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Skandalöses Schüler-Lotto: Lehrer lassen arme Kinder zu selten ans Gymnasium

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Die Unterschichtsbremse für die Oberschulen greift höchst zuverlässig: Viertklässler aus armen Familien bekommen viel seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium als Kinder betuchter Eltern - bei gleichen Noten. Eine Wiesbadener Studie offenbart, wie ungerecht Lehrer entscheiden.

Grundschüler: Bei Schulempfehlungen geht es oft ungerecht zu
DDP

Grundschüler: Bei Schulempfehlungen geht es oft ungerecht zu

Zum Ende der Grundschulzeit gibt es eine folgenschwere Entscheidung: Die Wege der Viertklässler trennen sich, die Lehrer empfehlen, wer künftig das Gymnasium, die Real- oder Hauptschule besuchen soll. Das soll der Klassenleiter nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden - streng nach Noten und Eignung des Kindes. Soweit die Theorie.

Und die Praxis? Die sieht ganz anders aus. Eine Studie der Mainzer Gutenberg-Universität bestätigt nun, worauf Bildungsexperten seit Jahren hinweisen: Aufs Gymnasium schaffen es in erster Linie die Privilegierten, nämlich Kinder gut betuchter Akademiker. Schüler aus einer niedrigen sozialen Schicht haben weitaus schlechtere Karten beim Schulübergang. Und zwar auch bei gleicher Leistung.

Die Forscher vom Mainzer Institut für Soziologie sammelten Daten an allen 35 staatlichen Grundschulen in Wiesbaden, rund 2000 Schüler aus über hundert Klassen wurden befragt. Neu an der Studie ist vor allem, dass sie die Faktoren für die Schulempfehlungen in eine eindeutige Reihenfolge rückt. Demnach liegt es stark an Bildung und Sozialstatus der Eltern, ob ein Kind es aufs Gymnasium schafft oder nicht.

Soziale Herkunft entscheidet über Bildungslaufbahn

"Vor allem die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht hat Auswirkungen auf die Schulnoten der Kinder und auf den Bildungswunsch der Eltern", sagte Stefan Hradil, Soziologe und Leiter der Untersuchung, SPIEGEL ONLINE. "Der wichtigste Prediktor ist und bleibt zwar die Note. Neu ist, dass Lehrer offensichtlich schicht- und ethnienspezifische Empfehlungen aussprechen."

Dass da was schief läuft in Deutschlands Schulwesen, ist an sich nicht neu. Das frühe Sortieren und Sieben hat eine starke Tradition - Scheitern und Schule sind Zwillinge. Das Schulsystem produziert Verlierer, die sammeln sich vor allem in den Hauptschulen.

Schon die Iglu-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte 2004, dass Kinder wohlhabender Eltern den Vorzug vor Viertklässlern aus niedrigeren Schichten bekommen. Insgesamt erhalte fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse falsche Schulempfehlungen, urteilte Bildungsexperte Wilfried Bos nach der Iglu-Veröffentlichung. Das sei ein "bildungspolitischer Skandal", weil beim Übergang zu weiterführenden Schulen eine "soziale Auslese" stattfinde. Dabei solle die Schule genau diese Differenzen ausgleichen, zürnte damals der Forscher.

Heute hält die Hälfte der Deutschen das Bildungssystem für ungerecht. Und das Beispiel Wiesbaden liefert dafür starke Indizien. Man könne die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf ganz Deutschland übertragen, schränkt Hradil wissenschaftlich korrekt ein. Doch er geht von einer ähnlichen Situation anderswo aus: "Warum sollte es in anderen Städten in Deutschland anders sein als bei dieser Vollerhebung?"

In Zahlen wirkt das Ergebnis wie ein Zeugnis krasser Diskriminierung: Bei gleich guter Schulnote (2,0) erhielten nur drei von vier Kindern aus der niedrigsten Einkommens- und Bildungsgruppe eine Empfehlung für die höchste Schulausbildung. Dagegen sollten von den Kindern mit wohlhabenden und gebildeten Eltern 97 Prozent aufs Gymnasium - so gut wie alle also.

Oberschichtler auf der Hauptschule? Fast nie

Lässt man die Noten statistisch außen vor, zeigt sich, dass Kinder aus der Oberschicht ohnedies fast immer eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten: 81 Prozent aus dieser Gruppe wollten die Wiesbadener Klassenlehrer auf die höchste Schule schicken. Aus armen, bildungsfernen Familien sahen die Lehrer nur 14 Prozent der Kinder für gymnasiumstauglich an.

