Sprachförderung: Elternmacht bremst Integration

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Seit dem Pisa-Schock ist es offizielle Politik: Kinder aus Migrantenfamilien sollen früh korrektes Deutsch lernen. Doch das Großvorhaben droht zu scheitern, wie eine neue Analyse belegt - mitschuld ist die Kita-Wahl bildungsbeflissener Mütter und Väter.

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Deutschunterricht: Je früher die Sprache gelernt wird, desto besser

Wer etwas investiert, der will einen Gewinn erzielen. Das ist auf den Finanzmärkten so, aber auch in der Politik. Zum Beispiel bei der so genannten Bildungsrendite. Der Begriff meint: Der Staat sollte sein Geld am besten dort im Bildungssystem ausgeben, wo es dem Gemeinwesen den größten Nutzen bringt, zum Beispiel in Form von gut qualifizierten Fachkräften.

Welche Strategie sinnvoll ist, haben Experten in den vergangenen Jahren mehrfach errechnet: Erstens lohnt es sich, die Anstrengung auf den Anfang der Bildungskarriere von Kindern und Jugendlichen zu konzentrieren. Zweitens brauchen benachteiligte Kinder besonders viel Aufmerksamkeit, damit sie nicht abgehängt werden. Dies sind vor allem Jungen und Mädchen aus sozial schwachen Familien und mit nicht-deutschen Eltern. Folgerichtig entstanden nach dem Pisa-Schock vor zehn Jahren viele Programme, um Migrantenkindern schon früh korrektes Deutsch beizubringen.

Doch in der Praxis hakt es. Das belegt ein am Donnerstag in Berlin vorgestelltes Diskussionspapier des renommierten Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Pläne mögen richtig sein, aber gegen den kollektiven Elternwillen ist nur schwer anzukommen. Das wird aus den Ausführungen der Wissenschaftler Tanja Kiziak, Vera Kreuter und Reiner Klingholz deutlich.

Egoismus mit fatalen Folgen

Denn gerade bildungsbeflissene deutschsprachige Mütter und Väter wählen laut Studie vornehmlich jene Einrichtungen aus, in denen sie für ihre Sprösslinge die größten Lernchancen vermuten, damit diese später eine erfolgreiche Laufbahn einschlagen. Will heißen, auch wenn es nur wenige Mütter und Väter so formulieren würden: Am liebsten eine Kita ohne Kinder, die des Deutschen nicht mächtig sind und so die anderen bremsen.

Für die Kleinen nur das Beste: Dieser nachvollziehbare Egoismus hat fatale Folgen. Denn er führt zur Abschottung der beiden Gruppen, im Fachjargon "Segregation" genannt; man bleibt unter seinesgleichen. Migrantenkindern mangele es dann an Gelegenheiten, "Deutsch im informellen Rahmen zu lernen", beklagen die Autoren, die Situation in den Kitas sei "alles andere als ideal". Ja sogar: "Die Segregation in den Kitas ist größer als im Wohnumfeld."

Gerade deutsche Eltern mit hohem Bildungsstand sind demnach bereit, ihre Kinder morgens durch die halbe Stadt zu einer ausgewählten Kita zu fahren. Demgegenüber entscheiden sich Migrantenfamilien oft für eine Kita im eigenen Stadtteil, wo meist schon viele Zuwandererfamilien wohnen.

Kinder von nicht-deutschsprachigen Eltern besuchen deshalb häufig eine Kita, "in der die Mehrheit aller Kinder zu Hause ebenfalls kein Deutsch spricht". Und Kinder aus solchen Tageseinrichtungen weisen später "bei der Einschulung deutliche Rückstände in ihren Sprachkompetenzen auf".

"Aktionismus" ohne große Wirkung

Erste Zahlen aus einigen Großstädten können kaum im Sinne einer ordentlichen Bildungsrendite sein. So wurde beispielsweise in München ermittelt, dass dort 46 Prozent der Migrantenkinder nur unzureichend Deutsch sprechen, in Berlin waren es 34 Prozent. Die weiteren Folgen des Rückstandes wurden in Schulstudien deutlich: So kann laut Pisa fast jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland nicht richtig lesen.

Diese strukturellen Probleme zu entschärfen, so heißt es in dem Papier, sei die Politik bislang nicht in der Lage gewesen. Die Autoren bescheinigen ihr lediglich "Aktionismus" ohne große Wirkung. Denn trotz einer Vielzahl von Bildungsprogrammen fehlt eine einheitliche Linie: "Die wissenschaftliche Begleitforschung konnte bisher nicht nachweisen, dass benachteiligte Kinder durch frühkindliche Sprachförderprogramme zu jenen Altersgenossen aufschließen, die ihnen sprachlich voraus sind."

Auch wenn sich die Lücken vermutlich nie ganz schließen lassen: Es sei vornehmlich Aufgabe des Staates, Kindern aus nach Deutschland eingewanderten Familien Deutsch beizubringen, meint das Autorentrio. Denn deren Eltern sind dazu nur begrenzt in der Lage. Sie sollen es nach Erkenntnissen der Sprachforschung lieber vermeiden, mit ihren Kindern in einer Sprache zu sprechen, "die sie selbst nicht auf annähernd muttersprachlichem Niveau beherrschen" - dann lieber ganz in der Muttersprache. Hingegen empfehlen die Experten, auch das Kita-Personal stärker für die Sprachförderung zu begeistern.

Zwei Sprachen zu lernen, schaffen Mädchen und Jungen meist problemlos, wenn sie früh genug anfangen. Doch nicht immer werden sie dabei unterstützt, gegen viele Sprachkombinationen existieren nach den Erhebungen des Autoren-Teams Vorurteile: "Kinder, die zweisprachig Türkisch-Deutsch aufwachsen, bekommen oft weniger Anerkennung als Kinder, die neben Deutsch noch Englisch, Französisch oder Spanisch beherrschen."

Bis sich solche Berührungsängste verlieren, könnte es womöglich noch länger dauern, als der Politik lieb ist und teuer ist. Und in der Zwischenzeit werden wohl weitere Jugendliche den Anschluss verlieren, denn laut der Experten werden die "Ungleichheiten im Bildungsverlauf eher größer als kleiner". Das Rezept, Migrantenkinder ans Deutsche heranzuführen, sei doch eigentlich einfach: "Sie brauchen dafür lediglich Sprachvorbilder und Zeit."

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