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Schwarz-grünes Hamburg: Wie rebellische Eltern das Gymnasium retten wollen

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Eine beispiellose Reform soll alle Hamburger Schulen umkrempeln, doch Eltern wehren sich in rivalisierenden Initiativen. Walter Scheuerl sieht das Gymnasium in Not. Ins Schul-Scharmützel zieht er mit der ganz großen Trompete - bunte Mails und steile Thesen inklusive.

Als Deutschlands erste schwarz-grüne Landesregierung Mitte April ihren Koalitionsvertrag online stellte, war Walter Scheuerl zur Stelle. "Es war kurz nach sechs, ich habe ihn sofort ausgedruckt", sagt er. Scheuerl blätterte - Seite sieben, letzter Absatz: "Die Primarschule umfasst die Grundstufe mit den Jahrgangsstufen 0 bis 3 und die Unterstufe mit den Jahrgangsstufen 4 bis 6."

Walter Scheuerl: "Wie Maos Kulturrevolution"
Walter Scheuerl

Walter Scheuerl: "Wie Maos Kulturrevolution"

Gemeinsam Lernen bis Klasse sechs - was die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch als Gewinn für alle Schüler preist, bedeutet in Scheuerls Augen der Verlust von zwei Klassenstufen auf dem Gymnasium.

Als die Koalitionsverhandlungen noch liefen, hatte Scheuerl CDU-Abgeordnete angeschrieben und angerufen, um sie "zur Einsicht" zu bringen. "Einer versicherte, eine Primarschule werde es nur über seine Leiche geben." Eine andere Abgeordnete habe ihm geschrieben: "Es ist zu hoffen, dass sich der Fachverstand durchsetzt und nicht Ideale aus populistischen Zwecken geopfert werden."

Leichen gab es dann keine, als die CDU den Koalitionsvertrag annahm - mit einer Enthaltung. "Mindestens einer ist umgefallen", sagt Scheuerl und lacht dabei. Doch was CDU und Grüne als Durchbruch feierten, machte ihn zum Protestler.

"Dann gibt es nur noch Flötenunterricht"

Für manche ist Scheuerl ein Reformbremser und Verteidiger eines längst veralteten und spätestens seit Pisa diskreditierten Schulmodells. Ein Vertreter des Bildungsbürgertums, das nur die möglichst elitäre Ausbildung ihrer Zöglinge im Kopf hat - und die Bedürfnisse der Schwachen ignoriert. Als Projektionsfläche ist er bestens geeignet: Scheuerl ist promovierter Jurist und Rechtsanwalt bei einer großen Kanzlei. Seine beiden Kinder gehen auf ein Gymnasium im noblen Stadtteil Othmarschen.

Dort stand er Anfang Mai vor etwa 250 Menschen in der Aula, um die Initiative "Wir wollen lernen" zu gründen. Sie soll per Volksentscheid das Gymnasium nach Klasse vier durchdrücken. Scheuerl räumt ein: Zunächst unterstützten ihn vor allem Bewohner des sozial besser gestellten Westens der Stadt, auch heute seien es vor allem Menschen aus dem Bürgertum. "Doch inzwischen kommen sie aus allen Stadtteilen."

Scheuerl versteht sich selbst als Bewahrer der Bildungsvielfalt: Das gemeinsame Lernen, sagt er, wäre doch wie die Kulturrevolution von Mao - "der hat auch alle möglichen Formen von Kultur und Entfaltung beschnitten". Es gebe in Hamburg eben unterschiedliche soziale Schichten: "Hier lernen die Kinder Geige, da Blockflöte". Und das Streben nach einer Schule für alle meine am Ende: "Es gibt nur noch Flötenunterricht."

Scheuerl und seine Mitstreiter sehen gemeinsames Lernen über die Klasse vier hinaus als "Runtergehen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner" - eines ihrer Hauptargumente.

"Viele Kinder werden sich langweilen"

Dass Unterricht in heterogenen Klassen leistungsstarke ebenso wie schwache Schüler fördern könnte, hält Scheuerl für abwegig: "Es wird eine Menge Kinder geben, die sich in den Primarschulklassen fünf und sechs langweilen, anfangen zu stören und von den Lehrern nach Klasse sechs nicht auf das Gymnasium geschickt werden, weil sie Störenfriede sind." Starke Schüler würden gebremst, da ist er sich sicher - "egal, wie man das strukturiert".

Zudem warnt Scheuerl, dass eine verkürzte Gymnasialzeit das "Exzellenzangebot" verstümmele. Zum Beispiel am Gymnasium Süderelbe im Süden Hamburgs, das auch Schüler aus sozialen Brennpunkten besuchen. Für den deutsch-französischen Abschluss "AbiBac" können Schülerab Klasse fünf Französisch lernen, in den ersten beiden Jahren sieben Stunden pro Woche. "Das wird an keiner Primarschule so möglich werden", sagt Scheuerl.

Eine Lehrerin der Schule habe ihn angerufen, "sie sagt zu Recht: Die Kinder brauchen ein solches Angebot, gerade in solchen Stadtteilen, um rauszukommen und sich über die eigene Leistung und eigenen Fleiß über den Status der Eltern hinaus zu entwickeln". Wenn aber künftig Schüler bis zur sechsten Klasse auf der Primarschule bleiben, "kriegen sie am Gymnasium Süderelbe nicht genug Schüler zusammen, die das AbiBac machen wollen oder können", so Scheuerl.

Auch eine zweite Fremdsprache an Primarschulen, wie es die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch angekündigt hat, hält Scheuerl für keine Lösung - das sei nicht vergleichbar mit der intensiven Förderung an Gymnasien.

Die Primarschule "kommt wie Kai aus der Kiste"

Das sagen auch Leiter der humanistischen Gymnasien Hamburgs und sehen ihre Ideale durch Goetschs Schulreform gefährdet: Eine altsprachliche Ausbildung, die es Schülern später ermöglicht, Originaltexte der Antike zu lesen, sei in heterogenen Klassen der Primarschulen unmöglich. Zudem würde vielen Schülern die Möglichkeit genommen, ein humanistisches Gymnasium zu besuchen, weil Primarschüler künftig auf die umliegenden weiterführenden Schulen wechseln sollen. Daher müssten Eltern ihre Kinder schon in eine Primarschule in der Nähe eines humanistischen Gymnasiums schicken - was man aber Erstklässlern wegen weiter Schulwege meist nicht zumuten könne.

Die Mehrheit der Direktoren von Gymnasien sympathisiert mit der Initiative. Die Stimmung sei "eine Mischung aus Verunsicherung, Frustration und fehlender Wertschätzung", sagt Dagmar Wagener, Sprecherin des Hamburger Verbands der Gymnasialschulleiter. Dass die Schulsenatorin Gymnasiallehrer per Fortbildungsoffensive für Primarschulen fit machen will, meint in den Augen Wageners vor allem eins: "Die Lehrer sind nicht gut genug." Ihr Vorwurf gehe an die CDU, "die wollten doch das Gymnasium und die Stadtteilschule und wurden dafür hoch gelobt". Jetzt komme aus Koalitionsgründen die Primarschule "wie Kai aus der Kiste".

Die ablehnende Haltung der Gymnasiallehrer und -schulleiter könnte eine weitere Säule der Schulreform gefährden: die Schulentwicklungskonferenzen in den 22 neuen Hamburger Bildungsregionen. Goetsch will, dass dort Vertreter der Schulen, Lehrer, Eltern, Schüler und Bezirksämter über die künftigen Schulstandorte beraten. "Da werden Totalverweigerer drin sitzen", sagt Wagener.

Für Walter Scheuerl sind die Konferenzen ohnehin nur "die Vermeidung der politischen Verantwortung durch die Parteien". Er macht Stimmung gegen die Reform: Sobald eine neue Studie oder eine Statistik bekannt wird, vergehen höchstens zwei Tage, ehe er seine Kommentare durch den E-Mail-Verteiler jagt. Seine Botschaften setzt er in rote und blaue Schrift - und oft sind sie so bunt wie zweifelhaft.

Es dürfen auch verwegene Argumente sein

Scheuerl entwickelt einen Hang zu verwegenen Deutungen, wie im Fall der Pisa-Ergebnisse 2003: "Hamburgs Gymnasien liegen vor Pisa-Sieger Finnland" - weil bei Finnlands Pisa-Werten alle Schüler berücksichtigt wurden, ist das weder überraschend noch von Bedeutung. Scheuerl trompetete auch zu einer Statistik über Hamburger Schulabbrecher, keine Schulform würden mehr Schüler ohne Abschluss verlassen als die Gesamtschule (und ganz besonders finster sehe es aus an jener Gesamtschule, an der Goetschs Ehemann unterrichte). Trickreich verglich Scheuerl nur die absoluten Zahlen - nimmt man die prozentualen Anteile, entsteht ein etwas anderes Bild: Neun Prozent der Gesamtschüler schaffen den Abschluss nicht, bei den Hauptschülern sind es rund 20 Prozent.

