Schule im Faktencheck: Es fallen dauernd Stunden aus - oder doch nicht?

Von Heike Sonnberger

Grundschülerin in Frankfurt: Guter Unterricht hängt nicht von der Stundenzahl ab Zur Großansicht
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Grundschülerin in Frankfurt: Guter Unterricht hängt nicht von der Stundenzahl ab

Die Kinder lernen nicht genug! Eltern und Lehrer klagen oft, in den Klassen falle zu viel Unterricht aus. Gesichert ist: Die Zahl der erteilten Stunden nimmt stetig zu. Aber reicht das aus?

Ob zu viele Schulstunden ausfallen oder nicht, hat auch etwas mit Gefühl zu tun. So empfinden Eltern verglichen mit Lehrern den Unterrichtsausfall als größeres Problem. Auf eine Umfrage im Auftrag der Vodafone Stiftung antwortete knapp jedes vierte Elternteil mit Kindern im Alter von zehn Jahren und darüber: Ja, es fallen häufig Stunden aus. Unter den Lehrern, die Kinder in diesen Altersgruppen unterrichten, fand das jeder fünfte. Doch was ist dran an dem Bauchgefühl?

Das zeigen die Zahlen:

Das Thema ist heikel - auch weil es schlicht keine vergleichbaren Daten gibt. Denn der Unterrichtsausfall wird von Bundesland zu Bundesland anders erhoben. Während Bremen und Sachsen-Anhalt die ausgefallenen Unterrichtsstunden jeden Monat sammeln, machen andere Länder Stichproben: Baden-Württemberg zum Beispiel in einer Woche im November, Thüringen in einer Herbst- und einer Frühlingswoche und Baden-Württemberg zuletzt über zwei Wochen im Juni 2010. Erkältungswellen und vereiste Straßen treten jedoch von Monat zu Monat sehr verschieden auf.

Hinzu kommt, dass nicht einheitlich definiert ist, ob nur der außerplanmäßig ausgefallene Unterricht zählen soll, also wegen Krankheit, Streiks oder Bombendrohungen - oder ob die Stunden, die aufgrund von Lehrermangel oder fehlenden Unterrichtsräumen gestrichen werden, auch mitgerechnet werden. Fazit: Wie viele Stunden bundesweit ausfallen, weiß niemand genau. Trotzdem lassen sich Verbände gern zu Schätzungen hinreißen: Der Deutsche Lehrerverband verkündete im vergangenen Jahr, dass jede zehnte Unterrichtsstunde an deutschen Schulen nicht regulär stattfinde.

Was dabei allerdings manch besorgtes Elternteil trösten mag: Die Zahl der Stunden, die deutsche Schüler planmäßig erteilt bekommen, steigt nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) seit einigen Jahren, und zwar in allen Schulformen. So lernte eine Grundschulklasse 2001 noch wöchentlich im Schnitt 27,2 Stunden gemeinsam, zehn Jahre später waren es 29,6.

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An Gymnasien war der Anstieg am größten. In der Unter- und Mittelstufe wuchs die Wochenstundenzahl von 32,7 auf 37,1. Doch auch Hauptschulen verzeichnen einen beachtlichen Zuwachs: 2011 bekamen Schulklassen hier 38,9 Stunden Unterricht - statt 35,6 Stunden wie zehn Jahre zuvor.

Die Umstellung auf das Abitur nach nur acht Schuljahren und der Ausbau des Ganztagsbetriebs sind Faktoren, die hier hineinspielen. Doch sind Kinder, die jede Woche länger etwas beigebracht bekommen, schließlich auch schlauer als ihre Altersgenossen vor einigen Jahren? Nicht unbedingt.

Das sagen Experten:

"Die Schulstunden allein erklären nichts", sagt Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Sein Institut hat die Leistungen von Schülern in verschiedenen Schweizer Kantonen verglichen und festgestellt: Die Klassen mit den meisten Schulstunden schnitten nicht automatisch besser ab als die mit weniger Stunden.

"Lehrer und Schüler stellen sich, bewusst oder unbewusst, darauf ein, was sie zum Schuljahresende durchgenommen haben müssen - und lernen dann so gemächlich oder schnell, wie es eben geht", sagt Wolter. Denselben Stoff könnten sie auch in weniger Zeit schaffen, vorausgesetzt die Schüler hätten nicht vorher schon am Limit ihrer Aufnahmefähigkeit gelernt und man lasse ihnen etwas Zeit für die Umstellung. Wo dieses Limit liege und wie lange eine solche Umstellung dauere, sei nicht erforscht.

