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Streit über "Kuschelnoten": Jeder dritte kriegt 'ne Eins

Sind Deutschlands Lehrer zu lasch, bewerten sie ihre Schüler großzügig mit Spitzenzensuren? Vor dem Trend zur "Kuschelnote" graut Peter Frankenberg - Baden-Württembergs Wissenschaftsminister warnt vor einer Entwertung des Abiturs. Lehrerverbände wehren sich.

Abiturienten (in Frankfurt am Main): Verwöhnt mit guten Noten?
DPA

Abiturienten (in Frankfurt am Main): Verwöhnt mit guten Noten?

Deutschlands Lehrer verteilen viel zu gute Zensuren - so sieht es Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU). Nach seiner Auffassung schenken Lehrer ihren Schülern zu oft Bestnoten, um ihnen den Weg zur Universität nicht zu versperren.

Horst Günther Klitzing vom Deutschen Philologenverband wies Frankenbergs Vorwürfe als "reinen Populismus" zurück. Auch Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband konnte mit Frankenbergs "Pauschalkritik" nichts anfangen - er räumte gleichzeitig aber ein, dass bei der Benotung nicht überall in Deutschland die gleichen Maßstäbe angesetzt würden.

Was Frankenberg genau gesagt hatte: Seit es die Zulassungsbeschränkungen für die Hochschulen in Form des Numerus clausus gebe, würden "die Schulnoten immer besser", so sein Argument in einem Interview mit den "Badischen Neuesten Nachrichten". "Die Lehrer wollen ihren Schülern nicht die Zukunft verbauen." Dies sei ein Prozess, der sich "unbewusst" über Jahrzehnte zugespitzt habe.

Man könne darum schon die Frage stellen, ob das Notensystem an den deutschen Schulen noch funktioniere. "Jede Generation denkt ja, die nachfolgende sei dümmer als die eigene", sagte Frankenberg, "aber die Schulnoten werden immer besser." Den Studienbewerbern helfe diese Inflation guter Noten nicht unbedingt.

"An der Sache ist im Kern nichts dran", sagte Horst Günther Klitzing, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. "Rein statistisch" habe Frankenberg zwar recht - die Noten seien tatsächlich besser geworden. "Aber nicht weil die Lehrer zu gute Noten geben, sondern wegen der Vorgaben der Kultusminister", so Klitzing.

"Lieber mal die Hochschulnoten anschauen"

Die Berechnung der Abiturnoten sei in den vergangenen Jahren geändert worden: Mittlerweile könnten schlechte Zensuren in einigen Fächern durch gute Leistungen in anderen Fächern ausgeglichen werden. Das habe den Notendurchschnitt nach oben gebracht. Die Entwicklung sei aber "nicht dramatisch". "Das sind nur Zehntelpunkte", sagte Klitzing. Mit der Einzelentscheidung von Lehrern habe die Veränderung nichts zu tun.

Uni-Noten: Trend geht zur Eins
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, findet Frankenbergs "Pauschalkritik" nicht akzeptabel. Was die Strenge der Benotung angehe, gebe es aber durchaus Unterschiede zwischen den Bundesländern und zwischen verschiedenen Fächern. Im Norden seien die Lehrer bei der Zensurenvergabe milder als im Süden, so der bayerische Gymnasiallehrer, "und in Mathematik und den Naturwissenschaften sind die Noten strenger als in Deutsch oder Sozialkunde".

Dass Lehrer allgemein zu gute Noten vergäben, seien allenfalls "Einzelfälle", das sei aber "natürlich ungerecht". Wissenschaftsminister Frankenberg solle sich aber "lieber mal die Hochschulnoten anschauen", sagte Kraus, "es gibt Universitäten, da findet eine Einserinflation ohnegleichen statt".

Ruf nach dem Zentralabitur

Die Zahlen für Baden-Württemberg sagen: Laut statistischem Landesamt lag die durchschnittliche Abi-Note in diesem Jahr mit 2,32 etwas schlechter als im Vorjahr (2,29). Rund 28.500 Schüler bestanden die Reifeprüfung, 347 erreichten dagegen den notwendigen Mindestdurchschnitt von 4,0 nicht. Mit der Traumnote 1,0 verließen stolze 653 Abiturienten die Schule. 29 Prozent schafften ihr Abi mit einer Eins vor dem Komma.

Dagegen ist die Quote der baden-württembergischen Sitzenbleiber in den vergangenen Jahren stets gesunken. An den Grundschulen müssen rund 0,8 Prozent der Schüler eine Klasse wiederholen, an den Hauptschulen 1,7 und an den Gymnasien 2,7 Prozent. Am höchsten ist der Wert an den Realschulen mit 3,6 Prozent, dort werden fast vier von hundert Schülern nicht versetzt.

