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Schulen zu verkaufen: Wenn der Hausmeister zum Facility Manager wird

Von Annick Eimer

Neue Schulen sind für klamme Kommunen oft zu teuer. Privatfirmen ersetzen deshalb marode Alt- durch schicke Neubauten, mit oft trickreichen Vertragsdetails. "Facility Manager" ersetzen zum Beispiel den städtischen Hausmeister - nach dem sich dann mancher Lehrer und Schüler zurücksehnt.

Privatfirmen als Schulbetreiber: Betreten verboten Fotos
Annick Eimer

Frankfurt, Stadtteil Sachsenhausen: Strahlend weiß leuchtet der dreigeschossige Neubau in der Hedderichstraße. Im Lichthof hinter dem gläsernen Eingangsportal fallen Sonnenstrahlen durch die großen Fenster an der hohen Decke. Weiße Wände, schwarze Fensterrahmen, helle Naturholzmöbel. Im Innern wirkt das Gebäude wie ein modernes Kunsthaus. Kurz vor der Eröffnung riecht es nach frischem Farbanstrich.

Dann aber startet hier keine Vernissage - sondern der erste Schultag der Freiherr-vom-Stein-Schule. Die Schüler können es kaum erwarten. Seit zwei Jahren haben sie ihren Alltag im Behelfsquartier gefristet, einer Ansammlung schmuckloser Baucontainer im Industriegebiet am Rande der Innenstadt. "Wir haben echt keinen Bock mehr", stöhnt Henry, 18. Wie Legosteine stehen die Container übereinander. Eisentreppen umschlingen die weißen Blechhülsen. Es ist stickig, hellhörig und eng.

Zum Glück ziehen Henry und seine rund 1000 Mitschüler pünktlich zum neuen Schuljahr um - in das wohl schickste Gymnasium Frankfurts: top ausgestattete Chemie- und Physiklabors, Whiteboards in allen Klassenzimmern, ein Lehrerzimmer, das aussieht wie der Konferenzraum eines besseren Tagungshotels. Hier gibt es einfach alles, was Lehrer- und Schülerherzen begehren könnten.

Tropfende Decken, brüllende Lehrer, löchrige Böden

Kay-Harry Schmidt, 18, geht in die 11. Klasse und ist einer der wenigen, die das neue Gebäude schon bis in die letzte Ecke inspizieren konnten. Mit zwei Mitschülern arbeitet er an einem Film über die alte und die neue Schule, der zur Einweihungsfeier gezeigt werden soll. "Es ist schon komisch, am gleichen Ort ein völlig anderes Gebäude vorzufinden." Eigentlich gefalle ihm die neue Schule ganz gut, nur die schöne alte Aula aus der Jahrhundertwende vermisse er.

Ansonsten gibt es wenige Gründe, dem alten und maroden Gebäude nachzutrauern. Der Putz bröckelte von den Wänden, die Böden waren abgewetzt und löchrig. Weil die Fenster nur einfach verglast waren, mussten Schüler und Lehrer gegen den Lärm des Berufsverkehrs anschreien. In einigen Räumen tropfte es von den Decken, wenn ein Regenguss niederging.

Doch die Stadt hatte kein Geld. Und behalf sich mit einem Griff in die Trickkiste.

Public-Private-Partnership (PPP) heißt das Modell. Das Gebäude baut ein privater Investor, die Hochtief AG, und bewirtschaftet es nach Fertigstellung 20 Jahre lang. Die Stadt bleibt Eigentümerin der Schule; Betreiber aber ist das Unternehmen, das dem Schulamt seine Dienste in Rechnung stellt. Während der Vertragslaufzeit ist Hochtief für das Gebäudemanagement zuständig - vom Einschlagen eines Nagels in die Wand bis zu größeren Renovierungsarbeiten.

Erst Pedell, dann Hausmeister, heute "Facility Manager"

PPP ist nicht neu. Rathäuser werden so saniert und Autobahnen gebaut, auch öffentliche Schulen mit privatwirtschaftlichen Betreibern gibt es bereits in vielen Bundesländern. So sind im Kreis Offenbach, der unter chronischem Geldmangel leidet, bereits alle Schulen in der Hand von Privatinvestoren.

Klamme Kommunen hoffen auf hohe Einsparungen. Der Stadtkämmerer in Frankfurt hat ausgerechnet: Das aktuelle Projekt mit Sanierung oder Neubau von vier Schulen verschlinge 15 Prozent weniger Steuergelder, als wenn die Stadt selber gebaut hätte. Ein privater Investor arbeite wirtschaftlicher als die öffentliche Hand; zudem sei die Stadt gar nicht in der Lage, so große Investitionen auf einen Schlag zu tätigen. Durch die jährlichen Zahlungen könne man besser den Haushalt planen, argumentieren die Befürworter.

