SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Februar 2013, 12:46 Uhr

Bildungsstudie

Hauptschüler tun Hauptschülern nicht gut

Von

Schulreform ist immer, aber bringt das was? Bayerische Kinder werden nach der Grundschule auf drei Schulformen verteilt. Zuvor hatten Haupt- und Realschüler länger gemeinsam gelernt. Forscher zeigen jetzt: Die Schüler schnitten nach der Reform schlechter ab.

Ständig Operationen, Tests und Ergebnisse. Ständig die Frage: Hat es etwas gebracht? Das deutsche Schulsystem gleicht einem Patienten in Dauerbehandlung, noch dazu mit einer 16-fach gespaltenen Persönlichkeit, eine pro Bundesland.

Auch Bayern hatte im Jahr 2000, noch vor dem Pisa-Schock, eine Schulreform beschlossen: Die Realschule sollte schon ab Klasse 5 starten. Bis dahin hatten Schüler, die es nicht direkt aufs Gymnasium schafften, in den Klassen 5 und 6 gemeinsam auf der Hauptschule gelernt. Erst in Klasse 7 konnten sie auf die Realschule wechseln.

Das Credo damals: früher ins dreigliedrige Schulsystem, kein gemeinsames Lernen mehr für Nicht-Gymnasiasten. Oder wie es die damalige Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) erklärte: Kinder sollten, "in jeder Jahrgangsstufe die Chance haben, ihre bestmöglichen beruflichen oder schulischen Qualifikationen zu erreichen".

Jetzt hat der Bildungsökonom Marc Piopiunik vom Ifo-Institut die Folgen der R6-Reform anhand von bayerischen Pisa-Ergebnissen überprüft (Studie als PDF) und gefragt: Profitieren Schüler beider Schulformen von der Reform? Sein Ergebnis: Nein, denn sowohl Realschüler als auch die Hauptschüler schnitten nach der Reform bei den Pisa-Leistungen schlechter ab.

Haupt- und Realschüler fielen um ein halbes Schuljahr zurück

Piopiunik hat die Ergebnisse der Pisa-E-Tests aus den Jahren 2000, 2003 und 2006 miteinander verglichen. Die E-Tests basieren auf den gleichen Tests wie die internationalen Pisa-Studien, nur nehmen deutlich mehr Schüler in Deutschland daran teil. Damit sind die Ergebnisse für jede allgemeinbildende Schulart und jedes Bundesland repräsentativ. Bayern hat seine Reform stufenweise eingeführt, also haben in jeder Pisa-Testreihe immer auch Schüler mitgeschrieben, die noch im alten System gelernt haben. Piopiunik schreibt dazu, dass die vollen Reformeffekte wohl noch größer sein dürften als die in der Studie angeführten.

Der Ifo-Forscher rechnete aus, dass die Leistungen der Haupt- und der Realschüler durchschnittlich um zehn Pisa-Punkte sanken. Das entspricht in etwa dem, was Schüler durchschnittlich in einem halben Schuljahr lernen. In Mathe stellte der Forscher für 15-jährige Haupt- und Realschüler mit 6 Punkten den geringsten Effekt fest, gefolgt von den Naturwissenschaften mit 9,7 Punkten. Die Leseleistung sank im Durchschnitt um 15,6 Pisa-Punkte.

Gleichzeitig streuen die Ergebnisse jetzt stärker. Daraus schlussfolgert Piopiunik, dass besonders Schüler aus bildungsfernen Schichten schlechter abgeschnitten haben. Das würden zumindest auch ältere Studien zum Thema bestätigen: So haben Finnland, Schweden und Norwegen ihre Schulsysteme schon vor Jahrzehnten so reformiert, dass Schüler länger gemeinsam lernen. Davon haben vor allem Schüler aus nichtakademischen Elternhäusern profitiert.

Piopiunik hat die Ergebnisse von Haupt- und Realschülern auch getrennt analysiert: Sie deuten darauf hin, dass nur in den Hauptschulen der Anteil besonders leistungsschwacher Schüler gestiegen ist. An den Realschulen ist der Anteil sehr leistungsstarker Schüler zurückgegangen.

Abiturientenquote in Bayern gestiegen

Warum das so ist? Zumindest das Abschneiden der Hauptschüler lässt sich noch recht plausibel erklären. Schließlich zeigen Bildungsforscher immer wieder, dass leistungsschwächere Schüler von stärkeren profitieren. Außerdem vermutet Piopiunik, dass Fünft- und Sechstklässlern jetzt der Anreiz fehlt, sich anzustrengen. Schließlich ist die Entscheidung bereits gefallen, ob sie auf die Haupt- oder die Realschule wechseln. Auch die frühere Entscheidung, wer welche Schulform besucht, könnte seiner Meinung nach ein Grund sein: Vielleicht würden jetzt schlicht mehr Schüler auf die falsche Schule geschickt.

Aber was ist mit den Realschülern, warum schneiden auch sie schlechter ab? Während Piopiunik vermutet, es könnte an Schwierigkeiten bei der Reform gelegen haben, kann sich der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm die Realschülerergebnisse nicht recht erklären. Möglich ist laut Klemm, dass nicht die Realschüler schlechter wurden, sondern dass vielleicht die guten einfach nur die Schule verlassen haben.

"Es muss geprüft werden, ob nicht gerade leistungsstärkere Schüler nicht mehr zur Realschule, sondern in das Gymnasium gewechselt sind, so dass sie an den Realschulen fehlen", sagt Klemm. Tatsächlich ist in Bayern die Zahl der Abiturienten von 2002 bis 2010 kontinuierlich gestiegen: 2002 lag die Abiturientenquote noch bei 30,8 Prozent, 2006 bereits bei 34,1 Prozent und 2010 bei 41,2 Prozent. Das schlechtere Abschneiden der Realschüler hat also vermutlich mit der Reform nicht viel zu tun. Klemm hofft, dass die Studie Politiker zum Nachdenken bringt: "In einer Zeit, in der immer öfter ein heraufziehender Fachkräftemangel beklagt wird, kommt es darauf an, schwache Schüler zu stärken, um so ihre Ausbildungsfähigkeit zu sichern."

Aus heutiger Sicht mutet die aktuelle Ifo-Studie fast wie eine kleine Zeitreise an - und wie ein verspätetes Urteil über eine Ära, als Schüler noch entlang ihrer vermeintlichen Zukunftschancen im Alter von zehn Jahren auseinanderdividiert wurden. Weite Teile von CDU und CSU haben inzwischen eingesehen, dass Dreigliedrigkeit nicht mehr die Antwort auf Schulprobleme von heute sein kann. Die Untersuchung von Piopiunik zeigt, dass dieser Sinneswandel wohl richtig war.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH