Soziale Ungleichheit: Auch Herkunft wird benotet

Von Frauke Lüpke-Narberhaus

Je gebildeter und reicher die Eltern, desto besser die Note. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie und zeigt: Seit Pisa hat das deutsche Bildungssystem nicht genug dazu gelernt. Experten warnen zwar vor Lehrerschelte  - attackieren aber die derzeitige Notengebung.

Schulanfänger: Ob sie später aufs Gymnasium wechseln, hängt stark vom Elternhaus ab Zur Großansicht
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Schulanfänger: Ob sie später aufs Gymnasium wechseln, hängt stark vom Elternhaus ab

Schulnoten führen regelmäßig zu Diskussion. Schüler streiten sich mit Mitschülern und Lehrern, Lehrer mit Eltern und Schulleitern - durchaus zu Recht wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie zeigt: Denn die Notenvergabe lässt sich nur zum Teil mit der Leistung eines Schüler erklären. Darüber hinaus beeinflussen Abstammung, Geschlecht und vor allem das Elternhaus die Benotung. Das Fazit der Wissenschaftler: "Herkunft wird mit zensiert."

Die Untersuchung unter dem Titel "Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheit in der Schule" im Auftrag der Vodafone-Stiftung zeige, dass auch Noten und Schulempfehlungen zur sozialen Ungleichheit beitragen, sagte der Stiftungs-Geschäftsführer Mark Speich. Besonders gravierend wirkt sich diese Praxis beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium aus.

Die Bildungsforscher Kai Maaz von der Uni Potsdam, Ulrich Trautwein von der Uni Tübingen und Franz Baeriswyl von der Uni Freiburg in der Schweiz haben die Untersuchung als Meta-Studie durchgeführt: Sie bedienten sich dazu bei den Ergebnissen der Timss-Übergangsstudie, der Berliner Element-Studie sowie die der Tosca-Studie. Deren Ergebnisse setzten sie mit den Schulnoten und beispielsweise mit dem Geschlecht, der Herkunft und dem Bildungsstand der Eltern in Verbindung.

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Schulnoten: So unfair können Zensuren sein

Die zentralen Ergebnisse lauten:

  • Die Wissenschaftler haben den Grad der Korrelation zwischen sich teilweise überlagernden Merkmalen und der Notengebung gemessen: Demnach lassen sich Schulnoten zwar zum größten Teil mit der Leistung erklären (knapp 50 Prozent). Mit einem Einflussgrad von rund 20 Prozent und in etwa gleichstark spielten kognitive Fähigkeiten, der Bildungshintergrund der Eltern, der Bücherbesitz im Elternhaus sowie der sozioökonomischen Status eine Rolle.
  • Auch ob ein Schüler ausländische Wurzeln hat, beeinflusst die Notenvergabe, wenn auch weniger stark, als die vorangegangenen Faktoren. "Die Annahme, dass Schüler mit Migrationshintergrund an der Übergangsschwelle von der Grundschule in die weiterführende Schule wegen ungerechter Notenvergabe benachteiligt werden könnten, wurde durch die Studie nicht bestätigt", heißt es in der Zusammenfassung.
  • Das Geschlecht spielt dagegen nur eine marginale Rolle. Allerdings fällt auf, dass Mädchen etwas besser (2,58) benotet werden als Jungen (2,67), obwohl sie in den standardisierten Leistungstest etwas schlechter abschnitten.
  • Bei der Notenvergabe spielt auch eine Rolle, wie sehr ein Schüler bereit ist, sich anzustrengen (rund 14 Prozent) und wie gewissenhaft er arbeitet (9 Prozent).
  • Heute sind etwa ein Fünftel der Gymnasiasten Arbeiterkinder. Wenn sich die soziale Herkunft nicht mehr aus die Leistung auswirken würde, könnte deren Anteil auf fast ein Drittel steigen.
  • Umgekehrt vergeben Lehrer auch Gymnasialempfehlungen, die sie selbst nicht für angemessen halten. So erhielten Schüler in knapp sechs Prozent aller Fälle eine zu positive Empfehlung. Diese Abweichung ist statistisch signifikant dem sozialen Hintergrund der Schüler geschuldet.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu - in ihrer neuen Zusammenstellung zeigen sie aber, dass sich an den längst bekannten Problemen, die spätestens seit der erste Pisa-Studie von 2001 breit diskutiert werden, kaum etwas gebessert hat.

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Zehn Jahre Bildungsstudie: Wir sind Pisa
Bekannt ist längst, dass Jungen in der Schule oft eher schlechter bewertet werden als Mädchen. Selbst der falsche Vorname kann Kindern die schulische Zukunft verbauen.

