Schulexperiment: Holocaust-Grauen im Comic-Format

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Nazi-Verbrechen als Bildergeschichte, Hitler als Comic-Figur - weil der Geschichtsunterricht an vielen Jugendlichen vorbeigeht, testen Berliner Schulen jetzt einen Comic über Verfolgung und KZ, Krieg und Tod. "Die Suche" heißt der Band des Anne-Frank-Zentrums.

Comics können klasse sein, auch in der Schule. Vokabeln zum Beispiel bleiben damit gleich viel besser haften, "Tim & Struppi" macht im Französischunterricht einfach mehr Spaß als ein Marcel-Proust-Wälzer. Und die meisten Teenager lesen lieber "Asterix" als "Cäsar", wenn es denn schon Latein sein muss.

Kein Wunder, dass es auch in modernen Schulbüchern nur so von Bildergeschichten wimmelt. In Comics lässt sich die Welt immer ein wenig einfacher darstellen, als sie ist. Genau deswegen waren sie im Geschichtsunterricht bisher eher selten.

Jetzt testet das Berliner Anne-Frank-Zentrum in der siebten bis zehnten Klasse an Berliner Schulen einen Comic, der sich mit Nationalsozialismus, Judenverfolgung, dem Zweiten Weltkrieg und den deutschen Konzentrationslagern auseinandersetzt.

Bei "Auschwitz" auf Durchzug geschaltet

"Es gibt ein Problem bei der Vermittlung des Holocaust und des Nationalsozialismus in der Schule", sagt Thomas Heppener, Direktor des Zentrums. Zum einen leben immer weniger Menschen, die aus erster Hand den Schülern erzählen können, was sie erlebt haben. Zum anderen beobachten Geschichtslehrer, dass sie ihre Schüler nicht mehr richtig erreichen, wenn es um das Thema NS-Zeit geht. Zu diesem Ergebnis kam jüngst auch eine Studie der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Bayern. Die Forscher befragten Lehrer und Schüler in ausführlichen Interviews.

Häufig gebe es im Unterricht eine "Zuvielbeschäftigung", so Thomas Heppener - dann schalteten die Schüler schon auf Durchzug, wenn sie nur das Wort "Auschwitz" hören. Der Unterricht werde moralisch überladen, "es werden Unterschiede und Parallelen zu heute vergessen", sagt Heppener.

Gelungener Unterricht solle sich aber nicht nur mit historischen Ereignissen, sondern auch mit einzelnen Lebensgeschichten beschäftigen. Die emotionale Betroffenheit der Schüler, auch die Identifikation mit den Opfern sei weiterhin sehr groß, sie würden es nur nicht so offen zeigen, so die bayerische Studie.

Stundenlange Diskussionen über jedes Bild

Genau hier setzt der 80-seitige Comic-Band "Die Suche" an: Esther, ein jüdisches Mädchen aus Holland, macht sich mit ihren Großeltern auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familie. Die fiktive Geschichte des holländischen Zeichners Eric Heuvel ist angelehnt an das Schicksal von Anne Frank. Sie starb als 15-Jährige im KZ Bergen-Belsen und hinterließ ihr berühmtes Tagebuch.

In Rückblenden erzählt der Comic tatsächliche Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Rahmengeschichte spielt jedoch jetzt, die Hauptfiguren sind Jugendliche der heutigen Zeit. "Wir wollen die Schüler da abholen, wo sie in ihrem Lebensalltag sind", sagt Heppener.

Auch wenn ein Comic die Autoren zu Vereinfachungen und Kürzungen zwingt, sollte das nicht zu Lasten der geschichtlichen Fakten gehen. Ein Team aus Holocaust-Experten und KZ-Forschern diskutierte in stundenlangen Sitzungen über jedes einzelne Bild.