In der Theorie spricht vieles für die neuen PPP-Schulen. Und wie sieht die Praxis aus? Frank Becker, stellvertretender Schulleiter der Freiherr-vom-Stein-Schule, sagt: "Ich habe die Zusage des Schulamtes, dass alles weiter läuft wie bisher."

Doch erste Änderungen machen sich bemerkbar. Der Hausmeister, ein städtischer Angestellter, musste gehen. Seine Aufgaben übernehmen jetzt zwei Hochtief- Angestellte. Sie tragen T-Shirts mit Firmenlogo und nennen sich "Facility-Manager". Vier Stunden täglich stehen sie für "schulnahe" Dienste zur Verfügung, etwa zum Verteilen der Post. Danach sind sie nur noch über eine Hotline zu erreichen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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1. Straßen in Lippe
Motorpsycho 26.08.2009
In Lippe wollen Sie gar die Straßen (http://www.stoppp-strassen-lippe.de/index.html) vergeben. Wesentliche Dinge sind ungeklärt, etwa was passiert, wenn der private Anbieter insolvent wird. Wie soll sichergestellt werden, dass substanzerhaltende Investitionen auch in den Jahren vor Ablauf der Verträge getätigt werden. Man muss doch befürchten, dass minimale Flickschusterei betrieben wird, je näher man dem Vertragsende entgegenkommt. Ist es überhaupt demokratisch legitim, dass die jetzt amtierenden Volksvertreter Verträge abschließen, die derartig weit über ihre Amtszeit hinausreichen und somit den Handlungsspielraum zukünftiger Generationen und ihrer Vertreter einschränken?
2. deplaziert!
butsu 26.08.2009
Was hat dieser Artikel im Ressort "Wissenschaft" zu suchen?
3. Selbstbeschiss bei der Rechnung
hackerking 26.08.2009
PPP hat nur einen wirklichen Vorteil. Es wird ein Liquiditätsvorteil für die öffentliche Hand geschaffen Ansonsten werden hier nur Kosten generiert. Es gibt zu dem Thema auch Studien eines Profs ich glaube aus Berlin, der auch aufgezeigt hat das die Kosten bei PPP doch um einiges höher sind als bei eigener Bauträgertätigkeit. Alles Selbstbetrug. Das selbe ist auch die Milchmädchenrechnung des Herrn Koch in Hessen. Wäre es nach der CDU Regierung gegangen wäre alles an Immobilien verkauft worden. Weil ja soviel billiger wenn ich Sale und Lease Back machen kann. Klar ist das ganze Billiger wenn ich nur auf 10 Jahre rechne. Ich habe noch kein Gericht oder öffentliche Behörde gesehen die nur 10 Jahre besteht. Wenn hier auf 30 Jahre und mehr gerechnet wird kommen da ganz andere zahlen raus. Ich würde die Herren gerne mal fragen ob Sie das Wort "NACHHALTIGKEIT" schon mal gehört haben. Hier wird Geld der Steuerzahler Rausgeworfen wo es nur geht. Beste Grüße Martin
4. Schule
heiko1977 26.08.2009
Zitat von sysopNeue Schulen sind für klamme Kommunen oft zu teuer. Privatfirmen ersetzen deshalb marode Alt- durch schicke Neubauten, mit oft trickreichen Vertragsdetails. "Facility Manager" ersetzen zum Beispiel den städtischen Hausmeister - nach dem sich dann mancher Lehrer und Schüler zurücksehnt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,643998,00.html
Schulen dürfen nicht in die Hände von privaten Investoren kommen, ob als Bildungsstätte oder als Gebäude. Die Schule ist ein Raum für Schüler wo diese ihre meiste Zeit verbringen ob dies nun auf den Schulhöfen treffen und spielen ist oder als AG's nach der Schule sich betätigen oder auch sonst muss die Schule den Schülern offen stehen. Die privaten Investoren haben nichtt das Gemeinwohl im Sinn sondern einzig den kurzfristigen Profit des Unternehmens, aber was sollte man von Koch und Konsorten anderes erwarten. Wieso geht eine klamme Gemeinde nicht hin und sammelt Gelder für die Schule spricht mit den Bauunternehmen in der Umgebung über privilegierte Partnerschaften, wenn die Unternehmen einen besonders guten Preis machen oder es gar als Spende an die Stadt machen bekommen sie Vergünstigungen, werden besonders erwähnt oder es wird eine privilegierte Zusammenarbeit zwischen den Betrieben und der Schule angeboten.
5. Wenn Betriebswirte rechnen,
Verleihnix, 26.08.2009
dann bleibt der gesunde Menschenverstand auf der Strecke. Mir ist es unverständlich, daß der Betrieb einer Schule oder eines Sachwertes preiswerter sein soll, wenn noch ein zusätzliches Unternehmen Geld verdient, dabei aber den selben Service bieten soll, als wenn das in Eigenregie organisiert werden soll. Betriebswirtschaftsleere eben!
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