Schulstunde bei "Maybrit Illner": Turbo-Abi? Wir sind unschuldig!

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Wird den Schülern die Kindheit gestohlen? Macht die Schule die Kinder kaputt? Lehrer und Schüler sind genervt vom Turboabitur - bei "Maybrit Illner" diskutierten gestern Politiker, Lehrer, Eltern. Und am Ende will die Schule keiner so gewollt haben, wie sie jetzt ist.

Manchmal sagt Reinhold Beckmann ja richtig gute Sachen. Gestern war so ein Abend. Er saß bei Kollegin Maybrit Illner in der Talkrunde, weil er sich noch einmal öffentlich darüber aufregen wollte, dass sein Sohn zu viele Hausaufgaben bekommt und zu lange in der Schule ist - und dass daran übrigens das Turboabitur schuld sei.

Illner-Sendung: "Präzise recherchierte Daten" (von links: Anne-Sophie Briest, Martin Wansleben, Reinhold Beckmann, Maybrit Illner)
ZDF / Svea Pietschmann

Illner-Sendung: "Präzise recherchierte Daten" (von links: Anne-Sophie Briest, Martin Wansleben, Reinhold Beckmann, Maybrit Illner)

In seiner eigenen Show hatte Beckmann sich schon vor ein paar Tagen aufgeregt, ein paar Minuten lang. Außerdem hat er einen Sohn und eine Tochter im Schüleralter, selbst war er auch mal Schüler. Er ist folglich so etwas wie ein Experte.

Die Sendung mit dem Thema "Macht die Schule unsere Kinder kaputt?" war gerade ein paar Minuten alt, Maybrit Illner hatte mit Schülersprecherin Judith Bürzle von einem Gymnasium in Illertissen in Bayern gesprochen und kam zurück aufs Podium. Da sagte Beckmann: "Eigentlich könnten wir die Diskussion jetzt abbrechen und nach Hause gehen. Sie hat alles gesagt."

Drei, vier, fünf Mal die Woche Nachhilfe

Judith Bürzle hatte erzählt, dass durch das Abitur in zwölf Jahren die Zeit immer enger wird, den Lernstoff zu schaffen; dass einige Schüler drei, vier, fünf Mal die Woche Nachhilfe nehmen müssen, um überhaupt mitzukommen. Dass der Leistungsdruck steigt und sich viele nicht mehr mit einer Drei oder Zwei zufrieden geben.

Dass die Schüler einander gute Leistungen nicht mehr gönnen. Dass es doch eigentlich nicht sein kann, dass Schüler überhaupt lauter Nachhilfestunden nehmen müssen, um im Unterricht mitzukommen. Dass sie selbst sich eine Ganztagsschule wünscht, die einen anderen Lern-Rhythmus hat als die starre Form der sechs Stunden á 45 Minuten. Dass die Schule ein Ort werden solle, an dem die Schüler gern sind.

Beckmann hatte Recht mit dem Kommentar zu Schülersprecherin Judith. In den folgenden ungefähr 50 Minuten redeten die Diskutanten kreuz und quer, mal zum Thema, mal nicht, eine echte Diskussion wollte nicht aufkommen. Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, versuchte, die Kritik an seinen Lehrern wegzugranteln. Jürgen Zöllner (SPD), Berlins Bildungssenator und bis vor kurzem Vorsitzender des Kultusministerkonferenz, wusste zwar ziemlich gut Bescheid, tat aber die ganze Zeit so, als habe er mit der Einführung des Turboabiturs im Prinzip nur am Rande etwas zu tun.

Martin Wansleben, Geschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer, bekam die meisten Grantler ab und war ansonsten der einzige, der das mit dem Turbo-Abi richtig gut fand. Schauspielerin Anne-Sophie Briest beschränkte sich darauf, zu erzählen, wie toll alles läuft an der Vorschule, die sie mitgegründet hat, und dass Lernen ja auch Spaß machen solle und es auch für die kleinen Kinder wichtig sei, schon Englisch zu können. Gerade in Berlin.

Und dann war da noch Gerlinde Unverzagt, die "Das Lehrerhasserbuch" geschrieben hat und jedes Mal, wenn Maybrit Illner sie fragte, etwas sagte, das eine Diskussion hätte beginnen lassen können. Zum Beispiel: "Die Schule wird nicht vom Kind her gedacht". Oder: Guter Unterricht hänge auch immer von der Persönlichkeit des Lehrers ab, es gebe viel zu viel Angst in den deutschen Schulen. Reaktionen? Nix da.

Wer hat das Turbo-Abi eingeführt? Du? Du? Der da hinten?

Der Rest der Runde schob sich lieber wie die Dalton-Brüder aus den "Lucky Luke"-Comics den Schwarzen Peter zu: Wer hat das Turbo-Abi eingeführt? Wer will es? Er war's! Nein, er! Nein, sie da hinten. Lehrerverbands-Grantler Josef Kraus zeigte auf Bildungspolitiker Zöllner, der gab den Schwarzen Peter weiter an Wirtschaftsonkel Wansleben, der schob ihn wieder zurück. Man konnte den Eindruck bekommen, die Reform habe außer "der Wirtschaft" eigentlich niemand gewollt - jetzt sei sie aber da und man müsse eben damit leben.

"Die Wirtschaft", das war an diesem Abend ja der Herr Wansleben von der Industrie- und Handelskammer - und der gab zwar zu, dass die das Turbo-Abi will, man aber "unterscheiden müsse zwischen einer richtigen Idee und einer schlechten Umsetzung". Und dann, voller Pathos: "Es geht schließlich um die Lebenszeit junger Menschen!"

