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Junge Spanier als Azubis: ¡Hola! Deutschland, bilde mich aus

Spanischer Azubi in Deutschland: "Es gibt mehr Chancen für junge Leute" Fotos
DPA

Von Barcelona nach Heilbronn: Fernando Cardona Gómez, 18, wird in Deutschland eine Ausbildung beginnen, weil er in seiner Heimat nichts gefunden hat. Tausende junge Spanier würden seinem Weg gern folgen. Doch bei vielen klappt es nicht.

Auf der Suche nach Auszubildenden ging das Unternehmen Bosch zuletzt einen ungewöhnlichen Weg - und schaltete in spanischen Zeitungen eine Anzeige mit dem Aufruf: "Erfolg kommt nicht von allein. Man muss ihn suchen." 150 Jugendliche schafften es zum Vorstellungsgespräch, jeder Dritte bekam eine Lehrstelle in Deutschland. Kein Wunder: Während sich hierzulande immer weniger Schulabgänger für eine Lehre entscheiden, interessieren sich junge Südeuropäer sehr für eine Ausbildung in Deutschland.

In Spanien ist die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch - deswegen habe das Unternehmen dort die meisten zusätzlichen Lehrstellen eingerichtet, erklärt Bosch-Arbeitsdirektor Christoph Kübel. Insgesamt seien es 65 Ausbildungsplätze für spanische Jugendliche, davon 15 vor Ort und 50 in Deutschland. Vor kurzem fand in der Zentrale die Auftaktveranstaltung für die Neuzugänge statt.

Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat war in Spanien zuletzt mehr als jeder zweite Jugendliche arbeitslos. In den Euro-Ländern lag die Quote Ende 2013 immerhin bei fast 24 Prozent.

Grund genug, der Heimat den Rücken zu kehren: 2013 machten fast 1000 Spanier hierzulande eine Ausbildung. Bis Ende März beantragten allein 6300 Ausbildungsbewerber vorwiegend aus Spanien Fördermittel für Deutschkurse und den Umzug bei der Bundesagentur für Arbeit - so viele, dass der millionenschwere Fördertopf der Bundesregierung längst ausgeschöpft ist. Tausende junge Südeuropäer mussten vertröstet werden.

Nach Angaben der spanischen Statistikbehörde gingen die meisten Auswanderer zuletzt nach Deutschland, Frankreich und England, inzwischen zieht es aber auch viele in die früheren spanischen Kolonien Lateinamerika und auch in Afrika.

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Fernando Cardona Gómez ist einer von denen, die nach Deutschland kommen. Er beginnt im Herbst eine Ausbildung zum Mechatroniker. "In Deutschland gibt es mehr Chancen für junge Leute", sagt der 18-Jährige. Eigentlich wohnt er in Barcelona, jetzt sucht er eine Wohnung im schwäbischen Heilbronn. Warum er die katalanische Sonne verlassen hat? "Ich wollte mein eigenes Geld verdienen." In Spanien habe ihn die Familie finanzieren müssen.

Hier unterstützt ihn sein Arbeitgeber bei der Wohnungssuche. Der Konzern investiert insgesamt 7,5 Millionen Euro in die Ausbildungsinitiative: Neben den 50 spanischen Azubis in Deutschland bildet er insgesamt weitere 50 Jugendliche in Italien, Portugal und Spanien vor Ort aus.

Zurück in die Heimat will Fernando vorerst nicht. "Ich möchte hier irgendwann Ingenieur werden", sagt er. Eine Freundin, die in Barcelona auf ihn warte, habe er nicht.

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Andere spanische Azubis hat allerdings nicht viel in Deutschland gehalten: Das gilt beispielsweise für neun Spanier in Ulm, die die Handwerkskammer im vergangenen Sommer an Betriebe in der Region vermittelt hatte. Nur vier von ihnen sind geblieben.

"Viele sind aus familiären Gründen zurückgegangen, andere hatten gehofft, dass Freund oder Freundin nachziehen können", sagt Jörg Schmieder, der das Projekt koordiniert. Die Betriebe bräuchten die jungen Europäer nach wie vor: Für den kommenden Jahrgang hätten rund 50 Firmen Interesse an 100 Azubis angemeldet.

Tatsächlich gehen der deutschen Wirtschaft momentan die Lehrlinge aus. Nicht nur, dass sich hierzulande viele junge Leute mittlerweile eher für ein Studium entscheiden - die Abschlussjahrgänge sind auch insgesamt kleiner. Ergebnis: Im vergangenen Jahr gab es nur knapp 1,4 Millionen Azubis - mehr als 300.000 weniger als noch im Jahr 2000. Wobei auch in Deutschland Zehntausende Jugendliche ohne Ausbildungsplatz im sogenannten Übergangssystem geparkt sind. Das ist ein Bündel von Warteschleifen, schulischen Nachqualifizierungen und Weiterbildungen, die fast alle ohne Abschluss bleiben und in denen die Jugendlichen auch nichts verdienen.

Für junge Spanier gibt es in der Heimat zumindest einen Lichtblick: Die spanische Regierung korrigierte zuletzt ihre Wachstumsprognose erneut nach oben.

Antonia Lange/dpa/fln

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1.
doppelpost123 15.06.2014
Zitat von sysopDPAVon Barcelona nach Heilbronn: Fernando Cardona Gómez, 18, wird in Deutschland eine Ausbildung beginnen, weil er in seiner Heimat nichts gefunden hat. Tausende junge Spanier würden seinem Weg gern folgen. Doch bei vielen klappt es nicht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/spanische-azubis-deutsche-firmen-werben-um-jugendliche-im-ausland-a-973843.html
Schlimm, dass die jungen Leute gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, um zu überleben.
2. "Brauchen Auszubildende"
strickpullover 15.06.2014
Jaja und zwar so dringend dass sie nach der Ausbildung in der hauseigenen Sklavenbude anfangen dürfen.
3. Noch schlimmer, dass wir jede Menge
Shelly 15.06.2014
junger Leute (meist mit Migrationshintergrund) in unserem Land durchschleppen, die keine Schulbildung haben (teilweise auch nicht wollen) und weder auf Ausbildungs- noch auf sonstige Arbeitsplätze vermittelbar sind. Ein kontinuierliches Leben in Hartz 4 bis zum Tod.
4. sparen, sparen, sparen
darkview 15.06.2014
Tja, hierzulande wird das Bildungssystem zu Tode gespart. Keine Lehrer, Materialien können sich bestimmte Einkommensgruppen nicht mehr leisten, dann müssen sie nach der Schule ausbildungsfit gemacht werden. Naja, dann nehmen wir Spanier, die sind fit. Grandios :-(
5. Spanier
FrankDr 15.06.2014
Bei meiner Frau sind auch zwei Spanier in der Berufsschulklasse. Verstehen kein Wort Deutsch. Wenn Sie dann über "Jugendarbeitsschutzgesetz", "Sozialversicherungssystem", "Berufsgenossenschaft", etc. reden verstehen die zwar nur Bahnhof, aber sind froh hier Lehrstellen bekommen zu haben.
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...und was Azubis Realität ist
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Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).
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