Schulpolitik: Mehrheit der Deutschen will mehr Macht für Berlin

Entmachtet die Länder, gebt Schülern mehr Zeit und fördert sie besser - die Botschaft einer aktuellen Umfrage ist deutlich: Die Mehrheit der Deutschen ist mit der Bildungspolitik unzufrieden. Die Arbeit der Lehrer wird anerkannt, wenngleich viele das Pädagogen-Genörgel nervt.

Schüler in München (Februar 2010): Westdeutsche wollen zurück zum Abi nach Klasse 13 Zur Großansicht
dpa

Schüler in München (Februar 2010): Westdeutsche wollen zurück zum Abi nach Klasse 13

Schulpolitik ist in Deutschland ganz allein Ländersache. Mit der Zersplitterung der Zuständigkeiten müssen Schüler, Eltern und Lehrer leben. Das soll auch so bleiben, sagen die Länder und schwärmen von den segensreichen Wirkungen des Föderalismus, der zu einem Wettbewerb ums beste Schulsystem führe. Das soll nicht so bleiben, sagt inzwischen selbst Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) - als Baden-Württembergs Kultusministerin wirkte sie einst als eine der stärkste Länder-Lobbyistinnen, heute sieht sie es etwas anders.

Die Vorherrschaft der Länder in der Bildungspolitik darf nicht bleiben, sagt auch eine klare Mehrheit der Bundesbürger. "Für Schul- und Bildungspolitik sollte der Bund zuständig sein" - dieser These stimmten in einer neuen Umfrage 61 Prozent zu; nur 21 Prozent halten die Zuständigkeit der Länder für richtig, 18 Prozent äußerten sich unentschieden. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Allensbach-Umfrage hervor. Vor allem in den neuen Bundesländern ist der Wunsch groß, der Bundesregierung mehr Verantwortung zu übertragen: Die Quoten liegen hier im Durchschnitt bei rund 80 Prozent.

Das Turbo-Abitur nach nur acht Jahren Gymnasium (G-8) statt zuvor neun Jahren stößt in den alten Bundesländern auf massive Kritik: Nur sieben Prozent halten die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit für gelungen, 71 Prozent der Befragten wollen die Rückkehr zum G-9 oder zumindest ein paralleles Angebot des Abiturs nach Klasse 12 und 13. In Ostdeutschland vertrat nur ein Drittel der Befragten diese Position, die Akzeptanz des verkürzten Abiturs ist deutlich höher - dort dauert die Schulzeit schon lange in der Regel zwölf Jahre.

Schulpolitik-Noten nur zwischen drei minus und vier minus

Im Auftrag der Vodafone-Stiftung hat das Institut für Demoskopie Allensbach knapp 2300 Bundesbürger zur Schulpolitik und zum Lehrerbild in Deutschland befragt. Als Durchschnittsnote für ihre Schulpolitik erhielten die Länder von den Befragten nur eine 3,6. Am besten kamen Bayern (3,3), Hessen und Sachsen (jeweils 3,4) weg, während sich Berlin (3,9) und Schleswig-Holstein (4,2) am Ende des Noten-Rankings wiederfanden.

Keine großen Erwartungen setzen die Bürger Allensbach zufolge in die in einigen Ländern geplante oder bereits beschlossene Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen. Knapp ein Drittel glaubt daran, dass die Bildungschancen der Hauptschüler dadurch steigen, aber ebenso viele befürchten, dass sich die Schulbildung der Realschüler dadurch verschlechtere. Knapp die Hälfte meint, durch die Zusammenlegung ändere sich nicht viel.

