Umfrage: Jeder sechste Lehrer fühlt sich gemobbt

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Sie fühlen sich benachteiligt, beleidigt, bedroht: Mobbing quält nicht nur Jugendliche, sondern erschreckend oft auch Lehrer. Jeder sechste klagt über Attacken in der Schule, zeigt eine neue Studie. Die Pädagogen fürchten weniger ihre Schüler als deren Eltern - und die eigenen Kollegen.

Viele Lehrer klagen über den Druck an der Schule (Symbolbild) Zur Großansicht
Corbis

Viele Lehrer klagen über den Druck an der Schule (Symbolbild)

Eigentlich gehören Lehrer zu den Mächtigen in der Schule, zumindest sitzen sie am längeren Hebel: Sie bringen ihren Schülern etwas bei und tadeln sie, vergeben Noten, bewerten, entscheiden über Bildungskarrieren. Und sie sind zuständig für die Disziplin, wenn es Ärger gibt.

Dabei fühlen sich viele Lehrer in der Schule selbst oft geärgert, benachteiligt, beleidigt oder gar bedroht - mal von den eigenen Schülern, mal von Kollegen oder Eltern und besonders oft von ihren Chefs, den Schulleitern. Eine neue Studie des Zentrums für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau zeigt: Gut jeder sechste befragte Lehrer fühlt sich in der Schule gemobbt.

Der Raum Schule eigne sich offenbar besonders, um zu mobben, sagt Reinhold Jäger, der die Umfrage durchgeführt hat. Hier treffen verschiedene Generationen aufeinander: junge und alte Lehrer, Schüler und Eltern, die sich oft einmischen. In welchem Betrieb rufen sonst regelmäßig Außenstehende an, um sich über einen bestimmten Mitarbeiter zu beschweren?

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Studie: Schulleiter mobben am häufigsten
Inzwischen haben zahlreiche Wissenschaftler untersucht, ob und wie Schüler von Mitschülern gemobbt werden - über Lehrer weiß man vergleichweise wenig. Im vergangenen Jahr zeigte eine Studie aus England: Ein Drittel der befragten Lehrer wurde schon im Internet beschimpft oder bloßgestellt - besonders oft von den Eltern der Schüler. Eine Studie in Deutschland betrachtete die Situation von schwulen Lehrern: Was passiert, wenn sie sich outen? Einige Lehrer berichteten damals von Drohbriefen, Gewalt und Psychoterror.

Jäger wollte für seine Studie so viele Lehrer wie möglich in Deutschland, Österreich und der Schweiz erreichen: Er schickte Pressemitteilungen an Zeitungen sowie Mails an Schulen und Lehrerverbände. Rund 1500 Lehrerinnen und Lehrer machten mit, rund 95 Prozent der Teilnehmer unterrichten in Deutschland. Die Studie ist nicht repräsentativ, so wohnen beispielsweise 53 Prozent der befragten Lehrer in Bayern, aber nur 0,39 Prozent in Sachsen-Anhalt. Auch der Anteil der älteren Lehrer fällt geringer aus als im Bundesdurchschnitt.

Die Teilnehmer füllten online einen Fragenbogen aus; sie beantworteten nicht nur, ob sie gemobbt wurden, sondern auch wie, von wem, wie sie reagiert haben und ob ihre Schule etwas gegen Mobbing unternimmt. Die Lehrer sollten allerdings nur die vergangenen zwei Monate betrachten, so wollte Jäger verhindern, dass sie die Vorfälle überinterpretieren oder falsch einschätzen, wie oft sie gemobbt wurden.

Die jetzt vorliegende Studie ist eine erste Auswertung der Ergebnisse - weitere werden später folgen. Die zentralen Punkte in Kürze:

  • Cybermobbing spielt - anders als bei Schülern - kaum eine Rolle: Rund 92 Prozent der befragten Lehrer sagten, dass sie nicht im Internet gemobbt wurden.
  • Beim direkten Mobbing sagen nur rund 59 Prozent, dass sie nicht darunter leiden. Gut jeder sechste Befragte (17,24 Prozent) gab an, viermal im Monat oder häufiger gemobbt worden zu sein. Damit fühlen sich die befragten Lehrer wesentlich häufiger schikaniert als andere Arbeitnehmer: Eine repräsentative Studie für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2002 geht davon aus, dass in Deutschland 2,7 Prozent der Erwerbstätigen betroffen sind.