Eine Entwertung des Abiturs ist nach Ansicht von Heinz Schuler nicht in Sicht. Die Noten seien zwar besser geworden, sagte der Psychologe an der Universität Hohenheim, Probleme gebe es dadurch aber nicht. Die Studieneignung eines Schülers sei nach wie vor sehr gut an der Abiturnote abzulesen. Schuler forscht unter anderem an Eignungsverfahren für Studium und Beruf.

"In Deutschland werden Abiturnoten zu Unrecht gering geschätzt", sagt der Wissenschaftler. In anderen Ländern sage die Abschlussnote zum Teil weit weniger über die Eignung für ein Studium aus. In Deutschland kämen Notenunterschiede je nach Bundesland oder Lehrer zwar vor, dies könne durch ein bundesweit einheitliches Abitur aber behoben werden. "Das würde viel mehr helfen, als an den Noten zu drehen", sagte Schuler.

Von Christiane Jacke, ddp

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Forum - Zu viele Einser an Deutschlands Schulen?
insgesamt 1071 Beiträge
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1.
DJ Doena 06.08.2008
Hatten wir das Thema nicht parallel schon mal mit "Zu viel 'sehr gut' an deutschen Unis?"? Und wenn die Noten tatsächlich zu gut sind, wie kann es dann sein, dass trotzdem so eine Masse von Schülern hinten runterfällt?
2.
Piri 06.08.2008
Zitat von sysopEine für Paul, eine für Marie, für Anna - und Raphael und Sebastian bekommen auch eine Eins. Bewerfen deutsche Lehrer ihre Schüler geradezu mit guten Noten? Baden-Württembergs Bildungsminister Peter Frankenberg fürchtet sich vor einer Entwertung des Abiturs. Zu viele "Einser" an Deutschlands Schulen?
http://www.swr.de/swr1/bw/nachrichten/-/id=1000258/nid=1000258/did=3828840/zrnfgx/index.html Tatsächlich? Na, das ist aber eine Überraschung! Oder hätten der Herr Frankenberg nebst Amtskollegen mal ein bisschen früher zum Augenarzt gehen sollen - wegen Kurzsichtigkeit? http://www.focus.de/schule/schule/berufskompass/tid-11225/uni-tests-die-abi-noten-sind-nicht-alles_aid_233641.html
3. Seit ....
karlbirke 06.08.2008
mindestens 20 Jahren ist das alles schon Lug und Trug! Es hätte eigentlich jedem, aber auch wirklich jedem zwischenzeitlich mal dämmern können, daß da etwas nicht stimmt. So viele Spitzenkräfte wie uns vorgegaukelt werden kann es einfach nicht geben...
4. Das Abi zu verschiedenen Preisen
SonjaBerlin 06.08.2008
Es gibt in Deutschland und sogar innerhalb der Bundesländer an den verschiedenen Gymnasien das Abitur zu verschiedenen Preisen. In Berlin z.B. gibt es die leichteren und die härteren Schulen. Die einen belohnen auch schon den guten Willen zur Mitarbeit , wogegen in anderen Schule mit den Einsen extrem geknausert wird. Dieses Bewertungssystem ist willkürlich und ungerecht! Die Schüler, die sich hart mühen und gut leisten und dennoch schlechtere Zensuren als so manche mäßig begabte Faulpelze bekommen, müssen wirklich Charakter lernen, um das wegzustecken. Persönlich bin ich für Großzügigkeit, um die Schüler zu motivieren durch Erfolge für ihren Mühen. Auf Irrtümer hinweisen und trotzdem belohnen. (Es herrscht oft ein ziemlich destruktiver Stil der Fehlerwahrnehmung vor, es wird v.a. rumgemäkelt = Punktabzug. Da verlieren viele der jungen Leute die Lust.) Aber die Großzügikgeit sollte dann für alle gelten. Zentrale Lehrpläne, zentrale Prüfungen in ganz Deutschland würde endlich zu einer Vergleichbarkeit der immer noch verschieden-klassigen Abiturzeugnisse führen. Ja, sind wir denn noch im 18. Jahrhundert der Kleinstaaterei!
5.
Senfkorn, 06.08.2008
Zitat von sysopEine für Paul, eine für Marie, für Anna - und Raphael und Sebastian bekommen auch eine Eins. Bewerfen deutsche Lehrer ihre Schüler geradezu mit guten Noten? Baden-Württembergs Bildungsminister Peter Frankenberg fürchtet sich vor einer Entwertung des Abiturs. Zu viele "Einser" an Deutschlands Schulen?
Es gibt Lehrer die prinzipiell keine Einser geben. Manch andere sind eher wohlwollend. Das variiert schon innerhalb einer Schule. Und, das war schon zu meiner Schulzeit so. Ich sehe da keine Änderung. MfG Senfkorn
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