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Hochschulprojekt zur Dorfflucht: Komm, wir retten dieses Dorf

Forscher als Dorfretter: "So kleine Orte sind beschränkt" Fotos
Peter Mosler

Das Internet lahm, keine Geschäfte und fast nie ein Bus: Weil in Grieth am Rhein fast nichts mehr geht, droht das Dorf zu sterben. Forscher der Hochschule Rhein-Waal kämpfen dagegen an - mit Erfolg.

800 Menschen wohnen in Grieth, das sind weniger als manch ein großstädtisches Bürohaus an Arbeitsplätzen hat. "So kleine Orte sind beschränkt", sagt Carl. Der 17-Jährige will deshalb auch weg aus dem alten Fischerdorf am Niederrhein. Genau wie seine Mitschüler: "Die in der Stufe über mir wollen alle nicht hierbleiben."

Kein Wunder: Die ehedem sechs Kneipen, der Metzger, der Bäcker, der Dorfladen, die Pommesbude - allesamt sind verschwunden aus Grieth. Die mittelalterlichen Häuser und schönen Gassen ziehen am Wochenende zwar Tagestouristen an, doch abends fahren die wieder nach Hause. Es gibt ja nicht einmal mehr ein Wirtshaus.

Bewohner wie Birgit Mosler machen sich Gedanken über die Zukunft ihres Dorfes. Sie ist Projektkoordinatorin der Hochschule Rhein-Waal in Kleve, die mit dem Forschungsprojekt "Smart Villages" versucht, Orten wie Grieth wieder Leben einzuhauchen. Beim Spaziergang deutet Mosler auf Häuser, denen man auf den ersten Blick noch nicht ansieht, dass sie leerstehen. "Wir müssen jetzt gucken was wird in zehn Jahren. Wenn wir nichts tun, dann gibt es Straßen, da werden 15 bis 20 Prozent der Häuser leerstehen", sagt Mosler.

Michael Schaloske ist Leiter des Zentrums für ländliche Entwicklung am nordrhein-westfälischen Umweltministerium. Er kennt das Problem leerstehender Häuser auf dem Land. In Nordrhein-Westfalen seien viele Orte betroffen, beispielweise in der Eifel, in Wittgenstein oder in Ostwestfalen. Dabei seien Gardinen und Plastikblumen in den Fenstern oft nur Kosmetik, sagt er.

Das Hochschulprojekt will die negative Entwicklung aufhalten. "Wir müssen versuchen, eine Aufbruchstimmung zu schaffen", sagt Rolf Becker. Becker ist Wissenschaftler und an der Hochschule Rhein-Waal zuständig für das "Smart Villages"-Projekts. Darin suchen Forscher und Studenten fachübergreifend nach Lösungen für Orte, denen es ergeht wie Grieth. Die Ergebnisse sollen auch anderen Dörfern helfen, etwa wenn es um die Frage geht, unter welchen Bedingungen sich ein Dorfladen wieder rechnen kann.

Sehnlicher Wunsch: Einen Dorfladen

Dass Carl, wenn er erst einmal weg ist, jemals wieder zurück nach Grieth kommen wird, ist unwahrscheinlich. Viele junge Leute verlassen ihr Heimatdorf, um woanders eine Ausbildung zu machen. "Wenn sie zurückkommen, dann ziehen sie in den nächst größeren Ort mit Bäcker, Metzger und Laden", sagt Schaloske.

Die Einwohnerstatistik von Großgemeinden habe das lange kaschiert, da sie nicht die Zahlen für die einzelnen Orte aufschlüssele. In Kommunen mit vielen Ortsteilen sehe das dann oft so aus: "Der Zentralort boomt. Der hat sogar einen Bevölkerungszuwachs. Zwei, drei Orte stagnieren und wieder andere Dörfer sind leider auf dem absteigenden Ast", sagt Schaloske.

Aber die Erfahrung, so Schaloske, sei: In einer aktiven Dorfgemeinschaft gebe es immer gute Ideen, um ein Dorf lebenswert zu machen. Das könne viel bewirken. In Grieth haben 140 von 300 Haushalten den Fragebogen des "Smart Villages"-Projekts beantwortet. Demnach wünschen sich die Griether vor allem: Endlich wieder einen Dorfladen. Und eine schnellere Internetverbindung.