  • Es scheint sinnvoll zu sein, Lehrer und Mitschüler für das Thema zu sensibilisieren und beispielsweise durch einen Codex oder Streitschlichter Mobbing etwas entgegenzusetzen: Denn je mehr eine Schule unternimmt, desto seltener berichten die Befragten von Attacken.
  • Die gemobbten Lehrer sollten auch beantworten, wodurch sie sich schikaniert fühlen, der Fragebogen gab 20 Formulierungen vor: Am häufigsten sagten die Betroffenen, sie fühlten sich von jemand anderen schlecht behandelt (rund 54 Prozent), unter Druck gesetzt (rund 54 Prozent), ignoriert (rund 47 Prozent), ausgegrenzt (rund 47 Prozent), kritisiert (rund 45 Prozent) oder benachteiligt (rund 40 Prozent). Eine Minderheit gab an, telefonisch terrorisiert worden zu sein (4,2 Prozent), mit Worten sexuell belästigt (2,6 Prozent) oder körperlich angegriffen worden zu sein (0,5 Prozent).
  • Und wer sind die Täter? Am häufigsten fühlen sich Lehrer durch ihre eigenen Chefs, die Schulleiter angegriffen, das sagten rund 54 Prozent der Befragten. Rund 48 Prozent nannten die eigenen Kollegen als Angreifer, rund 21 Prozent nannten die Eltern der Schüler. Die eigenen Schüler mobben demnach vergleichsweise selten (rund 16 Prozent).
  • Betroffene Lehrer gingen fast nie wegen der Vorfälle zum Psychologen, zum Schulpsychologischen Dienst oder zur Polizei. Wobei Jäger in seiner Studie einschränkt: Womöglich reiche der Beobachtungszeitraum von zwei Monaten nicht aus, um die wahrscheinlich hohe Hürde zu einer professionellen Hilfe zu überwinden. Bei Problemen wandten sich die betroffenen Lehrer am häufigsten an ihren Partner, ihre Partnerin, an Freunde und Kollegen.

Laut dieser Studie fühlen sich Lehrer wesentlich häufiger gemobbt als andere Arbeitnehmer - sind sie vielleicht einfach nur empfindlicher? Darüber lasse sich nur spekulieren, sagt Jäger. Fest stehe: Lehrer leiden unter einem permanent hohen Lärmpegel. Eltern, Politiker, Schüler, Journalisten kritisieren Lehrer ständig für ihre Arbeit, hinzukommen immer neue Aufgaben und Sprüche wie: Guck mal, die faulen Lehrer. "Das sind Situationen, die an den Nerven nagen", sagt Jäger.

Um Lehrer zu entlasten, müssten Schulleiter besser auf ihrer Führungsaufgabe vorbereitet werden, fordert Jäger. Lehrer sollten zudem lernen, dass sie sich bei Mobbing professionelle Hilfe holen dürfen. Und, ganz wichtig: "Wir müssen an Schulen die Erkenntnis etablieren: Alles, was mit Mobbing zu tun hat, ist zu ächten."