Eltern wollen kleinere Klassen und weniger Unterrichtsausfall

Eine Verbesserung der konkreten Lernbedingungen an den Schulen ist den Bürgern wichtiger als Strukturreformen. So fordern 59 Prozent der Befragten eine Verkleinerung der Klassen, bei den Eltern schulpflichtiger Kinder sind es sogar 69 Prozent. An zweiter Stelle der Mängelliste steht der hohe Unterrichtsausfall, den 54 Prozent der Befragten und 64 Prozent der Eltern beklagen - bei den Eltern ein Anstieg gegenüber 2009 um sieben Prozentpunkte. Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands, führt dies auf den verstärkten Lehrermangel zurück.

Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich auch eine stärkere individuelle und begabungsgerechte Förderung ihrer Kinder. Dagegen hält nur ein Drittel der Befragten die Einrichtung von mehr Ganztagsschulen, die Verlängerung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre oder die regelmäßige Überprüfung der Schulen durch Leistungstest für vordringliche Reformen.

Eignungstests für angehende Lehrer vor Beginn der Ausbildung, wie es sie etwa in der Schweiz gibt, befürworten 44 Prozent der Bevölkerung und 40 Prozent der Eltern. Meidinger hielt aber fest, dass der Lehrerberuf sich nicht als zweite oder drittel Wahl eigne, wenn andere Berufswünsche nicht verwirklicht werden könnten.

Als Haupteigenschaften eines guten Lehrers nannten die meisten Befragten die Fähigkeit, Kinder zu motivieren und zu begeistern, sowie eine hohe fachliche Kompetenz. Darüber hinaus scheint das Lehrerbild ambivalent. Anerkannt wird einerseits, dass der Beruf anstrengender und fordernder geworden ist. Andererseits wird kritisiert, dass Lehrer zu viel über ihre Belastung klagen.

Insgesamt ist die allgemeine Bewertung der Lehrer laut Allensbach deutlich schlechter als das Urteil von Eltern über die Pädagogen, die die eigenen Kinder unterrichten. Meidinger bezeichnete es als Grund zur Hoffnung, dass das Nahbild des Lehrers besser sei als sein Fernbild. Eine Benotung der Lehrer durch Schüler, wie sie 44 Prozent der befragten Bürger und 51 Prozent der befragten Eltern fordern, hält er für fraglich. Über "neue Rückmeldungssysteme" müsse man aber nachdenken.