"In der Oberschicht kommt eine Hauptschulempfehlung nahezu nicht mehr vor", notierten die Forscher. Dass mindestens ein Elternteil das Abitur hat, ist der entscheidende Faktor dafür, ob auch der Sohn oder die Tochter aufs Gymnasium soll. "Das Einkommen der Eltern spielt zwar auch eine Rolle, noch bedeutender ist aber ihr Bildungsniveau", so Hradil.

Bemerkenswert sind auch die Wiesbadener Befunde zu Einwandererkindern. Als Schüler mit "Migrationshintergrund" stuften die Wissenschaftler alle ein, von denen mindestens ein Elternteil oder das Kind selbst nicht in Deutschland geboren wurde. Aus dieser Gruppe leben "rund 45 Prozent in Armut", bei den Grundschülern ohne Migrationshintergrund nur 17 Prozent.

Die Schulempfehlung wird fast immer Realität

Bei den Schulempfehlungen schnappte die Falle dann zu. Die Annahme, Lehrer würde Einwandererkinder schon wegen ihrer Abstammung diskriminieren, wiesen die Forscher um Hradil indes zurück. Zwar werde nur der Hälfte dieser Kinder eine gymnasiale Laufbahn vorgeschlagen (Schüler ohne Migrationshintergrund: zwei Drittel). Dieser Abstand gehe aber fast vollständig auf die schlechtere Einkommens- und Bildungsposition der Eltern zurück: "Die schlechteren Bildungschancen von Migranten sind also letztlich ein Unterschichtenphänomen", so Hradil.

Intensiv widmeten sich die Wissenschaftler auch der Notengebung. Beispiel Mathematik: Kinder aus der bildungsfernen Unterschicht sind in diesem Schlüsselfach deutlich schlechter als Oberschichtkinder, und zwar um eine ganze Notenstufe. Unterschichtsmädchen fallen hinter den höheren Töchtern sogar um 1,4 Notenstufen zurück.

Dagegen liegen Kinder mit mindestens einem ausländischen Elternteil nur um 0,2 bis 0,3 Notenstufen hinter Viertklässlern mit Eltern deutscher Herkunft. Migration allein muss demnach noch keineswegs zu schulischen Sorgen führen. Unheil droht vor allem, wenn in Familien geringe Bildung, niedriges Einkommen und ausländische Abstammung zusammenkommen - als Ursachen orten die Mainzer Forscher "unbewusste Diskriminierung durch die Klassenlehrer oder unterschiedliche Bildungswünsche der Eltern".

Nach Beginn des nächsten Schuljahres fragten die Wissenschaftler noch einmal, was aus den Empfehlungen wurde. Klares Ergebnis: Fast immer befolgen die Eltern den Rat des Klassenlehrers für die weitere Schullaufbahn - ob richtig oder falsch, die Empfehlungen setzen sich also beinahe eins zu eins durch. Damit sei auch der tatsächliche Übertritt ans Gymnasium "nicht leistungsgerecht", urteilen die Mainzer Forscher.

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Forum - Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
insgesamt 7856 Beiträge
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1.
Peter-Freimann 11.08.2008
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
2.
Mad Mace 11.08.2008
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das Bildungssystem da anders sein? Da werden dann eben die Hauptschüler als Doofmänner charakterisiert, und Leute die sich lediglich dank ihrer Verbindungen durch Schule und Studium mogeln ohne je etwas verstanden zu haben, sind bereits für Vorstandsposten eingeplant. Sie 'Elitenbildung' ist in Deutschland beschlossene Sache, und diese Elite will unter sich bleiben, eine möglichst kleine Gruppe. Dann bleibt nämlich mehr für jeden. Was das dreigeteilte Schulsystem nicht nachhaltig genug regeln konnte besorgen jetzt die Studiengebühren. Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem? 'Gerecht' und 'deutsch' sollten niemals in einem Satz auftauchen, so gegensätzlich sind die Bedeutungen.
3.
natterngesicht 11.08.2008
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
4.
Piri 11.08.2008
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
5.
Peter-Freimann 11.08.2008
Zitat von PiriEs sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen in Deutschland, eine Ausgrenzung von ganz vielen Kid's, die doch eigentlich unsere Zukunft sein sollen und doch wird nur diskutiert, statt die Weichen zu stellen und wie in Finnland eben alle Kinder ganz individuell in einer gerechten Einheitschule zu fördern, wo sie dann auch mit ihrem eigenen Lernweg respektiert werden. Es muss in den Lehrplänen allerdings noch viel entstaubt und abgespeckt werden, um den heutigen Lebenswelten der Kid's gerechter zu werden und nicht überholte bürgerliche Welten einer vergangenen Klassengesellschaft wie zu Zeiten der "Buddenbrooks" zu transportieren.
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