Schulreförmchen: Bayern entkrampft Schul-Übertritt ein bisschen

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Sollen Eltern oder Lehrer bestimmen, ob ein Kind aufs Gymnasium darf? Bislang praktiziert Bayern ein hartes Übertrittsverfahren, das viele Schüler verzweifeln lässt. Jetzt will der Kultusminister es entzerren: Mitreden sollen die Eltern - nur entscheiden nicht.

Die bayerische Landespolitik wagt sich an eine der wichtigsten Fragen im Leben eines Kindes und seiner Eltern: Wie geht es nach der Grundschule weiter? Das bayerische Kabinett will am Dienstag ein neues Übertrittsverfahren von Grundschulen auf weiterführende Schulen auf den Weg bringen. Zentrale Punkte der Reform sind mehr Zeit für die Übertrittsentscheidung, mehr Mitspracherechte für die Eltern, eine ausführlichere Beratung und eine intensivere Betreuung schwächerer Schüler.

Grundschüler: Wer darfs Gymnasium, wer muss auf die Hauptschule?
DDP

Grundschüler: Wer darfs Gymnasium, wer muss auf die Hauptschule?

Ein Sprecher des Kultusministerium bestätigte SPIEGEL ONLINE die Pläne. Ihm zufolge sehen sie dreierlei vor:

  • Schon in der dritten Klasse sollen die Klassenlehrer ihre Schüler und deren Eltern beraten, welche Möglichkeiten es nach der Grundschule gibt. So versucht Bayern, den Eltern die Angst vor der ungeliebten Hauptschule zu nehmen.
  • Es soll pro Woche eine Förderstunde extra geben, in der die Klassen geteilt werden. Das betrifft aber nur Grund- und Hauptschulen: einerseits vierte Klassen, Grundschule, in denen mehr als 25 Schüler sitzen; andererseits alle fünften Klassen an Hauptschulen.
  • Beim Übertritt entscheiden wie bisher die Noten in den Fächern Deutsch, Mathe sowie Heimat- und Sachunterricht. Als tauglich fürs Gymnasium gilt, wer mindestens einen Schnitt von 2,33 einheimst. Allerdings sollen Eltern künftig durchsetzen können, dass ihr Kind wenigstens an einem Probejahr teilnehmen darf, wenn sie mit der Empfehlung nicht zufrieden sind - und das Kind nicht zu weit vom nötigen Notenschnitt ist. Bringt der Schüler allerdings nicht die erforderliche Leistung, muss er wieder runter vom Gymnasium.

Einen "Korridor" für den Probeunterricht nannte das der Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Er sagte: "Wer künftig die Note Vier in Mathematik und Deutsch hat, kann auf Wunsch der Eltern die Realschule oder das Gymnasium besuchen." Bisher sind laut Ministerium eine Vier und eine Drei nötig.

Ein System, an dem Eltern und Schüler verzweifeln

Erstmals greifen sollen die neuen Regeln für die derzeitigen Drittklässler, also zum Schuljahreswechsel 2010/2011. Wie zusätzliche Förderstunden und Beratungslehrer bezahlt werden, dazu machte das Kultusministerium noch keine Angaben.

Damit bastelt die schwarz-gelbe bayerische Landesregierung an einem System herum, das wie kaum ein anderes Schüler und Eltern gleichermaßen unter Druck setzt. Bislang versuchen viele Eltern in Bayern mit drastischen Mitteln, ihre Kinder fit zu machen fürs Gymnasium - oder wenigstens für die Realschule; auf die Hauptschule sollen sie auf keinen Fall. Klemmt es bei den Noten, müssen schon mal Privatpauker ran oder Medikamente gegen den Prüfungsstress. Hinzu kommt eine verwaltungstechnische Hürde: Das Übertrittszeugnis wurde bisher nicht einfach ausgestellt, es musste beantragt werden - sonst landet man automatisch auf der Hauptschule.

Aber nicht nur in Bayern, sondern überall in Deutschland zerbrechen sich Bildungspolitiker und -forscher, Lehrer- und Elternverbände den Kopf, wie sich der Wechsel von der Grundschule auf eine weiterführende Schule möglichst gerecht gestalten lässt. In Berlin etwa war im Gespräch, nur noch die Noten entscheiden zu lassen, bislang haben die Eltern dort alle Macht. In den Pisa-Gewinnerländern Sachsen und Thüringen hingegen sind die Zensuren längst bindend, so wie es in Bayern war - und auch in Zukunft sein wird.