Sie besprachen Details wie die Farbe und Art der Kleidung der KZ-Häftlinge oder die Darstellung von Konzentrationslagern und NS-Größen. Viele Bilder des stilistisch an "Tim und Struppi" erinnernden Bandes wurden Schwarzweißfotos aus der Zeit nachempfunden: Menschen, die um ein Hitler-Wahlplakat stehen, eine Schlange von Erwerbslosen vor dem Arbeitsamt Hannover, die "Deutsche, wehrt euch! Kauft nicht beim Juden"-Schilder in Schaufenstern.

"Zu fröhlich gezeichnet"

"Beim Begriff Comic denken in Deutschland die meisten an 'Yps' oder Donald Duck", sagt Julia Franz, die sich beim Anne-Frank-Zentrum um das Comic-Projekt kümmert. Am Anfang wollten die Mitarbeiter "Die Suche" deshalb einen "grafischen Roman" nennen. Doch darunter konnte sich kaum jemand etwas vorstellen.

Dass Comics ein geeignetes Mittel für die Darstellung von Nationalsozialismus und KZ-Horror sein können, bewies bereits in den siebziger Jahren der jüdische Zeichner Art Spiegelman mit seinen "Maus"-Comics. Darin stellte er Juden als Mäuse und Nazis als Katzen dar. Die satirische Tierfabel wurde weltweit zum Bestseller und 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

1989 veröffentlichte zudem der Carlsen-Verlag mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung eine Hitler-Biografie als Comic. Allerdings ohne großen Erfolg - die Autoren Friedemann Bedürftig und Dieter Kalenbach bemühten sich allzu stark, jegliche für Comics typischen Humorelemente herauszunehmen.

Dadurch entstand "eine sehr grausige Bildergeschichte", sagt Christine Gundermann, die ein Buch über Comics im Schulunterricht veröffentlicht hat. Deswegen sei das Projekt letztlich auch gescheitert. Sie freut sich trotzdem, dass es jetzt wieder ein ähnliches Projekt gibt: "Entscheidend ist nicht die Darstellungsform, sondern was man im Unterricht aus so einem Comic herausholt."

"Wenn schon als Comic, dann lieber in Schwarzweiß"

Wie sich "Die Suche" im Unterricht bewährt, will das Anne-Frank-Zentrum nun von Februar bis Ende Juni an Berliner Schulen testen. Von der Problemviertel-Hauptschule mit hohem Migrantenanteil bis zum Elite-Gymnasium - die 15 teilnehmenden Geschichtslehrer wurden so ausgewählt, dass ein möglichst breites Spektrum von Schülern den Comic liest.

In den nächsten Monaten bekommen die Schulen dann Besuch vom Anne-Frank-Zentrum. Schüler und Lehrer werden in Interviews zum Comic befragt und sollen Fragebögen ausfüllen: Was sagt der Comic den Schülern? Was ist ihnen in Erinnerung geblieben? Auch in Polen und Ungarn wird das Heft an Schulen getestet.

Schon seit 2005 steht an vielen niederländischen Schulen der Vorgängerband von "Die Suche" mit dem Titel "Die Entdeckung" auf dem Lehrplan. Auch er wurde einmal kurz an deutschen Schulen getestet. Da es in der Geschichte aber hauptsächlich um die Kriegsereignisse in Holland geht, konnten die deutschen Schüler nicht so viel damit anfangen.

Interessantes Feedback bekamen die Herausgeber trotzdem: "Einige Siebtklässler meinten damals, das sei zu fröhlich gezeichnet und nicht angemessen", so Julia Franz. "Wenn man das schon als Comic mache, dann doch lieber in Schwarzweiß."

Das Team vom Anne-Frank-Zentrum wünscht sich genau solche Reaktionen - "der Comic soll Fragen provozieren und Lust machen, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen", sagt Thomas Heppener. "Natürlich kann eine Bildergeschichte nicht echte Zeitzeugenberichte oder wissenschaftliche Forschungen über die Judenverfolgung ersetzen." Aber es kann ein Anfang sein.

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