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Schulvergleich Timss: Mit deutschen Viertklässlern ist zu rechnen

Bei der Pisa-Studie sind deutsche Neuntklässler mau, die Grundschüler schneiden besser ab: International liegen sie bei Mathe und Naturwissenschaften im guten Mittelfeld, wie die Timss-Studie zeigt. Viel besser rechnen können aber Schüler in Hongkong - und kleine Kasachen.

Und wieder ging es schneller als gedacht: Bereits drei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe drang an die Öffentlichkeit, wo Viertklässler am besten rechnen können - nämlich in Hongkong, Singapur und Taiwan. Die deutschen Grundschüler landen auf dem zwölften Platz der aktuellen internationalen Schulstudie Timss, bei der Fähigkeiten in Mathematik und Naturwissenschaften geprüft werden. Das meldete am Wochenende die Tagszeitung "Österreich".

Grundschüler: Deutschland im soliden Mittelfeld
DPA

Grundschüler: Deutschland im soliden Mittelfeld

Weltweit nahmen im Frühjahr 2007 an der Timss-Studie 425.000 Schüler aus 36 Ländern teil. Rang zwölf für Deutschland bedeutet zwar akzeptables Mittelfeld. Aber in Mathematik hinken deutsche Grundschüler den Spitzenreitern um bis zu zwei Schuljahre hinterher, in den Naturwissenschaften bis zu einem Jahr.

Japanische Viertklässler zum Beispiel sind den Deutschen in den Naturwissenschaften ein knappes halbes Jahr voraus. Dabei hatte Japan bei seiner großen Lehrplanrevision vor zehn Jahren Unterrichtsinhalte wie Methoden aus Deutschland übernommen.

Kasachstan hat wieder keiner auf der Rechnung

Insgesamt liegt Deutschland hinter den Niederlanden, Litauen und den USA, aber knapp vor Dänemark, Australien und Ungarn, Italien und Österreich. Und unterschätze keiner die Kasachen - dort erreichten die Grundschüler Rang fünf in Mathe, Rang elf in Naturwissenschaften.

Die Timss-Ergebnisse
Rang Mathematik Punkte Naturwissenschaften Punkte
1. Hongkong 607 Singapur 587
2. Singapur 599 Taiwan 557
3. Taiwan 576 Hongkong 554
4. Japan 568 Japan 548
5. Kasachstan 549 Russland 546
6. Russland 544 Lettland 542
7. England 541 England 542
8. Lettland 537 USA 539
9. Niederlande 535 Ungarn 536
10. Litauen 530 Italien 535
11. USA 529 Kasachstan 533
12. Deutschland 525 Deutschland 528
13. Dänemark 525 Australien 527
14. Australien 516 Slowakei 526
15. Ungarn 510 Österreich 526
16. Italien 507 Schweden 525
17. Österreich 505 Niederlande 523
18. Schweden 503 Slowenien 518
19. Slowenien 502 Dänemark 517
20. Armenien 500 Tschechien 515
Quelle: Tageszeitung "Österreich"

Wie bei den anderen großen internationalen Schuluntersuchungen, Pisa und Iglu, sickerten die Timss-Ergebnisse auch diesmal vorab durch. Eigentlich wollten die Bildungsforscher sie am Dienstag feierlich in Berlin verkünden. Doch geheim bleiben die Ranglisten selten - trotz angedrohter Geldstrafen und Zwangsmaßnahmen für Wissenschaftler wie Politiker. Zu groß ist das Medieninteresse, zugleich auch der Wunsch nach Interpretationshoheit über die Ergebnisse.

Diesmal lag das Timss-Informationsloch in Österreich. Schon am Samstag veröffentlichten dort mehrere Medien vorab die weltweit begehrten Tabellen im Internet, mittlerweile hat die österreichische Unterrichtsministerin Claudia Schmied die Berichte bestätigt. Wer da geplaudert hatte, blieb unklar - wie so oft.

Irgendwo leckt es immer

Beim letzten internationalen Pisa-Vergleich saßen die Informationsfreudigen in Spanien und Deutschland: Erst erschienen die Ergebnisse in einer spanischen Lehrerzeitung, dann das komplette Ranking in Deutschland. Zur Strafe wurden beide Staaten in diesem Jahr vom internationalen Informationsfluss der Schulforschung ausgesperrt. Jeder dieser Fälle löste heftige Betriebsamkeit in Gremien und Behörden aus - doch gefunden wurden die Lecks auch damals nicht.

Deutsche Viertklässler zeigten zum ersten Mal bei Timss, wie gut sie rechnen können. Die offiziellen Ergebnisse sollen gemeinsam mit jenen der Lesestudie Iglu veröffentlicht werden. Iglu testet die wichtigste Basiskompetenz für das weitere Lernen: lesen und Texte verstehen.

Auch lesen können deutsche Viertklässler ganz gut

Beim letzten Mal hatte Deutschland einen soliden elften Platz belegt unter 45 Staaten und Regionen. Dabei hatten die Grundschüler in den Iglu-Siegerstaaten Russland, Hongkong und Kanada lediglich ein halbes Jahr Lernvorsprung vor den Deutschen. Am Dienstag sollen die Ergebnisse des innerdeutschen Bundesländervergleichs bekanntgegeben werden.

Deutsche Grundschüler können also gut mithalten, allerdings hat die Pisa-Studie gezeigt, dass die Schüler bis zur neunten Klasse international einbrechen. Was läuft schief in den Jahren dazwischen?

Besonders brisant: die sogenannte Risikogruppe. Rund 13 Prozent der Viertklässler gelten deutschlandweit im Lesen als Problemfälle, die Texte nur mühsam verstehen. Bis zum Ende der Pflichtschulzeit in der neunten oder zehnten Klasse wächst diese Gruppe auf über 20 Prozent an.

Schon jetzt ist klar: Schulpolitiker aller Lager werden die Ergebnisse so interpretieren, dass sie die eigene Position stützt. Nach jedem Ranking entflammt neuerlich der Streit über Schulformen, Länge der gemeinsamen Schulzeit und Bildungsempfehlungen.

Kontrahenten schunkeln sich schon warm

Die Vorwärtsverteidigung treten jetzt jene an, die sich an eine vierjährige Grundschulzeit klammern. Der bayerische Realschullehrerverband freut sich schon mal vorab über die Iglu-Ergebnisse, die noch nicht vorliegen: Das bayerische Schulsystem sei leistungsstark, sagte der Vorsitzende Anton Huber. Er verdammt jede Form von längerem gemeinsamen Lernen - es sei nicht fair, Schüler in einem "starren Korsett der einheitlichen Schule über das 10. Lebensjahr hinaus zu belassen".

Die Reformerfront andererseits wird angeführt von der Bildungsgewerkschaft GEW: "Kein Anlass für neuerliche Jubelmeldungen der Schulpolitiker!" Die Vize-Vorsitzende Marianne Demmer forderte "endlich Taten, nicht immer neue Daten".

Bis Dienstagmorgen sind die Iglu-Daten unter Verschluss, dann wird der Streit so richtig Fahrt aufnehmen. Und sich im Frühjahr 2009 nochmals beschleunigen. Dann nämlich sollen Iglu-Daten zu besonders heißen Eisen der Bildungspolitik veröffentlicht werden: Wie beeinflusst die umstrittene Bildungsempfehlung am Ende der Grundschule die weitere Schullaufbahn? Wie sieht es aus mit Ganztagsangeboten - lernen Schüler dann besser lesen?

otr/dpa

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