 4 Jahre eine Reform starten. Momentan wechselt man doch das System untereinander hin und her, bis keiner mehr weiß wielange er wohin muss. Am Ende kann man nichtmal die Noten/Bildung vergleichen und wo es bei einem zu einer 1,7 reicht, gibt es für gleiche Leistung woanders nur ne 3,1. Kindergarten, 1 Jahr Vorschule, 5 Jahre Grundschule und dann eine Aufteilung nach Leistung und Interesse!
Na und, warum soll sich das Schulsystem nicht den Bedürfnissen der Eltern und Schüler anpassen? In NRW wird es demnächst neben dem dreigliedrigen Schulsystem und der Gesamtschule die Sekundarschule geben mit 6 Jahren und mit 10 Jahren gemeinsamem Lernen. In zunehmend entvölkerten ländlichen Gebieten ist die Situation nun mal anders als in Ballungszentren. Sollen die Kommunen, die Lehrer und Eltern die beste Lösung finden, statt von oben herab aufgedrückt zu bekommen. Da müssen dann bundeseinheitliche Prüfungen eingeführt werden, die unter fremder Aufsicht durchgeführt und von fremden Lehrern korrigiert werden.
5. Föderalismus verhindert einheitliche Bildung
mac4ever, 18.07.2010
Zitat von nickname123Das ist doch alles Käse. Wie wäre es mit Bundeseinheitlicher Bildung?! Dann muss man nicht immer auf andere Bundesländer gucken und nicht alle 4 Jahre eine Reform starten. Momentan wechselt man doch das System untereinander hin und her, bis keiner mehr weiß wielange er wohin muss. Am Ende kann man nichtmal die Noten/Bildung vergleichen und wo es bei einem zu einer 1,7 reicht, gibt es für gleiche Leistung woanders nur ne 3,1. Kindergarten, 1 Jahr Vorschule, 5 Jahre Grundschule und dann eine Aufteilung nach Leistung und Interesse!
Es geht um Macht und Pfründe unserer Ländesbürokratien. Die Länder werden den Teufel tun, auch nur ein Jota ihrer Macht (die immer Arbeitsplätze und Geld bedeutet) abzugeben. Keine Chance für die Zukunft: Der Föderalismus wird sich nie selbst abschaffen. Und das wäre das Einzige, das wirklich helfen würde.
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Hamburger Schulreform: Die Überzeugungstäterin
Die Hamburger Schulreform
Schwarz-grünes Mammutprojekt
Die Hamburger Schulreform ist ein Kompromiss aus zwei Modellen: Auf der einen Seite die CDU mit der Forderung nach dem Erhalt der Gymnasien, auf der anderen Seite die Grünen mit ihrem Ideal der Gemeinschaftsschule für alle. Das Hamburger Parlament hat die Reform im März 2010 beschlossen. Doch ein Volksentscheid könnte den Kern der Reform kippen: die Primarschule.
Die Primarschule
In den neuen Primarschulen sollen Schüler künftig sechs statt nur vier Jahre lang gemeinsam lernen. Ab der vierten Klasse unterrichten auch Lehrer aus weiterführenden Schulen, zum Teil auch in Räumen dieser Schulen, weil die bisherigen Grundschulgebäude nicht ausreichen. Um die Schüler möglichst individuell fördern zu können, sollen die Klassen höchstens 23, in sozialen Brennpunkten höchstens 19 Schüler umfassen. Das ist die bundesweit niedrigste Quote.
Übergang nach der Primarschule
Nach der Primarschule entscheiden die Eltern, ob ihr Kind auf eine Stadtteilschule oder ein Gymnasium wechselt. Stellt sich allerdings in Klasse sieben heraus, dass die Leistungen nicht reichen, müssen die Schüler auf die Stadtteilschule wechseln.
Zeugnisse
In den Zeugnissen sollen künftig nicht nur Fachnoten, sondern auch Kompetenzen der Schüler stehen. Dafür werden vor allem Gymnasiallehrer in Diagnostik fortgebildet.
Stadtteilschulen
Die Einrichtung von Stadtteilschulen hatte die damalige CDU-Alleinregierung bereits 2007 beschlossen. Dort sollen jetzt Haupt-, Real- und Gymnasialschüler bis zum jeweiligen Abschluss gemeinsam lernen - eine Art Gesamtschule, die aber nicht so heißt. Das Abitur können sie nach Klasse 12 oder 13 ablegen; an den Gymnasien, die erhalten bleiben, ist dagegen nach 12 Jahren Schluss.

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Der Volksentscheid in Hamburg
Showdown eines Schulkampfs
Am 18. Juli stimmen die Hamburger ab: Sollen Kinder künftig sechs Jahre gemeinsam lernen? Oder sollen sie wie bisher nur vier Jahre die Grundschule besuchen? Kaum ein Thema hat die Hansestadt jemals derart polarisiert. Es treten an: Eine Bürgerinitiative gegen die Regierung.
Die Initiative "Wir wollen lernen"
Gemeinsames Lernen bis Klasse sechs? Das geht der Initiative "Wir wollen lernen" zu weit. Sie will das Gymnasium ab Klasse fünf erhalten und die sechsjährige Primarschule stoppen. Der Rechtsanwalt Walter Scheuerl hat "Wir wollen lernen" gegründet, unterstützt wird die Initiative vom Deutschen Lehrerverband und dem Deutschen Philologenverband. Sie richtet sich nicht gegen die Einführung der Stadtteilschulen.
Per Paukenschlag zum Volksentscheid
Um einen Volksentscheid zu erzwingen, musste "Wir wollen lernen" zunächst ein Volksbegehren durchführen lassen. Im Herbst 2009 sammelte "Wir wollen lernen" 184.500 Unterschriften - dreimal mehr, als nötig gewesen wäre. Bürgermeister Ole von Beust musste einräumen: Das war ein "Paukenschlag".
Gescheiterte Verhandlungen
Nach dem erfolgreichen Volksbegehren gingen der Hamburger Senat und die Initiative in Verhandlungen. Hätten sie sich geeinigt, wäre der Volksentscheid vom Tisch gewesen. Doch es kam anders: Sechsmal traf man sich, doch eine Einigung kam nicht zustande. Damit war der Weg frei zum Volksentscheid.
Überparteilicher Schulfrieden
Im März schloss die schwarz-grüne Regierung einen Schulfrieden mit der Opposition: Die SPD und Die Linke stellten sich hinter das Vorhaben. Die Parteien einigten sich, in den nächsten zehn Jahren nicht an der Schulstruktur zu rütteln. Nun trommeln alle gemeinsam für die Schulreform. Die FDP, die nicht im Parlament vertreten ist, schloss sich nicht an: Sie unterstützt die Gegeninitiative.
Der Volksentscheid
Das Ergebnis des Volksentscheids ist bindend. Dafür hatten sich die Grünen bei den Koalitionsverhandlungen mit der CDU vehement eingesetzt. Jetzt könnte genau dies ihr zentrales Projekt kippen. Die Hürden für einen erfolgreichen Entscheid sind jedoch hoch: Ein Fünftel der Wahlberechtigten muss sich gegen die Reform aussprechen, das entspricht 247.335 Stimmen. Zudem müssen es mehr Stimmen gegen die Reform sein als dafür.
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Streit über Bildung: Törichtes Betreuungsgeld, störrische Eltern
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