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Vorurteile in deutschen Schulbüchern: Der Gastarbeiter macht Probleme

Von Charlotte Klein

Ausländer sind "Asylanten in Bayern", Migration ist "illegale Einwanderung" - manche deutsche Schulbücher bedienen unverändert Stereotype aus den Achtzigern. Das zeigt eine neue Studie.

Schüler in Frankfurt am Main (Archiv): Stereotype wie aus den Achtzigern Zur Großansicht
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Schüler in Frankfurt am Main (Archiv): Stereotype wie aus den Achtzigern

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Migranten in Deutschland? Das sind vor allem unterdrückte Frauen, entwurzelte Flüchtlinge und potenzielle Kriminelle - jedenfalls dann, wenn man aktuellen Schulbüchern glaubt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Denn das Bild, das viele deutsche Lehrwerke von Zuwanderern, ihrer Kultur, ihrer Lebensrealität und ihrer Religion vermitteln, ist auf dem Stand der Achtzigerjahre stehengeblieben.

Damals vertraten die Kohl-Regierung und weite Teile der Gesellschaft noch die Ansicht, dass Gastarbeiter und andere Ausländer sich nur vorübergehend in Deutschland aufhielten und früher oder später in ihre "Heimat" zurückkehren würden.

"Es fällt den Schulbüchern schwer, die demografische Realität - also die deutsche Einwanderungsgesellschaft - zeitgemäß in Bild und Text zu fassen", bilanziert eine der Leiterinnen der Studie, Viola B. Georgi, Professorin für Diversity Education an der Universität Hildesheim. Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, wird in den Werken immer noch weitgehend ignoriert. "Dabei ist Vielfalt im Klassenzimmer längst zur Regel geworden", sagt Georgi.

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Studie über Schulbücher: Ausländer haben Probleme - oder machen welche
Beispiele aus einer Vorläuferuntersuchung zeigen, was die Forscher meinen. In einem bayerischen Geschichtsbuch etwa heißt es, die Schüler sollen rausgehen zu den "Gastarbeitern", den "Russlanddeutschen", den "Asylanten" und schauen, wie diese leben - auch wenn mittlerweile mehr als jeder vierte deutsche Schüler selbst eine Migrationsgeschichte hat. Deren Eltern werden zu Untersuchungsobjekten gemacht - und ihre Biografien als Gegensatz zu der "gelungenen Integration" der deutschstämmigen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt. Eine Seite zum Thema "Migration in Bayern" zeigt die illegale Einwanderung eingeschleuster Chinesen, die Polizisten tragen Mundschutz. (mehr Beispiele in der Fotostrecke)

Was im Schulbuch steht, gilt als wahr

Das ist deshalb fatal, weil Schulbuchinhalte als gültig und gesichert gelten. "Sie prägen die Kinder. Sie treten mit dem Gestus auf: Das ist gesichertes Wissen", sagt der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke, der das Problem seit Jahren erforscht.

Auftraggeber der Untersuchung ist die Bundesbeauftragte für Integration, Migration und Flüchtlinge, Aydan Özoguz. Fünf Wissenschaftler der Universität Hildesheim und des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig hatten 65 aktuell zugelassene Lehrwerke für Sozialkunde, Politik, Geschichte und Geografie aus Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen untersucht.

Mit dem dabei vermittelten Bild werde nicht nur deutschstämmigen Schülern ein überholtes Bild von Migranten vermittelt, sagt Viola B. Georgi: "Es gibt auch Aufgabenstellungen wie ,Fragt einen Schüler mit Migrationshintergrund in eurer Klasse, wie seine Familie zu uns nach Deutschland gekommen ist' oder die Aufforderung, die Klasse mal in ausländische und deutsche Schüler zu teilen, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. So führen die Schulbücher eine 'wir - sie'-Unterscheidung ein, die den Kindern vorher gar nicht bewusst war." Schüler aus Einwandererfamilien werden auf diese Weise aus der Gruppe, an die sich die Schulaufgabe richtet, ausgeschlossen, und zum Untersuchungsobjekt gemacht.

"Mama, bin ich Ausländerin?"

Das ist besonders absurd, da inzwischen jeder dritte Schüler unter 15 Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund hat. In vielen Klassen in Berlin, Hamburg oder Frankfurt haben sogar mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ausländische Wurzeln.

Manchem Schüler wird durch solche Aufgabenstellungen überhaupt erst bewusst, dass er offenbar als "anders" gesehen wird und nicht dazugehört. Frank-Olaf Radtke erzählt: "Die kleine Tochter einer meiner Doktorandinnen kam eines Tages ganz verstört aus der Grundschule und fragte: 'Mama, bin ich Ausländerin?'"

Obwohl Radtke und viele seiner Kollegen seit Jahren auf die Missstände hinweisen, hat sich bisher kaum etwas getan. Selbst brandneue Auflagen von Schulbüchern sind oft gespickt mit "wir - ihr"-Unterscheidungen und Stereotypen über das Aussehen von Migranten, ihr Auftreten oder die von ihnen ausgeübten Berufe.

Mehr Sorgfalt beim Schulbuchschreiben

Den Schulbuchverlagen empfehlen die Wissenschaftler, ihre Redakteure gezielt zu sensibilisieren und sie regelmäßig weiterzubilden. Außerdem sollten sie Autoren mit Migrationshintergrund rekrutieren. "Und ich halte ein zusätzliches kritisches Lektorat durch Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker für ratsam", sagt Viola B. Georgi.

Bei den drei großen deutschen Schulbuchverlagen Cornelsen, Klett und Westermann sieht man sich dennoch auf einem guten Weg: "Wir haben uns die Ergebnisse der Studie genau angeschaut. Sie hat ohne Frage auf Dinge hingewiesen, die wir besser machen müssen", sagt Anja Hagen, verlegerische Geschäftsführerin bei Cornelsen, "aber wir haben schon in den letzten Jahren viel unternommen, zum Beispiel unsere Autoren in interkultureller Bildung fortgebildet. Wir müssen das nur noch konsequenter weiterverfolgen."

Bis der Gesinnungswandel in den Klassenzimmern ankommt, wird es wohl trotzdem noch dauern: Neue Schulbücher oder Überarbeitungen zu erstellen ist zeitaufwendig und teuer, deshalb werden sie bis zu zehn Jahre lang eingesetzt und erst dann ausgetauscht.

Zusammengefasst: Schulbücher prägen, wie Kinder die Welt um sich herum wahrnehmen. Eine neue Studie im Auftrag der Bundesregierung zeigt, dass beim Thema Migration noch vielfach stereotype Ansichten verwendet werden, die längst überholt sind. Die Autoren kritisieren das scharf, die Schulbuchverlage sagen, sie hätten das Problem erkannt.

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