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17. Januar 2013, 17:53 Uhr

Jugendliche im Internet

Ich surfe, also bin ich süchtig?

Tage ohne Internet gibt es kaum mehr, aber wie viel Surfen ist noch normal? Eine europaweite Studie hat untersucht, welche Jugendlichen das Netz exzessiv nutzen. Ergebnis: Fast jeder zehnte Jugendliche zeige bedenkliches Web-Verhalten, ein Prozent soll sogar internetsüchtig sein.

Fast jeder geht mehrmals täglich ins Internet: Um seine E-Mails zu checken, um die Kommentare unter seinem Facebook-Eintrag zu zählen, um sich über aktuelle Nachrichten zu informieren. Das Internet gehört zum Alltag - nur wann wird das tägliche Surfen zur Sucht? Eine europaweite Studie hat sich mit dem Thema beschäftigt: Demnach soll fast jeder zehnte Jugendliche in Deutschland das Internet zu intensiv und in problematischer Weise nutzen. Ein Prozent der jungen Deutschen soll internetsüchtig sein.

Die Studie untersuchte das Internetverhalten von Jugendlichen in Spanien, Rumänien, Polen, den Niederlanden, Griechenland, Island und Deutschland. Die Ergebnisse stellten die Universität Mainz, die zusammen mit der Uni Athen die Studie koordiniert hat, und die Landesmedienzentrale Rheinland-Pfalz in Berlin vor. (Zusammenfassung der Studie als PDF) Demnach stehen Jugendliche in Deutschland und Island im Vergleich noch gut da, während die Altersgenossen in Spanien, Rumänien und Polen stärker betroffen sein sollen. "Es ist beeindruckend, wie vielfältig und kreativ das Internet von Jugendlichen in Europa genutzt wird", sagte Michael Dreier von der Ambulanz für Spielsucht der Uni-Klinik Mainz. Gleichzeitig sei es aber alarmierend, dass so viele Jugendliche ein problematisches oder sogar abhängiges Verhalten zeigten.

Für die repräsentative Studie füllten insgesamt 13.300 14- bis 17-Jährige Fragebögen aus, pro Land waren es bis zu 2000 Teilnehmer. Im Anschluss interviewten die Forscher noch insgesamt 124 Jugendliche, die sie als internetsüchtig identifiziert hatten. Insgesamt sollen in den Ländern 1,2 Prozent der jungen Leute internetsüchtig sein, knapp 13 Prozent sind gefährdet.

Was ist das eigentlich, Onlinesucht?

Studien zu dem Thema gibt es zuhauf - und das obwohl noch nicht entschieden ist, wo Onlinesucht eigentlich beginnt. Mediziner diskutieren seit Jahren darüber, ob die Krankheit überhaupt existiert. Ist jemand, der stundenlang Onlinespiele nutzt, nun süchtig nach dem Internet oder nach Computerspielen? Ist jemand onlinesüchtig, wenn er zu lange mit seinen Freunden bei Facebook kommuniziert?

2011 kam eine Untersuchung im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zu dem Ergebnis: Gut eine halbe Million Deutsche sollen abhängig vom Internet sein. Der Definition der Bundesregierung nach galten damals 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen als internetsüchtig, in der Altersgruppe zwischen 14 und 16 Jahren waren es vier Prozent.

Das aktuelle Ergebnis der Universität Mainz fiel demgegenüber weniger drastisch aus: In Deutschland zeigen demnach 0,9 Prozent der 14- bis 17-jährigen Internet-süchtiges Surfverhalten, 9,7 Prozent seien gefährdet. Die Forscher definierten Internetsucht für ihre europaweite Untersuchung als Kontrollverlust der Jugendlichen über ihr Nutzungsverhalten. Sie würden sich zunehmend isolieren und unter anderem ihre sozialen Kontakte vernachlässigen.

Internetsucht komme besonders häufig bei intensiven Nutzern von sozialen Netzwerken und Onlinespielen vor. Die Betroffenen sind demnach schlechter in der Schule und weniger gewandt im Umgang mit anderen Menschen. Erschreckend hoch sei mit knapp vier Prozent der Anteil derer, die online ein riskantes Glücksspielverhalten zeigten, ergänzte Psychologe Kai Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mainzer Ambulanz für Spielsucht.

fln/dpa

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