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Studie über Muslime in Deutschland: Her mit den Papieren!

Ein Kommentar von

Innenminister Friedrich schürt die Islam-Angst. Dabei gibt die Studie, die sein Haus in Auftrag gab, auch viel Positives her: Muslime, die einen deutschen Pass haben, identifizieren sich mit diesem Land. Hören wir also auf, die anderen auszugrenzen - bürgern wir sie ein!

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Angela Merkel mit Jugendlichen (Archivbild): Integration als prima Gipfel-Thema

"Toleranz kann nur eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Die Forscher, über deren Integrationsstudie Deutschland streitet, zitieren den größten deutschen Dichter - Goethe.

"Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös fanatischer Ansichten", sagt zum Ergebnis der Studie der deutsche CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich. Die Goethe-Passage hat er wohl überblättert. Zuwanderer, die in Deutschland leben, "achtet" er, sagte Friedrich der "Bild"-Zeitung.

Muslimen in Deutschland geht das laufend so. Sehr selten hören sie einen Satz wie: Schön, dass ihr da seid. Im Gegenteil. "Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren", meldete "Bild" am Mittwochabend online.

Belegen soll das eine umfassende Studie über die Integrationsbereitschaft junger Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren. Die Studienautoren sagen, sie waren von der Veröffentlichung überrumpelt, denn abgesprochen hatte der Auftraggeber - immerhin das Innenministerium - das mit den Autoren nicht.

Am Donnerstag dann lasen die überraschten Forscher den verkürzten Inhalt ihrer dreijährigen Anstrengung in dem Boulevardblatt. Kaum ein Wort zur Methode, keine Differenzierung. Nur pauschale Vorwürfe, darunter: "Besonders radikal sind junge Muslime ohne deutschen Pass."

Dem "Bild"-Artikel sekundierte der Auftraggeber des umfangreichen 700-Seiten-Werks Bundesinnenminister Friedrichs mit den genannten dünnen Worten. Ihm sprang ein konservativer Parteifreund bei: der Abgeordnete Hans-Peter Uhl, als ehemaliger Kreisverwaltungsreferent von München im harten Umgang mit jungendlichen Straftätern gestählt. Uhl erkannte in der umfangreichen Datensammlung vor allem "Integrationsverweigerung" - und die "muss nicht, aber kann den Nährboden für religiösen Fanatismus und Terrorismus darstellen".

Ganz im Gegenteil zur Panikmeldung und der Warnung vor einem radikalen Islam in Deutschland war die gute Nachricht jedoch vielmehr: Trotz der latent feindseligen Stimmung im Land will sich jeder zweite nicht-deutsche Muslim integrieren. Nur die andere Hälfte fühlt sich stärker ihrem Herkunftsland oder dem ihrer Eltern zugehörig. Und die zweite gute Nachricht: Haben Muslime erst einen deutschen Pass, liegt die stärkere Zuneigung zum Abstammungsland nur noch bei 20 Prozent, 80 Prozent der Muslime mit deutscher Staatsbürgerschaft befürworten und leben Integration.

Fast mag man sich über die Verknappung der Scharfmacher Friedrich und Uhl nicht mehr aufregen, so normal sind Skepsis und klammheimliche Unterstellungen gegenüber Muslimen im Deutschland von heute.

Soll irgendwo islamischer Religionsunterricht angeboten werden (bislang scheitert das an fehlenden fähigen Lehrern), heißt es raunend: Wird dort radikaler Islam gepredigt? Soll eine Moschee gebaut werden ist meist die erste Frage: Wie hoch wird das Minarett?

Der Generalverdacht gegen Einwanderer, die als solche äußerlich erkennbar sind, hat seit gut zehn Jahren eine zusätzliche Facette: Könnte der ein Muslim sein, ein radikaler gar, und damit auch ein potentieller Terrorist? Erinnert sich außerdem noch jemand an die Geisterdebatte um angebliche Deutschenfeindlichkeit? Das war die nicht nachweisbare Annahme, es gäbe rassistisch motivierte Gewalt einer ganzen Einwandererkindergeneration gegen alles Deutsche. Fraglich blieb am Ende nur, was "das Deutsche" in den Augen derer, die von Deutschenfeindlichkeit redeten, überhaupt sein soll. Nicht zu vergessen, Thilo Sarrazin. Ein SPD-Finanzpolitiker, der mit seinen biologistischen Thesen erklären wollte, das ganze schöne Deutschland sei dabei, sich abzuschaffen.

Ein erster Schritt, um Gräben zuzuschütten und nicht aufzureißen, könnte eine Reform des Einbürgerungsrechts sein. Es muss für in Deutschland geborene Menschen leichter werden, an einen deutschen Pass zu kommen, wenn sie hier leben und sich integrieren wollen. Das Signal hieße: Willkommen im Schengenraum, liebe Neudeutsche, in der Welt des unbehelligten Reisens, der Niederlassungs- und Berufsfreiheit in der ganzen EU. Bestimmt mit bei allen Wahlen, lokal, auf Bundes- und Europaebene.

Das wäre mehr als eine Geste, es wäre eine ernst gemeinte Einladung, handfest und gebunden in rotes Leinen. Kein runder Tisch, kein Integrationsdialog, kein Tag der offenen Tür, sondern etwas konkretes, das die jungen Muslime im Land nicht als Hinhalten verstehen müssten.

Gibt es schneller einen Pass für die, die hier geboren sind, hieße Bürger mit ausländischen Wurzeln zu sein nicht mehr nur: Sie sind in Deutschland, benehmen Sie sich gefälligst. Sondern: Sie sind in Deutschland, machen Sie mit. Goethe hatte das verstanden.

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