Scheuerl ist immer gut für gepflegte Polemik. Mit seinen bunten Mails und steilen Thesen ist er für alle Befürworter des gemeinsamen Lernens zum Feindbild schlechthin geworden. Und er scheut die Konfrontation nicht: Im Internet-Forum der Hamburger Elternkammer schreibt er so fleißig wie kein Zweiter, obwohl er dort mit seiner Position ziemlich allein ist und für seine Botschaften zuweilen Kommentare wie "hanebüchener Unsinn" oder "dummes Zeug" erntet. Scheuerl bleibt dran.

Ende 2009 will er Stimmen sammeln und einen Volksentscheid erzwingen. Der könnte vor den Sommerferien 2010 stattfinden, "noch rechtzeitig, um die Reform formal zu stoppen", sagt er - "wenn das noch nötig sein sollte". Die Abgeordneten der CDU hätten "die Klappmesser geöffnet in der Tasche, warten aber noch drauf, dass einer hinter der Hecke aufsteht und sagt: jetzt reicht's!" Per Rundmail rief Scheuerl schon die Abgeordneten der Bürgerschaft auf, zu den Ständen der Gegeninitiative "Eine Schule für alle" zu gehen und die Leute dort von ihrer Position abzubringen.

In einer kleinen Serie beleuchtet SPIEGEL ONLINE die Positionen im Hamburger Bildungsstreit - der Initiative "Wir wollen lernen" folgen "Eine Schule für alle" und die Argumente von Schulsenatorin Christa Goetsch.

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Forum - Schwarz-Grüne Schulreform - der große Wurf?
insgesamt 675 Beiträge
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1.
Constantinopolitana, 10.06.2008
Hallo, selbst wenn der Bürger voll Vertrauen denkt, es könne ja nur besser werden, glaube ich, daß die Schüler, die im ersten Jahr dieser Reform Versuchskaninchen sind, erstmal leiden werden. Welche Reform klappt schon ohne Nachbesserungen? Also wird zuerst einmal ausprobiert, dann sieht man, was in der Realität alles nicht klappt, und nach fünf Jahren ist der große Wurf dann da. Ich denke, im Großen und Ganzen ist es Zeit für eine umfassende Reform; es klingt ja auch erst einmal gar nicht so schlecht; des weitern ist es auch gut, daß es in Hamburg gewissermaßen erstmal im Labormaßstab ausprobiert wird (ganz Nordrhein-Westfalen oder Sachsen wäre da noch ein anderes Kaliber...), aber ich schätze mal, die Eltern und Schüler, die das jetzt direkt betrifft, sind weitaus skeptischer als diejenigen, die bloß zuschauen, ob's nun was wird oder nicht. Aber - wenn in Brüssel jetzt einer käme und eine umfassende Reform hier vorschlüge, die einigermaßen stimmig wäre, dächte ich als Betroffene sicher: PRIMA! Unterstützen wir! Beste Grüße, Eva
2. Endlich
manten75 10.06.2008
getraut sich ein Bundesland in Deutschland die verkrustete und unfaire Situation im deutschen Schulsystem anzugehen. Weiter so!
3.
PeterShaw 10.06.2008
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Man könnte diesem Thema ernsthaft begegnen, indem man z.B. die unter Fachleuten unstrittige Meinung weiter begründet, dass eine Zeit von 6 Jahren am Gymnasium zu einem deutlichen Niveauverlust beim Abitur führen muss. Aber bringt diese Diskussion etwas? In Wirklichkeit geht es darum, wie man mit möglichst geringem finanziellen Aufwand möglichst viele (pseudo-) glücklich machen kann. Also mein Vorschlag: Mit der Geburtsurkunde wird gleich das Abitur überreicht. Das spart ungemein! Wer dann etwas lernen will, geht an eine Privatschule mit kleinen homogenen Klassen und gut bezahlten Lehrern. So verabschiedet sich der Staat auch aus dem Bereich Bildung. So verabschieden sich auch die nicht Priviligierten von der Bildung. Aber zum Glück haben sie ja neben der Geburtsurkunde noch das Abitur!
4.
Klo, 10.06.2008
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Das wird sich zeigen. Klar ist aber, dass es ein Schritt in die richtige Richtung sein dürfte, Kinder nicht nach 4 Jahren in Schulformen unabänderlich zu selektieren.
5. Beamtenstatus der Lehrer abschaffen!
derweise 10.06.2008
Der Beamtenstatus der Lehrer muß fallen!
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