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insgesamt 122 Beiträge
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1. Der Lehrer...
fatherted98 13.11.2012
...wird auch weitgehend allein gelassen. Schon zu meiner Schulzeit hatten Lehrerbeschimpfungen überhaupt keine Folgen. Kraftausdrücke bis hin zu Tätlichkeiten...der Schüler ist in der Regel Strafunmündig, das Elternhaus nicht ansprechebar oder aber geht auf Konfrontation. Wenn es klare Richtlinien für Verhalten an Deutschen Schulen gäbe und die Lehrer konsequent Störer und Agressoren aus den Schulen verbannen könnten...wäre der Unterricht für die Schüler die lernen wollen effektiver und stressfreier.
2. Fünf plus.
Tom Joad 13.11.2012
Die Information, dass es sich um eine *nicht repräsentative* Umfrage handelt, hätte zumindest in den Einleitungssatz, wenn nicht in gar die Überschrift gehört. Lehrer, die nicht durch Mobbing betroffen sind, werden weniger zur Teilnahme geneigt gewesen sein als solche, die betroffen sind. Dass es sich um eine Online-Umfrage gehandelt hat, verzerrt die Ergebnisse umso mehr. Mit anderen Worten: Die Aussagen der "Studie" taugen wenig. Schade, denn das Thema hätte sicherlich Beachtung verdient.
3. Eine kurze Geschichte der Schulaufsicht
zefir62 13.11.2012
nach dem Krieg, bis etwa in die 90er Jahre hinein waren die Schulaufsichten eine Bastion. Da hinein kam nur, wer besondere Gesinnungsprüfungen bestanden hatte. Trotzdem funktionierte die Schulaufsicht grundsätzlich. Seit den 2000er Jahren wird die Schulaufsicht aus Kostengründen radikal reduziert, faktisch existiert sie nicht. Wer nun das Pech hat, an der Falschen Schule unter (Ja, Präposition) einem Pädagogischen Leiter (= faktisch Leiter einer unteren Landesbehörde) zu Leiden zu kommen, ist dem mehr oder weniger ausgeliefert. Viele Kollegien sind zudem Wolfsrudel geworden. Wer nicht - manchmal wörtlich - das Bein nachzieht, darf sich auf eine Abreibung gefasst machen. Tribunale vor Klassen (die Lehrererin war zu autoritär) oder Watschen von Kollegen ("Ihre ganze Klasse steht komplett auf fünf") sind Alltag, hinzu kommen Anbrüllen und ähnliche akustische Kicks. Besondere Vorsicht ist im Umgang mit Kollegen geboten, die sich als Vertraute der Leitung fühlen und sich alles mögliche herausnehmen dürfen. Es gibt keine Instanz mehr, die Betroffenen helfen kann. Im Gegenteil heißt es: Sie haben einen sicheren Job! Niemand, wirklich niemand fragt, was an Schulen los ist, und niemand nimmt die Leitungen dieser Behörden in den Blick, obwohl sie für (zu) viele Menschen Verantwortung übernommen haben. Mit dem Argument der Kostenreduzierung wird an der Schule letztlich alles gedeckt, was an Schweinerei läuft. Betroffene die sich wehren (es gibt sie) werden systematisch schikaniert, bis hin zur Frühpension. Nur die BILD nimmt sich ihrer an, als Burn-out-Lehrer. Leider sind viele Schulen ganz unten angekommen.
4.
Sansibaar 13.11.2012
Würden genügend Lehrer eingestellt und dauerhaft beschäftigt werden, um einer der wertvollsten, sinnvollsten Tätigkeiten überhaupt nachgehen zu können, gäbe es diese Probleme nicht. Die Vorbereitung auf das Abitur von 13 auf 12 Jahre reduzieren, großes Kino! Dabei entfallen (ersatzlos) in der 5. Klasse des Gymnasiums meiner Tochter (Niedersachsen) bereits durchschnittlich 20% der Unterrichtsstunden. Von befreundeten Eltern, deren Kinder andere Schulen besuchen (Niedersachsen, Bremen) hört man ähnliches, 20% - und mehr - des Unterrichts entällt einfach. In Zeiten des Internets und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten, ist das einfach nur peinlich. Aber Hauptsache die Mitglieder der Ministerkonferenz der völlig welt- und bildungsfremden Idioten in ihrem Elfenbeinturm sind glücklich.
5. Arbeit und Stress
carolane 13.11.2012
Ich hoffe dass es sich langsam bei unseren eher zart Besaiteten und Harmonie und Ruhe Bedürftigen Studentenanwärtern rumspricht, dass man beim Lehrerberuf ausser der Pensionsanwartschaft auch einen jedenfalls manchmal während der Unterrichtszeiten stressigen Job erwirbt.
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