Reinhold Beckmann fand, dass Turbo-Abi sei "schlampig administriert", es werde "Wissen gestopft". Josef Kraus hielt es sogar für einen "Konzeptionsfehler", die Schulen befänden sich gerade in einer "permanenten Baustellensituation". Die Idee sei aus einem "Beschleunigungswahn", einem "Meßbarkeits- und Verwertungswahn" heraus geboren worden.

Josef Kraus redete sich in Rage, und er wurde noch richtig lustig: Wenn die Schulzeit und das Studium immer weiter verkürzt werde, sagte er, dann könne man ja auch mal darüber nachdenken, die Schwangerschaft zu verkürzen. Vielleicht so auf... sieben Monate, oder sechs?

Die Gesellschaft ist schuld

Weil es jetzt hätte launig werden können, brach Maybrit Illner lieber das Gespräch ab und ließ die Regie eine Grafik einblenden. Später gab es noch eine. Die Bilder ließen die Runde etwas ratlos da sitzen. Auch die Moderatorin rätselte: Ging es jetzt um die Anzahl der Lehrer pro Schüler? Oder der Lehrer pro Klasse? Diese ganzen bunten Balken da. Zöllner zuckte mit den Schultern, Kraus auch und Illner sagte, es seien in jedem Fall "präzise recherchierte Daten".

Was die Grafiken sagen sollten: Die Verhältnisse an deutschen Schulen sind gar nicht so schlimm. Damit konnte nun auch wieder keiner etwas anfangen. Wenn es um Schule geht, dann schimpft einfach jeder gern - es fällt dazu auch jedem etwas ein. Jeder war mal auf einer Schule, kann seine ganz persönliche Lehrer-Anekdote erzählen und hat eine Meinung dazu, wie man das alles anders und selbstverständlich viel besser machen könnte.

Kurz flammte noch ein Diskussiönchen zwischen Gerlinde Unverzagt und Josef Kraus auf, weil sie erfrischend offen sagte, dass sie von der Art genervt sei, wie manch ein Lehrer den Eltern der Schulkinder begegne, und dass sie als Mutter von vier Kindern "nicht ständig zu Handlanger-Diensten" an der Schule eingespannt werden möchte. An "den obligatorischen Marmorkuchen und weitere Service-Leistungen beim Sommerfest" habe sie sich ja schon gewöhnt.

"Eltern haben auch ihre Pflichten ...", setze Josef Kraus darauf an, "... die definiert aber nicht die Schule", beendete Unverzagt seinen Satz. Bildungspolitiker Zöllner sagte noch: "Die Gesellschaft hat da was versäumt." Um Himmels Willen. Die Gesellschaft also.

Es gibt eine Punkband, die heißt Terrorgruppe - sie hat einen Song gemacht: "Die Gesellschaft ist schuld (... dass ich so bin)". Man hätte ihn gut an dieser Stelle der Sendung als Rausschmeißer einspielen können. Das hätte wenigstens noch ein paar kurze Minuten gute Unterhaltung garantiert. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen Jürgen Zöllner und der Terrorgruppe: Zöllner meinte seinen Satz ernst.

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Forum - Gymnasiumsstress - Diebstahl der Kindheit?
insgesamt 2952 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Klo 15.01.2008
Zitat von sysop40-Stunden-Woche? Viele Gymnasiasten wären schon über 50 Stunden froh. Überstürzt und miserabel vorbereitet haben die meisten Bundesländer die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Stiehlt die Schule den Schülern die Kindheit?
Die überstürzte und unvorbereitete Einführung des G8 ohne Entrümpelung der Lehrpläne ist das größte Desaster der Nachkriegs-Bildungspolitik.
2.
PaulNeu 15.01.2008
Wieso schaffen es andere Länder, die Schüler mit 18 zur Hochschulreife zu bringen und nach weiteren 4 bis 5 Jahren zum Hochschulabschluss? Warum dauert die Ausbildung in D so unendlich lange?
3. Sparen Sparen Sparen
NilsBoedeker 15.01.2008
Hi es muß halt gespart werden... idealerweise an Kindern und der Ausbildung... gestern, heute, morgen... Das Abitur in 12 Jahre ist nix anderes... Es ist naiv zu glaube das sich Sparmaßnahmen in dem Bereich nicht irgendwann übel rächen werden bzw. sieht man ja schon die "Erfolge" der Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre/Jahrzehnte
4.
qsecofr 15.01.2008
Ich denke den wird nichts gestohlen! In Sachsen und Thüringen geht es doch auch! In der DDR hat es auch funktioniert, das man sein ABI nach 12 Jahren hatte. Dieses jammern ist schon etwas ätzend. Ronald Leipzig
5.
Anima 15.01.2008
Ich kann dies nur bestätigen. Meine Tochter geht in die 6. Klasse Gymnasium. Seit dem sie auf dem Gymnasium ist, geht es ihr nicht besonders gut. Offensichtlich leidet sie unter dem Stress und ist öfters krank. Dies ist meiner Meinung nach noch ein Meilenstein der Politiker in einem kinderfeindlichem Land. Anstatt sich wirklich ein Beispiel an den Lehrmethoden der PISA-Siege, z.B. Finnland, zu nehmen, wird geflickschustert was das Zeug hält. Leider bestätigt sich auch hier: es gibt in diesem Land keine Lobby für die Kinder.
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