Und auch die jüngste internationalen Iglu-Grundschulstudie zeigte, dass es Kinder aus Unterschichts- und Einwandererfamilien in kaum einem anderen Land so schwer haben wie in Deutschland.

Die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer, sagte zu den Ergebnissen: "Die Grundschullehrer müssen bei der Schullaufbahnempfehlung jedes Mal einen Spagat bewältigen, der ihnen von einem selektiven Schulsystem aufgezwungen wird." Bei Kindern aus begüterten Familien würden die Lehrer trotz Zweifel eher zur Gymnasialempfehlung neigen - in der Gewissheit, dass die Eltern notfalls mit Nachhilfe ihr Kind schon zum Abitur bringen werden.

Der Geschäftsführer Speich warnt vor einer kollektive Lehrerbeschimpfung. "Die Konsequenz darf aber nicht Lehrerschelte sein", sagt er. "Vielmehr sollten die üblichen Formen der Leistungsdiagnostik und Übertrittsregelungen überdacht werden."

Mit Material von dpa

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insgesamt 123 Beiträge
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1. Könnte..
mm01 14.12.2011
Zitat von sysopJe gebildeter und reicher die Eltern, desto besser die Note.*Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie und zeigt: Seit Pisa hat das deutsche Bildungssystem nicht*genug dazu gelernt. Experten warnen zwar vor Lehrerschelte* - attackieren aber die derzeitige Notengebung. Soziale Ungleichheit: Auch Herkunft wird benotet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,803605,00.html)
es evtl. daran liegen, dass "gebildete und reiche" Eltern mehr Interesse daran haben, dass ihre Kinder lernen? Notfalls wird eben mit Nachhilfeunterricht nachgeholfen.
2. *
geroi.truda 14.12.2011
Zitat von sysopJe gebildeter und reicher die Eltern, desto besser die Note.*Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie und zeigt: Seit Pisa hat das deutsche Bildungssystem nicht*genug dazu gelernt. Experten warnen zwar vor Lehrerschelte* - attackieren aber die derzeitige Notengebung. Soziale Ungleichheit: Auch Herkunft wird benotet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,803605,00.html)
In Österreich gab's früher eine Aufnahmeprüfung zum Gymnasium - daran sollte man anknüpfen. Eine solche Aufnahmeprüfung kann man - nach Art der heutigen schriftlichen Staatsprüfungen - streng anonymisiert durchführen, dann zählt nur, was objektiv nachprüfbar zu Papier gebracht wird.
3. Wenn man vor diesem ...
MKasp 14.12.2011
... Hintergrund an Guttenberg denkt, wird einem noch mehr schlecht. Da hatte der Junge doch den (nein: die) richtigen Vornamen, ein optimal konfiguriertes Elternhaus und Geld ohne Ende und dann versiebt er es dennoch dermaßen. Guttenberg ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auch nahezu allein durch Herkunft "weit" bringen kann. "Weit" setze ich in Anführungszeichen, weil es zu positiv besetzt ist: Es würde ja suggerieren, dass irgendwann und irgendwo eine Leistung erkennbar gewesen wäre.
4. .
biobanane 14.12.2011
Zitat von geroi.trudaIn Österreich gab's früher eine Aufnahmeprüfung zum Gymnasium - daran sollte man anknüpfen. Eine solche Aufnahmeprüfung kann man - nach Art der heutigen schriftlichen Staatsprüfungen - streng anonymisiert durchführen, dann zählt nur, was objektiv nachprüfbar zu Papier gebracht wird.
Was soll das bringen? Meiner Meinung nach sollte man sich nicht Methoden über das Aussieben überlegen, sondern bessere Methoden für die Unterstützung bildungsferner Kreise. Es macht kein Sinn, wenn ein Kind, dessen Eltern nur rudimentär Deutsch können, wegen seiner Leitung in der Grundschule auf das Gymnasium kommt (zumindest hier in BaWü), und dort dann frustiert wieder abgeht, weil ihm die Unterstützung von Zuhause fehlt.
5. zentrale Prüfungen
Schäfer 14.12.2011
Zitat von geroi.trudaIn Österreich gab's früher eine Aufnahmeprüfung zum Gymnasium - daran sollte man anknüpfen. Eine solche Aufnahmeprüfung kann man - nach Art der heutigen schriftlichen Staatsprüfungen - streng anonymisiert durchführen, dann zählt nur, was objektiv nachprüfbar zu Papier gebracht wird.
Das gab es in Deutschland, zumindest 1960, auch. Wenn solche Bedingungen abgeschafft werden, ist das ein Zeichen dafür, dass Leistung entgegen den Beteuerungen nicht erwünscht sind. Interessant wäre an diesem Artikel nur, wem diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit nützt. So etwas müsste man natürlich zwischen den Zeilen suchen.
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