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Stellenabbau bei Billigkräften: Kein-Euro-Bildung in der Schulbücherei

Von Lenz Jacobsen

Vielen Schulbüchereien droht das Aus: Die Bundesregierung streicht ein Drittel aller Ein-Euro-Jobs - damit fallen auch Stellen in den Bibliotheken weg. Dabei hatte Bildungsministerin Schavan gerade erst gefordert, die Leseförderung auszubauen, weil deutsche Schüler bei Pisa mittelmäßig abschnitten.

Sparen bei der Leseförderung: Wie Schulbüchereien leiden Fotos
Lenz Jacobsen

Auf Socken stürmen die Grundschüler das kleine Reich des Walter Schach*. Einzeln kommen sie zu ihm, geben ihm die Hand, sagen "Guten Tag". Dann stürzen sie sich auf die Bücher in den Regalen und auf den Tischen, vertiefen sich in "Hexe Lili feiert Geburtstag", in "Küche kunterbunt" oder "Im Bienenstock". Walter Schach sitzt daneben und lächelt.

Der 58-Jährige betreut die Schülerbücherei der Gemeinschaftsgrundschule Lange Kamp in Duisburg. Ein vielleicht 50 Quadratmeter großer Raum neben der Turnhalle, mit blauen Wänden, hellen Regalen, Sofas und rund 2000 Büchern. Jeden Tag von 8 bis 14 Uhr ist er in der Bücherei, leiht den Kindern Bücher aus, lädt Lehrfilme aus dem Internet herunter, lässt sich vorlesen. "Ich bin froh, dass ich hier sein darf", sagt Walter Schach.

Geld bekommt er dafür kaum. Schach ist eine sogenannte Ein-Euro-Kraft. Ein Langzeitarbeitsloser, den das Jobcenter für kleines Geld einen kleinen Job machen lässt. Doch in wenigen Tagen ist damit Schluss, dann wird seine Fallmanagerin Walter Schach wohl mitteilen, dass seine Stelle zum 31. Januar wegfällt. So wie die von über 20 seiner Kollegen. Dann werden viele der Duisburger Schulbüchereien schließen müssen oder nur noch sporadisch genutzt werden können. Schlechte Nachrichten für die Leseförderung, die Politiker wie Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) erst vor gut vier Wochen nach den mittelmäßigen Lese-Ergebnissen deutscher Schüler in der jüngsten Pisa-Studie wieder einmal zum Wundermittel erklärt hatten.

Rund 24.000 Billigkräfte arbeiten in Bildung und Erziehung

Der Grund: Die Bundesregierung will 1,3 Milliarden Euro bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen einsparen. Dem könnten rund ein Drittel der deutschlandweit 275.000 Ein-Euro-Jobs zum Opfer fallen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Und darunter sind eben nicht nur Müllpicker und Wohnungs-Entrümpeler, sondern auch die Bücherei-Betreuer. 8,7 Prozent der Billigkräfte arbeiten in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, knapp 24.000 Menschen also. Auch wenn bei vielen dieser Jobs der Nutzen für alle Seiten zweifelhaft ist, so sind doch einige darunter, die sich als nützlich und notwendig erwiesen haben. So wie bei den Duisburger Bücherei-Betreuern.

Für viele Langzeitarbeitslose sind die Ein-Euro-Jobs die letzte Möglichkeit, überhaupt noch eine bezahlte Beschäftigung in ihrem Leben zu finden. Walter Schach zum Beispiel hat als Feinmechaniker gearbeitet, als Taxi- und LKW-Fahrer, als Versicherungskaufmann, als Marktverkäufer. Irgendwann wurde er arbeitslos, weil sein Arbeitgeber Stellen abbaute. Er bekam Asthma, der Amtsarzt sagte, er solle nicht mehr als drei Stunden am Tag arbeiten. "Kaputtgeschrieben" habe der ihn, sagt Schach. Die Jobagentur stempelte ihn als nicht vermittelbar ab. Rund fünf Jahre saß er zu Hause, er machte auch einen Gabelstaplerführerschein auf Kosten des Staats. "Reine Beschäftigungstherapie" sei das gewesen.