Bayern kombiniert Leistungsdruck und Ungerechtigkeit

Bayern verrührt den Leistungsdruck lediglich mit einem sozial ziemlich ungerechten Element - dem Elternwillen. Das Beispiel Berlin zeigt: Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum gelingt es, ihre Kinder auf dem Gymnasium unterzubringen - auch bei mäßigen Noten. Die Eltern von Kindern aus bildungsfernen Schichten schaffen das nur selten oder versuchen es erst gar nicht. Es deutet nichts darauf hin, dass das bei der bayerischen Probejahr-Regelung anders sein wird.

Die Opposition und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) kritisierten die Reform scharf, schon vor dem Kabinettsbeschluss. Beide werfen der Landesregierung aus CSU und FDP vor, sich an das dreigliedrige Schulsystem aus Gymnasium, Real- und Hauptschule zu klammern.

BLLV-Präsident Klaus Wenzel sagte, es sei wissenschaftlich unumstritten, "dass eine Prognose auf Grundlage kognitiver Leistungen Zehnjähriger keine Aussagekraft für die Einschätzung der späteren Lernpotenziale hat." Wenzel warnte, der Übertrittsdruck werde sich durch die Reform weiter verschärfen und verschlimmern. Er forderte erneut eine längere gemeinsame Schulzeit. Die Auslese zehnjähriger Kinder in drei verschiedene Schultypen sei unpädagogisch, ungerecht und überholt. "Es ist nicht kind- und begabungsgerecht, Kinder so früh auszulesen." Die Auslese führe regelmäßig zu "Tausenden von Bildungsverlierern".

SPD und Grüne forderten ebenfalls erneut eine längere gemeinsame Schulzeit. Daran führe kein Weg vorbei, sagte der SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann. Die Reform des Übertrittsverfahrens sei "Flickwerk". Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause warf der bayerischen Landesregierung vor, weiterhin nur an Symptomen herumzudoktern.

Mit Material von dpa

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Forum - Schulwahl - Alles reine Elternsache?
insgesamt 2993 Beiträge
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1.
Statikus 14.12.2005
Ich denke kaum, dass eine Prüfung (deren Ausgang ja durchaus auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sein kann) hier sinnvoll ist. Sollte die Einschätzung der Grundschule zum Leistungsvermögen eines Schülers eindeutig sein, dann sollte diese auch bindend sein. Der Optimalfall ist dann sicherlich der, daß sich die Grundschule mit den Eltern hinsichtlich der Entscheidung, welche weiterführende Schule die richtige ist, einig ist. Schwierig wird's da, wo es quasi auf Messers Schneide steht, für welche Schule die Empfehlung seitens der Grundschule ausgesprochen wird. Hier hielte ich eine möglichst frühzeitige Kontaktaufnahme zwischen Grundschule und Eltern für wünschenswert. Dort könnten dann das Für und Wider zwischen Lehrern und Eltern besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Vielleicht sollte man in einem solchen Fall (nach einem beratenden Gespräch) dann den Eltern freistellen, die Entscheidung zu treffen.
2.
DJ Doena 14.12.2005
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
3.
Silvia 14.12.2005
Zitat von DJ DoenaIch finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
In Niedersachsen fällt die Entscheidung zum Ende des 4. Schuljahres. Die Empfehlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche stützen: - Noten - Arbeitsverhalten (Mitarbeit, Konzentrationsfähigkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt) - Denkvermögen (Reproduktion, Anwendung, Übertragung, Komplexität von Zusammenhängen) Diese Dinge weiß man am Ende des 4. Schuljahres normalerweise. Die Noten allein sollten nicht ausschlaggebend sein. Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. Dass die Eltern entscheiden, halte ich gerade in Zweifelsfällen für richtig. Das kann man als Lehrer kaum richtig machen. Nicht alle Kinder zeigen am Ende des 4. Schuljahres eindeutige Tendenzen. Wohin sich dann ein Kind entwickelt, ist oft reine Kaffeesatzleserei und hängt von zig Dingen ab, nicht zuletzt und vor allem von der Unterstützung des Elternhauses.
4.
trabajador5 14.12.2005
Zitat von SilviaAber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. .
darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
5.
trabajador5 14.12.2005
Zitat von trabajador5darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
in dem zusammenhang fällte mir ein beispiel ein, welches vor kurzem im fernsehen gezeigt wurde. da gabe es einen, der mit 2 fingern schneller und fehlerfreier mit der tastatur schreiben konnte, als alle anderen mit dem an der schule verlangten 10-finger-system. der ist dann durch die prüfung gefallen, weil er der lehrerin nicht gehorcht hat und das richtige sytem angewendet hat. das ist bezeichnend für die prioritäten des deutschen "erziehungswesens".
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