Von Oliver Trenkamp
Die bayerische Landespolitik wagt sich an eine der wichtigsten Fragen im Leben eines Kindes und seiner Eltern: Wie geht es nach der Grundschule weiter? Das bayerische Kabinett will am Dienstag ein neues Übertrittsverfahren von Grundschulen auf weiterführende Schulen auf den Weg bringen. Zentrale Punkte der Reform sind mehr Zeit für die Übertrittsentscheidung, mehr Mitspracherechte für die Eltern, eine ausführlichere Beratung und eine intensivere Betreuung schwächerer Schüler.

Grundschüler: Wer darfs Gymnasium, wer muss auf die Hauptschule?
Einen "Korridor" für den Probeunterricht nannte das der Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Er sagte: "Wer künftig die Note Vier in Mathematik und Deutsch hat, kann auf Wunsch der Eltern die Realschule oder das Gymnasium besuchen." Bisher sind laut Ministerium eine Vier und eine Drei nötig.
Ein System, an dem Eltern und Schüler verzweifeln
Erstmals greifen sollen die neuen Regeln für die derzeitigen Drittklässler, also zum Schuljahreswechsel 2010/2011. Wie zusätzliche Förderstunden und Beratungslehrer bezahlt werden, dazu machte das Kultusministerium noch keine Angaben.
Damit bastelt die schwarz-gelbe bayerische Landesregierung an einem System herum, das wie kaum ein anderes Schüler und Eltern gleichermaßen unter Druck setzt. Bislang versuchen viele Eltern in Bayern mit drastischen Mitteln, ihre Kinder fit zu machen fürs Gymnasium - oder wenigstens für die Realschule; auf die Hauptschule sollen sie auf keinen Fall. Klemmt es bei den Noten, müssen schon mal Privatpauker ran oder Medikamente gegen den Prüfungsstress. Hinzu kommt eine verwaltungstechnische Hürde: Das Übertrittszeugnis wurde bisher nicht einfach ausgestellt, es musste beantragt werden - sonst landet man automatisch auf der Hauptschule.
Aber nicht nur in Bayern, sondern überall in Deutschland zerbrechen sich Bildungspolitiker und -forscher, Lehrer- und Elternverbände den Kopf, wie sich der Wechsel von der Grundschule auf eine weiterführende Schule möglichst gerecht gestalten lässt. In Berlin etwa war im Gespräch, nur noch die Noten entscheiden zu lassen, bislang haben die Eltern dort alle Macht. In den Pisa-Gewinnerländern Sachsen und Thüringen hingegen sind die Zensuren längst bindend, so wie es in Bayern war - und auch in Zukunft sein wird.
Bayern kombiniert Leistungsdruck und Ungerechtigkeit
Bayern verrührt den Leistungsdruck lediglich mit einem sozial ziemlich ungerechten Element - dem Elternwillen. Das Beispiel Berlin zeigt: Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum gelingt es, ihre Kinder auf dem Gymnasium unterzubringen - auch bei mäßigen Noten. Die Eltern von Kindern aus bildungsfernen Schichten schaffen das nur selten oder versuchen es erst gar nicht. Es deutet nichts darauf hin, dass das bei der bayerischen Probejahr-Regelung anders sein wird.
Die Opposition und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) kritisierten die Reform scharf, schon vor dem Kabinettsbeschluss. Beide werfen der Landesregierung aus CSU und FDP vor, sich an das dreigliedrige Schulsystem aus Gymnasium, Real- und Hauptschule zu klammern.
BLLV-Präsident Klaus Wenzel sagte, es sei wissenschaftlich unumstritten, "dass eine Prognose auf Grundlage kognitiver Leistungen Zehnjähriger keine Aussagekraft für die Einschätzung der späteren Lernpotenziale hat." Wenzel warnte, der Übertrittsdruck werde sich durch die Reform weiter verschärfen und verschlimmern. Er forderte erneut eine längere gemeinsame Schulzeit. Die Auslese zehnjähriger Kinder in drei verschiedene Schultypen sei unpädagogisch, ungerecht und überholt. "Es ist nicht kind- und begabungsgerecht, Kinder so früh auszulesen." Die Auslese führe regelmäßig zu "Tausenden von Bildungsverlierern".
SPD und Grüne forderten ebenfalls erneut eine längere gemeinsame Schulzeit. Daran führe kein Weg vorbei, sagte der SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann. Die Reform des Übertrittsverfahrens sei "Flickwerk". Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause warf der bayerischen Landesregierung vor, weiterhin nur an Symptomen herumzudoktern.
Mit Material von dpa
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