Irgendwann ging er zu seiner Fallbetreuerin und sagte: "Ich will endlich wieder arbeiten." Ein paar Monate später hatte er es in den Schulbuchfonds geschafft, ein gemeinsames Projekt der Stadt und des Jugendhilfe-Vereins "Immersatt". Walter Schach wurde einer von mittlerweile 40 Bücherei-Betreuern.

Walter Schach: "Etwas besseres hätte mir nicht passieren können"

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er in seiner Bücherei im Duisburger Norden, ist voll in den Schulalltag integriert. Jede Klasse kommt einmal die Woche zu ihm zum Lesen und Ausleihen, er hat ihnen Bücherei-Ausweise gebastelt, und als eine Klasse neulich im Unterricht die Kartoffel besprach, hat Walter Schach den passenden Film "Eine dolle Knolle" der Kinderfernseh-Ikone Peter Lustig besorgt, den haben sie alle zusammen angesehen. Walter Schach hat leuchtende Augen, wenn er davon erzählt. "Etwas besseres als das hier hätte mir nicht mehr passieren können", sagt er.

Beim Trägerverein "Immersatt" ist man schockiert über die kommenden Einschnitte. Die Ein-Euro-Kräfte empfänden "ihre Arbeit in den Büchereien nicht allein für die Schüler und Schulen, sondern auch für sich persönlich als sinnvolle Bereicherung", sagt der Vorsitzende Manfred Stüdemann. "Wie kann unser Urteil ausfallen, wenn nicht einmal mehr auf diesem Low-Cost-Level eine offensichtlich dringend notwendige Unterstützung im sozialen Bereich gewährleistet werden kann?", fragt er.

In der Tat ist fraglich, ob hier an der richtigen Stelle gekürzt wird. Zwar gibt es berechtigte Kritik am System der Ein-Euro-Jobs: Vor allem Handwerksverbände und die Privatwirtschaft beklagen seit Jahren die staatlich subventionierte Konkurrenz, und erst im vergangenen November bemängelte der Bundesrechnungshof, die meisten der geförderten Jobs würden die Chancen der Langzeitarbeitslosen auf einen echten Arbeitsplatz nicht wirklich erhöhen. Andererseits finden innerhalb des Ein-Euro-Job-Systems manchmal praktisch hoffnungslose Fälle zu sinnvollen Aufgaben, für die es sonst kein Geld gäbe.

Schulleitung: "Wir würden ihn gerne bei uns behalten"

Nicht nur Grundschulen sind von den Einschnitten betroffen, auch die Mediothek einer Duisburger Berufsschule wird von Ein-Euro-Kräften betreut - noch. Harald Pfeiff arbeitet seit September 2010 hier. Der gelernte Informatiker hält die Computer in Schuss, hilft den Schülern bei technischen Problemen und betreut die Bücherei. "Ich bin sofort toll aufgenommen worden", erzählt er, "ich fühle mich hier nützlich." Doch auch für ihn soll am 31. Januar Schluss sein. Dann wird die Mediothek, so schätzt die Schule, nur noch zwei Stunden am Tag geöffnet sein können.

"Wir würden ihn gerne bei uns behalten", sagt die Schulleitung, die auch versucht habe, "auf die Ämter einzuwirken". Aber es sieht schlecht aus, zu groß ist der Spardruck. Harald Pfeiff wird dann wieder ohne Arbeit sein, vielleicht für immer. Der 56-Jährige leidet unter Kinderlähmung, ist alleinerziehender Vater zweier Töchter und seit drei Jahren arbeitslos. "Wenn die Arbeitgeber das sehen, ist man sofort raus", sagt er.

Pfeiff und sein Kollege Walter Schach sind sauer auf die Politiker, die ihre Stellen streichen - nicht nur um ihrer selbst Willen. "Es ist eine Schweinerei, wenn Frau Merkel sich als Bildungskanzlerin feiern lässt, und dann gleichzeitig so etwas tut", sagt Schach. "Billiger als durch mich kriegt sie es nicht, das ist doch unmoralisch den Kindern gegenüber, das auch noch zu kürzen."