Dann gibt es noch das Problem mit den schlechten Busverbindungen: Könnte man das auffangen, etwa mit einem Bürgerbus oder einer Mitfahrzentrale? Die Forscher wollen die Ideen mit den Bürgern weiterentwickeln. Grieth sei ein Feldlabor, in dem auch Perspektiven für andere Dörfer entstehen sollen, sagt Becker.

Ein Dorfladen ist mittlerweile konkret in Vorbereitung. Und die Kneipe "Alt Grieth" soll auch bald wieder öffnen.

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Elke Silberer/dpa/lgr

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Schönes Projekt!
eisbärchen_123 28.09.2014
Kann man nur hoffen, dass andere Dörfer und Kommunen dieses Modell kopieren.
2. Sinnvoll
Iggy Rock 28.09.2014
Zunächst war ich erschrocken über die Fotos, nur 2-3 ansehnliche Häuser in dem Nest? Der Artikel liest sich aber sinnvoll, neben Gaststätte und Laden, den ich für nicht zwingend, aber für einen guten Treffpunkt halte, ist ein schneller Internetzugang wohl die einzige Möglichkeit, solche Dörfer vor dem Aussterben zu retten. Paradoxerweise begreift man ausgerechnet in einem der wirtschaftsstärksten Industrieländer nicht, welches Potential im Internet für kleine Dörfer stecken kann. Dabei ist Deutschland noch nicht einmal ein Land der Mega-Metropolen. Einfach nur peinlich, nicht flächendeckend für eine gute Internetanbindung zu sorgen. Seit wievielen Jahren versprechen uns das Politiker?
3. Darfs etwas mehr sein
Hollowmen 28.09.2014
Etwas mehr Information hätte der Beitrag schon enthalten dürfen. Dorfladen, Busverbindungen, schnelle Internetverbindungen sind ja nun keine Rezepte für die es einer Hochschule bedarf.
4.
DMenakker 28.09.2014
Zitat von HollowmenEtwas mehr Information hätte der Beitrag schon enthalten dürfen. Dorfladen, Busverbindungen, schnelle Internetverbindungen sind ja nun keine Rezepte für die es einer Hochschule bedarf.
Das Problem ist doch das gleiche wie immer: Wer bezahlt das Internet? Vor allem, wenn die Telekom jetzt tatsächlich teure Leitungen legt, warum kann sie dann nicht auch für 10 Jahre das Monopol haben? Warum muss sie 19,90 Kokurrenz auf Ihren eigenen Leitungen zulassen? Die Dorfkneipe kann auch von den wenigen Gästen leben, aber eben ggf. so gut wie keine Pacht mehr bezahlen. Der Dorfladen genauso. Wenn der für 100 m² Ladenfläche 800 EUR Miete hinlegen soll, ist alles schon wieder vorbei. Auch Wohnungen und Häuser. Wenn die Preise stimmen, kann man auch junge Familien wieder anlocken. Wenn die alten Bauern aber immer noch meinen, sie hätten riesige Vermögenswerte angehäuft, weil sie da 2 Häuschen haben, und dann fast schon Grosstadtmieten verlangen, wirds halt nix mit Vermietung und Verkauf. Es ist der ganz normale Zyklus. Zur Zeit trömt wieder alles in die Stadt. Also kann man das Land nur über den Preis attraktiv halten. Eines Tages kehrt sich alles wieder um, die Leute haben von der Hektik der Stadt die Schnauze voll, und alle wollen wieder ins Grüne. Es kommt so, weil es schon immer ein Wechselspiel war. Fürs Land ist die Zwischenphase eben kritischer, als für die Städte. Und das geht nur über den Preis.
5.
Stäffelesrutscher 28.09.2014
Da steht etwas von der »Hochschule Rhein-Waal in Kleeve«. Erstens heißt der Ort Kleve. Zweitens ist das eine Fachhochschule, und auf die Idee mit Dorfladen, Kneipe, Bus und Internet sind, wie man liest, schon ganz normale Bürger am Küchentisch, bei Plausch am Gartenzaun und beim Sinnieren am Computer gekommen. Was im Artikel (peinlich berührt?) völlig ausgeblendet wird, ist die Tatsache, dass dieses Dorf zu Kalkar gehört. Kalkar? War da mal was? Schneller Brüter? Milliardengrab? Mit einem Bruchteil des dort versenkten Geldes hätte man dieses Dorf und die ganze Umgebung dermaßen aufhübschen können, dass sich niemand für die nächsten 50 Jahre Sorgen machen müsste. Aber die Atomlobby hatte ja Priorität.
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