bim/APN/dpa/AFP

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1. .
frubi 31.03.2010
Zitat von sysopEntmachtet die Länder, gebt Schülern mehr Zeit und fördert sie besser - die Botschaft einer aktuellen Umfrage ist deutlich: Die Mehrheit der Deutschen ist mit der Bildungspolitik unzufrieden. Die Arbeit der Lehrer wird anerkannt, wenngleich viele das Pädagogen-Genörgel nervt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,686696,00.html
Berlin ist doch Schuld daran, dass so viel Geld in Richtung maroder Banken geflossen ist so das nun halt nichts mehr für die Schulbildung von Kevin und Charlotte übrig geblieben ist. In der Schulpolitik dreht sich doch alles nur um Geld. Kleinere Klassen, mehr Lehrpersonal, besserer Ausbildung der Lehrkräfte etc. Das kostet alles viel Geld. Wir zahlen pro Jahr im Bund etwas mehr als 30 Milliarden € an Zinstilgung. Wie klein man die Klassen damit wohl machen könnte?
2. langsam nervt es......
senfdazu 31.03.2010
Zitat von frubiBerlin ist doch Schuld daran, dass so viel Geld in Richtung maroder Banken geflossen ist so das nun halt nichts mehr für die Schulbildung von Kevin und Charlotte übrig geblieben ist. In der Schulpolitik dreht sich doch alles nur um Geld. Kleinere Klassen, mehr Lehrpersonal, besserer Ausbildung der Lehrkräfte etc. Das kostet alles viel Geld. Wir zahlen pro Jahr im Bund etwas mehr als 30 Milliarden € an Zinstilgung. Wie klein man die Klassen damit wohl machen könnte?
...wieso wird immer auf Banken und die Wirtschaft eingedroschen, wenn irgendwo Geld gebraucht wird?-Klar gibt es Fehlentwicklungen...allerdings: wäre unser Bankensystem implodiert, wäre die Bildung das geringste Problem. Die 30 Mrd. Zinsen über die Sie schwadronieren, sind der Preis für den Wohlstandsstaat, der seit den 70ern mit Schulden aufgeblasen wird! Der Staat verhält sich wie ein Tuningfreak, der jeden Euro in sein Auto steckt, aber dann kein Geld mehr für den Sprit (Bildung) hat.....ja, auch ich finde, das endlich Schluß sein muß mit dem Klein-Klein der Kultusminister (was alleine die völlig versemmelte Rechtschreibreform gekostet hat...heul)...allerdings befürchte ich, das sich trotz anerkanntem Nichtsnutzen in der Schulpolitik genauso wenig ändert, wie mit der Sommerzeit! Man hätte ja auch sonst kein Thema mehr für die Landtagswahlen........
3. .
het 31.03.2010
Zitat von frubiBerlin ist doch Schuld daran, dass so viel Geld in Richtung maroder Banken geflossen ist so das nun halt nichts mehr für die Schulbildung von Kevin und Charlotte übrig geblieben ist. In der Schulpolitik dreht sich doch alles nur um Geld. Kleinere Klassen, mehr Lehrpersonal, besserer Ausbildung der Lehrkräfte etc. Das kostet alles viel Geld.
Die maroden Bankenbanditen nicht! zu unterstuetzen haette Ihnen wohl besser gefallen? Das sich ausserdem alles ums Geld dreht und viel zu viel kostet...wem erzaehlen Sie das?
4. e
Klo 31.03.2010
Zitat von sysopEntmachtet die Länder, gebt Schülern mehr Zeit und fördert sie besser - die Botschaft einer aktuellen Umfrage ist deutlich: Die Mehrheit der Deutschen ist mit der Bildungspolitik unzufrieden. Die Arbeit der Lehrer wird anerkannt, wenngleich viele das Pädagogen-Genörgel nervt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,686696,00.html
Bessere Bildung gibt es nur mit mehr Geld. Faktisch werden die Gelder für Bildung aber seit Jahrzehnten massiv gekürzt. Damit wird die Bildung nicht besser.
5. Skandalöse Schulpolitik!
onkel hape 31.03.2010
Unser Staat hat 16(!) Bundesländer mit aufgeblähten Landesregierungen, unzureichender Wirtschaftskraft und Finanzierung, darunter so marode, nicht lebensfähige Klein-Stadtstaaten wie das Saarland und Bremen. Das allein ist schon ineffektiv und irrational. Völlig unverständlich ist, dass jedes dieser Länder eine eigene Schulpolitik betreibt, ein unfassbarer, blödsinniger Skandal. Als ehemaliger Berufsoffizier mit Familie, bin ich in 38 Dienstjahren 12 X umgezogen. Unsere 3 Söhne haben die Folgen dieser unseligen unterschiedlichen Schulsysteme mit allen negativen Folgen ertragen müssen. Alle Politiker reden ständig über die Bedeutung der Bildung für die Zukunft unseres Landes, sind bisher aber nicht willig oder in der Lage, optimale Bedingungen für eine einheitliche, zukunftgerichtete, optimale Schulpolitik gesetzlich zu regeln. Man kann es nicht fassen! Es wird höchste Zeit, diesen unglaublich dummen, aberwitzigen Zustand zu ändern und eine bundeseinheitliche Schulstruktur mit gleichen Standarts zu organisieren, sonst werden wir bei den PISA-Vergleichen immer hinterherhinken und im Bildungsbereich weltweit weiter zurückfallen. Zu diesem so wichtigen Thema sollten wir eine Volksbefragung durchführen, die mit Sicherheit eine große Mehrheit für eine entsprechende Gesetzesinitiative ergeben würde.
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