Auch die Frankfurter Bildungsforscherin Mareike Kunter sagt: "Es bringt nicht automatisch etwas, lediglich die Stundenzahl zu erhöhen." Guter Unterricht hänge von ganz anderen Dingen ab. Zum Beispiel von der Klassenführung, also wie geordnet die Stunde abläuft und wie gut der Lehrer die 45 Minuten nutzt.

Es sei auch wichtig, dass die Schüler einbezogen und zum Denken angeregt würden, statt bloß Wissen zu konsumieren, sagt Kunter. Außerdem müssten sie sich wohlfühlen und sich trauen, Fehler zu machen. An vielen deutschen Schulen werde inzwischen sehr viel Stoff in die Schulstunden gepackt. Doch auch das sei für einen guten Unterricht eher hinderlich: "Ein höheres Pensum heißt auch weniger Zeit, um selbst nachzudenken."

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Weiterbildung der Lehrer
motzki687 16.04.2013
trägt sicherlich auch zum Unterrichtsausfall bei.Ein mir bestens bekannter Berufsschullehrer geht ein bis zweimal im Jahr zur Weiterbildung in Betriebe. Folge Unterrichtsausfall da diese Quali nicht während den Ferien realisiert wird. Ist für mich nicht nachvollziehbar
2. zu wenig
eigene_meinung 16.04.2013
Es fallen viel zu wenige Schulstunden aus. Jede ausgefallene Schulstunde gibt den Schülern Zeit, wirklich Wichtiges zu lernen. Nicht nur unsere Kinder, sondern auch wir Eltern freuen uns, wenn Schulstunden ausfallen.
3.
sinta 16.04.2013
Zitat von sysopAPMein Kind lernt nicht genug! Eltern und Lehrer klagen Jahr für Jahr, in den Klassen falle zu viel Unterricht aus. Politiker und Verbände stimmen ein. Aber stimmt das Freistunden-Klischee überhaupt? http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/stundenzahl-und-unterrichtsausfall-so-viel-lernen-schueler-a-877501.html
Interessante Rechnung, die die einzelnen Bundesländer so machen. Am hiesigen bayr. Gymnasium wird das noch geschickter gemacht - den Schülern wird einfach ein Ersatzlehrer, oft ein fachfremder Lehrer ins Klassenzimmer gesetzt. Der ist die Stunde anwesend, die Schüler sollen sich selbst beschäftigen, oder es wird ein Film geschaut und schon zählt die Stunde als nicht ausgefallen. Dass faktisch kein Unterricht stattgefunden hat, steht halt auf einem anderen Blatt. Könnte mir vorstellen, dass das auch viele andere Schulen so handhaben ...
4. Da Kinder...
fatherted98 16.04.2013
...anscheinend im Schulunterricht eh nichts mehr lernen (sehe ich bei jeder mir vorgelegten Bewerbung)...können auch noch mehr Stunden ausfallen...es macht letztlich keinen Unterschied. Hauptsache die Kleinen können ihr Smartphone bedienen und damit chatten, mobben und einkaufen gehen.
5. Was in den Stunden gemacht wird ist viel wichtiger
Fricklerzzz 16.04.2013
Die Kinder werden zur Bildungsbulämie gezwungen. Ich habe laufend Praktikanten 10. Klasse Gymnasium, die meisten sind formal auf dem laufenden, haben aber bspw. in Physik keinen blassen Schimmer, was das, was sie gelenrt haben eigentlich bedeutet. Ausserdem wird im Gymnasium nicht mehr geübt. Die Schulstunde läuft mehr wie eine Vorlesung ab. Dadurch fehlt der Praxisbezug und das üben muss zu Haus stattfinden. Die Eltern mit Geld bezahlen Nachilfe, die anderen Setzen sich selbst mit ihren Kindern hin. Die Kinder der Eltern ohne Lehrbefähigung und ohne Geld fallen hinten runter. Gymnasium heist eigentlich Übungsraum, dass ist es schon lange nicht mehr. Ob ein paar Stunden ausfallen oder nicht ist da wirklich egal. Da die Kinder nicht üben, "können" sie wie andere Fioristen feststellen eben auch wenig richtig, schon gar nicht etwas konkretes. Fricklerzzz
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