Deshalb hat Walter Schach nachgedacht und gerechnet. "Ob ich zu Hause sitze und kein Geld habe oder ob ich hier sitze und kein Geld habe, ist doch eigentlich egal", sagt er. "Aber hier bin ich nützlich." Wenn sein Ein-Euro-Job am 31. Januar ausläuft, wird Walter Schach wohl weiter in seine kleine Grundschulbücherei gehen und seine Bilderbücher sortieren, drei Stunden jeden Tag, ehrenamtlich: "Ich kann die Kinder doch nicht im Stich lassen."

*Name geändert

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insgesamt 118 Beiträge
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1. Für ein titelfreies SpOn-Forum.
Rainer Helmbrecht 26.01.2011
Zitat von sysopVielen Schulbüchereien droht das Aus: Die Bundesregierung streicht ein Drittel aller Ein-Euro-Jobs - damit fallen auch Stellen in den Bibliotheken weg. Dabei hatte Bildungsministerin Schavan gerade erst gefordert, die Leseförderung auszubauen, weil deutsche Schüler bei Pisa mittelmäßig abschnitten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,740091,00.html
v. d. Leyen sagt doch, dass Bildung das Wichtigste ist und eins kann sie nur finanzieren, entweder Golf, oder Reiten, das mit dem Lesen, das lernt man dann später auf dem zweiten Bildungsweg. MfG. Rainer
2. Unsere Traumtänzer bekommen es nicht gebacken, ..
Sapientia 26.01.2011
Zitat von sysopVielen Schulbüchereien droht das Aus: Die Bundesregierung streicht ein Drittel aller Ein-Euro-Jobs - damit fallen auch Stellen in den Bibliotheken weg. Dabei hatte Bildungsministerin Schavan gerade erst gefordert, die Leseförderung auszubauen, weil deutsche Schüler bei Pisa mittelmäßig abschnitten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,740091,00.html
vermutlich ist es auch objektiv schon zu spät dafür. Während die Traumtänzer oben das kommende Paradies verkünden, regiert unten die Realität und die bedeutet: Gähnende Leere in den Kassen.
3. einfach nur konsequent
Beduine, 26.01.2011
Die Politik der Volksverblödung wird konsequent fortgeführt. Schüler sollen nicht mehr zu selbständigen, kritischen und mit Handlungsalternativen denken Menschen erzogen werden. Sondern nur noch marketinghörige, das kapitalistische System nicht Frage stellende Robotniks, denen maximal das für ihren Job notwendige Wissen vermittelt werden soll. Eine Schulbücherei passt da nicht ins den Masterplan dieser herrschenden Elite. Letztendlich sollen sich Macht und Geld bei einigen Wenigen bündeln, während die große breite Masse ihnen zuarbeiten soll.
4. wenn
sitiwati 26.01.2011
ich den Schulbrief richtig verstanden habe, gibts gravierende Änderung , dass dabei noch der 2sprachige Unterricht wegfällt, ist eine andere sache, aber man merkt schon, dass der ganze Betrieb auf dem Zahnfleisch geht!
5. Alles hängt zusammen
monokultur 26.01.2011
Wir retten die Gläubiger aller Herren Länder und sparen das Geld nun am unteren Rand der Gesellschaft. Dahinter steckt die albern kindliche Vorstellung des trickle-down, des Abfallens der Pferdeäpfel aus den Verdauungstrakten der Wohlhabenden in die zur Dankbarkeit verpflichteten Rockschürze der Armen. Dahinter steckt ein Gesellschafts- und Menschenbild aus der Phase der Geburtswehen des Kapitalismus, das trotz aller postulierten Vernunft direkt aus dem Lebensentwurf des Feudalismus übernommen wurde. Oben und unten sind damit keine kulturellen Erscheinungen sondern ausschliesslich natürlich. Dieser Geist wird uns erneut in die Katastrophe führen. Die soziale Gerechtigkeit war das erste Opfer. Die Währungsunion wird das nächste sein. Ende offen.
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